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Thema: Phantasmagorien aus den unaussprechlichen Abgründen des Wahnsinns

  1. #451
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    Mujer lobo
    (She Wolf / She Wolf - Sie tötet in Exstase)

    Argentinien 2013 - Directed by Tamae Garateguy



    Nacht für Nacht begibt sich die einsame Wölfin auf die Pirsch, um ihren schier unersättlichen Hunger zu stillen. Ihr Jagdrevier ist groß und nennt sich Buenos Aires. Ihr Auftreten ist selbstsicher, ohne arrogant zu wirken. Sie ist sich ihres guten Aussehens ebenso bewußt wie ihrer starken Ausstrahlung, und sie weiß, daß sich der Erfolg über kurz oder lang einstellen wird. Irgendjemand beißt immer an, wenn das Lockmittel Sex heißt. Danach ist die Femme Fatale für kurze Zeit befriedigt und gesättigt, während das Leben ihrer Opfer in der Regel ein vorzeitiges Ende gefunden hat. Ein mürrischer Polizist kommt ihrem mörderischen Treiben auf die Spur. Wie ein Spürhund heftet er sich an ihre Ferse, läßt nicht mehr vor ihr ab, gedenkt, sie zur Strecke zu bringen, koste es was es wolle. Immer wieder entkommt sie seinem Zugriff, doch es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sich die Schlinge endgültig zuziehen wird.

    Einer der besten, interessantesten, originellsten und irgendwie auch schönsten Exploitationfilme der letzten Jahre kommt aus Argentinien! Tamae Garateguys Mujer lobo ist so etwas wie die Punkrock-Version von Ana Lily Amirpours A Girl Walks Home Alone at Night (2014). Während diese grandiose Vampirballade ihre Geschichte ruhig, zärtlich und melancholisch erzählt, umweht von einem wunderbar traumhaften Flair und einem sanften Hauch von Poesie, ist Mujer lobo wild, ungestüm, exzessiv und leidenschaftlich, ein abgründiger, hemmungsloser Fiebertraum mit einer Prise David Lynch und einer gesunden Dosis Jesús Franco. Beide Filme begeistern zudem mit einer ungemein stilvollen Schwarzweiß-Optik; lediglich einmal schleicht sich bei Mujer lobo etwas Farbe ins Geschehen, in einer kurzen aber imposanten, wuchtigen, kraftvoll gestalteten Schlüsselsequenz gegen Ende, wenn die Wölfin am Scheideweg steht.

    Um die titelgebende Figur interessanter zu gestalten, bedient sich Regisseurin Garateguy eines kleinen Kunstgriffes. Die Wölfin besteht nämlich aus drei unterschiedlichen Persönlichkeiten, welche auch von verschiedenen Frauen (Mónica Lairana, Guadalupe Docampo und Luján Ariza) gespielt werden. Mal hat die eine das Kommando, mal die andere, und der Übergang ist oft so fließend, daß mitunter sogar innerhalb einer Szene ein Wechsel stattfinden kann. Manchmal ist die Wölfin die eiskalte, erbarmungslose, blutrünstige Killerin, dann wieder die blonde, wollüstige Verführerin. Die dritte Persönlichkeit ist die Schwachstelle im fragilen Gefüge, ist sie doch die einzige, die Gefühle empfindet. Und die sich auch prompt verliebt. Kamera und Musik passen sich der jeweiligen Persönlichkeit an, die gerade aktiv ist. Bei der Blonden ist sie z. B. ruhig und sinnlich, bei der Killerin jedoch rasend und voller wilder Energie.

