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Thema: Phantasmagorien aus den unaussprechlichen Abgründen des Wahnsinns

  1. #401
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    Killer Rack
    USA 2015 - Directed by Greg Lamberson



    Betty (Jessica Zwolak, Dry Bones) ist unzufrieden. Die Natur hat es nicht gut mit ihr gemeint in Bezug auf die weiblichen Rundungen im oberen Bereich des Körpers, und das bekommt die arme Frau tagtäglich zu spüren. Im Büro wird "Flatty" von ihren üppiger ausgestatteten Arbeitskolleginnen gehänselt - lediglich ihr heimlich in sie verliebter Kollege Tim (Paul McGinnis, Snow Shark: Ancient Snow Beast) steht zu ihr -, ihr Chef (Michael Thurber, Murder University) ignoriert sie fast völlig, auf der Straße erntet sie von herumlungernden Tunichtguts ständig spöttische Bemerkungen, und selbst ihr Freund Dutch (Sam Qualiana, Zombie Babies) läßt sie spüren, daß sie ihn eher ab- denn antörnt. Auf ihren Vorschlag hin, mal wieder eine flotte Nummer zu schieben, antwortet er nur trocken: "Sure, why the hell not? I'm drunk."

    Sogar ihr Psychiater Dr. Foin (Troma-Zampano Lloyd Kaufman in einer größeren Nebenrolle) ekelt sich (in einem Traum) vor ihrer flachbrüstigen Erscheinung und läßt seinem Abscheu schon mal freien Lauf: "Get out of here, you breastless freak of nature!" Insofern ist es nur allzu verständlich, daß Betty nach allen Strohhalmen greift, die sich ihr bieten. Ihre letzte Hoffnung ist die dubiose Schönheitschirurgin Dr. Cate Thulu (Debbie Rochon, Terror Firmer), und nach einem besonders fiesen Alptraum (in Form einer geilen Musicalnummer zum genialen Song Funbags!) wagt sie tatsächlich den großen Schritt. Die delikate Brustverpflanzung scheint gelungen, und alles wendet sich zum Guten. Zumindest vorerst. Denn bald schon merkt Betty, daß ihre neuen Brüste ein unheimliches Eigenleben besitzen und noch dazu ausgesprochen hungrig sind.

    Wenn Männer, die lüstern und glasigen Blickes potentiellen Paarungspartnern hinterherhecheln, schwanzgesteuert sind, dann ist die Heldin in dieser Geschichte zweifellos tittengesteuert. Mit dem kleinen Unterschied, daß Bettys Boobs keinen heißen Sex im Sinn haben, sondern daß die brandneuen Hupen nach saftigem Fleisch gieren. Wenn die Möpse übernehmen, hat Betty rein gar nichts mehr zu melden. Sie ist dann bloß noch ein (notwendiges?) Anhängsel, dem Willen ihrer aufmüpfigen Funbags mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Zwar sind die meisten Filme des New Yorker Filmemachers Greg Lamberson (Slime City, Slime City Massacre, Dry Bones) mit schrägem und/oder groteskem Humor durchzogen, bei Killer Rack warf er nun aber alle Zurückhaltung über Bord und ging diesbezüglich aufs Ganze.

    Und herausgekommen ist kein Zonk, sondern ein Volltreffer! Lamberson ist mit Killer Rack ein spritzig-derber Horrorspaß gelungen, der mit zum Besten zählt, was ich auf diesem Sektor seit langer Zeit gesehen habe. Am Ende fühlte ich mich glatt, als hätte ich soeben einen Clown verschlungen, mit Kichererbsen als Beilage, und einem Crazy Devil zum Runterspülen. Die Gründe, warum diese pfiffige Mischung aus Screwball Comedy und splattrig-trashigem Körperhorror so famos funktioniert, sind vielfältig. Zum Beispiel suhlen sich Drehbuchautor Paul McGinnis und Regisseur Greg Lamberson trotz der schlüpfrigen Thematik niemals in Geschmacklosigkeiten. Zwar fühlt man sich hin und wieder an kultige Troma-Streifen à la Tromeo and Juliet erinnert, die mit dieser Produktionsfirma verbundenen Untiefen werden jedoch konsequent vermieden.

    Erste Sahne ist auch das gelungene Casting. Ein mikrobudgetierter Film dieser Art (wir reden von etwa US$ 45.000) steht und fällt auch mit seiner Besetzung, und zum Glück haben die Verantwortlichen in dieser Hinsicht ein feines Händchen bewiesen. Sämtliche Akteure und Aktricen hängen sich nicht nur mit viel Enthusiasmus rein, sie gehen in ihren Rollen regelrecht auf und erwecken sie so zum plastischen Leben. Gar nicht hoch genug einschätzen kann man die Leistung von Jessica Zwolak in der Hauptrolle, die nahezu omnipräsent ist und den Streifen quasi tragen muß. Und das tut sie mit Bravour. Zwolak ist keine strahlende Schönheit; sie ist eher der Nette-Kumpel-Typ von nebenan mit leichtem Mauerblümchenflair. Doch sie hat eine sehr angenehme, hinreißende Ausstrahlung, einen wunderbar trockenen Humor und darüber hinaus ein sehr gewinnendes, liebenswertes Wesen.

    Zwolak kommt ungemein sympathisch rüber, und zwar sowohl bevor als auch nachdem sie ihre monströsen Mördertitten spazieren führt. Ergo ist dem Publikum ihr bizarres Schicksal nicht egal, und da auch die zart aufkeimende Liebesgeschichte recht gut funktioniert, drückt man Betty unwillkürlich beide Daumen und hofft, daß das absurde Szenario zum Schluß hin doch noch in ein Happy End mündet, obwohl die Chancen dafür nicht gerade die allerbesten sind (garstige Kreaturen aus dem Lovecraft-Universum sind halt keine süßen Kuscheldinger). Denn in den letzten zwanzig Minuten legen ihre gefräßigen, von Brooke Lewis (Slime City Massacre) gesprochenen Killer-Möpse erst so richtig los. Da mahlen die Kiefer, da spritzt das Blut, da peitschen die Tentakel, da sprudelt die Milch, da schreien die Opfer, da hopst der Jesus (ein köstlicher Gag!), da bleibt kein Auge trocken.

    Falls jetzt jemand verständnislos mit den Augen rollt, verächtlich aufstöhnt und sich kopfschüttelnd fragt, wie man solch einen haarsträubenden Blödsinn nur so abfeiern kann, dann kann ich nur folgendes entgegnen. Killer Rack quillt über vor Leidenschaft und Kreativität und ist vollgestopft mit aberwitzigen Ideen, herrlich blöden Gags und launigen, zitierfähigen Dialogen, daß man aus dem Staunen kaum herauskommt. Der riesige Spaß, den offensichtlich alle am Projekt Beteiligte hatten, überträgt sich eins zu eins aufs Publikum, es hagelt jede Menge popkulturelle Anspielungen, und alles an dem Film, wirklich alles (Cast, Dialoge, Soundtrack, Songs, Regie, Spezialeffekte), verströmt einen dermaßen herzlichen, erfrischenden, unwiderstehlichen Charme, daß ich mich frage: Wenn man so etwas Tolles nicht abfeiern kann, was dann? Was, bei Cthulhu, denn bitteschön dann?

    Ja, Killer Rack ist leidenschaftlich-ambitioniertes Low-Budget-Filmmaking at its very best. Die Originalität mag sich mitunter in Grenzen halten (Filme wie Le sexe qui parle (Pussy Talk), Teeth, One-Eyed Monster und Bad Biology beackern, zumindest teilweise, eine ähnliche Thematik), aber die gekonnte Art und Weise, wie das alles hier präsentiert und in den abgefahrenen Plot integriert wurde, fühlt sich einfach neu, frisch und wunderbar unverbraucht an. Hervorheben möchte ich noch Debbie Rochon als irre, die alten Lovecraft'schen Götter verehrende Wissenschaftlerin, die alle Register aus dem Handbuch für fortgeschrittene Mad Scientists zieht und eine zum Schreien komische Performance abliefert, sowie den großartigen Soundtrack von Armand Petri und Joe Rozler mit Songs wie Killer Rack, Dark Side of Love und natürlich dem Mega-Ohrwurm Funbags.

    Daß Killer Rack einen nicht unbedeutenden (und leider nur allzu wahren) Subtext hat (Frauen werden auf ihr Äußeres reduziert, die Gesellschaft ist von oberflächlichen Schönheitsidealen geradezu besessen), der mit Genuß auf die (satirische) Spitze getrieben wird - ohne dabei die Zurschaustellung von Brüsten überzustrapazieren -, ist der Qualität des Streifens ebenso wenig abträglich wie die Entscheidung, auf seelenlose Computer Generated Images gänzlich zu verzichten. Arick Szymeckis Spezialeffekte, allen voran die prosthetischen Brüste, sind ausnahmslos praktischer Natur, und für die zwei Tentakelszenen zeichnet Stop-Motion-Maestro Brett Piper (Arachnia, Triclops) verantwortlich. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, daß Killer Rack in möglichst viele Länder verkauft wird, dann sollte einer Adelung mit Kultstatus nichts im Wege stehen. Es wäre jedenfalls so was von verdient.

