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Phantasmagorien aus den unaussprechlichen Abgründen des Wahnsinns

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    Phantasmagorien aus den unaussprechlichen Abgründen des Wahnsinns

    Seid gegrüßt, Freunde.

    Ich habe in die finstersten Abgründe des Wahnsinns geblickt... und diese erwiderten meinen Blick und zwangen mir ihren Willen auf. Ich soll berichten, befahlen sie mir, zumindest gelegentlich. Berichten, was meine müden Augen und mein poröser Verstand aufgesogen haben aus den unendlichen Alptraumwelten der Filmwirtschaft. Und mir bleibt keine andere Wahl als zu gehorchen, denn sonst kommen sie. Sie alle. Der Flüsterer im Dunkeln. Das Ding auf der Schwelle. Der Schatten aus der Zeit. Die Wesen hinter den Bergen des Wahnsinns. Die Bewohner von Innsmouth. Und bringen mich nach R’lyeh, wo der tote Cthulhu träumend auf meine Ankunft wartet.

    That is not dead which can eternal lie,
    And with strange æons, even death may die

    - - - H. P. Lovecraft

    Für Feedback, Kommentare & Diskussionen wäre hier Platz!
    Zuletzt geändert von Randolph Carter; 17.01.2014, 12:17.
    Phantasmagorien aus den unaussprechlichen Abgründen des Wahnsinns
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    #2
    À Meia-Noite Levarei Sua Alma
    (At Midnight I'll Take Your Soul)

    Brasilien 1963 - Directed by José Mojica Marins

    Leichenbestatter Zé Do Caixão (außerhalb Brasiliens besser bekannt als "Coffin Joe") wünscht sich nichts sehnlicher als einen Sohn, damit seine Blutlinie weiter besteht. Da seine Freundin Lenita unfruchtbar zu sein scheint, läßt er sie kurzerhand über die Klinge springen. Zum Objekt seiner Begierde avanciert nun Terezinha, die Verlobte seines Freundes. Um seinen Samen in sie zu pflanzen, geht er über Leichen. At Midnight I'll Take Your Soul gilt als erster brasilianischer Horrorfilm, und was Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller José Mojica Marins uns hier serviert, ist wahrlich nicht von schlechten Eltern. Der Antagonist Zé Do Caixão ist ein gefühlloser und sadistisch veranlagter Nihilist, besessen von dem Wunsch, einen Sohn zu zeugen. Frauen sind nur der Mittel zum Zweck, um diesen Wunsch zu erfüllen, und sind sie nicht willig, so nimmt er sie mit Gewalt. Die Dorfbewohner tyrannisiert der arrogante Mistkerl erbarmungslos, jeder, der aufmuckt, wird auf grausame Weise in seine Schranken gewiesen. Da werden Finger abgehackt, Augen ausgestochen, und eine Dornenkrone in ein Gesicht gedrückt. Trotz der Schwarzweiß-Optik und der recht primitiven Spezialeffekte kommen die Gewaltszenen sehr hart und unangenehm rüber, auch mehr als 45 Jahre nach Entstehen des Filmes. Sadistischer Höhepunkt des regen Treibens ist die Szene, in der Zé eine große Giftspinne über eine gefesselte Frau krabbeln läßt, bis sie gebissen wird, um sie auf diese Weise zu töten. Die hilflose Frau kann nicht einmal schreien, da er ihr den Mund zugeklebt hat, und Zé saugt ihr Entsetzen genußvoll in sich auf. José Mojica Marins geht dermaßen in seine Rolle auf, daß ich vermutlich Angst bekommen würde, würde ich ihm mal gegenüberstehen. At Midnight I'll Take Your Soul genießt in gewissen Kreisen zurecht Kultstatus und überraschte mich als atmosphärisch dichter Horrorfilm weit abseits des Mainstreams. Das einzige, was ein wenig stört, sind die zum Teil zu gestelzten Dia- bzw. Monologe und das hemmungslose Overacting des Leichenbestatters in einigen wenigen Szenen.



    Esta Noite Encarnarei no Teu Cadáver
    (This Night I'll Possess Your Corpse)

    Brasilien 1967 - Directed by José Mojica Marins

    Zé Do Caixão ist zurück, obwohl es schien, als würde er am Ende von At Midnight I'll Take Your Soul für seine Sünden büßen. Aber die Gesetze des (erfolgreichen) Horrorfilms galten halt auch schon damals, und so gibt es vier Jahre nach Teil eins ein Sequel, welches dem Original zumindest ebenbürtig ist. Zé Do Caixão ist nach wie vor von dem Wunsch besessen, einen Sohn zu zeugen. Doch diesmal soll er auch noch perfekt sein, und für einen perfekten Sohn braucht er eine perfekte Frau. Obwohl er sich redlich Mühe gibt, wird er nicht fündig. Erst als sein Blick auf Laura fällt, die Tochter eines angesehenen Mannes, die zudem Zés Ansichten teilt, scheint sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung zu gehen. This Night I'll Possess Your Corpse ist eine mehr als gelungene Fortsetzung, die zudem auch etwas mehr Einsicht in Zés Charakter gewährt und ihn somit ein wenig "lebendiger" erscheinen läßt. Wie es sich für ein Sequel gehört, wird im Grunde mehr vom selben geboten, in diesem Falle sogar viel mehr. Dutzende Spinnen wuseln über leichtbekleidete, kreischende Frauen, Schlangen wickeln sich um zarte Hälse, Blitz & Donner läßt das grausige Geschehen erbeben, und zu allem Überfluß erhält Zé Unterstützung von einem verunstalteten Buckligen namens Bruno. Im Gegensatz zum ersten Film fängt die Kamera hier auch einige weibliche Brüste ein, und Zé geht gegen seine Feinde gewohnt grausam und erbarmungslos vor. Unzweifelhafter Höhepunkt des Streifens ist eine atemberaubende, etwa achtminütige Farbsequenz (der Rest des Filmes ist wie das Original in stilvollem Schwarzweiß), in der es Zé Do Caixão in die Hölle verschlägt. Zwar hat dieses beeindruckende Set-Piece nicht die schaurig-schöne Qualität des japanischen Horrorklassikers Jigoku (1960), doch läßt Marins seiner Imagination freien Lauf und serviert bunt ausgeleuchtete, sadistische Quälereien am laufenden Band. Wie beim Vorgänger muß man auch hier ein paar Abstriche in Bezug auf gestelzte Dialoge und theatralisches Overacting machen, doch dieses Manko fällt angesichts des insgesamt großartigen Filmes nicht weiter ins Gewicht. Beim Ende hatten die brasilianischen Zensurbehörden ein Wörtchen mitzureden, da Marins den Film sonst wahrscheinlich nicht hätte veröffentlichen können. Leider ist This Night I'll Possess Your Corpse mit seinen 108 Minuten etwas zu lang geraten, sodaß dem Streifen gegen Ende etwas die Luft ausgeht. Nichtsdestotrotz ein fabelhafter Film, dessen Höllensequenz zu den Horrormomenten der 1960er Jahren zählt.