    Eine linear erzählte Geschichte sucht man in Mujer lobo vergebens. Was man stattdessen geboten bekommt ist eher ein dynamisches Sich-treiben-lassen durch das nächtliche Buenos Aires, eingefangen in einer eindrucksvollen Schwarzweiß-Ästhetik, welche dem Geschehen eine ganz eigene, irgendwie hypnotische Note verpaßt. Man fühlt sich wie in einem angenehmen Rausch, dem man nicht widerstehen und in dem man sich verlieren kann. Großartig. Das einzige, das ich dem Film vorwerfen kann, ist die fehlende emotionale Ebene sowie die mangelnde Charaktertiefe einiger Figuren, womit sich dieses Exploitation-Kunstwerk zumindest ein wenig den "Style over Substance"-Vorwurf gefallen lassen muß. Keine Frage, Mujer lobo zeigt dem konventionellen Genre-Mainstream gepflegt den Mittelfinger und wird bestimmt viele Fans ratlos zurücklassen. Aber so ist das nun mal mit Visionen, die eigenwillig, radikal und ohne Kompromisse umgesetzt werden.

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  2. #452
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    Bleeders
    (Hemoglobin / Hämoglobin / The Descendant)

    Kanada/USA 1997 - Directed by Peter Svatek



    Howard Phillips Lovecrafts Horror-Story The Lurking Fear (Die lauernde Furcht), geschrieben im November 1922 und erstveröffentlicht als vierteilige Fortsetzungsgeschichte von Januar bis April 1923 im Home Brew-Magazin, wurde bislang drei Mal verfilmt. Im Jahre 1989 entstand unter der Regie von David McCormick Dark Heritage, eine inoffizielle Umsetzung der Vorlage, die ich nicht kenne. Fünf Jahre später drehte C. Courtney Joyner für Full Moon Entertainment Lurking Fear (Shocking Fear, 1994), ein eher durchschnittliches, wenig bemerkenswertes Filmchen, das zumindest aufgrund der Besetzung einen Blick wert ist. Wesentlich gelungener ist da schon Bleeders (aka Hemoglobin), eine etwa acht Millionen CAD teure kanadisch-amerikanische Co-Produktion, die im Juli und August 1996 auf Grand Manan Island in New Brunswick, Kanada, gedreht wurde. Wie Dark Heritage ist auch Bleeders keine offizielle Adaption der Lovecraft-Story. Als Grundlage diente ein altes Skript von Dan O'Bannon (The Resurrected), welches er wohl zusammen mit Ronald Shusett (Dead & Buried) verfaßt hatte und das von Charles Adair und Gerald Seth Sindell be- bzw. überarbeitet wurde. Für die Regie verpflichtete man Peter Svatek, auf dessen Konto bereits die Filme Witchboard III: The Possession (1995) und Sci-fighters (1996) gingen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und ist meiner Ansicht nach einer der unterbewertetsten Genrefilme der 1990er-Jahre.

    Um ungestört seinen verbotenen, widernatürlichen und ungesunden Gelüsten nachgehen zu können, verlegte der reiche Van Daam-Clan einst seinen Wohnsitz von Holland nach New England, auf eine kleine, ruhige, abgeschiedene Insel. Mehr als dreihundert Jahre sind seitdem vergangen, und die Familie ist nach einem verheerenden Feuer, das vor einigen Jahrzehnten ihr Schloß verschlungen hat, wie vom Erdboden verschluckt. Auf der Suche nach seinen Vorfahren verschlägt es den todkranken John Strauss (Roy Dupuis, Screamers) auf ebendiese Insel. Es ist der letzte Strohhalm, nach dem er und seine Frau Kathleen (Kristin Lehman, The Loft) greifen, denn die mysteriöse, vererbte Blutkrankheit, an der er leidet, scheint unheilbar zu sein und schwächt ihn von Tag zu Tag mehr. Tatsächlich stellt sich heraus, daß John ein Nachfahre der Van Daams ist, und daß sein fragiler Gesundheitszustand die Folge jahrhundertelanger Inzucht ist. Noch während das Ehepaar auf der Insel verweilt kommt es zu alarmierenden Vorkommnissen. In den exhumierten Särgen - der Friedhof soll aufs Festland verlegt werden - fehlen die Leichen, Menschen verschwinden spurlos, und ein grotesk deformiertes Wesen wird von einer Schiffsschraube zerfetzt. Als ein Mädchen beim Versteckspielen in die Erde gezerrt wird und der Inselarzt Dr. Marlowe (Rutger Hauer, The Hitcher) bei der Suche nach dem Kind auf ein verzweigtes Tunnelsystem stößt, spitzen sich die Ereignisse rasant zu.

