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Thema: Phantasmagorien aus den unaussprechlichen Abgründen des Wahnsinns

  1. #376
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    Alice in Wonderland: An X-Rated Musical Fantasy
    (Alice in Wonderland / Alice in Wonderland: An X-Rated Musical Comedy / Bill Osco's Alice in Wonderland: An X-Rated Musical Fantasy)

    USA 1976 - Directed by Bud Townsend



    Alice: "Well, if it feels good, there's a good chance it must be bad."
    Scrugg: "Alice, if it feels good, it is good, learn to trust yourself."


    Es war einmal eine junge, hübsche Bibliothekarin namens Alice (Kristine DeBell), die in einen jungen, hübschen Burschen namens William (Ron Nelson) verliebt ist. William ist richtig scharf auf die süße, kleine (aber überhaupt nicht graue) Maus und will endlich den nächsten großen Schritt (= die körperliche Liebe) vollziehen, doch für Alice geht dies alles etwas zu schnell (sie trauert noch der unkomplizierten Kindheit nach), und so weist sie den Jüngling entschieden zurück, woraufhin er enttäuscht von dannen zieht. Während sich Alice in ein gewisses Buch von Lewis Carroll vertieft und vor sich hinträumt, taucht plötzlich ein menschengroßer weißer Hase (Larry Gelman) auf, dem sie durch einen Spiegel in ein seltsames Wunderland folgt. Staunend und voller Faszination erkundet sie die ungewöhnliche Gegend, stürzt in einen See, wird von Scrugg (J.P. Paradine) gerettet, trifft schließlich erst den verrückten Hutmacher (Alan Novak) und danach den unglücklichen Humpty Dumpty (Bucky Searles), macht die Bekanntschaft von Tweedledee (Tony Richards) und Tweedledum (Bree Anthony) und gerät am Ende schließlich in die Fänge der bösen Herzkönigin (Juliet Graham), die unbedingt ihren Kopf (zwischen ihren Schenkeln spüren) will.

    Das 1865 erschienene Kinderbuch Alice's Adventures in Wonderland (Alice im Wunderland) sowie dessen 1871 veröffentlichte Fortsetzung Through the Looking-Glass, and What Alice Found There (Alice hinter den Spiegeln) des britischen Autors Lewis Carroll wurden im Laufe der Jahre viele, viele Male verfilmt (erstmals 1903, zuletzt 2016) bzw. für andere Medien (Theaterstücke, Videospiele, etc.) adaptiert. Die meisten dieser Projekte sind für sämtliche Altersstufen geeignet. Hin und wieder entstanden jedoch auch Versionen bzw. Weiterentwicklungen der berühmten Vorlage, die man strahlenden Kinderaugen tunlichst vorenthalten sollte. Als Beispiele seien Jan Svankmajers Neco z Alenky (1988 - zu verstörend), American McGee's Alice (2000 - zu gruselig) und Bud Townsends Alice in Wonderland: An X-Rated Musical Fantasy (1976 - zu, ähm, freizügig) genannt. Nach dem großen Erfolg der schlüpfrigen Space-Oper Flesh Gordon (1974) wollte Produzent Bill Osco gleich etwas Ähnliches nachlegen, und so machte er sich schließlich mit seinen Mitstreitern vor und hinter der Kamera (wie Regisseur Bud Townsend (Nightmare in Wax, Terror at the Red Wolf Inn, The Beach Girls) und Drehbuchautor/Komponist Bucky Searles) an die Arbeit.

    Wer jetzt denkt, daß es sich bei Alice in Wonderland um einen billig heruntergekurbelten Pornoflick handelt, der die beliebte Geschichte nur als Vorwand nutzt, um das Publikum mit jeder Menge expliziten Hardcore-Nummern bei der Stange zu halten, der irrt sich gewaltig. Alice in Wonderland ist eine absolute Qualitätsproduktion, und eine verdammt vergnügliche noch dazu. Osco und Townsend verstehen es hervorragend, ihr Publikum von Beginn weg nahezu spielerisch um ihre geschickten Finger zu wickeln. Mit der flotten, mitreißenden Inszenierung. Mit der ansteckend heiteren, Anything-Goes-Grundstimmung. Mit einer Handvoll phantasievoll choreographierten Musical-Nummern. Mit zahlreichen schmissigen, eingängigen Songs. Mit schönen Sets und einer blendend aufgelegten Cast. Mit surrealen Momenten und sinnlichen Liebesspielen. Mit coolen Ideen und launigen Sprüchen ("We don't have any towels. We had one once, but it was stolen by a hotel."). Sowie mit viel Kreativität, Herz und einem entwaffnenden Charme, dem man sich nicht entziehen mag. Tatsächlich ist Alice in Wonderland das vielleicht unterhaltsamte X-Rated-Movie, das mir bislang untergekommen ist. Es macht einfach großen Spaß, der sexy Heldin bei ihren nicht immer jugendfeien Abenteuern im Wunderland zuzusehen.

    In der Hauptrolle glänzt Playboy Playmate April 1976 Kristine DeBell, welcher der Spagat zwischen naiver Unschuld und heißer Sexbombe erstaunlich glaubhaft und unverkrampft gelingt. Da die damals zweiundzwanzigjährige Aktrice ungemein jung aussieht (sie geht locker als achtzehn durch), nimmt man ihr das unerfahrene aber entdeckungsfreudige Mädel sofort ab. Leider ist dies DeBells einziger Genrefilm; sie wechselte danach ins seriöse Fach (Meatballs, Battle Creek Brawl), aber die großen Erfolge blieben aus. Als Alice punktet sie, neben ihrer angenehmen Singstimme, mit Charisma und Spielfreude, selbst in den (nie zu langen) Sexszenen. Diese sind mit Bedacht in die Handlung eingeflochten, versprühen Spaß, Witz und Lust, und recht erotisch sind sie noch dazu. Trotz allerlei sexueller Aktivitäten herrscht eine richtig ausgelassene und unkomplizierte, irgendwie auch unschuldige Stimmung (was das Poster Artwork übrigens perfekt einfängt), wobei sich der Sex aus der Situation heraus ergibt, und nicht, weil es das Drehbuch vorschreibt. Er erscheint hier so natürlich und selbstverständlich, daß etwas fehlen würde, würde man ihn nicht zeigen. Schließlich ist Alice in Wonderland ein kurzweilig-spritziger, sympathisch-vergnüglicher Film über das Erwachsenwerden und das damit einhergehende sexuelle Erwachen. Kurzum: Ein großer Spaß für große Jungs und ebensolche Mädels.