    Encarnação do Demônio
    (Embodiment of Evil)

    Brasilien 2008 - Directed by José Mojica Marins

    Vierzig lange Jahre verbrachte Zé Do Caixão im Gefängnis, doch nun ist er wieder frei, und er macht haargenau dort weiter, wo er viele Jahre zuvor aufzuhören gewungen war: die Suche nach einer perfekten Frau für seinen perfekten Sohn. Ihm zur Seite steht diesmal nicht nur die bucklige Ausgeburt an Häßlichkeit namens Bruno, sondern auch vier Diener, die sich dem alten Mann mit Leib und Seele verschrieben haben. Doch Zé Do Caixãos grausame Taten haben auch seine Gegenspieler auf den Plan gerufen, die vor nichts zurückschrecken, um ihm endlich den Garaus zu machen. 45 Jahre nach At Midnight I'll Take Your Soul feiert Zé Do Caixão ein Comeback, und dieses fällt leider äußerst zwiespältig aus. Embodiment of Evil ist ein typisches Sequel nach dem Motto "schneller, weiter, höher", sprich mehr Opfer, mehr Gewalt, mehr Blut. Im Gegensatz zu den Vorgängern erscheint hier fast alles selbstzweckhaft, quasi Gewalt um der Gewalt willen. Dank der billigen Optik geht die genial-düstere Atmosphäre, welche die ersten beiden Filme auszeichnete, völlig verloren. Und zum Drüberstreuen läßt einen der Streifen völlig kalt. Sowohl bei At Midnight I'll Take Your Soul als auch bei This Night I'll Possess Your Corpse hatte man Mitleid mit den Opfern und haßte gleichzeitig den sadistischen Totengräber, wünschte ihm von ganzem Herzen, daß er für seine grausamen Taten auf ewig in der Hölle schmoren sollte. In Embodiment of Evil sind einem alle Charaktere egal, selbst die Haßgefühle auf Zé Do Caixão halten sich in Grenzen. Da kann er noch so viel foltern (Fans der "Torture Porn"-Welle sollten hier ihren Spaß haben), noch so viel morden, Zé ist jetzt leider nur noch ein weiterer Butzemann á la Freddy Krueger oder Michael Myers. Schade. Sehenswert ist der Film trotzdem, vor allem dank des exotischen Flairs, dem Wiedersehen mit José Mojica Marins, und den beinharten Gewaltszenen. Ein Wort zu den Spezialeffekten. Diese sind nicht immer richtig "spezial", sondern zum Teil einfach echt! Da wird eine Frau in einen Schweinskadaver eingenäht, einer anderen wird der Mund zugenäht, und einem Mann werden Haken durchs Fleisch gebohrt, an denen er aufgehängt wird. Ohne Tricks, in Natura. Ob man das wirklich sehen will, bleibt dahingestellt, aber immerhin erspart man sich so Geld für Spezialeffekte. Wie oben schon erwähnt: ein zwiespältiges Wiedersehen.



    Zuletzt geändert von Randolph Carter; 17.01.2014, 12:20.
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      #3
      Cujo
      USA 1983 - Directed by Lewis Teague



      In einer amerikanischen Kleinstadt wird der Hund des Automechanikers Camber - ein gutmütiger Bernhardiner namens Cujo - durch einen Fledermausbiß mit Tollwut infiziert. Die schleichende Veränderung des Tieres bekommt außer Cambers Sohn niemand mit, und der sagt nichts, da sonst der Ausflug mit seiner Mutter gefährdet wäre. Als Donna Trenton und ihr kleiner Sohn Tad in ihrem kaum noch fahrtüchtigen Auto die Werkstatt aufsuchen, gibt der Wagen vor dem Haus in der prallen Sonne seinen Geist auf. Und bald merken die beiden, daß das kaputte Auto nur ihre geringste Sorge ist. Denn draußen lauert Cujo, der inzwischen zu einer blindwütigen, aggressiven Bestie mutiert ist. Basierend auf einem Buch von Horrormeister Stephen King gelingt Regisseur Lewis Teague und seinen Drehbuchautoren das Kunststück, aus dem langen, etwas überladenen Roman die Essenz herauszufiltern und einen harten, geradlinigen Tierhorrorschocker abzuliefern, der zu den besten seiner Art gehört. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Figuren, die man in der ersten Hälfte des Filmes kennen und mögen lernt, glaubhaft verkörpert von Schauspielern wie Daniel Hugh Kelly, Ed Lauter, Danny Pintauro und Dee Wallace. Besonders letztere liefert eine bravuröse Performance ab, was dem Film eine ungemeine Intensität verleiht. Die Hundeattacken sind toll und bedrohlich umgesetzt worden, eine Kombination aus Jan de Bonts herausragender Kameraarbeit, Neil Travis' geschicktem Schnitt und natürlich der großartigen Arbeit der Trainer mit ihren Hunden. Die zweite Hälfte des Filmes ist eine klaustrophobische Terror-Tour-de-Force, wenn Donna und ihr Sohn im brütend heißen Auto den stetig wilder werdenden Angriffen des tollwütigen Hundes hilflos ausgeliefert sind. Die kleine aber gewichtige Änderung, die das Drehbuch gegenüber der Vorlage vornimmt, finde ich sehr gut und gelungen. In meinen Augen ist Cujo ein kleines aber feines Meisterwerk und neben The Dead Zone die wohl beste Verfilmung eines Romans von Stephen King.
      Zuletzt geändert von Randolph Carter; 17.01.2014, 12:22.
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        #4
        Rear Window
        (Das Fenster zum Hof)
        USA 1954 - Directed by Alfred Hitchcock



        Aufgrund eines Unfalles ist der Photograph Jeff mit einem eingegipsten Bein praktisch an den Rollstuhl gefesselt. Um sich die Zeit zu vertreiben, beobachtet er die Bewohner des Appartementkomplexes gegenüber. Und da gibt es viel zu sehen; von kleinen Streitereien bis zu großen Dramen wird das gesamte Programm gespielt. Und dann ist da noch ein gewisser Lars Thorwald, dessen bettlägrige Frau über Nacht verschwunden ist, und der äußerst verdächtige Verhaltensweisen an den Tag legt. Jeff läßt den Mann nicht mehr aus den Augen, und - unterstützt von seiner Freundin Lisa - setzt er alles daran, um Thorwald des Verbrechens zu überführen. Rear Window ist von der ersten bis zur letzten Sekunde ein makelloser Film, der auf mehreren Ebenen funktioniert. Er ist ein Krimi, er ist ein Thriller, er ist eine Liebesgeschichte, und er ist eine Studie über Besessenheit, in diesem Fall Voyeurismus. Hitchcock geht entspannt aber präzise an die Sache ran, läßt sich viel Zeit, um seine faszinierende Geschichte zu erzählen, und er begeistert uns mit durch und durch lebendigen Charakteren, mit denen es sich lohnt, mitzufiebern. James Stewart spielt grandios, und in die wunderbare Grace Kelly verliebt man sich schon in dem Moment, in dem sie die Leinwand bzw. den Fernsehschirm betritt und ihren hinreißenden Zauber wirken läßt. Das virtuose Drehen an der Spannungsschraube kulminiert in die überragende Szene, in der Lisa in Thorwalds Wohnung von dessen plötzlicher Rückkehr überrascht wird. Und der Showdown ist an Spannung und Dramatik ebenfalls kaum zu überbieten. Ob Rear Window Alfred Hitchcocks bester Film ist, wage ich nicht zu behaupten, schließlich ist die Konkurrenz mit Werken wie Psycho, The Birds und Vertigo nicht gerade klein. Ich traue mich jedoch zu sagen, daß Hitchcock mit diesem Film ein zeitloses Meisterwerk gelungen ist, das auch mehr als 55 Jahre nach Fertigstellung für packende Unterhaltung der Extraklasse sorgt.