    Bleeders nimmt sich sehr viel Zeit, um die Figuren einzuführen. Das Geschehen entfaltet sich langsam und bedächtig, sodaß die erste halbe Stunde lang Geduld gefragt ist. In klassischer Monsterfilmtradition füttert man das Publikum häppchenweise mit Andeutungen, ohne konkret etwas zu zeigen. Eine POV-Aufnahme durch die vergitterte Luftschachtabdeckung hier, ein vorbeihuschender Schatten da, eine unförmige Hand dort. Erst als sich die unter Tage lebenden, lichtscheuen Kreaturen an den Inselbewohnern vergreifen, da man ihnen mit der Verlegung des Friedhofs den Nahrungsnachschub abgeschnitten hat, verdichtet sich das Mystery-Motiv zu einem grausigen Horror-Szenario, welches schließlich in einen blutigen Überlebenskampf im und um den sturmumtosten Leuchtturm gipfelt. Die schauspielerischen Darbietungen sind großteils in Ordnung. Rutger Hauer als trinkfreudiger Arzt agiert gewohnt souverän, Kristin Lehman kauft man ihre Liebe zu ihrem Mann ebenso ab wie ihre Verzweiflung hinsichtlich seiner Krankheit und ihre nackte Panik, als sie letztendlich mit dem monströsen Grauen konfrontiert wird, lediglich Roy Dupuis bleibt im wahrsten Sinne des Wortes blaß. Darüber hinaus ist er nicht sonderlich sympathisch gezeichnet, weshalb einen sein Schicksal auch mehr oder minder kalt läßt. Nein, in dieser Hinsicht macht Bleeders leider keinen Stich, aber das ist verschmerzbar, weil der Streifen genug Trümpfe in der Hinterhand hat, die er nach und nach geschickt ausspielt.

    Den ersten Trumpf knallt er recht zeitig auf den Tisch, indem er eine der sympathischsten Figuren über die Klinge springen läßt. Ein erster kleiner Schock, mit dem nicht zu rechnen war. Daß in weiterer Folge auch kleine Kinder gefressen werden, ist da nur konsequent. Selbst wenn das Blut nicht in Strömen fließt... harmlos ist Bleeders keineswegs, das garantieren schon die angerissenen Themen wie Inzest zwischen Zwillingen, genetische Mutationen, groteske Deformationen, Kannibalismus und Hermaphroditismus. Dazu passend ist die Stimmung trist und humorlos; der Film ist von der ersten bis zur letzten Minute völlig ernst angelegt. Erstklassige Arbeit haben einmal mehr die Maskenbildner geleistet, welche die degenerierten Kreaturen liebevoll designt und gestaltet haben. Wie sie da durch die dunklen Gänge huschen, torkeln oder sich auf andere Art und Weise fortbewegen (bei einigen endet der Körper im Beckenbereich), das ist einerseits bedrohlich und verstörend, andererseits jedoch auch irgendwie erbärmlich und mitleiderregend. Die dramaturgisch routiniert aufgebaute Horrormär erreicht ihren Höhepunkt im tollen, packenden Finale (untermalt von einem starken Score, der dem Geschehen zusätzliche Kraft und Intensität verleiht), welches nur ein Manko aufweist: Es ist leider ziemlich kurz geraten. Am bittersüßen Ende gibt es allerdings wenig auszusetzen. Erwähnenswert sind noch die schönen, wildromantischen Landschaften sowie eine heiße Sexszene, die einen etwas selbstzweckhaften Eindruck hinterläßt.

