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Phantasmagorien aus den unaussprechlichen Abgründen des Wahnsinns

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    CarousHELL
    USA 2016 - Directed by Steve Rudzinski



    "I hate this place. I get it, people come here to be happy, and it's my job to help them be happy, but I'm never happy here. I have to have this fake expression on all the time here in this park, even if I don't wanna look happy. None of my co-workers talks to me. Sure, once in a while it's nice to see the kids smile, but usually they're just annoying little shits that don't give a damn how they treat me. Every single day, every single minute, I'm working so hard for them. Just once I'd like to make myself happy but no, I have to keep letting little brats climb on my back, and then go in a circle forever.
    I'm Duke, the prettiest goddamn unicorn in the world."


    Haben wir es nicht schon immer gewußt? Karusselltiere haben einen Scheißjob! Einhorn Duke, gesprochen von Steve Rimpici, bildet da keine Ausnahme. Tagein tagaus dreht er sich mit derselben Geschwindigkeit im Kreis (ein Job, der an Monotonie kaum zu überbieten ist), meist geritten von Kindern und Teenagern, die das Wort Rücksicht längst aus ihrem Vokabular gestrichen haben. Wild strampeln sie auf ihm herum, hämmern ihre kleinen Fäuste gegen seinen Kopf und entsorgen ihre Kaugummis (oder Schlimmeres) auf seinem abgenutzten Körper. Das ständig mampfende Balg Larry (Teague Shaw), von seiner Social-Media-süchtigen Schwester Laurie (Sé Marie) wenig liebevoll Lunchbox genannt, bringt das Faß letztendlich zum Überlaufen. Duke hat genug, endgültig. Er löst sich von seinem angestammten Platz am Karussell und startet einen Rachefeldzug gegen die abscheuliche Menschheit, der sich gewaschen hat. Bald schon landet er beim Haus von Sarah (Haley Jay Madison), wo gerade eine flotte Party steigt, bei der auch Laurie und Larry zugegen sind. Wie nicht anders zu erwarten packt Duke die Gelegenheit beim Schopf und crasht die Party.

    Die von Aleen Isley und Steve Rudzinski geschriebene und von letzterem auch inszenierte No-Budget-Produktion CarousHELL ist einer dieser Filme, die man gesehen haben muß, um zu glauben, was da abgeht. Stellt euch ein klassisches, handelsübliches, vom Horn bis zum Schweif völlig unbewegliches Karusselleinhorn vor, das Amok läuft und eine Gruppe Teenager in bester Slasherfilm-Manier dezimiert. Den ersten Mord kann man - mit viel gutem Willen - ja noch glauben, denn da rammt das angepißte Phantasietier einem traurigen Clown sein Horn in den Hals. Wenig später jedoch werden solche Dinge wie Realitätsanspruch oder Logik gänzlich ad acta gelegt, und das Motto lautet fortan anything goes. Alles ist möglich, so unglaublich es auch erscheinen mag. Da durchtrennt Duke einen Hals mit Klaviersaitendraht, er wirft Ninja-Sterne und verschießt Pfeile, er zermatscht einen Kopf mit seinen Hufen, er hantiert mit einer Machete, einer Axt und einem Pizzaschneider, und den tödlichen Laserblick, der Frauen buchstäblich zum Schmelzen bringt, hat er ebenfalls drauf. Ja, das alles ist exakt so absurd, blödsinnig, bescheuert und dämlich, wie es sich vermutlich anhört.

    Wie gesagt, alle diese Untaten werden von einem klassischen, handelsüblichen, vom Horn bis zum Schweif völlig unbeweglichen (!) Karusselleinhorn begangen. CarousHELL ist kein Film, den man ernst nehmen kann, und glücklicherweise ist dies den Machern auch vollauf bewußt, weshalb sie ihr Werk mit viel Camp, Ironie und (trockenem) Humor zukleistern. Wenn einem diese Herangehensweise zusagt und man darüber hinaus keine Aversion gegen amateurhafte B(illig)-Movies hat, dann sollte man mit Rudzinskis kurzweiliger Horrorkomödie viel Spaß haben, zumal die ironischen und parodistischen Aspekte sehr sympathisch rüberkommen. Aber auch Cody Ruchs handgemachte, manchmal recht saftige Gore- und Make-Up-Effekte sind phasenweise gut gelungen; zumindest sind sie weit besser, als man es in Anbetracht des geringen Budgets erhoffen durfte. Der mittig aufklappende Kopf etwa rockt derbe, und die Schmelzszene ist wunderbar drollig. Die schauspielerischen Darbietungen sind erwartungsgemäß durchwachsen und reichen von überaus launig (Sé Marie) über zurückgenommen (Sarah Brunner) bis hin zum totalen Overacting (Regisseur Steve Rudzinski himself als dämlicher Pizzajunge Joe).

    Allen die Show stiehlt jedoch Haley Jay Madison, die einzige Schauspielerin in diesem bunten Reigen, die mir bereits einige Male unterkommen ist (Kill That Bitch, Haunted House on Sorority Row, Scarewaves, Headless, Applecart). Sie sorgt nicht nur für etwas nackte Haut, indem sie ihre hübschen kleinen Brüste präsentiert, sie hat auch eine Sexszene, bei der sie sich voll ins Zeug legt und richtig durchorgeln läßt. Von Duke, dem Einhorn! Was insofern verständlich ist, da sie ein riesiger Einhorn-Fan ist, vor allem von der TV-Serie My Tiny Uni, der Einhorn-Variante von My Little Pony. Welcher Einhorn-Fetischist würde da die Gelegenheit nicht nutzen? Eben. Sehr schön sind auch die Spitzen gegen dusselige Teens und Twens, die nur für Likes ihrer Social-Media-Aktivitäten zu leben scheinen. Der sich um ihr Handy drehende Dialog zwischen Laurie und Joe ist da echt zum Schießen. Ich bin mir sicher, daß die beim Dreh alle einen Mordsspaß hatten, welcher sich auf das Publikum jedoch nur bedingt überträgt. Zu lahm sind viele von Dukes Sprüchen, zu bemüht grotesk manche der Ideen, zu unspektakulär einige der Situationen. Aber böse kann man dem mit viel Herzblut zelebrierten Kokolores auch wieder nicht sein.
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      V Madonna: daisenso
      (Go for Break - Die Hölle kommt zur Highschool / Go for Broke / V Madonna: Great War)