        Zuletzt geändert von Randolph Carter; 17.01.2014, 12:23.
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          #5
          Non si Sevizia un Paperino
          (Don't Torture a Duckling)
          Italien 1972 - Directed by Lucio Fulci



          In einem kleinen, abgelegenen Bergdorf in Süditalien ereignet sich eine gräßliche Mordserie. Die Opfer, allesamt Kinder in der Pubertät, werden vom Täter erst bewußtlos geschlagen und anschließend erdrosselt. Die Polizei ist ratlos, obwohl es ihnen an Verdächtigen nicht mangelt, und auch der berichterstattende Reporter steht vor einem Rätsel. Erst eine mysteriöse Spur führt schlußendlich zum Mörder. Lucio Fulcis ländlicher Giallo Don't Torture a Duckling hat nur wenig mit Mario Bavas und Dario Argentos genredefinierenden Filmen gemein. Zutaten wie ausgetüftelte Bildkompositionen, einprägsame Musikstücke und perfekt durchgestylte Set-Pieces (meist in Verbindung mit einem brutalen Mord) sucht man hier vergebens. Der Schauplatz von Don't Torture a Duckling ist trist, düster und deprimierend. Bereits mit den ersten drei Szenen (eine Frau gräbt das Skelett eines Babys aus; ein Junge schießt mit einer Steinschleuder auf eine Eidechse; Kinder beim halbherzigen Beten in einer dunklen Kirche) etabliert Fulci die unangenehme, verstörende Stimmung, die sich hier nicht wie bei David Lynchs Blue Velvet hinter einer idyllischen Oberfläche versteckt, sondern offen und beinahe gleichgültig zur Schau gestellt wird. Diese ominöse, kaum greifbare Atmosphäre kalten Grauens zieht sich durch den gesamten Film. Dieses Dorf ist kein Ort, an dem man seine Ferien verbringen, geschweige denn wohnen will. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes unheimelig, und das nicht nur, weil die Häuser verfallen aussehen und die Bewohner jegliche Wärme vermissen lassen. Die nominellen Stars des Filmes, Tomas Milian und Barbara Bouchet (die auch für die obligatorische Nacktszene sorgt), haben mit der abergläubischen Dorfgemeinschaft nichts am Hut, sind Außenseiter, und treten in den ersten 75 Minuten des Filmes auch kaum in Erscheinung. Einige Momente deuten bereits auf Fulcis Zukunft als "Splatterpapst" hin, vor allem das barbarische Auspeitschen einer als Hexe verschrienen Frau mit einer Eisenkette bricht mit unglaublicher Wucht über den Zuschauer herein und sorgt für ein unangenehmes Kribbeln in der Magengegend. Don't Torture a Duckling ist ein durch und durch häßlicher Film (abgesehen natürlich von Barbara Bouchets äußerer Schönheit), der aber überraschend gut, packend und großteils effektiv inszeniert wurde. Schade, daß beim an und für sich gelungenen Finale die Spezialeffekte so überhaupt nicht überzeugen können (im krassen Gegensatz zur oben erwähnten, schmerzhaft realistischen Auspeitschszene), was die potentielle Schockwirkung des Endes doch erheblich schmälert. Der Titel, wörtlich übersetzt übrigens "Don't Torture Donald Duck", bezieht sich auf eine Puppe des Entenhauseners, die für die Auflösung der Geschichte eine nicht unwesentliche Rolle spielt.
          Zuletzt geändert von Randolph Carter; 17.01.2014, 12:24.
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            #6
            The Burrowers
            USA 2008 - Directed by J. T. Petty



            The Dakota Territories, August 1879. Als der Farmarbeiter Coffey zur Ranch seiner Freundin zurückkehrt, bietet sich ihm ein Bild des Grauens: die Männer sind allesamt tot, die Frauen und Kinder spurlos verschwunden. Ohne lange zu zögern schließt er sich einem Trupp an, um die Vermißten zu finden und, wenn möglich, zurückzubringen. Denn eines ist für alle klar: die hinterhältige Attacke hat gewiß ein Stamm feindseliger Indianer zu verantworten, die mit den Frauen und Kindern weiß-Gott-was anstellen. Doch was die Männer schlußendlich in den unwirtlichen Weiten der Prärie finden, übertrifft ihre schlimmsten Alpträume. J. T. Pettys Horror-Western The Burrowers ist im besten Sinne als altmodisch zu bezeichnen. Keine hektische Wackelkamera, kein nervöses Schnittgewitter, sondern lange, ruhige Einstellungen dominieren das Geschehen, und das im wunderbaren Breitwandformat. Das mag einigen vielleicht langatmig und unspektakulär erscheinen, doch ist es essentiell für die Etablierung einer düsteren, hoffnungslosen Grundstimmung. Denn die Welt von The Burrowers ist erbarmungslos, folgerichtig ist auch The Burrowers ein erbarmungsloser Film. Niemand ist sicher vor den stetig lauernden Gefahren, und es kann schon mal passieren, daß ein potentieller Held mit hehren Absichten urplötzlich eine Kugel abbekommt und blutig ins Gras beißt. Die Kreaturen, die dem Film den Titel geben, sind abscheuliche Wesen und an Häßlichkeit kaum zu überbieten, doch sie jagen immerhin nicht zum Vergnügen (im Gegensatz zu einigen der Menschen). Das Special-Effects-Team leistete sehr gute Arbeit, erweckte die Kreaturen mit einer Mischung diverser Old-School-Effekte (u. a. Frau-im-Kostüm, Animatronics und Puppen) zu überzeugendem Leben. Gore-Effekte kommen nur sporadisch aber durchaus effektiv zum Einsatz, was dem Film gut zu Gesicht steht. Das größte Kompliment, das man The Burrowers machen kann, ist jedoch, daß er sowohl als Western als auch als Monsterfilm gut funktioniert und einen wirklich beeindruckenden Spagat zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Genres hinlegt. Schade, daß diesem kleinen Juwel kein Kinostart spendiert wurde.
            Zuletzt geändert von Randolph Carter; 17.01.2014, 12:25.
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              #7
              The Abominable Dr. Phibes
              (Das Schreckenscabinett des Dr. Phibes)
              Großbritannien 1971 - Directed by Robert Fuest