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  2. #377
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    The Stalls of Barchester
    (Ghost Story for Christmas: The Stalls of Barchester)

    Großbritannien 1971 - Directed by Lawrence Gordon Clark



    Beim Katalogisieren der Bibliothek der Kathedrale von Barchester entdecken Dr. Black (Clive Swift, Frenzy) und der Bibliothekar (Will Leighton) in den 1930er-Jahren eine alte, versteckte Truhe, deren Inhalt sich als recht brisant erweist. Es handelt sich nämlich um die Aufzeichnungen des Erzdiakons Haynes (Robert Hardy, Psychomania), der gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Barchester tätig war und unter mysteriösen Umständen das Zeitliche segnete. Wie sich beim Lesen der Dokumente herausstellt, dauerte es geraume Zeit, bis Haynes überhaupt zum Erzdiakon berufen wurde, da sein Vorgänger, Erzdiakon Pulteney (Harold Bennett), trotz hohen Alters keine Anstalten machte, abzutreten. Erst im zweiundneunzigsten Lebensjahr räumte er unfreiwillig den Sessel für seinen Nachfolger, als er in seiner Wohnung eine Treppe hinabstürzte und sich das Genick brach. Haynes war endlich am Ziel seiner Träume, doch die große Freude wollte sich nicht so recht einstellen. Seltsame Erscheinungen plagten den rational denkenden Mann, welche ihn mehr und mehr beunruhigten und ihn an seinem Verstand zweifeln ließen.

    The Stalls of Barchester bildet den Auftakt zur legendären BBC-Gruselreihe "A Ghost Story for Christmas" und wurde erstmals am 24. Dezember 1971 ausgestrahlt. Lawrence Gordon Clarks Adaption von M.R. James' Erzählung The Stalls of Barchester Cathedral (Das Chorgestühl der Kathedrale von Barchester bzw. Das Chorgestühl zu Barchester) aus dem Jahre 1910 ist ein ruhiges, gemächliches Schauerstück, welches vor allem durch seine zum Schneiden dichte Gothic-Horror-Stimmung beeindruckt. Wem es gefällt, wenn alte Männer durch dunkle Gemäuer schleichen, mit einer flackernden Kerze als einziger Lichtquelle, wenn ihre vorsichtigen Schritte auf einer Holztreppe von knarzenden Geräuschen begleitet werden und wenn Türen beim Öffnen bedrohlich knarren, der dürfte sich hier so wohl fühlen wie die Made im Speck. Und es ist vor allem diese tolle Atmosphäre, die den nur fünfundvierzig Minuten kurzen Film sehenswert macht. Wer auf blanke Gruselelemente aus ist, könnte eventuell enttäuscht aus der Wäsche gucken, sind die schaurige Momente doch nicht nur rar gesät, sie schleichen sich auch noch auf leisen Sohlen sehr subtil und fast schon unauffällig ins düstere Geschehen. Die einzige Ausnahme ist ein klassischer "Buh"-Schock (mit einer schwarzen Katze noch dazu!) von der Art, mit denen man heutzutage beinahe inflationär überschwemmt wird.

    Daß sich Teile einer Kirche, insbesondere der hölzerne Chorstuhl mit seinen absonderlichen Schnitzereien, gegen den Gottesdiener zu wenden scheinen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Wobei hier zwei Lesarten möglich sind. Entweder hat sich Haynes tatsächlich den Zorn übernatürlicher Mächte zugezogen (der gute Mann hat ja dem Ableben seines Vorgängers etwas nachgeholfen), oder er bildet sich alles nur ein, weil ihm die Schuldgefühle enorm zusetzen. Robert Hardy weiß in der Hauptrolle zu überzeugen, obwohl seine Figur unnahbar, stolz und unsympathisch ist. Ein Mitfiebern mit Haynes findet somit nicht statt, zumal er es sich ja auch selbst zuzuschreiben hat, was immer mit ihm geschieht. Die sparsam eingesetzten Gruselmomente verursachen leichte, wohlige Schauer, eine ausgewachsene Gänsehaut ist jedoch außer Reichweite. Aber, wie bereits erwähnt, The Stalls of Barchester lebt von seiner bedrückenden Atmosphäre, die einfach überall herrscht. In der großen Kirche, in der freien Natur (der kurze Nebenhandlungsstrang um dem Hanging Oak ist ein Gedicht), oder in der Bibliothek bei Dr. Black. Ob die Rahmenhandlung wirklich nötig ist, steht zur Debatte. Einerseits stört sie empfindlich den Erzählfluß, andererseits lockert sie das ansonsten ungemein düstere Geschehen etwas auf, verfügt Dr. Black doch über einen recht trockenen Humor. Aber selbst das ändert nichts daran, daß es in diesem schönen Stück britischer TV-Grusel-Geschichte kaum etwas zu lachen gibt.

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  3. #378
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    A Warning to the Curious
    (Ghost Story for Christmas: A Warning to the Curious)

    Großbritannien 1972 - Directed by Lawrence Gordon Clark



    Die Legende besagt, daß vor langer, langer Zeit an der Küste von Norfolk drei goldene Kronen vergraben wurden, um den Landstrich vor dem Bösen im Allgemeinen und dem Ansturm der Wikinger im Besonderen zu beschützen. Doch das - angeblich - übernatürliche Bollwerk bröckelt. Zwei der wertvollen Kronen sind im Laufe der Zeit bereits verloren gegangen, nur das dritte und letzte Stück wurde trotz aller Bemühungen nie gefunden. Nach mühseligen Recherchen spürt ausgerechnet der arbeitslose Hobbyarchäologe Paxton (Peter Vaughan, Brazil) den legendären Schatz in der Nähe des Dorfes Seaburgh auf. Bereits vor Ausgrabungsbeginn hat Paxton ein mulmiges Gefühl bei der Sache, was sich dramatisch verstärkt, als er die Krone in den Händen hält. Er fühlt sich beobachtet und alsbald auch verfolgt, als ob sich eine mysteriöse Macht an seine Fersen geheftet hätte. Als das Gefühl der Bedrohung immer intensiver wird, weiht er den im selben Hotel residierenden Dr. Black (Clive Swift, Frenzy) ein und entschließt sich schweren Herzens, die Krone an ihren angestammten Platz zurückzubringen. Schon in derselben Nacht führen die beiden Männer ihr Vorhaben durch, doch der "Wächter" (John Kearney) ist nicht so leicht zu besänftigen.