    Phantasmagorien aus den unaussprechlichen Abgründen des Wahnsinns
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  2. #402
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    Beasts
    Großbritannien 1976 - Written by Nigel Kneale - Directed by John Nelson-Burton, Don Taylor, Don Leaver, Richard Bramall & Donald McWhinnie



    Schon mit seiner ersten Schöpfung für die BBC schrieb der am 18. April 1922 geborene und am 29. Oktober 2006 verstorbene Nigel Kneale britische Fernsehfilmgeschichte. Die Rede ist von Professor Bernard Quatermass, der in einer sechsteiligen Miniserie namens The Quatermass Experiment im Jahre 1953 über die Bildschirme flimmerte und die TV-Landschaft Großbritanniens nachhaltig prägte. In den Folgejahren entstanden mit Quatermass II (1955) und Quatermass and the Pit (1958/59) nicht nur weitere Miniserien mit dem umtriebigen Wissenschaftler fürs Fernsehen, sondern mit The Quatermass Xperiment (Schock, 1955), Quatermass 2 (Feinde aus dem Nichts, 1957) und Quatermass and the Pit (Das grüne Blut der Dämonen, 1967) auch erfolgreiche Neuverfilmungen fürs Kino, produziert von der mittlerweile zu Kultstatus avancierten Produktionsgesellschaft Hammer Films. Leider kam es im Zuge der Filmadaptionen zu einem Zerwürfnis zwischen Nigel Kneale und der BBC, sodaß die fruchtbare Zusammenarbeit ein (vorläufiges) Ende fand. Kneale wandte sich anderen Dingen zu, fungierte unter anderem als Ko-Drehbuchautor bei First Men in the Moon (Die erste Fahrt zum Mond, 1964) und schrieb das Skript zu The Witches (Der Teufel tanzt um Mitternacht, 1966). Mit The Stone Tape (1972) kehrte er einmal mehr zur BBC zurück, danach zog es ihn zur Konkurrenz. Das Ergebnis, die Miniserie Beasts (1976) für den TV-Sender Associated Television, kurz ATV, kann sich wahrlich sehen lassen.

    Jo (Jane Wymark) und Peter Gilkes (Simon MacCorkindale) sind eben erst in ein altes Häuschen auf dem Lande gezogen, welches sie nun mit Hilfe zweier Handwerker renovieren. Beim Abriß einer Mauer stoßen sie auf einen Hohlraum, in dem sich ein großer, versiegelter Tonkrug befindet. Peter öffnet das Gefäß und befördert daraus eine groteske, mumifizierte Kreatur zutage, die selbst ein hinzugezogener Experte nicht iden­ti­fi­zie­ren kann. Gegen den Willen seiner Frau, die eine instinktive Abneigung gegen das haarige Ding hegt, weigert sich Peter, das Wesen zu entsorgen und behält es versteckt im Haus. Baby, so der Titel der Episode, ist ein Auftakt nach Maß. Regisseur John Nelson-Burton setzte Kneales Vorlage mit einem atemberaubenden Gespür für eine unheilschwangere, morbide, bedrohliche Atmosphäre um, die sich schließlich in einer haarsträubenden Auflösung entlädt, welche auch heute noch für Gänsehaut sorgen sollte. Ich wage mir gar nicht auszumalen, welche Wirkung die Schlußszene damals bei der jüngeren Zuschauerschaft gehabt haben muß. Ein echter Schocker! Dabei sind es nicht nur die Bilder, die diese eisigen Schauer verursachen, sondern auch - und vor allem - die kreuzunheimlichen Geräusche. Das gute und glaubwürdige Spiel der Darsteller trägt das Ihre zur enormen Effektivität dieses Filmes bei, wobei das exzentrische Verhalten einer Figur den rätselhaften Aspekt der Geschichte nur noch intensiviert.

    Nach dem grandiosen Baby stellt sich mit Buddyboy, Episode Nummer Zwei, rasch Ernüchterung ein. In diesem unfaßbar geschwätzigen Werk geht es um den erfolgreichen Nachtclub- und Pornokinobesitzer Dave (Martin Shaw), der an einem heruntergekommenen, ehemaligen Delphinarium namens Finnyland interessiert ist, dessen großer Star, der Delphin Buddyboy, einst unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Nach langen, zähen Verhandlungen mit dem immer nervöser werdenden Besitzer (Peter Halliday) kauft er das Gebäude schließlich mit dem Ziel, es in einen Sexschuppen umzubauen. Obwohl Dave ein knallharter Geschäftsmann ist, ist er von Lucy (Pamela Moiseiwitsch) fasziniert, der ehemaligen Pflegerin von Buddyboy, die noch immer im Keller des Gebäudes haust. Die Idee eines Delphinariums, in dem ein ehemaliger Bewohner herumspukt, mag auf dem Papier ja noch recht nett geklungen haben. Die Filmadaption (Regie: Don Taylor) verbreitet jedoch überwiegend nur gähnende Langeweile. Hinzu kommt, daß mit Ausnahme von Lucy sämtliche Figuren uninteressant und/oder unsympathisch sind und phasenweise sogar furchtbar nerven. Eine überraschende (und völlig selbstzweckhafte) Nacktszene kann die Geschichte ebenso wenig retten wie das mysteriöse Ende, das für verständnisloses Kopfschütteln sorgen sollte. Immerhin beweist Buddyboy eindrucksvoll, daß Delphine als "Monster" kein bißchen taugen.

    Weiter geht es mit The Dummy, inszeniert von Don Leaver. Wir befinden uns am Set einer Low-Budget-Horrorproduktion, wo der Regisseur (Glyn Houston) und sein Produzent (Clive Swift) alle Hände voll zu tun haben, um die Szenen des Tages in den Kasten zu bekommen. Es kriselt nämlich gewaltig, da sich der Mann im Monsterkostüm, Clyde Boyd (Bernard Horsfall), und Peter Wager (Simon Oates), der Hauptdarsteller des Filmes, überhaupt nicht riechen können. Was kein Wunder ist, schließlich hat letzterer ersterem die Frau ausgespannt. Der verzweifelte Clyde ist mit seinen Nerven völlig am Ende, scheint sich aber in einer Drehpause etwas zu erholen. Das entpuppt sich alsbald als Trugschluß, denn als die Kamera wieder läuft, dreht er endgültig durch. The Dummy ist die meiner Ansicht nach beste Folge der Serie. Die erfolgreiche Dummy-Filmreihe ist offensichtlich ein Seitenhieb auf die Hammer-Hits rund um Frankenstein und Dracula, und der satirische, mit schwarzem Humor gespickte Blick hinter die Kulissen ist gleichermaßen stimmig wie witzig. Es ist köstlich mitanzusehen, wie sich Clyde, der "Mann hinter der Maske", der weltberühmt ist, obwohl sein wahres Gesicht vor der Kamera nie zu sehen war, in seine Verzweiflung hineinsteigert, bis er quasi mit Dummy verschmilzt und - im Monsterkostüm - Amok läuft. Nigel Kneale und Don Leaver ist mit dieser Episode ein kleiner Geniestreich gelungen, bei dem sich bitterböse und tragikomische Elemente in etwa die Waage halten.

    Schauplatz von Special Offer ist ein kleiner Supermarkt, in dem plötzlich seltsame Dinge vor sich gehen. Dosen fallen von den Regalen, Flaschen verspritzen ihren Inhalt, Verpackungen sind aufgerissen und die Lade der Kasse öffnet sich selbständig. Treibt hier irgendein seltsames Tier sein Unwesen, vielleicht sogar das niedliche Maskottchen Briteway Billy? Oder ist das Chaos auf die Spannungen zwischen dem Lehrling Noreen Beale (großartig: Pauline Quirke) und dem Geschäftsführer Grimley (Geoffrey Bateman) zurückzuführen, welcher keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen die junge Frau macht? Oder ist etwa gar ein Poltergeist die Ursache allen Übels? Im Zentrum dieser unterhaltsamen Episode steht ein unsicherer, nicht besonders hübscher und darüber hinaus noch ziemlich tollpatschiger Teenager, auf dem ständig herumgehackt wird. Egal, was passiert, der erste Gedanke des Leiters scheint zu sein, daß die graue Maus Schuld daran hat. Die Gefühle als unbeteiligter Zuschauer sind ambivalent. Natürlich findet man die Angelegenheit einerseits ungerecht und hat Mitleid mit dem (hilflosen?) Mädchen, andererseits stellt sich Noreen aber auch sehr ungeschickt an und macht es ihren Kollegen alles andere als einfach. Regie bei Special Offer führte Richard Bramall, der es gut versteht, die Drehbuchvorlage launig über die Runden zu bringen, ohne den nachdenklichen, traurigen Unterton zu vernachlässigen, der sich durchs Geschehen zieht.

    Bob Curry (Michael Kitchen), ein junger, engagierter Beamter der Tierschutzbehörde RSPCA, stößt bei einer Routinekontrolle auf diverse Unstimmigkeiten. So ist im Buch eines Tierhändlers vermerkt, daß eine Kleintierhandlung, welche auf Hamster, Kaninchen, Kanarienvögel und dergleichen spezialisiert ist, auch ein paar Wölfe bezogen haben soll. Diese dubiose Sache läßt ihm keine Ruhe, weshalb er sich in den Fall reinkniet und schließlich dem exzentrischen Inhaber der Tierhandlung, Leo Raymount (Patrick Magee) sowie dessen Tochter Florence (Madge Ryan) auf die Pelle rückt. Leo ist ein besessener Wissenschaftler, und um seine Theorie zu beweisen, schreckt er auch vor Selbstversuchen nicht zurück. What Big Eyes heißt diese von Donald McWhinnie inszenierte Episode und spielt damit natürlich auf die Geschichte von Rotkäppchen an, genauer gesagt auf Rotkäppchens Begegnung mit ihrer (vermeintlichen) Großmutter. Hierbei handelt es sich um eine klassische Mad Scientist-Story, wobei über das Ende hinaus offenbleibt, wie "verrückt" der Wissenschaftler nun tatsächlich war. Patrick Magee spielt groß auf, doch unwillkürlich hat man Klaus Kinski vor Augen, für den diese Rolle maßgeschneidert gewesen wäre. What Big Eyes lebt vom Schlagabtausch zwischen den beiden Kontrahenten, der zwar toll geschrieben und gespielt ist, für meinen Geschmack aber zu lang und repetitiv geraten ist. Eine Straffung hätte dieser eher durchschnittlichen Folge vermutlich gutgetan.