      Japan 1985 - Directed by Genji Nakamura



      Die Unruhe unter den Schülern und Schülerinnen der Hope Hill High School nimmt langsam aber stetig zu, steht doch die unvermeidliche Konfrontation mit den Rabauken der Yagyu High School unmittelbar bevor. Zweimal im Jahr fällt die Yagyu-Gang wie ein Hornissenschwarm über die friedliche Schule her, nach dem Motto: Her mit dem Schutzgeld, sonst gibt es Saures! Um sich eine gehörige Abreibung zu ersparen, wurde das Schutzgeld bislang brav bezahlt. Nun aber regt sich Widerstand. Einigen Schülern geht es gegen den Strich, ihr hart Erspartes so mir nichts dir nichts abzuliefern, und eine Schülerin hat sogar die - vielleicht - rettende Idee. Warum nicht jemanden anheuern, der an ihrer Stelle den Kampf gegen die Rowdys aufnimmt? Gesagt, getan. Bei den engagierten "Söldnern" handelt es sich allesamt um kampferprobte Mädchen, und tatsächlich führt deren Strategie zum Erfolg. Der überraschenden und gut geplanten Gegenwehr (Stichwort: Guerilla-Taktik) haben die Angreifer nichts entgegenzusetzen, woraufhin sie wie geprügelte Hunde das Weite suchen. Der ersten Euphorie über den leicht errungenen Sieg folgt jedoch bald Ernüchterung, denn die Yagyu-Gang denkt nicht ans Aufgeben und schlägt brutal zurück.

      Kriegsschauplatz Schule. V Madonna: daisenso ist eine Art Teenie-Action-Variante von Akira Kurosawas Shichinin no samurai (Die sieben Samurai, 1954), verlagert ins moderne High-School-Milieu. Besonders realistisch ist der Streifen allerdings nicht; fast könnte man denken, die Geschichte spielt sich in einer Parallelwelt ab. Einer Parallelwelt, in der es keine Erwachsenen gibt; weder die Eltern der Schüler noch Lehrer oder Polizisten kommen hier vor. (*) Dafür führt sich die Yagyu-Gang auf, als ob sie zu oft Mad Max (1979) gesehen hätte. Das sind Punks, denen man aus dem Weg gehen sollte. Sonst könnte es passieren, daß man hinten an ein Motorrad gebunden und über den Boden geschleift wird oder daß man an höchst empfindlichen Stellen mit Feuer "gekitzelt" wird. Ihr von Haus aus unheimliches Erscheinungsbild (Klamotten, Make-Up, Masken) wird dadurch verstärkt, indem sie einige Male des Nachts, von Nebel umwabert, vor Gegenlicht posieren. Das sieht nicht nur schick aus, sondern schindet auch ordentlich Eindruck. Lustigerweise stellt sich relativ rasch heraus, daß auch die Jungs der Yagyu-Bande von einer Frau, genannt Pantherauge, angeführt werden. In V Madonna: daisenso haben definitiv die Frauen das Sagen.

      Da der Film mit seinen einhundert Minuten spürbar zu lang geraten ist, hat er mit einigen Längen und einem sehr holprigen Rhythmus zu kämpfen. Immer wieder wird Tempo rausgenommen, um den Fokus auf die nicht sonderlich interessanten Figuren zu legen, aber wenn es mal kracht, dann kracht es auch richtig. Im ersten Drittel schlägt der Streifen noch einen harmlosen, beinahe spielerischen Ton an, wenn die Kids ihre Widersacher unter anderem mit Paintball-Gewehren attackieren. Doch bald ist Schluß mit lustig, es kommen wesentlich gefährlichere Waffen zum Einsatz, es wird gefoltert, und nicht alle werden die letzte Konfrontation überleben. Obwohl die paar Gewalteinschübe eher zurückhaltend umgesetzt wurden (und in der deutschen Fassung zum Teil durch Abwesenheit glänzen), haben sie doch eine dermaßen unangenehme Wirkung, daß sie den Ton des Filmes stark ins Schwanken bringen. Überhaupt wirkt der Film wie eine weirde Mixtur aus solidem Action-Trash und dem Pinky Violence-Genre der 1970er-Jahre, angereichert mit etwas Schulmädchen-Fetisch und abgeschmeckt mit einem Hauch apokalyptischem Flair, der dem ruppigen, mit Exploitation-Elementen versetzten Action-Quatsch gut zu Gesicht steht.

      (*) Dieser Punkt wird im mit Sicherheit polarisierenden Ende des Films thematisiert, was der ganzen Chose die Krone respektive die Narrenkappe aufsetzt.
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        Spettri
        (Specters ...Mächte des Bösen / Specters)

        Italien 1987 - Directed by Marcello Avallone



        Alice: "Might be better if I go back to New York."
        Bettler: "She's right, it's time to leave, to run away from this rotten place. The centuries and the wickedness of the people who live here have corroded it to the core. From its womb have come forth blind monsters. Go! Go now, flee the city, before Evil which is tired of hiding in the bowels of the earth decides to wake."