    Insofern ist, um auf den Begriff "unterbewertet" zurückzukommen, eine Wertung von schlappen 3,80 Punkten bei der Internet Movie Database einfach nur absurd, ein schlechter Witz. Das mag verstehen, wer will; ich tu's nicht. Selbst die unterdurchschnittliche OFDb-Wertung von 4,90 ist kaum verständlich, insbesondere wenn man berücksichtigt, daß Lurking Fear auf 5,32 Punkte kommt (alle Wertungen abgerufen am 28.04.2018). Und mit Lurking Fear wischt Bleeders, man möge mir meine saloppe Formulierung verzeihen, den Boden auf. Nein, ein vergessenes Meisterwerk ist der Streifen ebenso wenig wie ein übersehener Genreklassiker oder ein durch den Rost gefallenes Kleinod, dazu ist Svateks Regie zu durchschnittlich, die Figurencharakterisierung zu oberflächlich und der generelle Look zu bieder. Doch sowohl als (unautorisierte) Lovecraft-Verfilmung als auch als grimmig-düsteres Monster-Movie weiß Bleeders sehr wohl zu überzeugen. Eine Acht oder gar eine Neun (von möglichen Zehn) auf der üblichen Bewertungsskala ist für Bleeders definitiv außer Reichweite, aber eine (sehr) gute Sieben erachte ich als durchaus angemessen.

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  3. #453
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    The Neon Dead
    (Invasion of the Undead)

    USA 2015 - Written & Directed by Torey Haas



    Wer sich heutzutage dazu entscheidet, einen Zombiefilm zu drehen, sollte tunlichst seine kleinen grauen Zellen bemühen und ein originelles Konzept entwerfen, bevor er die Digitalkamera anwirft und sein großes Epos in Angriff nimmt. Ansonsten ist es gut möglich, daß der Film im Meer der Konkurrenz abgesoffen ist, lange bevor irgendjemand Notiz von ihm hätte nehmen können. Regisseur/Autor Torey Haas hat exakt das gemacht, weshalb sich sein Werk The Neon Dead (formerly known as Invasion of the Undead) auch problemlos über Wasser hält. Wer an preisgünstig produzierten, sympathischen und ambitionierten Horrorkomödien Gefallen findet, der ist bei The Neon Dead goldrichtig, obwohl die Geschichte selbst nicht der große Wurf ist. In der alten Villa von Allison Hillstead (Marie Barker) gehen plötzlich ausgesprochen häßliche Untote um. Die hübsche Blondine befolgt den Rat einer neunmalklugen Pfadfinderin (Josie Levy) und zieht zwei "Experten" zu Rate, den in einer Videothek jobbenden Desmond (Greg Garrison) sowie dessen Nerd-Kumpel Jake (D. Dylan Schettina). Gemeinsam stellen sie sich der Zombie-Plage entgegen, müssen jedoch schon bald feststellen, daß sie damit womöglich mehr abgebissen haben, als sie schlucken können.

    Womit hebt sich The Neon Dead also von seinen Mitbewerbern ab? Nun, erst einmal sind die Zombies keine richtigen Zombies, sondern bloß untote Diener des Dämons Z'Athax. Aus diesem Grund empfiehlt es sich auch, ihnen mit Salz zu Leibe zu rücken, und nicht mit gehirnzerstörenden Kugeln. Zweitens begeistert der Streifen mit seiner originellen Ästhetik. Haas setzt nicht nur auf eine grelle, gewollt künstlich wirkende Szenenausleuchtung in den Farben Rot, Grün und Blau, sondern läßt Teile seiner Kreaturen gleich selbst neonfarben leuchten. So gischt das unheilige Licht entweder aus den Augen oder aus den Mündern der zombieähnlichen Diener, was sie gleichermaßen unheimlich und komisch wirken läßt. Und drittens setzt Haas verstärkt auf ein cooles Comic- bzw. Videospiel-Flair, indem er seinen Helden viele Steine in den Weg legt und sie am Ende gegen den schier übermächtigen "Hauptgegner" (= Z'Athax) antreten läßt. Bei den Masken der Untoten hat man sich offensichtlich Mühe gegeben, sodaß jeder seinen eigenen Look hat und sie sich gut voneinander unterscheiden. Die erste Konfrontation von Allison mit einer grüngesichtigen Untoten im Badezimmer ist sehr gelungen und gibt hinsichtlich Ton und Stimmung auch gleich die Richtung vor.