    Etwa einen Monat nach Ausstrahlung der bei Kritik und Publikum gut aufgenommenen Schauermär The Stalls of Barchester gab die BBC grünes Licht für eine weitere Episode ihrer neuen Horrorreihe. Regisseur und Produzent Lawrence Gordon Clark, der zu diesem Zeitpunkt noch alle Freiheiten genoß (was sich ab dem folgenden Jahr ändern würde), entschied sich für M.R. James' 1925 veröffentlichte Erzählung A Warning to the Curious (Eine Warnung für die Neugierigen), welche er selbst zu einem Drehbuch adaptierte. Die zweite Folge von "A Ghost Story for Christmas" hatte ihre Premiere am 24. Dezember 1972 und wurde ein überragender Erfolg. Was nicht verwundern sollte, ist diese fünfzig Minuten lange TV-Arbeit doch eine echte Genreperle, die sich niemand, der an gepflegter, anspruchsvoller Gruselunterhaltung interessiert ist, entgehen lassen sollte. In erster Linie ist A Warning to the Curious ein exquisites Mood Piece, großartig gespielt, hervorragend gefilmt, und veredelt mit einer zwar sehr dezenten aber nichtsdestotrotz höchst effektiven Musikuntermalung. Hinzu kommt die phantastische Location, die nicht mit Gold aufzuwiegen ist. Kombiniert mit der Art und Weise, wie John McGlashans Kamera die verschiedenen, teils pittoresken, teils trostlosen Schauplätze einfängt, entsteht eine unbehagliche Stimmung der völligen Isolation, so als ob man sich weit abgeschieden irgendwo im Nirgendwo - oder gar in einer fast entvölkerten Paralleldimension - befindet. Seaburgh wirkt wie ein gottverlassener, vergessener Ort, dessen unheimliches, bedrohliches Flair einem die Luft zum Atmen nimmt.

    Und dieses unheimliche, bedrohliche Flair ist keineswegs eine Einbildung! Die ominöse Bedrohung ist real, allgegenwärtig und scheinbar unaufhaltsam. Schon im Vorfeld, als Paxton bloß nach der sagenumwobenen Krone suchte, ist Etwas auf ihn aufmerksam geworden. Als er den Schatz schließlich an sich nimmt, nimmt dieses Etwas seine Fährte auf, und wie beim ähnlich gelagerten It Follows denkt es nicht daran, von ihm abzulassen. Was Paxton getan hat, läßt sich (leider) nicht mehr ungeschehen machen, so sehr er es auch versucht. Regisseur Clark begnügt sich überwiegend mit subtilen, wohldosierten, an und für sich harmlosen Andeutungen, und er macht das so dermaßen geschickt, daß dem Zuschauer unwillkürlich eisige Schauer über den Rücken rieseln. Eine mysteriöse Gestalt, die unbeweglich am menschenleeren Strand steht und Paxton stumm beobachtet, wurde zum Beispiel selten so furchteinflößend in Szene gesetzt wie hier. Auch sonst hält sich Clark ans Weniger-ist-Mehr-Prinzip. Kaum meint man, endlich einen genaueren Blick auf das Phantom werfen zu können, wird dieses plötzlich von undurchdringlicher Schwärze verschlungen. Im Wald sorgen erst raschelnde Blätter und knackende Zweige für akute Angstzustände, danach herrscht wiederum eine dermaßen unnatürliche Stille, daß man sich die schaurigen Waldgeräusche glatt wieder herbeisehnt. Während aktuelle Filme wie Insidious, The Conjuring, Annabelle & Co ihre Schrecken lang und breit und oft ins Bild rücken, hält sich A Warning to the Curious vornehm zurück, bleibt konsequent unspektakulär und zurückgenommen bis zum Ende. Maximaler Gruselfaktor durch minimalen Aufwand. Großartig.

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  4. #379
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    Lost Hearts
    (Ghost Story for Christmas: Lost Hearts)

    Großbritannien 1973 - Directed by Lawrence Gordon Clark



    Das Herz. Das Wichtigste aller Organe. Ohne Herz kein Leben. Ohne Herz keine Liebe. Es ist das Zentrum des Körpers. Einerseits der Antrieb, der Motor. Andererseits der Sitz der Gefühle, des Mutes. Wenn man Mut faßt, wenn man sich überwindet, um etwas Bestimmtes zu tun, sagt man auch: Man nimmt sich ein Herz. Manche nahmen diese Redensart wörtlich. Die Azteken schnitten lebendigen Menschen das noch schlagende Herz aus dem Leib, um es ihrem Sonnen- und Kriegsgott Huitzilopochtli bzw. der Sonne selbst zu opfern. Ähnliche Opferriten führten auch die Maya durch. Von Liberias ehemaligem Präsidenten Charles Taylor heißt es, daß er die Herzen von (toten) Soldaten verspeist hätte, entweder, um ihre Stärke, ihre Kraft und ihren Mut in sich aufzunehmen, oder um auf diese Weise seine Rache zu vollziehen und die Opfer über den Tod hinaus zu demütigen. Auch Mr. Abney verzehrt Herzen. Kinderherzen. Gewissen okkulten Büchern zufolge ist dies einer der Wege, um Unsterblichkeit zu erlangen. Die im Dezember 1895 erstmalig erschienene Erzählung Lost Hearts (deutsche Titel: Eine Herzenssache, Ein Herzensvetter bzw. Verlorene Herzen) ist eine der grausamsten Geschichten, vielleicht sogar die grausamste Geschichte, die der britische Schriftsteller M.R. James je geschrieben hat. (Aus heutiger Sicht erscheint das alles dennoch sehr zahm.) Üblicherweise begnügte sich der Autor ja mit subtilen Andeutungen, um seinen Lesern das Fürchten zu lehren, doch bei Lost Hearts machte er eine seiner wenigen Ausnahmen.