    Zum krönenden Abschluß servieren uns Autor Kneale und Regisseur Don Taylor noch einen kleinen, feinen, bösen Schocker. Im Prinzip ist During Barty's Party ein Zwei-Personen-Kammerspiel. Das Ehepaar Angie (Elizabeth Sellars) und Roger Truscott (Anthony Bate) lebt seit vielen Jahren in einem gemütlichen Häuschen auf dem Lande. Eines Nachmittags, während im Radio die Spaßsendung Barty's Party läuft, hört Angie komische Geräusche, die von unter den Dielenbrettern zu kommen scheinen. Keine Frage, eine Ratte muß der Übeltäter sein. Während Roger dem lästigen Nager zu zeigen gedenkt, wer der Herr im Hause ist, deutet bald alles darauf hin, daß hier nicht nur eine Ratte, sondern eine kleine Armee der Nager im Haus wütet. Und auch im Radio wird von merkwürdigen Rattenansammlungen gesprochen. During Barty's Party beginnt recht harmlos, sieht man mal von der surreal-schrägen aber immens beunruhigenden ersten Minute ab. Doch als der Rattenterror beginnt, ist es mit der trügerischen Ruhe vorbei. Das ständige Kratzen im Boden (tolle Soundeffekte!) sägt an den Nerven sowohl des Ehepaars als auch der Zuseher. Während Angies und Rogers anfängliche Verärgerung langsam in Angst umschlägt und sich schließlich zu einer ausgewachsenen Panik steigert, weiß man als (sich in Sicherheit befindender) Zuschauer nicht so recht, ob man lachen oder mitzittern soll. Als dann die Rattenplage immer apokalyptischere Ausmaße annimmt, ist an Lachen sowieso nicht mehr zu denken. During Barty's Party ist packender, spannender Tierhorror, mit hohem Gruselfaktor, bei dem sich das Grauen fast zur Gänze im Kopf abspielt.

    Wie man sieht ist der Titel also Programm. In Beasts geht es, auf die eine oder andere Weise, um "Bestien", wobei der Begriff so breit gefächert ist wie nur irgend möglich. Die Bedrohung kann menschlicher Natur sein, es kann sich um Tiere handeln, der Schrecken kann aber auch übernatürliche bzw. geisterhafte Formen annehmen. Allen sechs Episoden, die übrigens jeweils um die fünfzig Minuten laufen, haben gemein, daß sie ungewöhnlich, originell, rätselhaft und recht clever strukturiert sind. Des Weiteren zieht sich ein kauziger britischer Charme durchs Geschehen, und in den besten Momenten besticht die Serie darüber hinaus mit pechschwarzem Humor und herrlich bösem, schrägem Witz, ohne die Geschichte aus den Augen zu verlieren. Der Fokus liegt ganz klar auf den jeweiligen Charakteren, die mit einer merkwürdigen, ungewöhnlichen, bizarren, gefährlichen und/oder furchteinflößenden Situation konfrontiert oder selbst zu einer Bedrohung für ihr Umfeld werden. Jede Episode ist eigenständig und erzählt eine abgeschlossene Geschichte, wobei Kneale dem Publikum Erklärungen für das oftmals bizarre Geschehen konsequent verweigert. Eine gute Idee, denn anstatt den Zuseher mit irgendwelchen hanebüchenen, unbefriedigenden Thesen abzuspeisen, sorgt das rätselhafte Szenario (auch heute noch) für so manch schaurigen Moment, welcher sich im Gehirn des Betrachters schmatzend festsaugt. Nicht jede Folge ist gelungen, und das starke, altbackene TV-Flair (wenige Schauplätze, behäbiges Tempo, viele Dialoge, kaum Spezialeffekte) wird bestimmt nicht jedermanns Geschmack treffen, aber das Trio Baby, The Dummy und During Barty's Party kann es locker mit dem besten aufnehmen, was das britische Genrekino der 1970er-Jahre zu bieten hat.

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  3. #403
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    Necropolis
    (Necropolis - Die Blutsauger von Manhattan / Necropolis: City of the Dead)

    USA 1986 - Written & Directed by Bruce Hickey



    New Amsterdam, 1686. Eva (LeeAnne Baker), die heiße, schwarzgewandete Hexe mit den langen schneeweißen Haaren, den pechschwarzen Augen und den langen, blutroten Fingernägeln schreitet entschlossen Richtung Teufelsaltar, um eine Schwarze Messe zu zelebrieren. Erst legt sie ein flottes Tänzchen aufs Parkett, dann sabotiert sie mit Hilfe einer Voodoo-Puppe eine Hochzeit, bricht den Willen der Braut und zwingt sie, sich dem unheiligen Unsterblichkeitsritual als Blutopfer zur Verfügung zu stellen. Plötzlich erscheinen einige Männer unter Führung eines Schwarzen auf der Bildfläche und machen dem teuflischen Spuk ein Ende, indem sie der überraschten Hexe ein Messer in den Leib rammen. Diese ist verständlicherweise sauer, schwört Rache und verspricht, eines Tages wiederzukehren. Dreihundert Jahre später. Die heiße Motorradbraut schwingt sich auf ihre Maschine und braust, begleitet von einem dröhnenden Rocksong, durch die New Yorker Nacht ihrem Ziel entgegen. Eva trägt nun eine punkige Kurzhaarfrisur sowie coole Lederklamotten, ansonsten ist jedoch alles beim Alten. Ihr Ziel ist klar. Die damals unterbrochene Zeremonie muß beendet werden. Zu diesem Zwecke benötigt sie nicht nur den verloren gegangenen "Devil's Ring", sondern auch das passende, jungfräuliche Opfer. Ihre Wahl fällt auf die vor dreihundert Jahren geopferte Braut, welche nun als Dawn (Jacquie Fitz) reinkarniert ist und sich als Reporterin durchs Leben schlägt. Zusammen mit Polizist Billy (Michael Conte) und Reverend Henry (William K. Reed) nimmt sie den Kampf gegen die Hexe und deren Zombiebrut auf.

    Schon beim Vorspann von Bruce Hickeys Necropolis werden, je nach persönlicher Sichtweise, entweder massig Glückshormone produziert und in den Blutkreislauf gepumpt, oder es beginnen sämtliche Alarmsirenen aufs Nervenaufreibendste zu schrillen. Ersteres natürlich, wenn man ein Fan von Tim Kincaids (Regie) und Cynthia De Paulas (Produktion) Genrefilmen ist (wie z. B. Bad Girls Dormitory, Robot Holocaust, Breeders, Riot on 42nd St. und Mutant Hunt), letzteres dann, wenn man mit diesen billigen und zugegeben etwas "speziellen" B-Movies überhaupt nichts anfangen kann. Kincaid und De Paula fungieren bei Necropolis als Produzenten, während mit LeeAnne Baker (die Kathleen in Breeders und der Pleasure Droid in Mutant Hunt) eine ihrer Stammaktricen die Hauptrolle innehat. Und über einen Mangel an diesem kauzigen, unerhört eigenwilligen Charme, der aus Kincaids Horror- und Exploitationfilmen in Übermaß trieft, kann sich auch Necropolis wahrlich nicht beklagen. Necropolis hat einfach ein derart angenehmes, wunderbar schräges Flair, daß es (mir zumindest) völlig egal ist, daß der Streifen auf qualitativer Ebene ein ziemliches Fiasko ist, daß die Geschichte eigentlich überhaupt keinen Sinn ergibt und daß man im Eifer des Gefechts auf die Charakterisierung der Figuren leider vergessen hat. Denn trotz all dieser Defizite (und noch so einigen mehr) übt dieses Flick einen so starken, verkorksten Reiz aus, daß man dem seltsamen Geschehen einfach fasziniert folgen muß. Den Blick abzuwenden oder gar den Film abzubrechen birgt das nicht unerhebliche Risiko, etwas Einmaliges zu verpassen.

    Zum Beispiel würde einem dann vermutlich die aberwitzige und haarsträubend perverse Sequenz entgehen, in der Eva ihren Oberkörper freimacht und sich mit Hilfe ihrer Magie zwei weitere Brustpaare wachsen läßt, um damit ihre eklige Zombiebrut zu füttern. Man könnte jedoch auch versäumen, wie Eva einem Rocker zärtlich übers Gesicht streicht, woraufhin ihm Schleim oder Hirngelee oder was-auch-immer aus den Poren quillt, an welchem sie dann genüßlich nascht. Das sind echte Hingucker, bei denen man kopfschüttelnd und mit offenem Mund vor der Glotze sitzt und sich fragt, was sich Herr Hickey dabei bloß gedacht haben mag. Ein Hingucker ist - neben dem coolen Poster Artwork - auch LeeAnne Baker, die zwar weder übermäßig hübsch, noch mit einem Killerbody gesegnet ist, die aber genug Ausstrahlung und Sex-Appeal mitbringt, um die Blicke des sogenannten starken Geschlechts zu bannen. Die spärlich gesäten Spezialeffekte, wie zum Beispiel eine abgetrennte Hand (die danach ein bösartiges Eigenleben entwickelt) oder eine knuffige Enthauptung, stammen von Ed French (Blood Rage), während für die musikalische Untermalung überwiegend Musikstücke aus den Filmen Trancers, Eliminators und The Alchemist recycelt wurden, die allesamt, wie auch Necropolis, von Charles Bands Empire Pictures veröffentlicht wurden. LeeAnne Bakers Gegenspielerin, Jacquie Fitz (in ihrem ersten und gleichzeitig auch letzten Filmauftritt), mangelt es wie dem Rest der Cast an schauspielerischem Talent, aber sie schafft es immerhin, recht sympathisch rüberzukommen, weswegen das Finale auch nicht wirkungslos verpufft.

    Für die einen ist Necropolis, der höchstwahrscheinlich niemals in irgendwelchen Bestenlisten auftauchen wird (*), somit vergeudete Lebenszeit, für die anderen hingegen - mich eingeschlossen - ist er ein drolliges, denkwürdiges Guilty Pleasure, welches man keinesfalls missen möchte.