        Der Italo-Horror-Boom war längst abgeflaut, als sich Marcello Avallone dazu entschloß, seine Beiträge zum Genre zu drehen: Spettri (Specters ...Mächte des Bösen, 1987) und Maya (1989). In Spettri geht es um archäologische Ausgrabungsarbeiten in den Katakomben von Rom, bei welchen Professor Lasky (Donald Pleasence) und seine Mitarbeiter ein uraltes, längst vergessenes Grabmal entdecken. Die in einen Stein geritzte Inschrift vor dem Eingang verheißt nichts Gutes: Whether invoked or not invoked, Evil will come. Und wie es scheint, trifft diese Warnung den Nagel auf den Kopf, denn kaum ist das Grab geöffnet, beginnen sich seltsame und schreckenerregende Dinge zu ereignen, die gar zur Gefahr für Leib und Leben der Menschen werden, die sich in den Katakomben aufhalten oder an den Ausgrabungen beteiligt sind. Selbst Schauspielerin und Sängerin Alice (Miss Dänemark 1984: Trine Michelsen), die Freundin von Professor Laskys Assistenten Marcus (John R. Pepper), ist vor den Attacken der unheimlichen Macht nicht sicher.

        Obwohl Spettri ganz bestimmt keine funkelnde Genreperle ist, so ist er doch ein gutes Stück besser als das, was die meisten der arrivierten Genreregisseure - zum Beispiel Lucio Fulci mit Quando Alice ruppe lo specchio (When Alice Broke the Mirror, 1988), Lamberto Bava mit Una Notte al cimitero (Die Gruft, 1987), Umberto Lenzi mit La Casa 3 - Ghosthouse (Ghosthouse, 1988) oder Bruno Mattei mit Terminator II (Contaminator, 1989) - in diesem Zeitraum fabriziert haben. Lediglich Dario Argento mit Opera (Terror in der Oper, 1987) und Newcomer Michele Soavi mit Deliria (Aquarius - Theater des Todes, 1987) spielten da (noch) in einer eigenen Liga. Mit der dünnen Storyline kann Spettri ebensowenig punkten wie mit der blassen Figurenzeichnung; die Charakterisierung der Protagonisten ist flacher als eine magersüchtige Flunder, was dazu führt, daß der Zuschauer zu keiner der Figuren einen emotionalen Bezug herstellen kann. Insofern berührt es uns auch kein bißchen, wenn der eine oder die andere dem Bösen zum Opfer fällt.

        Dieser Umstand fällt hier jedoch gar nicht so sehr ins Gewicht, weil Spettri in anderen Bereichen vollauf überzeugen kann. Da wäre einmal der imposante Hauptschauplatz, "die wundervollen Katakomben von Callisto, die mit Kunstlicht zu einem Hort des Überirdischen verklärt werden", wie der Filmgelehrte Christian Keßler in seinem Buch Das wilde Auge (1997) auf Seite 197 zu Recht schwärmt. Sie sind vielleicht der größte und wichtigste Star des Films, gekonnt eingefangen von Silvano Ippolitis (Caligola) überwiegend ruhiger Kamera. So prächtig dieses Höhlensystem auch anzuschauen ist, so sehr nagt es auch am Gemüt. Die Katakomben wirken wie eine eigene kleine Welt, losgelöst von der Realität. Die klaustrophobische Enge sorgt für ein Gefühl der Beklemmung; gleichzeitig regt sich die Angst, in den Weiten des Systems verloren gehen zu können. Die Bewohner (Ratten) dieser unterirdischen Stätte, die makabren Überbleibsel (Knochen) und das stete Tröpfeln des Wassers verstärken dieses ungute Gefühl nur noch.

        Wie der im Jahr darauf entstandene Catacombs (Catacombs - Im Netz des Dunkeln, 1988) von David Schmoeller ist auch Spettri in erster Linie ein schaurig-schönes Mood-Piece. Marcello Avallone legt von Beginn an Wert auf eine dichte, ominöse, unheilschwangere Stimmung, vor der es kein Entrinnen gibt. Das Gefühl einer zwar nicht greifbaren, aber doch deutlich spürbaren Bedrohung ist allgegenwärtig. Das abgrundtief böse, mörderische Wesen, das bei der Öffnung des Grabes freigesetzt wird, ist dann nur die Manifestation dieser beklemmenden Aura. Sie verleiht ihr eine konkrete Form, die Tod und Verderben über die Welt bringt. Wie zahlreiche Kollegen zuvor tappt auch Avallone gegen Ende in die Offenbarungsfalle und gewährt der abscheulichen Monstrosität ihren entbehrlichen Auftritt, wobei er sich gottlob zurückhält und es mit dem Zeigen nicht übertreibt. So gelungen und stimmungsvoll der große Auftritt des Bösen auch ist... gegen das, was die eigene Phantasie auszumalen imstande ist, ist es nun mal völlig chancenlos.

        Die Umsetzung der Murder-Set-Pieces ist Avallone gut gelungen. Die Sequenzen haben einen unheimlichen, leicht surrealen Touch, sie sind schön anzuschauen und sie erfreuen das Fanherz mit der einen oder anderen Unannehmlichkeit (herrlich fies: der zersplitternde Fingernagel), die Sergio Stivaletti gewohnt gut getrickst hat. Zugegeben, von den exzessiven Gore-Eskapaden eines Lucio Fulci ist Spettri weit entfernt; dennoch ist das Hinscheiden der unglücklichen Opfer nicht wirklich harmlos. Ungeduldige Zeitgenossen werden vermutlich die langsame, betuliche Erzählweise kritisieren, aber unnötige Hektik hätte der atmosphärischen Entfaltung des Grauens nur geschadet. Erwähnenswert sind noch Lele Marchitellis und Danilo Reas stimmiger Synthesizer-Score, der das höllische Geschehen unaufdringlich umschmeichelt, sowie der unvergessene Donald Pleasence (Halloween), der hier wieder mal den schrulligen Professor gibt. Wem Spettri gefällt, der sollte auf keinen Fall Avallones Nachfolgewerk Maya verpassen, das zwei Jahre später erschienen ist.
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          Bread and Circus
          (Brød & Sirkus)