              Vincent Price brilliert in der Rolle des nach einem Unfall schrecklich verunstalteten Dr. Anton Phibes, dessen Frau Victoria (die hübsche Caroline Munro, ausschließlich auf Photographien zu sehen!) nach schwerer Erkrankung auf dem Operationstisch verstarb. Nicht imstande, sich mit dieser Situation abzufinden, gibt er den zuständigen Ärzten die Schuld an Victorias Tod. Und er entwirft einen bizarren Plan biblischen Ausmaßes, um sich an den seiner Meinung nach Schuldigen zu rächen. Der als einhundertster Film von Genreikone Vincent Price beworbene Streifen ist ganz bestimmt keiner seiner besten, doch der Unterhaltungswert ist dank der eleganten Inszenierung, der großartigen Ausstattung (man achte nur auf Phibes Privatkapelle, bestehend aus lebensgroßen Puppen!), des ungewöhnlichen Schurken und der kreativen Tötungsmethoden enorm. The Abominable Dr. Phibes ist praktisch ein einziger langer Rachefeldzug des Doktors, dem Price aufgrund der Verunstaltung nur mit seinen Augen und seiner Gestik Leben einhaucht, und das höchst effektiv. Unterstützt von der hübschen aber wenig gesprächigen Vulnavia (Virginia North) dezimiert er seine Feinde auf ungewöhnliche Weise und ist der (unfähigen) Polizei immer zumindest einen Schritt voraus. Interessant ist, daß die Sympathien des Regisseurs eindeutig dem Mörder gelten, denn die Opfer treten grundsätzlich erst wenige Momente vor ihrer Ermordung in Erscheinung, weshalb für sie auch kaum Mitgefühl aufkommt. Robert Fuest gelingt es, die grotesken Todesszenen spielerisch leicht, fast comichaft, in Szene zu setzen, so daß die eigentlich sehr grausamen Morde einen hohen Spaßfaktor aufweisen, ohne ins komödiantische abzurutschen. Mein Favorit ist zweifellos die Sequenz mit dem Arzt, dessen Kopf von einer Froschmaske langsam zerquetscht wird. Aber auch die Morde mit Hilfe von Fledermäusen bzw. hungrigen Heuschrecken haben es in sich. Überhaupt entströmen dem Film (der anscheinend in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in London spielt) ein naiver Charme, ein pechschwarzer Humor, und eine wunderbar pulpige Atmosphäre, die ziemlich genau meinen Geschmack treffen. Da ist es zu verschmerzen, daß Charakterisierung, Tempo und Spannung auf der Strecke bleiben. The Abominable Dr. Phibes wurde ein finanzieller Erfolg, so daß eine Fortsetzung nicht lange auf sich warten ließ.



              Dr. Phibes Rises Again
              (Die Rückkehr des Dr. Phibes)
              Großbritannien 1972 - Directed by Robert Fuest

              Drei Jahre sind seit den Ereignissen in The Abominable Dr. Phibes ins Land gezogen, da tritt der schurkische Doktor wieder ins Rampenlicht. Diesmal hat er jedoch keinen diabolischen Racheplan ausgeheckt, sondern ist auf der Suche nach dem "Fluß des Lebens" in Ägypten. Denn durch dessen Kraft könnte seine geliebte Victoria von den Toten auferstehen, und das ewige Leben liegt auch im Bereich des Möglichen. Allerdings sucht ein gewisser Biederbeck (Robert Quarry) mit seinen Männern ebenfalls nach dem geheimnisvollen Fluß, und damit kann sich Dr. Phibes so gar nicht anfreunden. Jeder, der ihm in die Quere kommt, wird auf bizarre Weise den Tod finden! Das Schema ist dasselbe wie beim Vorgänger: Dr. Phibes (erneut eine tolle Performance von Vincent Price) und seine Gehilfin Vulnavia (diesmal: Valli Kemp) schicken diverse uninteressante Personen auf so phantasievolle wie ungewöhnliche Weise über den Jordan. Ein aus einem Telefonhörer schnellender Metallstift in Schlangenform durchbohrt den Kopf eines Unglücklichen, ein anderer wird von Skorpionen zu Tode gestochen, und in der besten Szene des Filmes wird der Körper eines Mannes auf Schachtelgröße komprimiert. Leider kippt die im Vorgänger perfekte Balance von Horror und Humor stark zugunsten letzterem, was zwar einige Male amüsiert, oft aber auch - wie im Falle der tölpelhaften Polizisten - etwas nervt. Dr. Phibes Rises Again hat zwar weniger Schauwerte als The Abominable Dr. Phibes, aber das Konzept funktioniert erneut tadellos und sorgt für gute, anspruchslose Unterhaltung. Die Crew wurde gegenüber dem Vorgänger an einigen Stellen (u. a. Kamera, Musik) verändert, was mit ein Grund für die etwas mindere Qualität des Sequels sein könnte. Ein weiterer Pluspunkt: Peter Cushing hat einen netten aber irrelevanten Cameoauftritt als Schiffskapitän. Insgesamt kann man Dr. Phibes Rises Again guten Gewissens als gelungene Fortsetzung bezeichnen, obwohl der Film mit Ausnahme einiger weniger Sequenzen an The Abominable Dr. Phibes nicht heranreicht. Die beiden Dr. Phibes-Filme sind übrigens nicht die einzigen Highlights in Robert Fuests Karriere; der talentierte Regisseur inszenierte nicht nur einige Episoden der TV-Kultserie The Avengers (in Deutschland: Mit Schirm, Charme und Melone), sondern zeichnete auch für den grandiosen Suspense-Schocker And Soon the Darkness und den für sein irrwitziges Schmelzfinale berühmten The Devil’s Rain (auf deutsch lustigerweise: Nachts, wenn die Leichen schreien) verantwortlich.



              Zuletzt geändert von Randolph Carter; 17.01.2014, 12:27.
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                #8
                Jaws
                (Der weiße Hai)
                USA 1975 - Directed by Steven Spielberg



                Die Küstengewässer des idyllischen Inselstädtchens Amity werden von einem riesigen weißen Hai heimgesucht. Da sich der Bürgermeister (Murray Hamilton) aufgrund der für die Stadt immens wichtigen Tourismuseinnahmen weigert, den Badestrand zu sperren, kommt es bald zu weiteren Todesfällen. Schließlich machen sich Polizeichef Brody (Roy Scheider), Haiexperte Hooper (Richard Dreyfuss) sowie der professionelle Haifänger Quint (Robert Shaw) auf, um der Bestie ein für alle Mal das Handwerk zu legen. Was soll man über einen Film noch groß schreiben, der nicht nur einen ungemein hohen Bekanntheitsgrad aufweist, sondern der auch felsenfest in der Populärkultur verankert ist? Nicht viel, behaupte ich einfach mal. Basierend auf dem von Peter Benchley verfaßten Bestseller entwickelte sich Jaws an den Kinokassen zu einem sensationellen Blockbuster (nach einer minimalen Kürzung wurde dem Film die wichtige PG-Freigabe erteilt) und jagte vielen Menschen einen so nachhaltigen Schrecken ein, daß sie sich weigerten, auch nur einen Fuß ins Meer zu setzen. Ein junger, aufstrebender Regisseur namens Steven Spielberg wurde quasi über Nacht zu Hollywoods neuem Wunderkind, und die am Film beteiligten Schauspieler konnten sich über mangelnde Popularität nicht mehr beklagen. Spielberg macht trotz eines moderaten Budgets von geschätzten zwölf Millionen Dollar (lt. IMDB) alles richtig, stellt die von großartigen Schauspielern zum Leben erweckten, starken und glaubwürdigen Figuren in den Mittelpunkt, spielt geschickt mit Urängsten und zeigt den mechanischen Fisch (verantwortlich für die Spezialeffekte: Robert Mattey) nur, wenn es absolut notwendig ist. Jaws hat derartig viele beeindruckende Momente (wie die Einführungsszene mit Stuntfrau Susan Backlinie als erstem Opfer, die unvergeßliche Sequenz mit dem Jungen auf der Luftmatratze, welcher in einem gigantischen Blutschwall zu Tode kommt, der famose Einsatz des Vertigo-Kameraeffekts am Strand, oder Quints Monolog über das grausige Schicksal der Männer auf der USS Indianapolis, um nur einige zu nennen), daß man aus dem Staunen kaum mehr heraus kommt. Untrennbar mit dem Film verbunden sind sowohl Mick McGintys wunderbares Poster Artwork als auch der perfekte, extrem wirkungsvolle Score von John Williams. Jaws ist ein Klassiker, wie er im Buche steht, dem selbst die zum Teil vermurksten Sequels nichts anhaben konnten. Kurz: ein Geniestreich.
                Zuletzt geändert von Randolph Carter; 17.01.2014, 12:28.
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                  #9
                  Morgane et Ses Nymphes
                  (Girl Slaves of Morgana Le Fay)
                  Frankreich 1971 - Directed by Bruno Gantillon