    Für die Nummer Drei der populären "A Ghost Story for Christmas"-Reihe der BBC, ausgestrahlt am 25. Dezember 1973, einigten sich die Verantwortlichen auf eine Verfilmung ebendieser Kurzgeschichte, welche M.R. James übrigens nicht zu den Favoriten seines Schaffens zählte. Im Gegensatz zu The Stalls of Barchester und A Warning to the Curious bekam Lawrence Gordon Clark nun Unterstützung zur Seite gestellt, hatte also nicht mehr die alleinige Kontrolle über das Projekt. Rosemary Hill übernahm die Produktion, und Robin Chapman adaptierte die Erzählung zu einem Drehbuch. Ob dies der Grund dafür ist, daß der fünfunddreißigminütige Lost Hearts gegenüber dem grandiosen Vorgänger A Warning to the Curious abfällt, ist schwierig zu beurteilen. Vielleicht gab die nicht sonderlich originelle Geschichte auch einfach nicht mehr her. Der elfjährige Waisenjunge Stephen (Simon Gipps-Kent) findet Unterschlupf bei seinem exzentrischen Vetter Mr. Abney (Joseph O'Conor), der, wie sich alsbald herausstellt, Garstiges im Schilde führt. An Stephens zwölften Geburtstag gedenkt er, dem Jungen das pochende Herz aus dem Leib zu schneiden. Der arme Knabe ahnt zwar, daß in dem Haus seltsame Dinge vor sich gehen, aber da er dem ach-so-netten Erwachsenen vertraut, trottet er wie ein dummes Lämmchen zum Schlächter. Sein Schicksal scheint besiegelt, wären da nicht die ruhelosen Geister von Giovanni (Christopher Davis) und Phoebe (Michelle Foster), zwei unschuldige Kinder, welche Abneys abscheulichen Machenschaften bereits zum Opfer gefallen sind. Joseph O'Conor (The Black Windmill) drückt gehörig auf die Tube und weckt mit seiner verschlagen-kauzigen Darbietung Erinnerungen an die böse Hexe, die Hänsel im Knusperhäuschen gefangen hält und unaufhörlich mästet, um ihn - wenn er fett genug ist - zu fressen.

    Trotz der grausigen Thematik ziehen sich ein märchenhaftes Flair sowie ein morbider schwarzer Humor durch das düstere Geschehen, wodurch Lost Hearts leichter zu goutieren ist. Auf der einen Seite ist da Abney mit seinem schrulligen Gehabe und den perfiden Wortspielen, auf der anderen Seite die beiden rachsüchtigen Geisterkinder mit ihren mitunter doch recht seltsamen Gepflogenheiten (Giovanni spielt z. B. gerne seine Drehleier). Während O'Conor seinen Abney mit verschrobenem Overacting in Camp-Nähe rückt, drohen die Gespenster, denen etwas zutiefst Melancholisches anhaftet, ins Trashige abzugleiten. Zwar gibt es einige wunderbar stimmungsvolle Kameraeinstellungen (wie beispielsweise die Momente im nebeligen Wald von Lincolnshire), aber die ausgedehnten Sequenzen im alten Herrenhaus verursachen kaum Grusel, sondern sorgen eher für ein leichtes Grinsen, was aber keinesfalls heißen soll, daß die Spukgestalten nicht auch creepy sind. Wenn sie sich mit starren, bleichen Gesichtern langsam der Kamera nähern und die Finger mit den langen, scharfen Nägeln bedrohlich bewegen (und Giovanni auch noch den Leierkasten bedient), dann hat das schon eine gewisse schaurige wenn auch ausgesprochen merkwürdige Qualität. Der Spezialeffekt der offenen Brustkörbe verstärkt zwar die der Geschichte innewohnende Brutalität, kann aber aufgrund seiner billigen Umsetzung nicht überzeugen. Trotz dieser Defizite ist mir Lost Hearts sehr ans, ähm, Herz gewachsen. Auch wenn die Umsetzung als Ganzes nicht unbedingt gelungen ist, so bietet sie doch zahlreiche starke Einzelszenen, eine schöne, triste, altmodische Gruselstimmung und zwei denkwürdige Geister, denen man unwillkürlich die Daumen drückt. Außerdem weiß der Kurzfilm so prächtig zu unterhalten, daß man über seine Schwächen gerne hinwegsieht.

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  5. #380
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    The Treasure of Abbot Thomas
    (Ghost Story for Christmas: Treasure of Abbot Thomas)

    Großbritannien 1974 - Directed by Lawrence Gordon Clark



    Es ist eines der zentralen Themen in M.R. James' Schaffen. Ein selbstbewußter, rational denkender, mit beiden Beinen fest im Leben stehender Mensch wird mit dem Unerklärlichen bzw. Übernatürlichen konfrontiert. Dieses Ereignis erschüttert diese Person dermaßen, daß sie völlig aus der Bahn geworfen wird und daran sogar zugrunde zu gehen droht. Dem Protagonisten des siebenunddreißigminütigen Fernsehkurzfilms The Treasure of Abbot Thomas scheint ebendieses Schicksal bevorzustehen. Oder kann er es im letzten Moment doch noch abwenden? Reverend Justin Somerton (Michael Bryant, Torture Garden) ist von sich und seinen Anschauungen so überzeugt, daß er für abweichende Thesen lediglich ein müdes Lächeln übrig hat. Bereits in der großen Eröffnungsszene, einer Séance, bereitet es ihm eine diebische, ja, fast schon sadistische Freude, ein Medium zu entlarven und der Scharlatanerie zu überführen. Daß er damit auch die Hoffnung der Gastgeberin Lady Dattering (Virginia Balfour) zerstört, die Kontakt zu ihrem verstorbenen Mann aufnehmen wollte, bemerkt er im Eifer des Gefechts nicht einmal. Doch auch dieser gestandene Mann Gottes hat Schwächen, und eine davon ist die Neugierde. Sollte an dem Gerücht um den versteckten Schatz des im Jahre 1429 gestorbenen Abtes Thomas (John Herrington), eines berüchtigten Alchemisten, etwas dran sein? Eine erste, kleine Spur entfacht sein Jagdfieber, und unterstützt von seinem gelehrigen Schüler Peter (Paul Lavers), Lady Datterings Sohn, geht er den geschickt gestreuten Hinweisen nach. Daß ein mysteriöser Wächter den Schatz angeblich hüten soll, kann natürlich nur ausgemachter Humbug sein. Oder?

    Nach dem etwas durchwachsenen aber nichtsdestotrotz immens memorablen Lost Hearts (1973) besinnen sich Regisseur Lawrence Gordon Clark und Drehbuchautor John Bowen wieder auf die Stärken der Reihe und legen mit der vierten "A Ghost Story for Christmas"-Episode der BBC einen kleinen, stimmigen Gruselfilm vor, der am 23. Dezember 1974 über die britischen Bildschirme flimmerte und vielen Zuschauern gewiß das Fürchten lehrte. Um James' 1904 erschienene Erzählung The Treasure of Abbot Thomas (Der Schatz des Abtes Thomas) für das Fernsehen zu adaptieren, nahm sich Bowen einige Freiheiten, fügte manches (wie z. B. die Séance) hinzu und änderte dies und das (wie z. B. die Gestalt des Wächters) ab. Der Kern der Geschichte blieb jedoch erhalten. Ja, mehr noch, die Verfilmung atmet James' Geist beinahe noch stärker als die von ihm verfaßte Story. Eine beachtliche Leistung, vor der man nur den Hut ziehen kann. Im Prinzip ist The Treasure of Abbot Thomas eine Schnitzeljagd im kleinen Rahmen. Die beiden Protagonisten entschlüsseln diverse kryptische, gut versteckte Hinweise, die sie schließlich zum verborgenen Schatz führen. Auch wenn der übernatürliche Schrecken erst gegen Ende grausige Gestalt annimmt, so kommen bereits während der Schnitzeljagd unheimliche Gruselgefühle auf. Hier ein mysteriöser Fleck auf einer eben belichteten Photographie, da ein unerklärlicher, vorbeihuschender Schatten, dort ein großer Vogel, der den Reverend auf dem Dach der Kathedrale attackiert. Und über allem schwebt stets der Hauch einer ungewissen Bedrohung, nicht zuletzt aufgrund des gotischen Bauwerkes, wo die steinernen Gargoyle-Figuren jeden Schritt der Schatzsucher zu beobachten scheinen.