          Norwegen 2003 - Written, Produced, Edited & Directed by Martin Loke



          Würde sich Obelix Bread and Circus ansehen, dann würde er bestimmt den Kopf schütteln, sich an die Stirn tippen und seinem Freund Asterix zuraunen: "Die spinnen, die Norweger!" Wobei es sich beim Oberspinner in diesem Fall um Martin Loke handeln würde, dem Mastermind hinter diesem Irrsinn, der ihn nicht nur geschrieben, inszeniert, produziert und geschnitten hat, sondern der auch vor der Kamera in Erscheinung trat, die Kostüme und die Modelle besorgte, für das Set Design und den Sound verantwortlich zeichnete und darüber hinaus auch noch an den Spezialeffekten mitarbeitete. Ein echter Hansdampf-in-allen-Gassen also, der sein filmisches Pulver mit diesem etwa sechshunderttausend norwegische Kronen (= circa dreiundsiebzigtausend Euro) teuren Streifen aber auch schon wieder verschossen hatte. Er hat danach keinen Film mehr gedreht. Je nachdem, wie man Bread and Circus nun beurteilt, wird man diesen Umstand entweder ausgesprochen schade finden, da man gerne mehr von diesem "Verrückten" gesehen hätte, oder man wird seufzend auf die Knie sinken und Gott dafür danken, daß er es bei diesem einen Auswurf belassen hat.

          Wie es zu Bread and Circus gekommen ist, ist mir leider nicht bekannt. Deshalb habe ich mir eine hübsche "Entstehungsgeschichte" ausgedacht, die den Wahnsinn, den man zu sehen bekommt, erklärt, und die geht so: Martin Loke und seine Kumpels haben sich an einem Wochenende getroffen, um sich Peter Jacksons Bad Taste (1987) anzuschauen. Die Stimmung war aufgekratzt, der Alkohol floß reichlich, und jemand schlug vor, Truth or Dare zu spielen. Loke entschied sich für Pflicht, und seine besoffenen Kumpels legten völlig enthemmt los. Er soll einen Film drehen, in dem folgende Dinge vorkommen müssen: Ein Mann wird geboren, schlüpft nackt aus einer Vagina. Einem Typen wird der Kopf zerschossen (soll möglichst genauso aussehen wie die erste Splatter-Szene von Bad Taste). Ein Mann bekommt beim Kacken einen heftigen Arschtritt verpaßt. Eine Frau krabbelt in einen Anus und robbt durch einen kotverschmierten Darm. Ein Typ schluckt einen Schlüssel und wird vom Schlüsselbesitzer zweigeteilt, der dann in seinen Eingeweiden herumwühlt, bis er den Schlüssel gefunden hat. Loke sagte, dies sei kein Problem und machte sich an die Arbeit.

          Ich verzichte an dieser Stelle darauf, etwas zum Plot des Filmes zu schreiben, da ich diesen leider nicht gerafft habe, wie ich beschämt zugeben muß. Vielleicht gibt es einen Sinn hinter dem ganzen Tohuwabohu, der mir verborgen geblieben ist. Vielleicht auch nicht. Klar ist immerhin, daß es sich bei Bread and Circus um einen astreinen Amateurfilm handelt und daß Bad Taste das große Vorbild war. Denn vieles an diesem Streifen erinnert an das furiose Spielfilmdebut des späteren, Oscar-prämierten Regisseurs der The Lord of the Rings-Trilogie, wie zum Beispiel die Gestaltung der extrem saftigen Gore- und ziemlich übersteigerten Sound-Effekte, das campige Spiel der Akteure, die gewagte Mixtur von Slapstick-Humor, deftigen Geschmacklosigkeiten und Over-the-Top-Brutalitäten, oder der ganze, sehr drollige Grundton, der dafür sorgt, daß man dem Gezeigten einfach nicht böse sein kann, auch wenn es hin und wieder weit über das Ziel hinausschießt. Denn das tut es ohne Zweifel. Manchmal denkt man glatt, daß es sich bei Bread and Circus ohne Weiteres um ein verloren gegangenes Machwerk aus der legendären Trash-Schmiede Troma handeln könnte.

          Denn so sehr der Streifen Bad Taste auch ähnelt, so sehr unterscheidet er sich auch wieder von ihm. Etwa durch den wirren, verschwurbelten Plot voller Symbolik und surrealer Momente, der an eine außer Rand und Band geratene Drogenphantasie erinnert. Oder durch die irritierende Musikauswahl; neben klassischen Stücken von Ludwig van Beethoven, Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Georg Friedrich Händel und Jacques Offenbach malträtiert oft Klaviergeklimper von der Sorte die Ohren, wie man es aus Stummfilmkomödien kennt. Außerdem wirkt Bread and Circus verkrampft und zu bemüht; die ausgelassene, kindlich-naive Verspieltheit und die spritzige, sympathische Leichtigkeit des Jackson-Krachers geht ihm bisweilen ab, während der schräge, phasenweise sogar ziemlich perverse Humor sowie einige derbe, geschmacklich fragwürdige Einfälle selbst Trash-gestählte Connoisseure vor den Kopf stoßen könnten. Bread and Circus zählt also eher nicht zum Besten, was Amateure im Filmbereich je auf die Beine gestellt haben. Zum Bizarrsten, Außergewöhnlichsten und Visionärsten zählt Lokes Opus magnum allerdings sehr wohl.
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            Night of the Demons
            (Night of the Demons - Der Halloween-Höllentanz / Nacht der Dämonen)