                  Françoise (Mireille Saunin) und ihre Freundin Anna (Michèle Perello) genießen ihre Autofahrt durchs ländliche Frankreich. Doch die entspannte Stimmung schlägt um, als sie bei einem Gasthaus eine Pause einlegen und ihnen der Wirt zuraunt, schleunigst das Weite zu suchen. Tatsächlich sind die beiden beunruhigt genug, um die Warnung ernst zu nehmen, doch inzwischen ist die Nacht angebrochen und ihre geplante Abreise findet ein jähes Ende, als sie sich in der Gegend verirren und ihnen der Sprit ausgeht. In einem alten Gemäuer schlagen sie ihr Nachtlager auf, und als Françoise am nächsten Morgen erwacht, ist Anna spurlos verschwunden. Bei der Suche nach ihrer Freundin trifft Françoise auf einen buckligen Zwerg (Alfred Baillou), der sie ins malerische Château von Morgane (Dominique Delpierre) und ihren Gespielinnen bringt. Doch dort gehen geheimnisvolle Dinge vor sich, und eine Flucht scheint ausgeschlossen! An einer Stelle im Film meint Françoise: "Seit wir das Gasthaus verlassen und den Wald betreten haben, ist alles wie ein Traum. Einer dieser Träume, der die ganze Nacht anzudauern scheint." Und spricht damit haargenau das aus, was ich mir beim Betrachten des Filmes gedacht habe. Bruno Gantillons Morgane et Ses Nymphes ist ein filmgewordener Traum, optisch überwältigend, unwirklich, erotisch angehaucht und frei von Logik. Passenderweise antwortet Morgane auf Françoises Bemerkung, daß sie "der Logik folge", mit: "Das ist das größte Leiden!" Bei meiner Besprechung zu Lucio Fulcis Don't Torture a Duckling schrieb ich, daß es ein durch und durch häßlicher Film sei. Morgane et Ses Nymphes ist das exakte Gegenteil, nämlich ein visueller Genuß, voller schöner, leichtbekleideter Frauen in farbenprächtigen Gewändern (zumindest solange, bis sie diese ablegen, was oft passiert) und einem atemberaubenden Schauplatz, das im 15. Jahrhundert erbaute Château de Val in der Auvergne nebst idyllischem See und unberührter Umgebung. Allerdings gilt es zu beachten, daß Morgane et Ses Nymphes unsagbar langsam und bedächtig erzählt ist, daß auf ausgefeilte Charakterisierungen ebenso wenig Wert gelegt wird wie auf einen dramaturgischen Spannungsaufbau, und daß sowohl Actionszenen als auch Spezialeffekte außen vor bleiben. Man sollte also eine deutlich höhere Aufmerksamkeitsspanne als die eines gewöhnlichen Frettchens mitbringen, um dem Film etwas abgewinnen zu können. Aber wenn man Geduld beweist und es schafft, in die Märchenwelt von Morgane einzutauchen, dann wird man mit einem fast hypnotisch schönen Film belohnt, der sich hinter den besten Werken von Jean Rollin nicht zu verstecken braucht.
                  Zuletzt geändert von Randolph Carter; 17.01.2014, 12:31.
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                    #10
                    Hardware
                    (M.A.R.K. 13 - Hardware)
                    Großbritannien 1990 - Directed by Richard Stanley



                    Irgendwann in der Zukunft, nach dem Atomkrieg, in einer verwüsteten Stadt. Moses (Dylan McDermott), ein arbeitsloser Streuner, schenkt seiner Freundin Jill (rothaarig, hübsch & gut: Stacey Travis) zu Weihnachten Teile eines in der Wüste gefundenen Roboters. Jill betätigt sich gerne künstlerisch und integriert die erhaltenen Teile gleich in die bizarre Skulptur, an der sie gerade arbeitet. Allerdings ist der Droid (ein Kampfroboter der Type M.A.R.K. 13, erschaffen, um das Problem der Überbevölkerung in den Griff zu bekommen!) nicht völlig zerstört und so beginnt er des Nachts, sich selbst zu reparieren. Als Jill erwacht, sieht sie sich einem monströsen Ungetüm gegenüber, das nur ein Ziel zu kennen scheint: jegliches Leben auszulöschen, oder, um die Bibel zu zitieren: "No flesh shall be spared". Im Grunde genommen ist Hardware, das auf einem britischen Comic basierende, ambitionierte Spielfilmdebüt des damals 24jährigen Richard Stanley, nichts anderes als eine Kammerspielvariante von James Camerons The Terminator. Hardware ist ein Paradebeispiel von "Style over Substance", denn wenn es dem Film an etwas mangelt, dann an Substanz. Die Charakterisierungen sind klischeehaft und recht plump, die post-atomare Zukunft ist wenig originell und wurde darüber hinaus schon oft und besser dargestellt, und die Geschichte ist simpel, geradlinig und ziemlich spannungsarm. Und trotzdem hat Hardware so einiges zu bieten, auch wenn vieles davon, hart ausgedrückt, geklaut ist (immerhin muß man den Machern zu Gute halten, daß sie bei den besten stehlen). Hat man die lange Anlaufzeit, in der kaum nennenswertes passiert, erst einmal überstanden, dann zündet Stanley ein visuelles Feuerwerk, das sich gewaschen hat. Das reißt einfach mit, trotz Anleihen bei Ridley Scott, James Cameron, Dario Argento, Donald Cammell und Shinya Tsukamoto. Am besten gelingt Stanley jedoch die Erzeugung einer klaustrophobischen Stimmung und eines scheinbar ausweglosen Terrors. Die Attacken des Roboters sind hart, blutig und phantasievoll (was M.A.R.K. 13 mit dem widerlichen Nachbarn anstellt, ist ein echter Show-Stopper!) aber manchmal auch etwas geschmacklos und seltsam (wieso der Droid ständig versucht, Jill mit seinem Bohrer zu penetrieren, erschließt sich mir nicht ganz). Unterm Strich bleibt somit ein teils unoriginell ödes, teils optisch faszinierendes Cyberpunk-Spektakel, das insgesamt ansprechend unterhält aber am Ende doch einen etwas zwiespältigen Eindruck hinterläßt. Immerhin war Hardware ein Versprechen für die Zukunft, welches Richard Stanley mit dem zwei Jahre später entstandenen Dust Devil auch einzulösen vermochte.
                    Zuletzt geändert von Randolph Carter; 17.01.2014, 12:32.
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                      Le Salaire de la Peur
                      (Lohn der Angst / The Wages of Fear)
                      Frankreich/Italien 1953 - Directed by Henri-Georges Clouzot