    (*) Lediglich in der Liste der besten Filme, in denen sich eine geile Hexe zusätzliche Titten wachsen läßt, um damit scheußliche, zombieähnliche Kreaturen zu füttern, darf er sich berechtigte Chancen auf eine Top-Platzierung machen.

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  4. #404
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    Kurîpî: Itsuwari no rinjin
    (Creepy / Kurîpî)

    Japan 2016 - Directed by Kiyoshi Kurosawa



    Manche Dinge kann man sich leider nicht aussuchen. Wie das Land, in dem man geboren wird. Oder die Verwandtschaft, mit der man gesegnet ist. Oder die Nachbarn, mit denen man klarkommen muß. Mit den Nachbarn haben Koichi Takakura (Hidetoshi Nishijima) und seine Frau Yasuko (Yûko Takeuchi), die eben mit ihrem Hund Max von der hektischen Großstadt in ein nettes Häuschen im Vorstädtchen Inagi City gezogen sind, nicht wirklich das große Los gezogen. Die schroffen Tanakas wollen für sich sein und partout in Ruhe gelassen werden, während Nishino (Teruyuki Kagawa) und seine Tochter Mio (Ryôko Fujino) zwei seltsame aber wohl harmlose Käuze zu sein scheinen. Ex-Cop Koichi, der vor einem Jahr bei einer falsch eingeschätzten Geiselsituation schwer verletzt wurde, arbeitet nun als Kriminalpsychologe und hält Vorträge an den Universitäten. Als ihn sein ehemaliger Kollege Nogami (Masahiro Higashide) bei einem sechs Jahre alten, ungeklärten Fall um Hilfe bittet, sagt er widerwillig zu. Damals verschwand eine Familie von einem Tag auf den anderen spurlos; lediglich die sich gerade auf einem Schulausflug befindende Tochter Saki (Haruna Kawaguchi) blieb zurück. Tatsächlich schafft es Koichi, Licht ins Dunkel des mysteriösen Falles zu bringen. Gleichzeitig warnt ihn sein Bauchgefühl, daß der nie gefaßte Täter wahrscheinlich nach wie vor aktiv ist, möglicherweise sogar in seiner unmittelbaren Nachbarschaft.

    Um die gewaltige Wirkung, die Kurîpî: Itsuwari no rinjin (im Folgenden der Einfachheit halber Creepy genannt) im Zuschauer entfacht, zu veranschaulichen, stelle man sich folgendes vor. Am Anfang steht man sicher und selbstbewußt auf einer glatten, waagerechten Fläche, die nach und nach sehr, sehr langsam nach hinten wegkippt. Gegen Mitte des Filmes beginnt man schließlich zu rutschen und sieht sich verzweifelt nach irgendeinem Halt um, den es jedoch nicht gibt. Man gleitet, von der unnachgiebigen Schwerkraft angesogen, nach unten, immer rascher, dem schwarzen, gähnenden Abgrund entgegen, ohne etwas dagegen tun zu können. Und zum Ende hin wird man dann vom Abgrund verschluckt, ist dem unaussprechlichen Grauen hilflos ausgeliefert, und die Chance auf Rettung in letzter Sekunde ist verschwindend gering. Auf diesen Abgrund steuern auch die Protagonisten dieses atemberaubenden Psychothrillers zu; Koichi, der nach dem traumatischen Erlebnis in der ruhigen Abgeschiedenheit wieder Fuß zu fassen versucht, und die gelangweilte Yasuko, die sich einsam, unverstanden und vernachlässigt fühlt. Letztere scheint ein gefundenes Fressen für den gerissenen Psychopathen zu sein, der sich einer ekligen Spinne gleich in der Gegend niedergelassen hat und geschickt seine klebrigen Netze auswirft, in dem sich seine unglücklichen Opfer, unter Zuhilfenahme einer abhängig machenden Substanz, verfangen.

    Creepy, der auf dem 2014 veröffentlichten Roman Kurîpî des japanischen Schriftstellers Yutaka Maekawa basiert, verlangt seinem Publikum einiges ab. Aufgrund des sich langsam und bedächtig entfaltenden Plots ist Geduld gefragt, man sollte mit den sich kalt und unnahbar gebenden Protagonisten warm werden, und es schadet zweifellos auch nicht, dem recht komplexen Handlungsgerüst mit all seinen (nicht immer unwichtigen) Details viel Aufmerksamkeit zu schenken. Wem dies gelingt, wer es vermag, in den Streifen "einzutauchen", der wird reich belohnt, mit dem vielleicht besten, spannendsten, nervenaufreibendsten und intensivsten Thriller des Jahres 2016. Es ist beeindruckend, wie Kurosawa (Kairo aka Pulse) es ohne irgendwelche Mätzchen schafft, eine dermaßen gewaltige, verstörende, unter der Oberfläche brodelnde Spannung zu etablieren (und diese, im weiteren Verlauf, konsequent zu steigern), sodaß sie einem schlichtweg den Atem raubt. Als Zuschauer fühlt man sich wie hypnotisiert; gebannt folgt man den Geschehnissen wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange, wagt es nicht, den Blick vom Bildschirm abzuwenden. Einige Zeit lang tappt man im Dunkeln, insbesondere in Bezug darauf, was genau da eigentlich abgeht. Von wem die Gefahr ausgeht, ist aufgrund geschickt platzierter Andeutungen relativ schnell offensichtlich, aber den exakten Modus Operandi durchschaut man erst gegen Ende des Filmes.

    Daß Creepy so blendend funktioniert und eine derart intensive Sogwirkung entfacht, liegt nicht zuletzt am großartigen Ensemble vor der Kamera. Sämtliche Schauspieler liefern eine so glaubwürdige wie präzise Performance ab, verleihen ihren Figuren eine Tiefgründigkeit, wie man sie im Genre selten zu sehen bekommt. Die Entdeckung ist allerdings Teruyuki Kagawa, der dem Filmtitel alle Ehre macht. Aufgrund seiner sensationellen Leistung plädiere ich dafür, beim englischsprachigen Duden in Zukunft neben dem Wort "creepy" ein Portraitphoto der von ihm zum Leben erweckten Figur abzubilden. Selbst jetzt kriecht eine Gänsehaut über meinen Rücken und sträuben sich die Härchen in meinem Nacken, wenn ich bloß an ihn denke. Für mich ist der Typ eine der gruseligsten Gestalten der Filmgeschichte. Und es sind vor allem die kleinen Dinge, die ihn dazu machen. Seine nuancierte Mimik, seine präzise Gestik, seine eindringlichen Blicke, seine abrupten Stimmungswechsel, das, was er sagt bzw. wie er es sagt. Das ist schon ganz große und extrem feine Schauspielkunst. Das einzige Haar in der meisterlichen Suppe, das man finden könnte, ist die mitunter recht ungeschickte Vorgangsweise der Polizei, aber selbst das trübt meinen positiven Gesamteindruck von Creepy nicht, weil es bisweilen etwas unplausibel erscheinen mag, aber ganz bestimmt nicht unmöglich ist. Somit bleibt abschließend nur noch festzustellen, daß der Titel dieses meisterhaften Thrillers weder zu hoch gegriffen ist noch zu viel verspricht. Creepy ist tatsächlich creepy. So was von.

    Geändert von Randolph Carter (01.07.17 um 11:42 Uhr)
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    GWAR: Phallus in Wonderland
    (Phallus In Wonderland)

    USA 1992 - Directed by Judas Bullhorn (= Blair Dobson) & Distortion Wells (= William Morrison)



    America Must Be Destroyed ist der Titel des im Jahre 1992 veröffentlichten Albums der - ich bemühe an dieser Stelle mal Wikipedia - "satirischen Thrash-Metal-, Hardcore-Punk- und Shock-Rock-Band" Gwar. GWAR: Phallus in Wonderland ist quasi der "Film" zu diesem Album, ein fünfundfünfzig Minuten langer, Grammy-nominierter (!) Mix aus Horror, Trash, Science-Fiction, Komödie, Fantasy, Musical und Musikvideo. Rund um die sechs Songs Crack in the Egg, Have You Seen Me?, The Road Behind, The Morality Squad, Gor-Gor und Ham on the Bone hat man eine verrückt-wirre - ich nenne es mal - "Story" herumgebastelt, welche die diversen Musiknummern sowie jede Menge comichafte Over-the-Top-Set-Pieces bestenfalls lose miteinander verbindet. Eine lineare, nachvollziehbare Handlung existiert hier nicht; viel eher kann man das Dargebotene als aberwitzigen Blick in die Trash-Movie-Hölle bezeichnen, oder als alptraumhaften Trip eines kaputten Junkies, der zu den falschen Drogen gegriffen hat und sich nun, während aus dem Ghettoblaster neben ihm die Songs des Albums America Must Be Destroyed dröhnen, ein abartiges Tohuwabohu zusammenphantasiert, das seiner angeschlagenen Psyche den Rest gibt.

    "Authorities Have In Custody The "CUTTLE FISH OF CTHULU", Alleged Penis Of GWAR Lead Singer ODERUS URUNGUS" tönt die Schlagzeile der Zeitung The Richmond News Leader, welche gleich mal von einem Penner g'schmackig bekotzt wird. Nein, wir sind hier nicht in Tromaville, also wird auch nicht gleich Toxie um die Ecke sprinten, um irgendwem irgendwelche Gliedmaßen auszureißen. Aber es gibt Superhelden in der Stadt, und es werden Gliedmaßen ausgerissen; darüber hinaus werden großzügig allerlei Körperflüssigkeiten verspritzt, wobei sich GWAR: Phallus in Wonderland auch noch dermaßen bewußt in einer billig-derben Trash-Ästhetik suhlt, daß man ohne weiteres meinen könnten, man hätte es hier mit einem Troma-Movie zu tun. Besagter Penis des Gwar-Sängers, der sich irgendwie verselbständigt hat, steht vor Gericht, und eine häßliche Schreckschraube führt einen Feldzug gegen Gwar, um die Band ein für alle Mal auszulöschen, woraufhin diese sich natürlich zur Wehr setzt. Das ist alles, was ich vom Plot mitbekommen habe. Um etwaige Feinheiten zu verstehen, müßte ich mir das ganze chaotische Spektakel noch einige weitere Male zu Gemüte führen, aber ganz ehrlich: Ich glaube nicht, daß ich das schaffe.