            USA 1988 - Directed by Kevin S. Tenney



            Es gibt einige wenige Filme, die beinhalten eine bestimmte, dermaßen prägnante, kraftvolle und nahezu unverwechselbare Szene - einen einzigartigen "Signature Shot", wenn man so will -, daß Genrekenner bei Erwähnung dieser einen Sequenz sofort und ohne lange zu überlegen den entsprechenden Film damit in Verbindung bringen. Einige Beispiele. Eine von der Ladefläche eines Lastkraftwagens rutschende Glasplatte enthauptet spektakulär einen sich hinter dem LKW befindlichen Mann. [1] Eine an den Haaren gepackte Frau wird Richtung einer aufgebrochenen Tür gezogen, wo sich ein hervorstehender Holzsplitter qualvoll langsam in ihr rechtes Auge bohrt. [2] Ein kleines, süßes Mädchen kauft sich bei einem Eisverkäufer ein Eis und wird unmittelbar danach von einem jungen Mann grundlos erschossen. [3] Bei einer aus dem Ruder laufenden Demonstration von Gedankenkräften explodiert einem Mann vor laufender Kamera der Schädel. [4] Eine große Gruppe Schulmädchen wirft sich in selbstmörderischer Absicht vor eine einfahrende U-Bahn-Garnitur und sorgt für ein gigantisches Blutbad. [5] Eine von dämonischen Mächten besessene Frau rammt ihrer (ehemaligen) Freundin einen Bleistift tief in den Fußknöchel und rührt heftig darin herum. [6] Ein Mann spannt während eines Kampfes mangels Alternativen ein lebendiges Huhn anstelle eines Pfeiles in seinen Bogen und setzt damit seinen Gegner außer Gefecht. [7] Na, hattet ihr die dazugehörigen Filme alle parat? Gut. Warum ich jetzt lang und breit darüber labere? Nun, auch Kevin Tenneys Night of the Demons hat solch einen einprägsamen "Signature Shot".

            In dieser überaus unterhaltsamen Party-Sause sitzt die auf ihr Aussehen viel Wert legende Suzanne nackt auf dem Boden und schiebt sich ohne Vorwarnung ihren Lippenstift durch die Brustwarze in ihre linke Titte, bis er zur Gänze darin verschwunden ist. Ein origineller und verblüffender Effekt, ganz famos in Szene gesetzt von Steve Johnson, der in weiterer Folge tolle FX zu Filmen wie A Nightmare on Elm Street 4: The Dream Master (1988), Night Angel (1990), Return of the Living Dead III (1993) und Species (1995) beisteuerte. Was vor der mißbräuchlichen Verwendung des Lippenstifts passierte, ist rasch erzählt. Gruftie Angela (Amelia Kinkade, Breakin' 2: Electric Boogaloo) schmeißt eine Halloween-Party, an der unter anderem besagte Suzanne (Linnea Quigley, The Return of the Living Dead), Stooge (Hal Havins, Witchtrap), Rodger (Alvin Alexis, The Brother from Another Planet), Sal (Billy Gallo, Crash), Helen (Allison Barron, Beverly Hills Bodysnatchers), Jay (Lance Fenton, Heathers) und Judy (Cathy Podewell, Beverly Hills Brats) teilnehmen, letztere passenderweise als Alice (die im Wunderland) kostümiert. Als Ort der Zusammenkunft wählt Angela das leerstehende Hull House, ein ehemaliges Bestattungsinstitut, das nach einer gräßlichen Bluttat verrufen ist und üblicherweise gemieden wird. Nach Veranstaltung einer Spaß-Séance, bei der ein antiker Spiegel zu Bruch geht, öffnet sich im Keller die Tür zum Krematorium, und eine dämonische Wesenheit saust rasant durch die Gänge, auf der Suche nach einem Opfer. Das ist schnell gefunden, und die Nacht der Dämonen beginnt.

            Im Gegensatz zu Tenneys ernst angelegtem und gut durchdachtem Spielfilmdebut Witchboard (Witchboard - Die Hexenfalle, 1986) ist sein ca. 1,2 Millionen Dollar teurer, in vier Wochen in Kalifornien abgedrehter Folgefilm eine anspruchslose Geisterbahnfahrt durch ein Haunted House, die weder für Originalität oder Intelligenz noch für Figurentiefe oder schauspielerische Glanzlichter irgendwelche Blumentöpfe gewinnt. Night of the Demons soll in erster Linie Spaß machen, er soll beim Publikum für Unterhaltung und Stimmung sorgen. Hin und wieder versucht Tenney, die Zuschauer auch zu erschrecken, zu erheitern oder gar zu ekeln, aber das alles ist dem einen großen Ziel untergeordnet, das da lautet: FUN! Und im Großen und Ganzen kann ich Tenney & Co attestieren, daß sie ihr Ziel erreicht haben. Trotz der einen oder anderen Länge, vor allem in der wenig ereignisreichen ersten Hälfte, flutscht der Streifen flott und gefällig dahin und sorgt für eine sehr kurzweilige, anderthalb Stunden lange Horrorshow. Außerdem hat Night of the Demons diese eine, spezielle Qualität, die man nur schwer in Worte fassen und begründen kann: Er macht große Lust auf Wiederholungen. Das ist einer jener Filme, die man sich alle (paar) Jahre ansehen kann, ohne daß man ihrer überdrüssig wird. Filmisches Fast-Food, welches lecker schmeckt und kurzzeitig sättigt, an das man sich wenig später jedoch - abgesehen von einer Handvoll Einzelszenen - nicht mehr groß erinnert. Und doch bleibt ein durchwegs angenehmes Gefühl zurück, das plötzlich stark präsent ist, wenn man mal wieder über den Filmtitel stolpert.