                      Las Piedras, ein kleines Kaff im südamerikanischen Nirgendwo, bevölkert von mittellosen Einheimischen und gestrandeten Existenzen aus allen Teilen Europas. Es gibt kaum Arbeit, und ohne Arbeit gibt es kein Geld, und ohne Geld besteht keine Aussicht, dem trostlosen Dasein zu entfliehen. Als etwa 500 Kilometer entfernt eine Ölquelle in Brand aufgeht, scheint es nur eine Möglichkeit zu geben, die Feuersbrunst zu löschen: eine gezielte Explosion mit Nitroglyzerin. Zu diesem Zweck sucht die amerikanische (und ungemein zynisch dargestellte) Ölgesellschaft nach Kraftfahrern, die für 2.000 Dollar pro Nase bereit sind, ein wahres Himmelfahrtskommando anzunehmen. Denn der hochexplosive Sprengstoff muß mit zwei alten LKWs zum Brandherd transportiert werden, über unwegsames Gelände, holprige Straßen und morsche Brückenteile. Vier verzweifelte Männer melden sich für diesen riskanten Job: Mario (Yves Montand), ein undurchschaubarer Franzose. Der zwielichtige Monsieur Jo (Charles Vanel), ebenfalls ein Franzose. Luigi (Folco Lulli), ein italienischer Bauarbeiter mit gesundheitlichen Problemen. Und Bimba (Peter van Eyck), ein Deutscher, den die Flucht vor den Nazis hierher verschlagen hat. Vier Männer, eine Mission. Henri-Georges Clouzots Klassiker Le Salaire de la Peur, basierend auf dem Roman von Georges Arnaud und sowohl Cannes- als auch Berlinale-Gewinner, ist der beeindruckendste Film, den ich seit langer Zeit gesehen habe. Laßt euch von der etwa 45minütigen Einführung nicht blenden, denn die ist einfach nötig, um nachvollziehen zu können, wieso sich die Männer für einen solch unmenschlichen Job beinahe prügeln. Alles ist besser als diese Hölle auf Erden, in der sie ihr deprimierendes Dasein fristen müssen. Die Protagonisten sind allesamt Männer mit Ecken und Kanten, die meisten davon nicht einmal sonderlich sympathisch. Und doch versteht es Clouzot meisterhaft, eine emotionale Bindung zu den Figuren aufzubauen, ihre ständige Todesangst greifbar zu machen, und die Charaktere im Verlauf des Filmes weiterzuentwickeln, was ihre abenteuerliche Reise zu einer der schlichtweg atemberaubendsten, fesselndsten und intensivsten der Filmgeschichte macht. Darüber hinaus gelingen dem Regisseur einige unfaßbare Sequenzen, die an Spannung kaum mehr zu überbieten sind (Stichworte: Wendemanöver auf der Holzrampe, Sprengung des Felsens, Durchquerung des Ölsees). Le Salaire de la Peur ist ein gewaltiges, Maßstäbe setzendes Meisterwerk, das zudem von einer dichten, desillusionierenden Grundstimmung durchzogen ist und ungemein bedrückend und realistisch daherkommt. Das ist ganz großes Kino und ein unvergeßliches Filmerlebnis. Im Jahre 1977 gab es mit Sorcerer übrigens eine gute Neuverfilmung von William Friedkin.
                      Zuletzt geändert von Randolph Carter; 17.01.2014, 12:35.
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                        Die Säge des Todes
                        (Bloody Moon)

                        Deutschland/Spanien 1981 - Directed by Jesus Franco



                        Als ich ein kleiner Stöpsel war, nahm ich für den Heimweg von der Schule gerne einen kleinen Umweg in Kauf, um dem städtischen Kino (möge es in Frieden ruhen) einen Besuch abzustatten. Dort stand ich dann vor den Schaukästen und begutachtete die diversen Poster und Aushangfotos mit staunenden Augen. Die Filme, die mich besonders interessierten, durfte ich damals natürlich noch nicht sehen. Aber ich ließ meiner Phantasie freien Lauf und malte mir aus, was denn die Frau mit der 45er Magnum für schlimme Dinge anstellte, wieso der Zombie am Glockenseil hing, und was zum Teufel es mit der Säge des Todes auf sich hatte. Nun, die Ernüchterung bezüglich der ominösen Säge kam Jahre später in Form einer holländischen Videokassette. Voller Vorfreude die Kassette einlegen, den Film anschauen, enttäuscht sein, und das Gesehene bald wieder Vergessen, lautete das Motto. Inzwischen habe ich mich mit dem Streifen aber versöhnt, dem es einfach unmöglich war, dem großartigen Titel gerecht zu werden. Ich würde jetzt zwar nicht so weit gehen und Die Säge des Todes als gut bezeichnen, aber Franco versteht es, dem Film seinen Stempel aufzudrücken und ihm sogar Anflüge von Klasse zu verleihen. Ganz ehrlich: ich mag Die Säge des Todes um einiges lieber als solch banale Slasher-"Klassiker" wie Friday the 13th, Terror Train oder Prom Night.