    Nicht weil GWAR: Phallus in Wonderland so schlecht wäre (dieses wilde Machwerk bewegt sich weit jenseits von Kategorien wie "Gut" oder "Schlecht"), sondern weil das Dargebotene furchtbar anstrengend ist. Der Streifen geizt nicht mit irren Ideen, obszönen Perversitäten, grotesken Figuren, plumpen Gesplatter, schrillen Sets und geschmacklichen Entgleisungen, wobei einem das alles mit Irrsinnstempo und einer rücksichtslosen In-Your-Face-Attitüde vor den Latz geknallt wird, daß man schlicht und einfach schon nach kurzer Zeit überfordert ist. Eine wüste Sequenz jagt die nächste, es geht Schlag auf Schlag, ohne Möglichkeit, das eben Gesehene verdauen zu können. Ausgeteilt wird nach allen Seiten, sicher sind vor den Attacken der Macher nichts und niemand. Die Kirche bekommt zum Beispiel mit einem pädophilen Priester ihr Fett weg, bei den Arabern wird fröhlich Schwarz-Weiß-Malerei betrieben ("Now remember kids, if an Arab is not working for you, he is working against you!"), und die gutmenschliche Hüterin von Anstand und Moral wird als widerliche, fanatische Hexe portraitiert, der jedes Mittel recht ist, um das ach-so-gefährliche "Übel" (in diesem Falle eben Gwar) aus der Welt zu schaffen.

    Die Grenzen des guten Geschmacks werden dabei geflissentlich ignoriert; der Spitzenreiter aus der Bad-Taste-Ecke ist wohl der Werbedreh für ein leckeres Cornflakes-Produkt, wo Regisseur Fritz Wang (Gibby Haynes) die Kinder wie folgt motiviert: "You know, children, this happens to be one of the best things we have ever put into our mouths, better than, perhaps, sucking off the family doggy." Pikanterweise sind die Frühstücksflocken auch noch mit Drogen versetzt, um die Kleinen süchtig zu machen. Was mir in all dem exzessiv-trashigen Overkill fehlt, ist sowas wie ein Herz oder eine Seele. Man sitzt staunend vor der Glotze, betäubt ob des überbordenden Bombardements der kruden, politisch unkorrekten Ideen, aber berühren tut das alles kein bißchen. Das unterscheidet ihn etwa von Peter Jacksons Meet the Feebles (1989), an den mich dieses energiegeladene (Underground-)Spektakel, vor allem in Bezug auf die groteske Gestaltung der Puppen respektive Masken, die kranken Einfälle sowie die geschmacklosen Gore-Eskapaden, streckenweise stark erinnert. Und das ist schade, weil bei diesem extra-derben Bad-Taste-Reigen somit kaum etwas hängen bleibt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber geil war es irgendwie schon.

    Geändert von Randolph Carter (01.07.17 um 11:43 Uhr)
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  6. #406
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    Der Fluch
    Deutschland/Österreich 1988 - Directed by Ralf Huettner



    "Die Kinder kommen wieder.
    Der Wald wird schreien,
    und die Herzen werden kalt sein.
    Sie kommen wieder,
    und dann...
    und dann..."


    Es geht in die Berge. Ein kleiner Ausflug in die idyllische Natur rund ums Silberhorn. Wandern, die frische Luft und den Ausblick genießen, dem Streß entfliehen, die Seele baumeln lassen. Vor einigen Jahren, im frühen Frühling ihrer Beziehung, waren Rolf (Dominic Raacke) und Rita (Barbara May) bereits einmal hier. Spazierten über die grünen Wiesen und durch die dichten Wälder, legten bei der alten, halb verfallenen Kapelle in den Bergen eine ausgiebige Pause ein, nutzten das heilige Fleckchen als Liebesnest. Vielleicht wurde ihre inzwischen sechsjährige Tochter Melanie (Romina Nowack) ja sogar damals gezeugt; zeitlich würde es in etwa passen. Leider scheint die kleine Bergtour unter keinem guten Stern zu stehen. Bei der Anfahrt umkurvt Rolf ungeschickt die geschlossene Schranke, um sich die zehn Mark Parkgebühr zu sparen, wobei sich Ritas Kaffee über ihr Shirt ergießt. Und Melanie hatte am Vorabend, als sie mit dem Rad nach Hause fuhr, eine Begegnung mit einer geisterhaften Erscheinung, welche sie widerstandslos passierte, bevor sie mit einer älteren Frau (Ortrud Beginnen) zusammenstieß, die ihr, als sie davonrannte, verwirrt und verängstigt hinterherrief: "Was ist das für ein Kind?"

    Tatsächlich verhält sich Melanie, die sowieso ein aufgewecktes Mädchen ist und ihre unmittelbare Umgebung bisweilen furchtbar nervt, zunehmend seltsamer. Das Gebirge scheint sie magisch anzuziehen, anstatt umzukehren will sie weiter hinaufgehen, und obwohl sie noch nie in dieser Gegend war, scheint sie sich recht gut auszukennen. Außerdem manipuliert sie einen Wegweiser (sie dreht ihn frech in eine andere Richtung) und versteckt die Wanderkarte ihrer Eltern, woraufhin sie sich prompt verirren. Und sie stellt Fragen. Sonderbare Fragen, für ein Kind ihres Alters. Wie zum Beispiel:

    "Warum bin ich auf der Welt?"
    "Gibt es da oben jemanden, der auf uns aufpaßt?"
    "Wo kommen eigentlich die toten Kinder hin?"


    Als die Nacht hereinbricht und Rita aufgrund eines wundgescheuerten Fußes nicht mehr weitergehen kann, sucht die Familie Zuflucht in einer alten Hütte. Kurz darauf entdeckt Melanie in der Nähe ein totes, ihr frappant ähnelndes Mädchen, das offenbar vor vielen Jahren gestorben, im Gletschereis konserviert ("Im Eis gibt's keine Zeit") und eben erst wieder freigegeben wurde. Die folgenden Stunden und Tage entwickeln sich für die Drei zu einem Alptraum, zu einem Auf und Ab der Gefühle. Ein stetiges Schwanken zwischen Verzweiflung und Hoffnung, zwischen Freude und Schrecken, zwischen Erleichterung und Ohnmacht.

    Das Grauen kommt auf leisen Sohlen. Äußerst subtil, fast nicht bemerkbar, schleicht sich das Unheimliche ins Geschehen, wie ein heimtückischer Virus, der gesunde Zellen in kranke verwandelt. Ganz langsam wandelt sich die Stimmung, tatkräftig unterstützt vom oft seltsamen, unerklärlichen Verhalten einiger Figuren. Zwar tragen auch Erwachsene ihr Scherflein zur sonderbaren Atmosphäre bei, doch es sind vor allem die Kinder, die mit ihrem Handeln und ihren Wortmeldungen für ein zutiefst schauderhaftes, bedrückendes Flair sorgen. Die Drehbuchautoren Andy T. Hoetzel und Ralf Huettner halten sich mit Erklärungen für das Geschehen vorwiegend zurück, begnügen sich meist mit geschickten Andeutungen und stimulieren so die Phantasie des Publikums. Und Regisseur Huettner findet die richtigen doppelbödigen Bilder, um beim Zuschauer ein starkes Gefühl der Beunruhigung heraufzubeschwören. Die Berge, der Tunnel, der Wald, die Kapelle... einerseits wirkt dies alles harmlos, idyllisch und reizvoll, doch andererseits vermittelt es auch den Eindruck, als ob sich darunter gefährliche Abgründe auftun könnten, die nur auf einen günstigen Moment warten, um die nichtsahnenden Besucher zu verschlingen.

    Der Fluch geizt nicht mit angenehm stimmigem Lokalkolorit, was dem Szenario eine sehr authentische Note verleiht. Auch die verschiedenen Figuren erwecken den Eindruck, aus dem Leben gegriffen und damit echt zu sein. Hoetzel und Huettner vermeiden Klischees, lassen Aberglauben, Mythen und Folklore in die Geschichte einfließen und stellen schließlich die heile Welt des Heimatfilmes so dermaßen auf den Kopf, daß man ihr Werk - wie übrigens auch den im folgenden Jahr entstandenen Sukkubus - Den Teufel im Leib - durchaus als Anti-Heimatfilm klassifizieren kann. Im letzten Drittel steigert Huettner sukzessive den Horror, schickt die Gefühle unserer Protagonisten (und auch die des Zusehers) auf eine schwindelerregende Achterbahnfahrt, in der eine gehörige Portion Traurigkeit und Melancholie mitschwingt. Ohne zu viel zu verraten... das eindringliche, in dieser Form nicht erwartbare Ende kann man nur als genial bezeichnen. In schauspielerischer Hinsicht gibt es nichts zu bemängeln. Raacke, May und Nowack glänzen mit einer erfrischenden Natürlichkeit, sodaß man rasch vergißt, daß sie "nur" eine Rolle spielen. In kleinen Nebenrollen sind außerdem der blutjunge Tobias Moretti sowie Barbara Valentin zu sehen.

    Mit Der Fluch ist dem am 29. November 1954 in München geborenen Ralf Huettner, der in den darauffolgenden Jahren so unterschiedliche Filme wie Babylon - Im Bett mit dem Teufel (1991), Texas - Doc Snyder hält die Welt in Atem (1993), Voll Normaaal - Asozial und Spaß dabei! (1994), Die Musterknaben (1997), Vincent will Meer (2010) und Burg Schreckenstein (2016) drehte, ein grandioses Mystery-Horror-Drama mit mächtig großem Nachhall gelungen, welches man mit Fug und Recht als ganz großen Klassiker des deutschsprachigen Genrekinos bezeichnen kann. Tatsächlich zählt der denkwürdige Film mit zum Besten, was hierzulande je entstanden ist. Insofern ist es zu gleichen Teilen peinlich, traurig und unverständlich, wie stiefmütterlich - Der Fluch wurde bis dato weder auf Video, noch auf DVD oder Blu-Ray veröffentlicht - diese glitzernde, einzigartige Genreperle behandelt wurde - und leider immer noch behandelt wird.