            Man muß aber schon auch sagen, daß Night of the Demons ein gut gemachtes kleines B-Movie ist. Die Kameraarbeit von David Lewis, einige Male offensichtlich von The Evil Dead inspiriert, ist ebenso hervorragend wie die stimmige Szenenausleuchtung und die erstklassige Location. Aber auch viele nette Einfälle werten den Streifen auf, wie zum Beispiel der hübsch animierte Vorspann (als "Übergang" fungiert ein Kürbis), Angelas spektakulärer "Dämonentanz" (von Amelia Kinkade selbst choreographiert) oder der böse Schlußgag, der eine scheinbar belanglose Nebenstory vom Beginn wieder aufgreift und konsequent zu Ende führt. Auch Joe Augustyns Drehbuch ist weitgehend in Ordnung und glänzt sowohl mit witzigen Dialogen und deftigen One-Linern als auch mit vielen kleinen Horror-Set-Pieces. In der zweiten Hälfte ist der Film sehr episodenhaft angelegt und hangelt sich von Set-Piece zu Set-Piece, wobei er stark an eine Geisterbahnfahrt erinnert, wo in jedem Raum bzw. hinter jeder Türe etwas Schreckliches lauern kann. Die fiesen Dämonenfressen sind gut gelungen und auch Johnsons sporadisch eingesetzte Gore-Momente (mit einem zünftigen Augenausdrücken als Highlight) können sich sehen lassen. Und Dennis Michael Tenneys gefälliger Synthesizer-Score verstärkt das 80er-Jahre-Flair, das Night of the Demons sowieso aus allen Poren quillt, noch einmal beträchtlich. Somit gilt: Vor Betreten von Hull House am besten den Anspruch an der Eingangstür abgeben, dann sollte Angelas extravagante Halloween-Party viel Vergnügen bereiten.


            [1] The Omen (Das Omen, Richard Donner, 1976)
            [2] Zombi 2 (Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies, Lucio Fulci, 1979)
            [3] Assault on Precinct 13 (Assault - Anschlag bei Nacht, John Carpenter, 1976)
            [4] Scanners (Scanners - Ihre Gedanken können töten, David Cronenberg, 1981)
            [5] Jisatsu sâkuru (Suicide Circle, Shion Sono, 2001)
            [6] The Evil Dead (Tanz der Teufel, Sam Raimi, 1981)
            [7] Hot Shots! Part Deux (Hot Shots! - Der 2. Versuch, Jim Abrahams, 1993)
            Zuletzt geändert von Randolph Carter; 02.11.2019, 14:17.
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              Voodoo Man
              USA 1944 - Directed by William Beaudine



              Dr. Marlowe: "My wife... this young lady is going to help you."
              Stella: "Is your wife ill?"
              Dr. Marlowe: "She's dead."


              Voodoo Man ist Bela Lugosis letzter Film aus seiner recht fruchtbaren Monogram Pictures-Periode, und Fans des am 16. August 1956 verstorbenen Kultmimen sollten sich seine "Abschiedsvorstellung" keinesfalls entgehen lassen, liefert er hier doch genau das ab, wofür man ihn schätzt und liebt. Der ehemalige Dracula-Darsteller spielt den Wissenschaftler Dr. Marlowe, der - wie aus obigem Dialog bereits hervorgehen sollte - ein gravierendes Problem mit seiner Frau Evelyn (Ellen Hall) hat. Die ist nämlich seit zweiundzwanzig Jahren tot, wird jedoch mittels Magie am Leben erhalten, falls man katatonisches Herumsitzen und unaufhörlich ins Leere starren Leben nennen kann. Marlowe klammert sich an das letzte Fünkchen Hoffnung, das ihm noch verblieben ist, und dieses hört auf den Namen Voodoo. Es wäre doch gelacht, wenn es mit Voodoo nicht gelingen würde, den Geist einer hübschen jungen Frau in die leblose Körperhülle zu transferieren, zumal er in Tankwart und Voodoo-Priester Nicholas (George Zucco, The Mummy's Hand) einen engagierten Mitstreiter gefunden hat. Wie es das Drehbuch von Robert Charles so will, verschlägt es den Autoren Ralph (Tod Andrews) mit seiner hübschen Verlobten Betty (Wanda McKay) in die abgelegene Gegend, wo der Arzt residiert, kurz nachdem er sich bereits Bettys Cousine Stella (Louise Currie) gekrallt hat. Und in Betty sieht Marlowe die perfekte "Spenderin".

              Obwohl Voodoo Man alle Anzeichen einer absoluten Billigproduktion aufweist - kurze Laufzeit, wenige Sets, eine überschaubare Anzahl von Figuren, kaum Action, fast keine Spezialeffekte -, so muß man Regisseur William Beaudine zugutehalten, daß er die geradlinige (und ziemlich hanebüchene) Geschichte so stimmungsvoll wie kurzweilig über die etwa einstündige Runde bringt. Die ganze Produktion macht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, einen recht sorgfältigen Eindruck, wenngleich auch hier das oftmalige Abrutschen in unbeabsichtigt komische (Trash-)Gefilde nicht vermieden werden konnte. Andererseits funktionieren einige Sequenzen erstaunlich gut, wie etwa der Umgang mit den in weißen Gewändern steckenden "Zombie"-Frauen (sie fristen ihr Dasein meist stehend in Nischen im Keller, wo sie geduldig warten, bis sie vom Meister geholt werden). Überhaupt wecken die Opfer des Doktors starke Erinnerungen an die "Zombie"-Frau in Jacques Tourneurs meisterlichem I Walked with a Zombie (Ich folgte einem Zombie, 1943), inklusive der traurigen Aura, die sie umgibt. Voodoo Man hat eine schöne, jedoch ganz eigenwillige Atmosphäre, die irgendwo zwischen träumerischem Grusel und lockerem Camp angesiedelt ist. Zu letzterem tragen auch die selbstreferentiellen In-Jokes rund um Ralph bei, der als Drehbuchautor für die Filmproduktionsfirma Banner arbeitet. Voodoo Man wurde produziert von Banner Productions.