                        Bereits zu Beginn beweist Franco, daß er John Carpenters Halloween gesehen hat: Miguel (Alexander Waechter), ein häßlicher Bursche, schnappt sich eine (Micky Maus-)Maske, baggert POV-Style eine tanzende Frau an und zieht sich mit ihr in einen Bungalow zurück. Als ihm die Frau die Maske abnimmt, ist die Überraschung groß und das Schäferstündchen geplatzt, woraufhin Miguel die Frau erbarmungslos niedermetzelt und im Irrenhaus landet. Fünf Jahre später entläßt Jesus Franco (in der Rolle eines Arztes) Miguel in die Obhut seiner Schwester Manuela (Nadja Gerganoff), die eine Sprachschule für junge Frauen leitet und ihren Bruder ebendort einquartiert. Kaum ist Miguel zurück, beginnt auch schon eine grausame Mordserie. Zu Die Säge des Todes steht in Phil Hardys Horrorfilm-Standardwerk The Aurum Film Encyclopedia auf Seite 370 geschrieben, daß Franco "...only succeeds in making the sight of attractive women and corpses extremely boring." Objektiv betrachtet fällt es tatsächlich schwer, dem zu widersprechen, denn echte Spannung kommt nie auf, und die Charaktere (u. a. Olivia Pascal als Final Girl Angela) sind einem völlig egal und darüber hinaus himmelschreiend dumm. Aber dank Jesus Francos Regie wird aus einem an und für sich uninteressanten Cash-In ein bizarrer Giallo-Slasher-Hybrid, der seine europäische Herkunft niemals verleugnen kann. Und der geneigte Exploitationfilmfan wird mit Momenten beglückt, die man in den US-Pendants vergeblich sucht: eine Frau badet ihre Brüste verzückt im Mondlicht; eine Studentin täuscht ein (lautes) Sexabenteuer vor, um ihre Freundinnen zu beeindrucken; ein kleiner, hilfsbereiter Junge wird von einem alten Mercedes niedergemäht; und Geschwister, die ein inzestuöses Verhältnis pflegen, fehlen auch nicht. Neben diesen "originellen" Einfällen wird natürlich fleißig aus dem Handbuch für Klischees zitiert, sogar eine süße schwarze Katze wird für einen billigen Schock mißbraucht. Immerhin kann man den brutalen Mordszenen eine gewisse Effektivität nicht absprechen, vor allem das Herzstück des Filmes ist ein tolles und noch dazu ansprechend in Szene gesetztes Set-Piece, das mit einem langen Vorspiel (eine auf einen Steinblock gefesselte Frau nähert sich langsam einer riesigen Säge) und einem kurzen aber sehr heftigen Höhepunkt (das Absägen des Kopfes in Nahaufnahme, spritzendes Blut aus dem Torso) beeindruckt (und ein Nachspiel wird auch noch serviert: Angela findet den abgetrennten Kopf ihrer Freundin im Bett). Im hysterischen Finale gehen mit Franco zwar etwas die Pferde durch, aber die Auflösung ist insgesamt logisch und nachvollziehbar. Die Säge des Todes mag keine große Kunst sein, aber ich finde den Film einfach trotz aller Logiklöcher grundsympathisch, sehr kurzweilig und recht launig.

                        Zuletzt geändert von Randolph Carter; 17.01.2014, 12:38.
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                          Accident
                          Hongkong 2009 - Directed by Soi Cheang Pou-Soi



                          Der Wagen einer jungen Frau blockiert nach einer Panne die Straße. Der Fahrer hinter ihr weicht in eine Seitengasse aus. Ein entgegenkommender LKW bespritzt ihn mit Wasser. Ein an einer Hauswand befestigtes Transparent löst sich etwas, der untere Teil klatscht gegen die Windschutzscheibe und bleibt kleben. Der Fahrer steigt aus, reißt wütend am Transparent. Oben rutscht ein gespanntes Drahtseil aus der Verankerung und durchpeitscht eine große Fensterscheibe. Glasstücke prasseln auf den verdutzten Mann nieder, verletzen ihn tödlich. Was auf den ersten Blick wie einer Verkettung unglücklicher Zufälle aussieht, entpuppt sich kurz darauf als so ausgeklügelter wie präziser Mordanschlag. Denn Brain (Louis Koo Tin-Lok) und sein Team (das sind: Woman (Michelle Ye Xuan), Fatty (Lam Suet) und Uncle (Stanley Fung Sui-Fan)) sind Auftragskiller, die ihre Taten als akribisch geplante Unfälle tarnen. Auch der nächste Auftrag wird erfolgreich abgeschlossen, doch im Anschluß ereignet sich ein seltsamen Zwischenfall: ein außer Kontrolle geratener Bus rast durch die Menge und tötet einen von Brains Leuten. Für Brain steht sofort fest, daß dies kein Unfall war, sondern daß sie jemand mit ihren eigenen Waffen schlagen will. Und so setzt er alles daran, dem Drahtzieher auf die Spur zu kommen, doch sein obsessives Verhalten und seine sich steigernde Paranoia drohen ihn und sein Team ins Verderben zu reißen. Wenn zu Beginn das Milkyway Image Logo über den Bildschirm flattert, dann steigt automatisch die Erwartungshaltung, schließlich ist Johnnie To Kei-Fungs Produktionsfirma ein Garant für herausragende und/oder außergewöhnliche Filme. Und Accident wird diesen Ansprüchen durchaus gerecht. Verantwortlich für diesen raffinierten Thriller ist Soi Cheang Pou-Soi, der zuvor bereits mit dem zappendusteren Dog Bite Dog für Furore sorgte. Accident funktioniert auf mehreren Ebenen, ist stilistisch beeindruckend, und unterhält (böse Zungen würden behaupten: langweilt) auf eine ruhige, unaufgeregte Weise. Der Zuschauer geht mit dem sympathischen Antihelden auf eine faszinierende Reise und wird nach und nach in die verquere Gedankenwelt des Masterminds hineingesogen, was zu einem interessanten Zwiespalt führt. Einerseits sind Brains Handlungen nachvollziehbar und logisch (aus seiner Sicht), andererseits muß man als Außenstehender feststellen, daß er sich da in etwas hineinsteigert, das fatal enden wird. Trotz einiger spektakulärer Sequenzen steht bei Accident immer das Schicksal der Menschen im Mittelpunkt, und gerade das macht den Film so gut. Accident ist ein leiser, hintergründiger Psycho-Thriller, zurückhaltend gespielt, stilvoll und clever inszeniert, unterschwellig bedrohlich und packend bis zum Ende. Ein kleiner, feiner Film, der dem Zuseher Konzentration und Mitdenken abverlangt.

                          Zuletzt geändert von Randolph Carter; 17.01.2014, 12:39.
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                            Run! Bitch Run!
                            USA 2009 - Directed by Joseph Guzman



                            Kennt ihr das? Da guckt man sich erwartungsvoll einen neuen Film an, der ein Retro-Erlebnis der alten Schule verspricht, doch hinterher ist die Enttäuschung groß, und man stöhnt resigniert in sich hinein: They don't make 'em like this anymore! Nun, Run! Bitch Run! beweist eindrucksvoll das Gegenteil! Erzählt wird die Geschichte von Catherine (Cheryl Lyone) und Rebecca (Playboy Playmate Christina DeRosa), zwei Studentinnen der katholischen St. Mary's Schule, die in ihren niedlichen Schulmädchenuniformen durchs ländliche Amerika wandern und Bibeln verkaufen, bis... ja, bis sie zur falschen Zeit an die falsche Tür klopfen. Die falsche Tür gehört zur billigen Absteige des Zuhälters und Dealers Lobo (Peter Tahoe), seines stotternden Kumpels Clint (Johnny Winscher) und der nymphomanen Hure Marla (Ivet Corvea). Und der Augenblick ist deshalb so ungünstig, weil Lobo gerade eine Nutte, die ihn beklauen wollte, abknallt, was die Mädchen durchs Fenster beobachten. Und so nimmt das Unheil, das mit Erniedrigungen beginnt und mit dem bizarren Spiel "Find 'em and Fuck 'em" endet, seinen Lauf. Rebecca überlebt die Tortur nicht (sie "gewinnt" eine Runde russisches Roulette), während Catherine verletzt, vergewaltigt und traumatisiert im Wald zurückbleibt. Sie landet schließlich im Krankenhaus, aus dem sie sich wenig später wieder selbst entläßt. Und das Thema Nächstenliebe hat sie nun endgültig abgehakt, denn sie will die Schweine, die ihr das angetan haben, bluten sehen...