    Die tollen Hauptschauplätze sind wahrlich Gold wert und werden vom Kameramann wirkungsvoll ins Bild gerückt. Besonders gelungen sind die Sequenzen auf dem Dach der Kirche (gedreht wurde in und um der Wells Cathedral in Somerset), wo man schon beim bloßen Zuschauen mit Schwindelanfällen zu kämpfen hat, sowie die Erforschung des unterirdischen Schachtes mit all seinem ekligen Geziefer, wo der Abt Thomas den Schatz deponiert haben soll. Auf schauspielerischer Seite gibt es überhaupt nichts auszusetzen. Michael Bryant und Paul Lavers agieren durchwegs glaubhaft, und die Darsteller der Nebenrollen sorgen für einen angenehmen Hauch Exzentrik. Des Weiteren besticht The Treasure of Abbot Thomas durch sein altmodisches Ambiente und sein dichtes Gothic-Horror-Flair, welches hier und da für wohlige Schauer des sanften Grusels sorgt. Die sorgfältig aufgebaute, unheimliche Spannung entlädt sich dann in der fulminanten Sequenz, in welcher der mysteriöse Wächter endlich in Erscheinung tritt (eine Szene, mit der Regisseur Clark übrigens nicht recht zufrieden ist). Obwohl besagter Wächter stark an ein anderes, berühmtes Geschöpf erinnert und die Spezialeffekte nicht gänzlich überzeugen können, sorgt dieser kraftvolle Moment durch das Zusammenspiel aller Faktoren (der Schauspieler, sein entsetzter Schrei, die Geräuschkulisse, die Kameraeinstellungen) unwillkürlich für Gänsehaut. Im Gegensatz zum Vorgänger Lost Hearts wird das übernatürliche Grauen hier nur einige wenige Male gezeigt, sodaß sich die unheimliche Effektivität der Kreatur nicht abnutzt. Und mit der frösteln machenden letzten Einstellung sorgen Clark und Bowen für ein starkes, doppelbödiges, nahezu perfektes Ende, das einige Zeit nachhallt.

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  6. #381
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    The Ash Tree
    (Ghost Story for Christmas: The Ash Tree)

    Großbritannien 1975 - Directed by Lawrence Gordon Clark



    Es ist ein riesiges, wuchtiges Herrenhaus, ein stolzes britisches Manor, welches mehr einem Schloß denn einem gewöhnlichen Landsitz ähnelt, das Sir Richard Fell (Edward Petherbridge, Die Päpstin) vor kurzem von seinem verstorbenen Onkel geerbt hat. Kaum hat er sich in seinem neuen Besitz eingelebt - er wohnt dort, sieht man von der umfangreichen Dienerschaft ab, alleine, da seine Verlobte, Lady Augusta (Lalla Ward, Vampire Circus), zurzeit durch die Welt bummelt -, greifen die düsteren Schatten der Vergangenheit nach ihm. Zuerst läßt sich Richard von den seltsamen Geräuschen, den flüsternden Stimmen und dem enervierenden Weinen von Babys nicht sonderlich irritieren, doch gegen die ungemein realistischen Visionen, die ihn ohne Vorwarnung längst vergangene Ereignisse durchleben lassen, ist er machtlos. In diesen Visionen geht es um eine Frau namens Anne Mothersole (Barbara Ewing, Dracula Has Risen from the Grave), die von seinem Vorfahren Sir Matthew (ebenfalls Edward Petherbridge) der Hexerei beschuldigt und daraufhin gefoltert und hingerichtet wurde. Doch nicht nur das macht Sir Richard zu schaffen. Eine mysteriöse Krankheit geht auf seinem Land um, der nicht nur Rinder und Schafe zum Opfer fallen. Auch sein Onkel kam unter merkwürdigen, nicht geklärten Umständen ums Leben. Als der steinreiche Gutsherr die örtliche Kirche ausbauen lassen will und zu diesem Zwecke das Grab von Anne Mothersole verlegen läßt, spitzen sich die unheimlichen Ereignisse zu. Und das Zentrum des Schreckens scheint die uralte Esche zu sein, die dem Gebäude so nahe ist, daß ihre langen Äste und Zweige die Wände und Fenster der Schlafgemächer sogar berühren.

    Die fünfte Episode der "A Ghost Story for Christmas"-Reihe der BBC, abermals inszeniert von Lawrence Gordon Clark, fällt in vielerlei Hinsicht aus dem (bisherigen) Rahmen. Obwohl die Vorlage einmal mehr von M.R. James stammt (eine seiner sonderbarsten Erzählungen, die jedoch zu meinen absoluten Favoriten zählt) fühlt sich diese Verfilmung wie ein Fremdkörper an, der irgendwie nicht so recht dazu passen will. Es ist die Summe verschiedener Faktoren (die ungewöhnliche Thematik, die distanzierte Regie, die skurrilen Spezialeffekte, die gestelzte Sprache, die Protagonisten, zu denen man keine Beziehung aufbauen kann), die diesen Eindruck entstehen läßt. Hinzu kommt, daß Drehbuchautor David Rudkin, welcher James' gleichnamige, aus dem Jahre 1904 stammende Geschichte (deutsche Titel: Die Esche bzw. Der Eschenbaum) fürs Fernsehen adaptierte, zwar die Eckpfeiler der Story und die in ihr innewohnende Essenz beibehielt, ansonsten aber einiges veränderte. Der Großteil der Handlung entfaltet sich im achtzehnten Jahrhundert, wobei die Rückblenden in Form von Visionen bzw. Erinnerungen vermutlich aus den 1680er- oder 1690er-Jahren datieren. Diese Visionen aus der Vergangenheit sind sehr geschickt mit der Gegenwart verflochten, sodaß die Übergänge beinahe nahtlos sind und man lediglich anhand der Kleidung, der Frisuren und der Sprache erkennt, daß man sich nun in einer anderen Epoche befindet. Dieses Gleiten zwischen den zwei Zeitebenen ist zwar wirklich gut und stimmig in Szene gesetzt, offenbart jedoch die große Schwachstelle des Filmes umso stärker: Sämtliche Figuren sind einfach uninteressant.