    "Es ist ein Land verloren,
    da wächst ein Mond im Ried.
    Es ist mit uns erfroren,
    es glüht umher und sieht."

    Geändert von Randolph Carter (01.07.17 um 11:44 Uhr)
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  7. #407
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    Sinthia: The Devil's Doll
    (Sinthia, the Devil's Doll / Teenage She Devil)

    USA 1970 - Directed by Ray Dennis Steckler



    "Years have passed, my life was one of searching, through dreams and fantasies, which had no end, only... lost waves that kissed the shore of a clean virgin sea that I could never be within."

    Ray Dennis Stecklers Sinthia: The Devil's Doll erzählt die Geschichte der nunmehr zwanzigjährigen Cynthia Kyle (Shula Roan in ihrem ersten und gleichzeitig auch einzigen Auftritt in einem Spielfilm), die im Alter von zwölf Jahren ihre Eltern während sexueller Aktivitäten ermordet und anschließend das Haus in Brand gesteckt hat. Wobei... die Bezeichnung "Geschichte" greift hier blindlings ins Leere. Man stelle sich Folgendes vor. Nach klassischem Erzählmuster verläuft eine Story von A nach E, vom Anfangs- bis zum Endpunkt. Der Erzählstrang kann eine übersichtliche Gerade bilden, er kann jede Menge halsbrecherische, verwirrende Kurven einlegen, aber üblicherweise beginnt er am Start und endet im Ziel. Bei Sinthia hingegen hat man den Eindruck, als würde die Geschichte irgendwo mittendrin beginnen und als wäre sie zwischen den Punkten A und E gefangen, als würde sie orientierungslos durch die Gegend taumeln, ohne Chance, jemals ihr Ziel zu erreichen. Eine halbwegs lineare, nachvollziehbare Handlung gibt es hier nicht. Steckler serviert lediglich ein Potpourri aus wirren Szenen, in die man - so man denn Bock darauf hat - so etwas wie eine Geschichte hineininterpretieren kann.

    Aufgrund ihres Alters und des emotionalen Ausnahmezustandes, in dem sie sich zum Tatzeitpunkt befunden hatte, kam Sinthia (vor dem Doppelmord noch als Cynthia bekannt) nie ins Gefängnis. Sie stand unter ärztlicher Beobachtung, acht Jahre lang. Jetzt ist Sinthia erwachsen, sie will heiraten, ihr Leben selbst bestimmen. Dazu muß sie jedoch mit der Vergangenheit abschließen. Ihr Therapeut schlägt vor, Selbstmord zu begehen. Nicht im realen Leben, sondern in der Alptraumwelt, in der sie gefangen ist ("If you were to live in reality, you must first die in your nightmares."), in der sie den Mord immer wieder durchlebt, in der sie seltsame Menschen trifft (die aussehen wie ihre Eltern) und in der man nicht viel von Bekleidung hält. Man kann Sinthia: The Devil's Doll als Blick in den geisteskranken, gequälten Verstand einer jungen Frau deuten, welcher zwischen Schuld und Wahn, Abhängigkeit und Verzweiflung, Mordlust und Besessenheit pendelt. Andererseits wird angedeutet, daß sich gar der Teufel ("The devil is in my brain") ihrer bemächtigt haben könnte. Möglicherweise ist das alles aber auch nur eine sinnlose Aneinanderreihung von Szenen, von einem Regisseur, der die falschen Drogen konsumiert und sich eingebildet hat, er müsse dem konventionellen Genrekino beherzt den Mittelfinger zeigen.

    Sinthia: The Devil's Doll ist nicht per se schlecht. Man spürt, daß sich Steckler und Drehbuchautor Herb Robins bemüht haben, ihre Vision auf Zelluloid zu bannen. Daß diese Vision auf dem Weg zum Publikum verloren gegangen ist, ist darauf zurückzuführen, daß Steckler kein guter Regisseur ist, daß die Schauspieler nicht überzeugen können und daß den Zuschauern Sinthias Schicksal egal ist. Was bleibt, ist ein eher langweiliger Trip durch eine bizarre Phantasiewelt, durchsetzt mit diversen psychedelischen Momenten, so bedeutungsschwangeren wie kryptischen Dialogen, und viel, viel nackter Haut. Eine merkwürdige Mischung aus Sexploitation und Kunstkino, die sich eher tollpatschig zwischen alle Stühle setzt. Hin und wieder gelingt es Steckler fast, dem Geschehen eine poetische Note zu verleihen (bei den Strandszenen zum Beispiel), aber dann gehen mit ihm wieder die Pferde durch und er läßt mittels Bildüberlagerungen gleich mehrere weibliche Brustpaare gleichzeitig über den Bildschirm tanzen. Hinzu kommt, daß trotz aller Bemühungen eine gewisse Monotonie einkehrt. Aufgrund des Fehlens eines Spannungsbogens und einer dramaturgischen Struktur plätschert das Geschehen recht behäbig dahin.

    Regisseur Ray Dennis Steckler (1938 – 2009) genießt dank schrägen und sehr speziellen Filmen wie The Incredibly Strange Creatures Who Stopped Living and Became Mixed-Up Zombies (Cabaret der Zombies, 1963), The Thrill Killers (1964), The Mad Love Life of a Hot Vampire (1971), The Sexorcist (1974) und The Hollywood Strangler Meets the Skid Row Slasher (1979) bei Bad-Movie-Aficionados einen gewissen Kultstatus. Sinthias Drehbuchautor Herb Robins steht dem jedoch in Nichts nach; mit seinem schier unglaublichen Werk The Worm Eaters (Die Wurmfresser, 1977), bei dem er nicht nur für Regie und Skript verantwortlich zeichnete, sondern darüber hinaus auch noch als Hauptdarsteller in Erscheinung trat, ist er in die Annalen der Trash-Filmgeschichte eingegangen. Und um die Vergabe der Hauptrolle rankt sich folgende schöne Legende. Als sich Peter Balakoff (Sinthias Vater im Film) mit Steckler treffen sollte, streikte sein Auto. Eine junge Lehrerin an einer Sonntagsschule nahm ihn mit und begleitete ihn zum Filmemacher. Als Steckler die Frau sah, meinte er, daß er seine Sinthia endlich gefunden habe. So kann es gehen. Eben noch in der Sonntagsschule, kurz darauf schon Star in einem Steckler-Streifen! Leider ändert diese Anekdote nichts daran, daß Sinthia: The Devil's Doll am Seifenblasensyndrom leidet. Die Oberfläche ist schillernd und faszinierend, das Darunter allerdings hohl und uninteressant.

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  8. #408
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    Megan Is Missing
    USA 2009/11 - Written, Edited & Directed by Michael Goi



    On January 14, 2007, 14-year-old Megan Stewart disappeared. Three weeks later, her best friend Amy Herman also vanished. This film was assembled using cell phone transmissions, computer files, home videos and public news reports.

    Obige Einblendung stellt schon zu Beginn des Filmes klar, was passiert ist. Es ist somit kein Geheimnis, daß sowohl Megan Stewart (Rachel Quinn) als auch Amy Herman (Amber Perkins) spurlos verschwunden sind. Megan Is Missing schildert, was die Tage vor, während und nach ihrem Verschwinden passiert ist. Und dabei macht Regisseur Michael Goi (am ehesten bekannt als Cinematographer der TV-Serie American Horror Story) weder Gefangene noch Kompromisse. Megan und Amy sind beste Freundinnen, offensichtlich schon von klein an. Sie sind viel zu unterschiedlich, als daß sie sonst zusammengefunden hätten. Die vierzehnjährige Megan ist hübsch, gesellig, bei allen beliebt, sie läßt keine Party aus, hat Spaß an Alkohol, Drogen und Sex. Eine echte Miss Popular also, bereits wesentlich mehr Frau als Kind. Amy hingegen, für einige Tage noch dreizehn Jahre jung, ist schüchtern, sensibel, noch jungfräulich, sieht durchschnittlich aus, und ist bei fast allen unbeliebt. Sie ist die klassische Außenseiterin, hat abgesehen von Megan keine Freunde, wird auf keine Party eingeladen, und wenn sie mit jemandem Small Talk machen will, wird sie sofort abgewimmelt. In ihrem Zimmer häufen sich Stofftiere, sie ist noch wesentlich mehr Kind als Frau. Dann lernen die beiden übers Internet den coolen "Skaterdude" Josh (Dean Waite) kennen.

    Das Genre des Found-Footage-Films wurde mit Daniel Myricks und Eduardo Sánchez' The Blair Witch Project (1999) quasi über Nacht populär, obwohl dabei gerne vergessen wird, daß dieser clevere Kniff, mittels gefundener Aufzeichnungen das Schicksal der verschwundenen Protagonisten zu enthüllen, bereits viel früher angewandt wurde, zum Beispiel vom Italiener Ruggero Deodato bei Cannibal Holocaust (1980). The Blair Witch Project begründete jedoch dieses Genre und katapultierte es in den Mainstream, was zur Folge hatte, daß in den Jahren danach unzählige nach diesem oder ähnlichem Muster gestrickte Filme produziert worden sind, viele davon mit dem Zusatz-Gimmick "based on actual events". Dies trifft auch auf Megan Is Missing zu. Bei Streifen dieser Machart kommt es hauptsächlich darauf an, wie sehr man es vermag, sich ins Filmgeschehen hineinzuversetzen. Je mehr man das Ausgangsszenario als gegeben hinnimmt, und je mehr man die verschiedenen, nachfolgenden Ereignisse als real ansieht (denn genau das versuchen die Macher schließlich mit dem dokumentarischen Anstrich zu implizieren), desto effektiver erlebt man die Auflösung des Geschehens. Schafft man es nicht, sich auf den Film einzulassen und zu den Figuren eine emotionale Bindung aufzubauen, dann verpufft die Wirkung der Auflösung gänzlich, und es ist eigentlich schade um die vergeudete Zeit.