    Siebzehntausend Dollar hat der in Georgia gedrehte Film gekostet, und jeder Cent davon ist auf dem Bildschirm zu sehen, eingefangen von Nick Lauingers erstklassiger Bildgestaltung, der sich hiermit für Größeres empfiehlt. Die für solcherart Low Budget-Projekt spektakulären Spezialeffekte sind ein bunter Mix aus praktischen, visuellen und Computer-Effekten, und bei den Auftritten des drolligen Dämons kommt sogar Stop-Motion zum Einsatz. Der Humor respektive die lustig gemeinten Sprüche zünden zwar nicht immer, jedoch findet Haas eine gute Balance zwischen campy Fun, lockerer Fantasy und gruseligem Horror. Die Hauptdarsteller liefern ordentliche Leistungen ab und kommen recht sympathisch rüber, wobei die Damsel in Distress über sich hinauswächst und den "Profis" in nichts nachsteht. Probleme gibt es mit der holprigen Dramaturgie und dem etwas unrunden Fluß des Streifens (die in Sepia getauchten Flashbacks in längst vergangene Zeiten sind zwar nett, drücken aber leider das Tempo), aber dieses Manko ist angesichts der spürbaren Begeisterung der Macher leicht zu verschmerzen. The Neon Dead ist ein launiger, cartoonesker, visuell bestechender Horrorspaß mit Herz, Charme und memorablen Kreaturen, der achtzig Minuten anspruchslose Kurzweil bietet. Groovy.

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  4. #454
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    Le malizie di Venere
    (Venus im Pelz / Das Mädchen Wanda / Venus in Furs / Devil in the Flesh / Fire in the Flesh / School Girl Temptations / Venere nuda / Venere in pelliccia)

    Deutschland/Italien/Schweiz 1969 - Directed by Massimo Dallamano



    Severin, Severin, speak so slightly
    Severin, down on your bended knee
    Taste the whip, in love not given lightly
    Taste the whip, now plead for me

    I am tired, I am weary
    I could sleep for a thousand years
    A thousand dreams that would awake me
    Different colors made of tears


    Venus in Furs, from the album The Velvet Underground & Nico (1967)
    The Velvet Underground
    Songtext (Auszug) - Written by Lou Reed

    Severin (Régis Vallée) hat Gelüste. Spezielle Gelüste. Geweckt wurden diese Gelüste bereits in seiner Kindheit, genau genommen an jenem Tag, an dem er das Dienstmädchen der Familie heimlich beim Sex mit dem Chauffeur beobachtete. Unglücklicherweise war der Junge nicht vorsichtig genug und wurde prompt beim fröhlichen Spannen erwischt, woraufhin ihm von der empörten Bediensteten ordentlich eine gescheuert wurde. Das hübsche Mädel bereute jedoch sofort ihre heißblütige Überreaktion und drückte den armen Kleinen fest an ihren wohlgeformten, nackten Busen, um ihn zu trösten. Die Saat war gesät, der Boden war fruchtbar, das Pflänzchen gedieh prächtig. Als Severin, nun so um die dreißig Jahre alt, der hübschen Wanda von Dunajew (Laura Antonelli, Malizia) begegnet, ist es um ihn geschehen. Er kann die Augen nicht von dieser Frau lassen, verfolgt sie mit seinen Blicken, spioniert ihr nach und sieht ihr schließlich sogar durch ein Guckloch beim Sex zu. Wanda bleibt der sie stalkende Voyeur nicht verborgen, und im Gegensatz zu den meisten Frauen genießt sie seine ungewöhnlichen Aktivitäten. Eine seltsame Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf, die sogar in eine mehr oder weniger spontane Heirat gipfelt. Doch bald zeigen sich Risse in der ungesunden Beziehung, welche sich rasch vertiefen und bizarre Gewalt(phantasien) nach sich zieht (ziehen).