    Und aus diesem Grund ist dem Zuschauer ihr Schicksal auch mehr oder minder egal. Das trifft leider sowohl auf Sir Richard und Sir Matthew, als auch auf Anne Mothersole zu, die eher als unschuldiges Opfer denn als böse Missetäterin gezeichnet wird. Es deutet vieles darauf hin, daß Sir Matthew die fruchtbare, sexuell aktive Frau der Hexerei bezichtigt, weil er sie einerseits begehrt, andererseits seine Sexualität jedoch komplett unterdrückt. Mothersole wird daraufhin gefoltert und gehängt, wobei beides nur angedeutet wird. Aber zu keinem Moment schafft es der Film, Emotionen zu schüren und den Zuseher in die Handlung zu involvieren. Das Geschehen ist zu distanziert und zu kalt, um das Publikum zu packen. Und so plätschert der zweiunddreißig Minuten kurze The Ash Tree dahin, zwar sehr stimmungsvoll und angenehm düster, aber im gleichen Maße auch uninteressant und nicht mehr verbreitend als gepflegte Langeweile. Bis der Film urplötzlich gegen Ende, in den letzten fünf Minuten, doch noch zur Hochform aufläuft und den Zuschauern ein so bizarres wie grausiges Finale vor den Latz knallt, daß man es durchaus mit dem Prädikat "unvergeßlich" adeln kann. Was da noch in kurzer Zeit geboten wird, ist unerwartet, garstig, alptraumhaft und richtig, richtig creepy, obwohl die Spezialeffekte alles andere als überzeugend sind. Mehr zu verraten wäre gemein, also belasse ich es dabei, obwohl es mich in den Fingern juckt, das Ende ausführlicher zu schildern. Das muß man einfach mit eigenen Augen sehen. (*) Inwieweit das fulminante Finale (mit den schlichtweg brillanten, immens beunruhigenden letzten zwei, drei Sekunden) diese Gruselmär als gesamtes rettet, sei dahingestellt. Zumindest aber endet The Ash Tree mit einem tollen, ungeheuer denkwürdigen "BANG", der jüngere Zuschauer, die bei der Erstausstrahlung am 23. Dezember 1975 mit dabei waren, nachhaltig traumatisiert haben könnte.

    (*) Selbst Kenner der Vorlage, die bereits wissen, was kommen wird, sollten überrascht sein, wie Clark und seine Leute die letzten paar Minuten umgesetzt haben, gibt es doch auch hier einige schaurige und sehr effektive Abweichungen gegenüber James' Erzählung.

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  7. #382
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    Alien Predator
    (Alien Predators / Mutant 2 / Mutant II / The Falling / Cosmos mortal)

    USA/Spanien 1985 - Written & Directed by Deran Sarafian



    Ein B-Movie mit Science-Fiction- und Horrorthematik Alien Predator zu nennen, ist nicht die Schlechteste aller Ideen. Der Titel ist wunderbar catchy, haucht dem so hoffnungsfrohen wie leichtgläubigen Videothekenkunden ein verführerisches "Nimm mich bitte mit, du wirst es nicht bereuen" entgegen und weckt beim Genrefan zudem eine bestimmte Erwartungshaltung. Daß diese letztendlich nicht wirklich erfüllt wird, ist zweit-, dritt- oder gar letztrangig. Interessanterweise hat der allseits bekannte Predator der Kinoleinwand erst zwei Jahre später in John McTiernans gleichnamigen Film einen Besuch abgestattet. Da ist den Titelverantwortlichen also ein kleiner Glücksgriff gelungen, auch wenn der Griff leider danebenging. Wenn man schon in der nahen Zukunft wildern muß, dann wäre Fred Dekkers Night of the Creeps die bessere Wahl gewesen. Alien Creeps klingt doch irgendwie cool, oder? Sehr gut hätten übrigens auch Alien Thing oder The Alien Strain gepaßt, aber egal. Alien Predator ist immer noch besser als Mutant 2 oder The Falling, wie Deran Sarafians Regiedebüt ebenfalls noch heißt.

    Erzählt wird die Geschichte von Damon (Dennis Christopher, Fade to Black), Michael (Martin Hewitt, Yellowbeard) und Samantha (Lynn-Holly Johnson, Bibi Dahl im James Bond-Film For Your Eyes Only), die in einem geräumigen Wohnmobil quer durch Europa tingeln. Der Eurotrip der drei jungen Amerikaner verläuft vergnüglich, bis sie das kleine Dorf Duarte in Spanien erreichen. Dort ist nämlich vor fünf Jahren ein Weltraumlabor - die Skylab Space Station - abgestürzt, welches 1973 von der NASA zum Zwecke streng geheimer und höchst gefährlicher Experimente in die Erdumlaufbahn geschossen wurde. Mit den Ergebnissen dieser dubiosen Experimente müssen sich nun die nichtsahnenden Lebewesen der Umgebung herumschlagen, denn was immer dort im Weltall entstanden ist, es benutzt Tiere und Menschen als lebende Brutkästen. Dr. Tracer (Luis Prendes, Tuareg - Il guerriero del deserto), ein Wissenschaftler der NASA, versucht die schleichende Invasion verzweifelt zu verhindern, ist ihm doch bewußt, daß ganz Europa in wenigen Wochen ausgerottet wäre, sollte sich der Organismus ausbreiten.

    Aufgrund seines uneinheitlichen Tons ist Alien Predator ein äußerst merkwürdiger, irgendwie sogar schizophrener Film. Die Stimmung schwankt wie ein betrunkener Matrose auf einer alten Hängebrücke, was - mich zumindest - einigermaßen irritiert hat. Daß auf eine ernste, grausige Szene humorige Augenblicke folgen, ist ja nicht außergewöhnlich. Daß aber innerhalb eines Set-Pieces der Ton brutal bricht, wenn zum Beispiel eine unheimliche Suspense-Szene durch witzige Elemente dermaßen aufgelockert wird, daß ihre Wirkung völlig verpufft, sorgt dann doch für ungläubiges Kopfschütteln. Ernste und lustige Momente harmonieren hier nicht, das Zusammenspiel zwischen den beiden funktioniert leider nur sehr selten. Für mich ist es einfach nur befremdlich, wenn einer der Figuren beim Bombardement des Militärs urplötzlich "I love the smell of Napalm in the morning" brüllt und dabei wild grimassiert. Das soll jetzt nicht bedeuten, daß Alien Predator nicht lustig ist. Manche Witze kommen gut rüber (wie z. B. die schräge Begegnung mit den Bodis oder der unerwartete Frisurschock einer Kellnerin), nur in Kombination mit anderen Elementen ist das Ergebnis ziemlich desaströs.