    Obwohl Megan Is Missing die Standardroute wählt und kein Risiko eingeht, ist er einer der besten, kraftvollsten und intensivsten Beiträge zum Found-Footage-Genre. Am Anfang kommt die Ankündigung, der Film basiere auf wahren Begebenheiten, gefolgt vom Hinweis darauf, was passiert ist. Und danach läßt uns Drehbuchautor und Regisseur Michael Goi einige Zeit mit den Mädchen verbringen. Wir sehen zu, wie sie sich unterhalten, wie sie herumalbern, wie sie Partys besuchen oder wie sie über einen Video-Chat miteinander kommunizieren und Geheimnisse austauschen. Wir erhalten einen Einblick in das Leben der Beiden, bekommen einen Eindruck davon, wie sie ticken. In einer bemerkenswert zwiespältigen Sequenz erzählt Megan, wie sie, damals zehn Jahre alt, in einem Sommercamp von einem Betreuer zum Blowjob genötigt wurde. Sie schildert den gesamten Vorgang sachlich und beinahe emotionslos und läßt dabei kein Detail aus. Laut Goi stammt dieser Bericht aus einem der zahlreichen Interviews, welche er im Vorfeld mit einigen Teenagern geführt hatte, und dieser wurde nahezu eins zu eins in den Film übernommen. Die Hauptdarstellerinnen Rachel Quinn und Amber Perkins, beide etwas älter als die Figuren, die sie spielen (eine absolute Notwendigkeit: vierzehnjährigen Mädchen wären diese Rollen nicht zumutbar gewesen), überzeugen vollauf und erwecken Megan und Amy zum Leben.

    "I think we're going to have amazing lives", meint Megan in einer Videoaufzeichnung gegen Ende des Filmes zu ihrer Freundin. Ein ungemein perfider Kunstgriff, schließlich weiß man zu diesem Zeitpunkt bereits, was mit den Mädchen passiert ist. Und ihr Schicksal geht gehörig an die Nieren. Daß es Goi in der letzten halben Stunde vermeidet, die Torture-Porn-Route zu beschreiten, ist ihm hoch anzurechnen. Zwar gibt es zwei, drei extrem grausige, perfekt getimte Schockmomente, auf selbstzweckhafte, ausgewalzte Gewaltdarstellungen à la Saw oder Hostel verzichtet er jedoch konsequent. Vielleicht erreicht Megan Is Missing auch gerade dadurch diese ungeheure Intensität, weil er einen dazu zwingt, die eigene Phantasie zu benutzen. Im Zuge seiner Recherchen sei er auf so unfaßbar schreckliche Dinge gestoßen, daß er sie unmöglich ins Drehbuch schreiben hätte können, sagt Goi. Eine gute Entscheidung, finde ich, denn das, was zu sehen ist, reicht völlig aus. Oh ja, ein, zwei Minuten lang ins Gesicht einer verzweifelten Frau zu blicken, die vergewaltigt wird, zu sehen, wie etwas in ihr zerbricht, wie ihre Augen erlöschen und sie nur mehr blicklos ins Leere starrt (die schauspielerische Leistung der betreffenden Aktrice in dieser Sequenz ist phänomenal) ... das reicht völlig aus, um die mit diesem widerwärtigen Gewaltakt verbundene Brutalität sowie den Schmerz und die Hilflosigkeit auf Seiten des Opfers zu verstehen.

    Nun könnte man kritisieren, daß Michael Goi zu dick aufträgt, daß er dem Publikum die Botschaft seines Filmes mit dem Vorschlaghammer einbläut. Vielleicht trifft das zu. Fakt ist jedoch, daß es da draußen viele sadistische Perverse gibt, und daß sich einige dieser perversen Sadisten ihre Opfer übers Internet suchen. Megan Is Missing schildert, wie sich ein scheinbar cooler Typ, über den kaum etwas bekannt ist (und über dessen Beweggründe sich der Film in Schweigen hüllt), das Vertrauen eines der naiven Teenager erschleicht. Und sie und ihre Freundin schließlich ins Verderben lockt. Dabei geht Goi dermaßen schonungslos und unerbittlich vor, daß man unwillkürlich einen dicken Kloß im Hals und ein mulmiges Gefühl im Bauch verspürt. Dem Regisseur gelingt es, mithilfe der verschiedenen Aufzeichnungen (Webcams, Handyvideos, Videokamera, (sensationsgierige) Nachrichtensendungen, Überwachungskamera, Polizeifotos) und der tollen Hauptdarstellerinnen ein authentisches Flair zu erschaffen, welches trotz manch kleinem Fauxpas vollauf überzeugt. Die nüchterne, dokumentarische Stimmung macht es einem auch leicht, das Gesehene zu glauben. Es fühlt sich einfach echt an, was letztendlich dazu führt, daß man Megan Is Missing weniger sieht als vielmehr erlebt. Und es ist ein solch unangenehmes und schmerzhaftes Erlebnis, daß man diesen nihilistischen Schocker lange Zeit nicht vergessen wird. Harte, verstörende Kost, die schwer im Magen liegt und bei der es schwierig ist, sie mit einem lapidaren "it's only a movie" abzutun.

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  9. #409
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    Iced
    (Iced - Der Tod auf Skiern / Blizzard of Blood)

    USA 1988 - Directed by Jeff Kwitny



    Streiten sich zwei heiße, mit Testosteron vollgepumpte Hengste um ein süßes Mädel, kann das Problem nur ein Schwanzvergleich aus der Welt schaffen. Sowohl Cory (Doug Stevenson) als auch Jeff (Dan Smith) fahren voll auf Trina (Debra De Liso) ab, deren eigene Meinung zu diesem Thema komplett ignoriert wird, mag sie doch den ollen Jeff eigentlich gar nicht. Ein Wettkampf soll es richten, ein Nightrace. Also stürzen sich die beiden Kontrahenten todesverachtend auf ihren Skiern den Berg hinunter, und wenig überraschend zieht der mit schmutzigen Tricks kämpfende Jeff den Kürzeren. Nun ist er verständlicherweise zu Tode betrübt, kann die Schmach nicht verkraften, zuckt völlig aus. Als Trina und Cory zur Feier des Tages auch noch eine Nummer schieben, schlüpft der angepißte Jeff in seine Schiausrüstung, schnallt sich die Bretter an und rast voller Elan die Piste hinab. Prompt übersieht er in stockdunkler Nacht einen Abhang und zerschellt Bauch voraus auf einem Felsstück. Tja, dumm gelaufen. Vier Jahre später. Cory und Trina sind nun verheiratet (sie heißen Mr. und Mrs. MacGuyver) und unterwegs zu einem Gratis-Schiwochenende, zusammen mit ihren alten Freunden Carl (Ron Kologie), Jeanette (Lisa Loring), John (John C. Cooke), Diane (Elizabeth Gorcey) sowie Eddie (Michael Picardi), welcher nachzukommen versprochen hat. Die Einladung zum neuen Schiresort Snow Peak in den Alpen erfolgte durch den geschäftstüchtigen Manager Alex Bourne (Joseph Alan Johnson) und ist mit einer Verkaufsveranstaltung gekoppelt. Während die Gäste die Tage genießen, plant ein Unbekannter ihrer aller Ermordung.

    Auch wenn es über Jeff Kwitnys in Utah entstandenen Schneeslasher Iced leider nicht viel Positives zu berichten gibt, als Genrefan kann man dem Streifen dennoch einiges abgewinnen. Zwar spricht es nicht gerade für den Film, wenn eine Nacktszene (bzw. die Schauspielerin, welche diese absolviert) zu einem der (wenigen) Höhepunkte von Iced hochstilisiert wird, aber hey... andere Slasher können nicht einmal das bieten. Zumal es sich bei besagter Aktrice um Lisa Loring handelt. Ja, die Lisa Loring, welche von 1964 bis 1966 die kleine Wednesday Addams in der Kult-TV-Serie The Addams Family verkörpert hat. Anno 1988 war sie zu einem richtig heißen Feger herangewachsen, mit wallender Haarpracht und üppigen Rundungen. Ich kann ihre Entscheidung, sich in einem billig produzierten und ambitionslos heruntergekurbelten Horrorfilm vor der Kamera zu entblößen, sogar irgendwie nachvollziehen. Wenn man solch atemberaubende Kurven hat, möchte man sie gewiß auch herzeigen. Und schließlich gab es damals noch kein Internet! Loring ist der Star des Films, keine Frage. Ihre bloße Präsenz reicht aus, um alle anderen zu Statisten zu degradieren. Das gilt auch für die nominelle Heldin Debra De Liso, die ziemlich blaß bleibt. Iced ist übrigens nicht der erste Film, in dem sich De Liso mit einem irren Killer herumschlagen muß. Bereits einige Jahre zuvor kämpfte sie in The Slumber Party Massacre ums Überleben; ob es ihr gelungen ist, nicht angebohrt zu werden, sei hier natürlich nicht verraten. Und sie ist nicht die einzige mit Genrefilmerfahrung. Elizabeth Gorcey kennt man (vielleicht) aus Teen Wolf, und Joseph Alan Johnson war bei Berserker mit von der Partie.