              Das latent campige Flair wird durch diverse weitere Faktoren enorm verstärkt. Bela Lugosis zurückgenommene, jedoch diabolische Performance etwa ist ein einziger Genuß, und auch George Zucco überzeugt mit seiner engagierten Darbietung als Voodoo-Priester; bei seinen immens launig zelebrierten Zeremonien sollte kein Auge trocken bleiben. Dennoch wird den beiden - beinahe - von John Carradine (Shock Waves) die Show gestohlen, der als Marlowes geistig minderbemittelter Handlanger Toby alle Register zieht, sich zärtlich um die "Zombie"-Frauen kümmert (sein liebevolles Streicheln ist verdammt creepy) und bei den Ritualen enthusiastisch auf den Bongos trommelt, mit hinreißend debilem Gesichtsausdruck. Ich fürchte, diese Bilder werden noch lange in meinem Gedächtnis umherflackern. Witzig ist auch, wie Toby und sein Partner Grego (Pat McKee) die Frauen entführen; die verfolgen eine ähnliche Strategie wie H. G. Lewis' "Two Thousand Maniacs"! So toll die Schurken sind, so langweilig sind die Protagonisten. Ralph zeigt zwar Einsatz, erweist sich im entscheidenden Moment allerdings als unfähig und verpaßt den kurzen und wenig berauschenden Showdown durch einen akuten Anfall von Bewußtlosigkeit. Die Frauen sind allesamt hübsch, haben aber kaum etwas zu tun; lediglich Stella darf ein paar nette Sätze von sich geben. Der klägliche Rest (Bettys Mutter, der Sheriff, sein Deputy) ist nicht der Rede wert.

              Trotz der vielen Schwächen zählt Voodoo Man zum Besten, was mit Bela Lugosis Beteiligung in den 1940er-Jahren entstanden ist, was vor allem der originellen Melange aus Wissenschaft und Voodoo, den so schrägen wie denkwürdigen Figuren und der schönen, traumartigen Stimmung zu verdanken ist. Und mittendrin verblüfft einen dann plötzlich auch ein Moment purer Filmmagie. Da verknüpfen sich, unfaßbar knuffig getrickst, zwei Schnüre ganz von selbst. In diesen wenigen Sekunden ging mir das Herz auf und ein seliges Grinsen stahl sich auf mein Gesicht. Es sind Momente wie diese, die meine Leidenschaft für das phantastische Kino immer wieder neu entfachen. All das überbordende CGI-Gedöns all der Jahre zusammen, und mag es noch so perfekt getrickst sein, kommt dagegen einfach nicht an.
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                The Geek
                USA 1971 - Directed by ?



                Manchmal bringen einige wenige Worte die gesamte Handlung eines Filmes so perfekt auf den Punkt, daß man nur baß staunen und respektvoll den Hut ziehen kann. Dies trifft zum Beispiel auf den Plot von The Geek zu, wo in der Internet Movie Database beim Filmeintrag geschrieben steht:

                "Some Green Peacers go into the woods to celebrate nature; then Bigfoot shows up and rapes them."

                Treffender geht es fast nicht. Etwas ausführlicher hört sich die Story dann so an: Sechs junge Menschen, drei Männer und drei Frauen, fahren mit einem weißen VW-Bus ins Grüne, um die Natur zu genießen und den legendenumwobenen Sasquatch - auch bekannt als Bigfoot - zu finden und zu photographieren. Während das Lager in der Nähe des Waldes aufgeschlagen wird, sondert sich ein frischvermähltes Pärchen heimlich, still und leise ab, um auf einer Wiese ihre ehelichen Pflichten zu vollziehen. Anders formuliert: Sie fingern an sich herum, er leckt sie, sie bläst ihn, dann besteigt er seine erwartungsvoll auf dem Rücken liegende Frau und besorgt es ihr in der Missionarsstellung. Zurück im Lager begibt sich ein anderes Pärchen in ein Zelt für eine Runde zünftiges Schnackseln. Anders formuliert: Sie fingern an sich herum, er leckt sie, sie bläst ihn, dann besteigt er die erwartungsvoll auf dem Rücken liegende Frau und besorgt es ihr in der Missionarsstellung. Es geht doch nichts über ein wenig Phantasie beim Geschlechtsakt. Ein Blick auf die Uhr nach den ausgiebigen Liebesspielen verrät, wir befinden uns in Minute siebenunddreißig. Bei einer Gesamtlaufzeit von etwa fünfundfünfzig Minuten heißt das, daß bereits mehr als zwei Drittel des Filmes um sind.

                Bis hierher ist der in Kalifornien gedrehte The Geek im Grunde ein ganz "normaler" Hardcore-Porno, der kaum der Rede wert ist. Ein billiger, unorigineller und erstaunlich öder Ferkelfilm, zur Gänze in der freien Natur spielend, mit expliziten Sexszenen, die weder vor Leidenschaft überquellen noch mit Kreativität glänzen oder mit Witz punkten. Wenig auf- bzw. erregendes Gebumse, um die Zeit bis zur großen Attraktion zu überbrücken, die da heißt: Sasquatch. Aus unerfindlichen Gründen nennt man das wilde Zottelwesen hier allerdings "the Geek". Egal, die Gruppe hat Glück, sie steht dann tatsächlich dem Geek gegenüber. Ein mutiges (und dummes) Mädel nähert sich ihm vorsichtig, mit ausgestreckter Hand, um gleich mal "Grüß Gott!" zu sagen. Zu ihrer Verwunderung ignoriert der Geek ihre höfliche Begrüßungsgeste. Stattdessen packt er sie feste, beschnuppert sie, schält ihr die Hose vom Leib, platziert sie auf allen Vieren vor sich hin und nimmt sie stürmisch und ungefragt von hinten. Womöglich hat ihm ihr Geruch Paarungswilligkeit signalisiert, man weiß es nicht. Nach dem ersten Schock - die Frau wußte wahrscheinlich gar nicht, wie ihr geschieht - leistet sie zaghaft Gegenwehr. Und dann passiert das, was in Exploitationfilmen der 1970er-Jahre manchmal passierte.