    Basierend auf der Novelle des österreichischen Schriftstellers Leopold von Sacher-Masoch aus dem Jahre 1870 inszenierte Massimo Dallamano (Cosa avete fatto a Solange? aka Das Geheimnis der grünen Stecknadel) Ende der 1960er-Jahre ein prickelnd-kontroverses, lustvoll-perverses Erotikdrama, das gleichermaßen erregt wie verstört. Das Verhältnis des getriebenen Protagonisten zur Sexualität ist zutiefst gestört. Lust und Schmerz, Hingabe und Demütigung, Zuschauen und Bestrafung, das alles gehört für ihn zusammen, ist untrennbar miteinander verwoben. Wobei die Rollenverteilung von Anfang an feststeht. Severin ist nicht der dominante Part der Beziehung, sondern der unterwürfige. "I want you to make me suffer!", fordert er von seiner Geliebten. "You are my mistress, I am your slave." Und weiter: "I want no limits... to your cruelty." Wanda kommt seinen Wünschen anfangs gerne nach. Bis sie einerseits des Spiels überdrüssig wird und sich andererseits herausstellt, daß es sehr wohl Grenzen für Severin gibt, und daß ein Überschreiten dieser Grenzen ihn um den Verstand zu bringen droht. Für das katholische Italien Ende der Sechziger/Anfang der Siebziger war diese freizügige SM-Phantasie viel zu starker Tobak; dem Film wurde erst die Freigabe verweigert, dann wurde er heftig zensiert und überarbeitet. Erst 1975, sechs Jahre nach seiner Entstehung, erblickte er in stark veränderter Form das Licht der italienischen Leinwände.

    "For a second I thought you wanted to kill me. It was beautiful. Absolutely beautiful."

    Selbst wenn man mit der SM-Thematik nichts anzufangen weiß, ist Le malizie di Venere ein faszinierendes, bisweilen sogar aufwühlendes Erlebnis. Die der Geschichte innewohnende Dynamik, die Wechselbäder der Gefühle des masochistisch veranlagten Antihelden, die einfallsreich in Szene gesetzten Liebesspiele, das Verwischen von Realität und Phantasie, die plötzlichen, eruptiven Gewaltausbrüche... Sergio D'Offizis dahingleitende Kamera fängt das alles brillant ein, mal zärtlich voyeuristisch, mal wuchtig brutal wie in der Sequenz, in der Wanda ohne Vorwarnung zur peitschenschwingenden Furie mutiert. Visuell ist der Film ein Genuß. Schöne Schauplätze, schöne Frauen, schöne Sets, schöne Gewänder (auch eines von der pelzigen Art), begleitet von Gianfranco Reverberis eingängigen, leicht psychedelischen Score, der trotz seiner nahezu omnipräsenten Aufdringlichkeit nicht wirklich stört. Das tröstet auch darüber hinweg, daß das Geschehen etwas distanziert abläuft, daß man nichts für die Figuren empfindet und daß es dem sich abspulenden Drama an Spannung und Dramatik mangelt. Böse Zungen behaupten sogar, der Streifen wäre langweilig. Eine Einschätzung, die ich nun wirklich nicht teilen kann, nimmt sich Le malizie di Venere seines quälerischen Themas doch so leidenschaftlich, verführerisch und lustvoll an, daß man auf eine verquere Weise angenehm-sinnlich unterhalten wird.

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    The Abomination
    USA 1986 - Written & Directed by Bret McCormick



    Millionen Menschen aus allen Herren Ländern haben sich bereits diese heikle Frage gestellt. Was passiert eigentlich, wenn man ein schleimiges Krebsgeschwür herauswürgt, welches ein bizarres Eigenleben sowie einen kaum zu stillenden Appetit auf Menschenfleisch entwickelt, das dabei rasant wächst und welches es sich schließlich in einem Küchenschrank gemütlich macht? Die Antwort auf diese nur allzu verständliche Frage lieferte Bret McCormick bereits im Jahre 1986 mit seinem penibel recherchierten und erfreulich zurückhaltend umgesetzten Dokumentarfilmdrama The Abomination. Okay, Spaß beiseite. The Abomination ist natürlich geschmackloser SOV-Monster-Splatter aus Texas, angesiedelt knapp über Amateurniveau, schlecht gespielt, schlecht inszeniert, schlecht gefilmt, schlecht nachsynchronisiert und schlecht geschnitten, aber der Gore-Score stimmt, und die blutigen Spezialeffekte machen durchaus Laune, vorausgesetzt man ist ein Fan der alten FX-Schule und hat ein Faible für hanebüchenen Billig-Trash.