    Ebenfalls recht nett ist das Winter-Setting des Streifens, obwohl man aus der eisigen Schneelandschaft wesentlich mehr herausholen hätte können, befindet sich die Gruppe doch meist in einer Hütte. Der starke Kontrast rotes Blut vs. weißen Schnee wird z. B. viel zu wenig genutzt. Immerhin werden Winterutensilien wie Schistöcke als Mordwaffen mißbraucht, und auch ein handlicher Eiszapfen wird gerne genutzt, um jemanden um die Ecke zu bringen. Womit wir bei den Murder-Set-Pieces sind, die Würze der Slashersuppe. Leider läßt Iced in dieser Hinsicht einige Wünsche offen. Die Kills sind nett, keine Frage, sie wurden aber nicht sonderlich gekonnt oder gar denkwürdig umgesetzt. Lediglich der Eiszapfenmord sowie die Jacuzzi-Szene bleiben etwas hängen, der Rest ist Metzelware von der Stange. Hinzu kommt, daß es sehr lange dauert, bis der Mörder endlich Nägel mit Köpfen macht. Erst im letzten Drittel des Filmes dreht er auf, dann geht es aber auch Schlag auf Schlag. Stellt Kwitny in der ersten Stunde das Publikum noch auf eine harte Geduldsprobe, so zündet er dann doch noch den Turbo und belohnt die Zuschauer, die drangeblieben sind, mit einem sehr ordentlichen Showdown. Originell ist das strikt nach Schema F konzipierte Direct-to-Video-Movie (abgeschiedene Location, heiße Babes, kreative Morde, Killer-POV, stereotype Figuren, fake Schocks, das Final Girl, das über die Leichen der anderen stolpert, etc.) ebenso wenig wie es spannend oder gar packend ist. Wer von den Pappnasen wann das Zeitliche segnet, ist einem völlig egal. Eine emotionale Bindung an die Figuren findet nicht statt.

    Iced ist somit nur für beinharte Slasher-Movie-Fans von Interesse, die auch lachhaft schlecht inszeniertem Seifenoper-Melodrama was abgewinnen können, wird man in der ersten Stunde des Filmes doch ausgiebig mit den Problemchen unserer Protagonisten gequält. Den Vogel in dieser Beziehung schießt Carl ab, der keine Gelegenheit ausläßt, allen um sich herum auf die Nerven zu fallen. Außerdem zieht er sich gerne - nackt wie Gott ihn schuf - Koks rein, und wenn er geil ist, macht er sich über das Ziel seiner Begierde her, und ist sie nicht willig, so nimmt er sie mit Gewalt. Ein echtes Arschloch, dem man sein schmerzhaftes Ableben von Herzen gönnt. Aber es sind Momente wie diese, welche das ansonsten öde Geschehen entscheidend versüßen. Jeanette im Jacuzzi, ihre Brüste liebkosend. Die Sequenzen aus der Sicht des Mörders, durch seine zerbrochene, getönte Schibrille. Oder Trina, die panisch durch die verschneite Gegend läuft, mit Shirt, Jacke, Stiefel und Unterhöschen (!) etwas unangemessen bekleidet. Zum Drüberstreuen servieren uns Regisseur Kwitny (Beyond the Door III aka Amok Train - Fahrt ins Nichts) und Drehbuchautor Johnson (der im Film auch als Alex Bourne zu sehen ist und mit überschätzten Dingen wie Logik oder Plausibilität nichts am Hut hat) noch das vielleicht bescheuertste und aberwitzigste "Schock-Ende" seit der Juan Piquer Simón-Granate Mil gritos tiene la noche (Pieces), bei welchem selbst die hartgesottensten Genrefans gackernd über den Boden rollen dürften. Für Freunde obskurer Baddies ist Iced somit ein gefundenes Fressen. Allen anderen wird dieses "coole" Slasher-Häppchen wohl eher nicht munden.

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  10. #410
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    Kissed
    (Kissed - Todeskuss / Kissed - Todeskuß / Necrophile Kiss - Der Todeskuss)

    Kanada 1996 - Directed by Lynne Stopkewich



    "I've always been fascinated by death. The feel of it. The smell of it. And the stillness."

    Schon von Kindheit an fühlt sich Sandra Larson (in jungen Jahren: Natasha Morley; danach: die aus dem The Wicker Man-Remake bekannte Molly Parker) vom Tod angezogen. Sie wächst mehr oder weniger alleine auf, gezwungenermaßen, da sich das Verständnis der Mitschülerinnen für ihre ungewöhnliche Neigung (sie kuschelt zum Beispiel gerne mit toten Streifenhörnchen oder Vögeln) stark in Grenzen hält. Selbst ihre Freundschaft zur schüchternen Carol (Jessie Winter Mudie), die aufgrund einer Sehbehinderung ebenfalls eine Außenseiterin ist, zerbricht daran, just an dem Tag, als bei Sandra erstmals die Monatsblutung einsetzt. Ihre Berufswahl ist dann auch keine große Überraschung, sondern logische Konsequenz. Sie wird Gehilfin von Mr. Wallis (Jay Brazeau, Insomnia), dem Inhaber des Bestattungsunternehmens Wallis Funeral Home. Ihre Begabung für die heikle Arbeit mit Leichen ist mehr als offensichtlich, und so eignet sie sich schließlich auch noch die Kunst der Einbalsamierung an. Dann lernt Sandra den Medizinstudenten Matt (Peter Outerbridge, Saw VI) kennen, mit dem sie eine Beziehung beginnt und dem sie ihre absonderliche Veranlagung anvertraut. Mit fatalen Konsequenzen.

    Der wohl zärtlichste, gefühlvollste, poetischste und schönste Film zum Thema Nekrophilie kommt aus Kanada: Lynne Stopkewichs Kissed. Stopkewich, die zusammen mit Angus Fraser das Drehbuch schrieb (basierend auf der Erzählung We So Seldom Look on Love (1992) von Barbara Gowdy) und die auch die Koproduktion übernahm, gelang ein bemerkenswert einfühlsamer Independent-Film zu einer Thematik, die üblicherweise Abscheu, Ekel und Unverständnis hervorruft. Stopkewich nähert sich dem Stoff auf Augenhöhe und ohne zu werten; zu keiner Zeit wird die getriebene Protagonistin von oben herab behandelt oder für ihr Verhalten gar verurteilt. Genau so wenig lädt die Behandlung der kontroversen Materie zur Nachahmung ein. Weder beutet die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten zweiunddreißigjährige Kanadierin (Suspicious River, Lilith on Top, October Kiss) die Thematik aus, noch hat man das Gefühl, Sandra würde die Toten benutzen bzw. sie für ihre Bedürfnisse mißbrauchen. Die Art, wie Sandra mit den Leichen kommuniziert, wie sie sie betrachtet und sie berührt, das ist gleichermaßen respekt- wie liebevoll. "I feel everything from the body. I see it. It's like looking into the sun without going blind", bekennt sie an einer Stelle.

    Matt: "Why do you want to be an embalmer?"
    Sandra: "Because of the bodies."
    Matt: "What do you mean?"
    Sandra: "I make love to them."


    Als Matt in Sandras Leben tritt, ändern sich die bis dato geordneten Dinge. Nicht, weil der junge, fesche Student von Sandras Neigung abgestoßen wäre, im Gegenteil. Er ist fasziniert von ihrem Verlangen, will alles darüber erfahren, bittet sie sogar, zuschauen zu dürfen. Sandra lehnt entrüstet ab und zieht sich von ihm zurück. Doch das Feuer in Matt ist längst entfacht und hat sich zu einem Flächenbrand entwickelt. Wie ein Junkie giert er danach, es selbst einmal zu versuchen. Er verfällt zusehends, vegetiert nur noch vor sich hin, mit einem ganz bestimmten Ziel vor Augen. Doch Sandra läßt sich nicht erweichen. Sie spürt, daß sich seine Obsession von ihren Bedürfnissen grundlegend unterscheidet. Und so gleitet die Geschichte ihrem unvermeidlichen Ende entgegen. Stopkewich verzichtet gänzlich auf spekulative Goreszenen. Der Akt des Einbalsamierens wird detailliert beschrieben aber nicht gezeigt. Anstatt die ungustiösen Details einzufangen, beobachtet die Kamera Sandra, als sie dem Vorgang erstmals beiwohnt, fängt die Emotionen ein, die sich auf ihrem Gesicht spiegeln. Auch der Liebesakt wird nur kurz angedeutet. Wer auf exploitative Elemente hofft, ist bei Kissed - trotz zweier kurzer Full-Frontal-Nacktszenen - definitiv im falschen Film.

    Interessant ist außerdem, daß es Sandra in erster Linie nicht um die Befriedigung ihrer speziellen Gelüste geht. Vielmehr ist sie der festen Überzeugung, daß sie mit ihrer Hingabe den Toten etwas Gutes tut, daß sie ihnen beim Übergang in die nächste Welt behilflich ist. Dadurch bekommt Kissed eine spirituelle Note, welche durch die Art der Inszenierung der entsprechenden Momente verstärkt wird. Sandras verklärter Gesichtsausdruck (der sexuelle Höhepunkt der Frau ist ja auch als "la petite mort", also "der kleine Tod", bekannt), die grelle Szenenausleuchtung (als ob der Raum von überirdischem Licht geflutet werden würde), die sanften, fast schon sakralen Klänge auf der Tonspur (Engelsmusik?); für Sandra ist der Liebesakt auf alle Fälle eine wahrhaft himmlische Erfahrung. Leider reißt Stopkewich diesen Aspekt nur kurz an und läßt viele Fragen unbeantwortet. Stattdessen konzentriert sie sich auf das (Gefühls-)Leben ihrer Hauptfigur, kongenial zum Leben erweckt von Molly Parker. Parkers eindringliche Performance ist eine Offenbarung, zu gleichen Teilen fragil, entschlossen, verletzlich, selbstbewußt, sensibel, leidenschaftlich und stark, sodaß man als Zuschauer gar nicht anders kann, als sich zu dieser ungewöhnlichen Frau hingezogen zu fühlen. Und das im Wissen, daß sie warme Körper ziemlich kalt lassen.

    Phantasmagorien aus den unaussprechlichen Abgründen des Wahnsinns
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