                            Wüßte man nicht, daß Run! Bitch Run! im Jahre 2009 entstanden ist (und wäre da nicht der grandios-coole Blues/Rock-Score, der stark an Tarantino/Rodriguez erinnert), dann könnte man fast glauben, daß dieser Streifen vor etwa 30, 35 Jahren entstanden ist. Denn hier bekommt man deftiges und schmieriges Exploitationkino geboten, das diese geniale und schwer in Worte zu fassende 70er-Jahre-Atmosphäre aus jeder Pore atmet. Run! Bitch Run! ist ein Film, der keine Gefangenen macht, der sich für nichts entschuldigt, und der kompromißlos seinen Weg geht, bis zum bitteren Ende. Regisseur/Co-Autor Joseph Guzman beweist ein fast schon unheimliches Gespür für die unangenehm ruppige und dreckige Atmosphäre der 1970er Jahre. Guzmans Vorbilder liegen auf der Hand und werden stolz und ohne falsche Scham zitiert: Wes Cravens The Last House on the Left, Meir Zarchis I Spit on Your Grave, Bo Arne Vibenius' Thriller: A Cruel Picture und natürlich Abel Ferraras Ms. 45. Cheryl Lyone als Catherine ist großartig, besonders die Wandlung von der naiven Unschuld zum stummen Racheengel im Krankenschwestern-Outfit gelingt ihr glaubwürdig und sehr intensiv. Aber auch die anderen Darsteller machen ihre Sache ausgesprochen gut, vor allem wenn man bedenkt, daß es sich hierbei um einen preiswerten Independent-Film handelt. Da entstehen doch tatsächlich Charaktere aus Fleisch und Blut, keine seelenlosen Abziehbilder wie in viel zu vielen anderen Genrefilmen. Während der Streifen mit nackten Tatsachen nicht kleckert sondern klotzt (nahezu alle Darstellerinnen ziehen sich aus), hält man sich in Bezug auf Splatter eher bedeckt (vieles spielt sich im Off ab). Der Effektivität tut das jedoch keinen Abbruch (ganz im Gegenteil), und außerdem hätten schlechte Spezialeffekte der Stimmung nur geschadet und das Konzept ruiniert. Immerhin darf man sich (quasi als Ausgleich) u. a. an Nekrophilie, an Masturbation mit einem WC-Pömpel, an erzwungenem (lesbischen) Cunnilingus und an einer schon beim bloßen Zusehen schmerzhaften Analpenetration der etwas anderen Art ergötzen. Wer sich auch nur ein kleines bißchen für Exploitation längst vergangener Tage interessiert, der kommt an Run! Bitch Run! nicht vorbei. Besser kann man die goldene Zeit des Exploitationkinos kaum huldigen. Der nächste Film des talentierten Regisseurs ist auch schon in der Mache und trägt den vielversprechenden Titel Nude Nuns with Big Guns.

                            Zuletzt geändert von Randolph Carter; 17.01.2014, 12:41.
                            Phantasmagorien aus den unaussprechlichen Abgründen des Wahnsinns
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                              Eyes of a Stranger
                              (Die Augen eines Fremden)

                              USA 1981 - Directed by Ken Wiederhorn



                              Miami, Florida. Ein grausamer Mörder (John DiSanti) geht um, der Frauen erst vergewaltigt und anschließend erdrosselt. Der Nachrichtensprecherin Jane Harris (sehr sympathisch und mutig: Lauren Tewes) gehen diese abscheulichen Verbrechen besonders nahe, wurde ihre jüngere Schwester Tracy (großartig: die damals 19jährige Jennifer Jason Leigh) doch als Kind von einem Unbekannten mißbraucht. Seitdem ist Tracy blind, taub und stumm, psychologisch bedingt, als Reaktion auf das traumatische Ereignis. Zufällig kommt Jane dem Mörder, der ihr gegenüber ein Appartement bewohnt, auf die Schliche, doch ihr Freund David (Peter DuPre), ein rational denkender Anwalt, verweist ihre Wahrnehmungen ins Reich der Phantasie. Auf sich allein gestellt beginnt sie, den Mann telefonisch unter Druck zu setzen, um ihn zu zwingen, sich zu stellen. Doch dann entdeckt der Killer aufgrund eines dummen Zufalls die Identität seiner Widersacherin... Herzlich Willkommen zu einem der meiner Ansicht nach unterschätztesten Filmen der 1980er Jahre. Verantwortlich für diesen gelungenen Schocker ist Ken Wiederhorn, der zuvor bereits als Regisseur des kultigen Unterwasser-Nazizombie-Streifens Shock Waves positiv aufgefallen ist. Eyes of a Stranger steht deutlich in der Thriller-Tradition eines Alfred Hitchcock, kokettiert gleichzeitig aber ungeniert mit dem damals boomenden Slashergenre. Für die wenigen (aber dafür umso effektiveren) blutigen Momente sorgt Tom Savini, dessen Arbeit (wie der obligatorische Kehlenschnitt und ein saftiger Kopfschuß) wie gewohnt vollauf überzeugt. Doch anstelle die Splatterszenen als einzige Attraktion zu präsentieren (wie es bei Friday the 13th der Fall ist), konzentriert sich Wiederhorn vor allem auf die präzise und spannende Umsetzung des Drehbuchs, wobei er die mangelnde Originalität geschickt überspielt. Vorbildlich erzeugt Wiederhorn durch Informationsvorsprung klassischen Suspense (verstärkt durch den sparsamen aber wirkungsvollen Einsatz der Musik), da der Zuseher sehr oft etwas weiß, wovon die Protagonistin keine Ahnung hat (z. B. wird in der großartigen Eröffnungsszene, in der die Kellnerin Debbie (Gwen Lewis) dem Unhold zum Opfer fällt, bereits sehr früh gezeigt, daß sich der Mörder in ihrer Wohnung befindet). Obwohl einige Szenen an berühmte Vorbilder erinnern, wie z. B. Rear Window (Jane schleicht sich in die Wohnung des Mörders und wird von dessen Rückkehr überrascht) und Black Christmas (Telefon als fiese, psychologische Waffe), ist Eyes of a Stranger eigenständig und gut genug, um neben diesen superben Vorbildern zu bestehen. Neben dem gelungenen Auftakt bleibt vor allem das nervenzerfetzende Finale im Gedächtnis hängen, das mit einem perfiden Katz-und-Maus-Spiel beginnt und schließlich in einen beinharten Überlebenskampf mündet. Das emotionale Ende rundet die Geschichte perfekt ab und die allerletzte Einstellung ist ungemein befriedigend. Ken Wiederhorn ist mit Eyes of a Stranger ein exzellenter Thriller gelungen, der auch mehrmaligem Ansehen locker standhält. Diese Kritik entstand nach der dritten Sichtung, und ich bin vom Film begeisterter als je zuvor.

                              PS: Ein paar In-Jokes für die Fangemeinde hat Wiederhorn auch noch eingebaut. So hängt im Kino ein Poster von Dawn of the Dead, während im Fernsehen Ausschnitte seines Films Shock Waves zu sehen sind.

                              Zuletzt geändert von Randolph Carter; 17.01.2014, 12:42.
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