                Das Vergewaltigungsopfer findet Gefallen am garstigen Akt, anders ist das breite Grinsen, das sich auf ihr Gesicht stiehlt, nicht zu erklären. Als der Geek mit ihr fertig ist, bleibt sie erstmal erschöpft liegen. Was auch immer für Gedanken ihr jetzt durch den Kopf schwirren, so hat sie sich die Begegnung mit dem haarigen Unhold bestimmt nicht vorgestellt. Immerhin scheinen ihre Kameraden nun den Ernst der Lage erkannt zu haben und geben Fersengeld. Sie befürchten wohl, daß Bigfoot sein Pulver noch nicht zur Gänze verschossen hat. Und sie irren nicht! Der liebestolle Geek macht sich sogleich über eine junge Frau her, die aufgrund eines fatalen Stolperers hilflos im Gras zappelt. Auch sie wird forsch von hinten begattet. Im Gegensatz zu Opfer Nummer Eins verfällt sie allerdings in eine Art Schreckstarre, rührt keinen Finger und läßt den aufgezwungenen Beischlaf stillschweigend über sich ergehen. Der eine oder andere fragt sich jetzt vielleicht, was denn die Männer so gemacht haben, während zwei ihrer Weibchen vom abscheulichen Zottelwesen geschändet wurden. Nun, da sie sich alle in unmittelbarer Nähe aber nicht im Bild befunden haben, standen sie wohl wie die Ölgötzen in der Botanik und hielten Maulaffen feil. Sowas sieht man halt echt nicht alle Tage.

                Jetzt aber, da Bigfoots Vergewaltigungsorgie ein Ende gefunden hat, nehmen sie all ihren Mut zusammen und stürmen auf das Monster los. Dabei stellen sie sich so dämlich an, daß man glatt glauben könnte, wir wohnen der ambitionierten Schultheateraufführung eines Slapstick-Projekts bei. Wie auch immer, sie schaffen es, das Biest zu verscheuchen; vermutlich hatte es Mitleid mit den Deppen und tat ihnen den Gefallen, in den Wald zurückzudackeln. "Someday I'm gonna get that filthy animal", murmelt der Photograph, der nach der Rangelei ziemlich angeschlagen ist. Dann gehen die Sechs ihrer Wege, wobei der Photograph, der sich nach dem Schubser kaum auf den Beinen halten kann, von seinen Begleitern umsorgt wird. Um die zwei vergewaltigten Frauen, die lustlos nebenher stapfen, kümmert sich indes kein Schwein. Die werden völlig ignoriert! Ein unschickliches Ende für einen unfaßbaren Film. Wer The Geek verbrochen hat, ist nicht bekannt. Die mir vorliegende Fassung hat keine Credits, und auch das Internet hüllt sich über die ominösen Macher in Stillschweigen. Vielleicht haben ebenjene ja nach der Sichtung ihres famosen Machwerks kalte Füße bekommen? Jedenfalls waren die Füße nicht kalt genug, um den Film nicht trotzdem zu veröffentlichen.

                Als Film ist The Geek ein Totalausfall, als irrlichternde Murmel aus dem Kuriositätenkabinett der Exploitation-Filmgeschichte ist er unbezahlbar. Der Streifen ist ein Baddie, wie er im Buche steht. Dagegen wirkt der andere große Bigfoot-Heuler, James C. Wassons Night of the Demon (Der Teufel tanzt weiter, 1980) wie Oscar-Material. Hier stimmt einfach gar nichts. Von den talentbefreiten Schauspielern über die lahme Kameraarbeit bis zur haarsträubend dilettantischen Inszenierung, dieses Werk ist fast schon meisterhaft in seinem totalen Unvermögen. Doch genau daraus ergibt sich auch die Faszination, die mitunter hypnotische Höhen erklimmt. Denn so öde und bescheuert es oft zugeht, es fällt unsagbar schwer, den staunenden Blick von dieser filmischen Katastrophe, von diesem cineastischen Super-GAU, abzuwenden. Keine Sekunde will man verpassen. Nicht das minutenlange, ereignislose Spazieren durch die Botanik, nicht den unbeholfenen Aufbau des Camps, nicht die betont nüchternen (und reichlich überflüssigen) Kommentare der sonoren Erzählstimme ("Here you see our crew preparing to make camp."), nicht die lahmen, nachsynchronisierten Dialoge, und auch nicht die unermüdlich nebenher dudelnde, oft von Streichern und Bläsern dominierte Musik.

                Und ganz bestimmt nicht verpassen will man Sasquatch aka Bigfoot aka "the Geek", der ziemlich armselig geraten ist. Man muß wohl lange suchen, um ein erbärmlicheres Monster als dieses dumm glotzende aber sexuell aktive Zottelwesen zu finden. Wer beim Anblick dieses jämmerlichen Zausels nicht lauthals losprustet, geht zum Lachen wohl in den Keller. The Geek ist grenzwertiger Unfug der gröbsten Sorte, den man unmöglich ernst nehmen kann. Für Bad-Movie-Aficionados und Sexploitation-Freaks somit absolutes Pflichtprogramm.
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