    Hauptverantwortlich dafür ist Sarafians überbordende Ambition und seine lockere Herangehensweise, die jeden Ernst vermissen läßt. Anstatt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und ein flottes Alien-Rip-Off herunterzukurbeln, verwässert er die potentiell leckere Suppe mit unnötigen Zutaten, sodaß sie ziemlich schal schmeckt. Alien Predator ist Alien-Invasions-Schocker, Seuchenthriller, Horrorflick, Action-Movie, Liebesfilm, Psychopathenthriller und Komödie. Von allem ein bißchen, aber nichts so richtig. Kein Wunder, daß der im Grunde bestenfalls durchschnittliche Streifen dramaturgisch so zerfahren ist. Die schauspielerischen Darbietungen sind akzeptabel, und die Kameraarbeit bewegt sich ebenfalls auf solidem B-Movie-Niveau. Toll ist hingegen das stimmige Lokalkolorit, wurde der Film doch von Mai bis Juni 1984 vor Ort in Spanien gedreht. Das hebt den Streifen doch stark vom üblichen amerikanischen Genre-Einheitsbrei ab. Deran Sarafian ist übrigens der Sohn von Richard C. Sarafian, Regisseur des Kultfilms Vanishing Point (1971). Neben einigen weiteren Regiearbeiten (u. a. To Die For, Terminal Velocity) trat er auch ein paar Mal vor der Kamera in Erscheinung (10 to Midnight, Zombi 3, Plankton).

    Damit wäre eigentlich alles gesagt, oder? Nein, stopp, über eines muß man noch sprechen, und zwar über die Spezialeffekte. Diese stammen von Mark Shostrom (From Beyond, Evil Dead II, Phantasm II), und einmal mehr hat der Mann gute Arbeit geleistet. Leider machen sich seine Make-Up-Kreationen nicht nur ziemlich rar, sie sind auch noch recht kurz und knapp gehalten. Es empfiehlt sich also, entweder die Zeitlupe zu aktivieren oder gleich die Funktion der Standbildfortschaltung zu nutzen. Dann kann man z. B. ein aggressives Alien (besser) bewundern, welches aus einem Kopf herausplatzt. Die stärksten Szenen in Bezug auf Spezialeffekte gibt es am Anfang und am Ende zu sehen. Zu Beginn wankt ein infizierter Stier durch die Gegend, dessen Bauch alsbald aufbricht (die verstreuten Gedärme machen einen sehr authentischen Eindruck). Ein wilder Köter frißt einige Häppchen und wird dann in den Körper des Kadavers hineingezogen. Und gegen Ende wird endlich eine der Kreaturen ins rechte Licht gerückt, welche auch gleich mal klarstellt, daß sie für Streichelzoos denkbar ungeeignet ist.

    Unterm Strich ist Alien Predator also trotz einigen Längen und störenden Stimmungsschwankungen ein recht unterhaltsamer Genremix mit einer Handvoll starken Einzelszenen und guten, spärlich gesäten Spezialeffekten. Ein nettes Creature Feature mit zu viel Feature und zu wenig Creature.

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  8. #383
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    The Adventures of Paula Peril
    USA 2014 - Directed by Savvy Lorestani, Benjamin Barak & Jason Winn



    Paula Perils "Geburt" verlief weitgehend unspektakulär. Ein Blatt Papier, ein Zeichenstift, und ein kreatives Gehirn, mehr war nicht nötig, um die engagierte Journalistin anno 2006 die Lichter der Welt erblicken zu lassen. Ihr Schöpfer hört auf den Namen James Watson, und ihr Geburtsort waren die Atlantis Studios in Georgia. Paula Peril ist eine amerikanische Comicfigur, und sie kam in ihrer Heimat sehr gut an. Tatsächlich kam sie sogar so gut an, daß man sich kurzerhand entschloß, begleitend zur Comicserie einige Kurzfilme (*) zu drehen. Aus drei dieser Shorts ging schließlich der Spielfilm The Adventures of Paula Peril hervor. Da ich die Comics nie gelesen habe, kann ich leider kein Urteil darüber abgeben, inwieweit die Verfilmung(en) der Vorlage gerecht werden. Auf sich allein gestellt ist der Streifen jedoch durchaus einen Blick wert, sofern man keine Berührungsängste mit minibudgetierten Independent-Produktionen hat. Denn The Adventures of Paula Peril entstand, salopp formuliert, für 'n Appel und 'n Ei.

    Der Film beginnt damit, daß Paula Perillo (Valerie Perez), die Star-Journalistin der Daily Gazette, in einer dunklen Lagerhalle herumschnüffelt und prompt in eine Falle läuft. Zwar setzt sie sich gegen die Angreifer energisch zur Wehr, aber die Übermacht ist einfach zu groß. Als sich Paula nicht mehr meldet, obwohl die Deadline für die morgige Ausgabe der Zeitung näher und näher rückt, wird man im Büro immer nervöser. Lediglich Veronica Vilancourt (Marla Malcolm, 2001 Maniacs), die Klatsch-Reporterin für den Society-Bereich, wittert ihre Chance, endlich aus Paulas Schatten treten zu können und hat auch gleich eine heiße Story parat. Leider hat die naive Blondine keine Ahnung, daß man ihr falsche Informationen zugespielt hat, und sollte die Daily Gazette ihre Geschichte bringen, hat der Bürgermeister endlich einen triftigen Grund, die Zeitung dichtzumachen. Das ist die Rahmenhandlung, in welche die drei Kurzfilme nicht ungeschickt eingebettet sind, wobei die letzte (und beste) Episode gleichzeitig das große Finale bildet.