    The Abomination erzählt die tragische Geschichte von Cody Lee (Scott Davis), der zusammen mit seiner krebskranken Mutter Sarah (Jude Johnson) in einem alten Häuschen auf dem Lande wohnt. Glücklicherweise wird seine fanatisch-religiöse Frau Mama vom dubiosen Fernsehprediger Brother Fogg (Rex Morton) durch Handauflegen auf das TV-Gerät geheilt, woraufhin sie das Krebsgeschwür auf den Boden kotzt. Unglücklicherweise weigert sich der eklige Klumpen zu sterben und schlüpft des Nachts durch den Mund in den schlafenden Cody. Glücklicherweise überlebt Cody diese Körperinvasion der heimtückischen Art. Unglücklicherweise vermehrt sich der Tumor in ihm jedoch, was dazu führt, daß Cody nach und nach mehrere klumpige Monster in die Welt setzt, deren hungrige Mäuler allesamt gestopft werden wollen. Cody steht bald völlig unter dem Einfluß der abscheulichen Kreaturen, und so begibt er sich auf die Suche nach Opfern, die er an die (noch) kleinen Racker, die sich überall in der Küche eingenistet haben, verfüttert. Mahlzeit.

    Phasenweise erinnert The Abomination stark an Filme, die weit, weit besser sind. David Cronenbergs Shivers (Parasiten-Mörder) etwa. Oder Douglas McKeowns The Deadly Spawn (Kosmokiller - Sie fressen alles). Oder natürlich Roger Cormans The Little Shop of Horrors (Kleiner Laden voller Schrecken). So wie die liebenswerte Audrey sind auch die gefräßigen Scheusale in diesem Film scheinbar nimmersatt und vertilgen so ziemlich alles, was man ihnen in die aufgerissenen Mäuler stopft. Die zusammengestoppelten Monster der Marke Augsburger Puppenkiste für Arme und Perverse verbreiten ein angenehm bizarres Homemade-Flair, das einem sehr dabei hilft, die manchmal langen neunzig Minuten zu überstehen. Wenn Cody z. B. einen der Klumpen in einer Kloschüssel platziert, damit er dem nächsten Benützer eine unschöne Überraschung beschert, dann kann man sich als fortgeschrittener Trashologe ein schadenfrohes Grinsen kaum verkneifen, zumal es der Typ, der beim Kacken ins Gras beißt, nicht besser verdient hat.

    Abgesehen von den lustigen Monsterszenen, die gar nicht so zahlreich sind wie sie zu sein scheinen (McCormick nutzt manche Einstellungen gleich mehrfach), gibt es dank Cody auch durchtrennte Kehlen und einen zersägten Schädel zu bestaunen, aus dem das bißchen Gehirn fröhlich herausflutscht. McCormick hatte wohl die örtliche Fleischerei leergeplündert, da er auch mit Eingeweiden nicht gerade sparsam umgeht. Außerdem hatte er anscheinend eine solche Freude mit den diversen Gore-Einlagen, daß er dem Film eine etwa dreieinhalbminütige Best-of-Splatter-Sequenz voranstellt, die er dem Publikum als Alptraum verkauft. Immerhin sorgt er so gleich mal dafür, daß es in Hinsicht auf The Abomination zu keinen Mißverständnissen kommen kann. Was hier zählt ist das enthusiastische Blutgemansche mit Monsterbeilage, der Rest ist bloß nötiges Beiwerk, über das man besser den Mantel des Schweigens hüllt. Obwohl die biblischen bzw. religiösen Untertöne für eine gewisse Originalität sorgen und der Dialog gegen Ende das ganze Geschehen zuvor in Frage stellt.

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