    Im 2009 gedrehten Mystery of the Crystal Falcon von Savvy Lorestani geht es um ein wertvolles Artefakt, welches während einer Auktion gestohlen wird. Paula und ihr Partner, der Photograph Jimmy Smith (Stephen Hanthorn), gehen der Sache nach und stoßen auf die Mitglieder eines mysteriösen Kults, die Menschen opfern, um die Unsterblichkeit zu erlangen. Benjamin Baraks The Invisible Evil aus dem Jahre 2010 dreht sich um den grausigen Mord an zwei Gangstern, die in einem leerstehenden Haus eine alte Kiste voller Goldmünzen gesucht haben. Anscheinend hat irgendjemand etwas dagegen, daß der Schatz in die falschen Hände gerät. Und in Midnight Whistle (2011) von Jason Winn (der auch die Rahmenhandlung inszeniert hat) steckt unsere Heldin ihre hübsche Nase in die korrupten Machenschaften eines hohen Tiers in der Stadt, was sie, ihren Vater und ihre Kollegen prompt in Lebensgefahr bringt, ist dem Schurken doch jedes Mittel recht, um die unliebsamen Mitwisser ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen.

    Daß The Adventures of Paula Peril auf einer Comicreihe basiert, sieht man bereits am liebevoll gestalteten Vorspann. Und auch danach ist ein gewisser Comic-Touch stets präsent, obwohl der generelle Look des Streifens nicht sonderlich stilisiert oder ausgefallen ist. Das Ganze ist mitunter sehr nett anzusehen, aufgrund der budgetären Limitierung jedoch unspektakulär und nicht wirklich aufregend. Glücklicherweise nimmt sich der Film nicht besonders ernst und besticht somit mit einer sympathischen Camp-Qualität, wobei ins Auge fällt, daß sich die Macher stark an alten, pulpigen Detektivgeschichten bzw. Abenteuer-Serials orientierten und unsere Heldin immer wieder in brenzlige, lebensbedrohende, scheinbar aussichtslose Cliffhanger-Situationen stolpern lassen. Ins Auge fällt auch Hauptdarstellerin Valerie Perez, die ihre Sache gut macht und als fleischgewordene Comicfigur durchaus zu überzeugen weiß. Valerie Perez' Paula ist eine starke, hübsche, rassige, großbusige, sympathische, furchtlose und schlagkräftige Frau, kurz, eine Heldin, mit der es sich mitzufiebern lohnt.

    Die Episoden Mystery of the Crystal Falcon und The Invisible Evil haben ein paar interessante Ansätze und gute Momente, bleiben aber insgesamt wenig bemerkenswert und ziemlich durchschnittlich. Midnight Whistle hingegen ist toll. Jason Winns Beitrag ist der Höhepunkt des Filmes, ansprechend inszeniert, technisch sehr okay, und phasenweise sogar spannend und packend. Eine runde Sache, bei der lediglich eines irritiert. Marla Malcolm, die bisherige Darstellerin der Veronica Vilancourt, stand aufgrund einer Operation nicht zur Verfügung, und so schlüpfte Hayley Tarkenton in die Rolle, was einigermaßen gewöhnungsbedürftig ist, obwohl es an ihrer Darbietung wenig auszusetzen gibt. Gegen Ende gerät Paula einmal mehr in die Bredouille. Die Schurken platzieren die Schöne gefesselt auf den Gleisen, um sie vom nächsten Zug überrollen zu lassen. Wenn das kein klassischer Cliffhanger-Moment ist, dann weiß ich auch nicht. The Adventures of Paula Peril ist eine so harmlose wie launige Low-Budget-Comicverfilmung, die nur ein Ziel verfolgt: Ihr Publikum zu unterhalten. Bei mir wurde dieses Ziel erreicht. Das Ende schreit nach einer Fortsetzung, die somit gerne kommen darf.

    (*) Die da wären: Trapped in the Flames (2007), Midnight Is the Darkest Hour (2008), Mystery of the Crystal Falcon (2009), The Invisible Evil (2010), Midnight Whistle (2011) und The Serpent Cult (2016), allesamt mit Valerie Perez als Paula "Peril" Perillo.

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    Trampa infernal
    (Hell's Trap)

    Mexiko 1989 - Directed by Pedro Galindo III



    Bei Pedro Galindos Trampa infernal hat der erwartungsfrohe Mexploitation-Aficionado die Qual der Wahl, auf wessen Seite er sich schlägt. Zur Auswahl stehen: "Team Mauricio", bestehend aus Teamleader Mauricio (Toño Mauri), seiner Schnalle Viviana (Adriana Vega), Sidekick Javier (Armando Galvan) sowie dessen Freundin Carlota (Marisol Santacruz). Mauricio ist ein dummer, jähzorniger, arroganter Wicht, der nicht verlieren kann, schon gar nicht bei einem freundschaftlichen Paintball-Wettstreit. Da er die Hauptschuld am folgenden Schlamassel trägt und darüber hinaus eine unsympathische Arschgeige sondergleichen ist, wird sich seine Gefolgschaft aus der johlenden Zuschauermasse wohl eher in Grenzen halten. Gute Chancen zum großen Fanliebling hat da hingegen der gutaussehende und coole Nacho (Pedro Fernández), Anführer von "Team Nacho", auch wenn seine Clique der Truppe seines Erzfeindes Mauricio zahlenmäßig unterlegen ist, stehen mit Freundin Alejandra (Edith González) und Kumpel Charly (Charly Valentino) doch nur zwei Leute auf seiner Seite. Trotzdem: Nacho ist nicht gänzlich unsympathisch, Alejandra ist definitiv mehr als nur eine Sünde wert, und Charly ist der gutmütige Dicke im Bunde, also ja, dieser Gruppe kann man durchaus die Daumen drücken. Und last but not least wäre da noch "One-Man-Team Jesse" (Alberto Mejia Baron). Jesse ist ein völlig durchgeknallter Vietnamkriegsveteran aus den Staaten, in dessen kaputtem Schädel sich alles nur um drei Dinge dreht: Töten, töten und töten.

    Diese drei "Teams" treffen in einem abgelegenen Waldstück, genannt Filo de Caballo, aufeinander, wo ein blutrünstiger Problembär sein Unwesen treiben soll. Mauricio überredet Nacho nämlich zu einem letzten, alles entscheidenden Wettkampf. Derjenige, der den Bären erlegt, ist ab sofort die unangefochtene Nummer Eins, der Beste der Besten, der König der Welt. Oder so ähnlich. Die Sache hat nur einen kleinen Haken. Es gibt keinen Bären. Es gibt nur Jesse. Jesse lebt in besagtem Wald und massakriert jeden, der sein Territorium betritt. Um nicht die Polizei auf den Plan zu rufen, tarnt er seine Kills als Bärenattacken. Ja, Jesse mag totalmente loco sein, aber er ist auch gerissen. Der Irre hat sich nämlich niemand geringeren als Freddy Krueger zum Vorbild genommen und sich einen schicken Messerhandschuh gebastelt! Und da er im Gegensatz zu Freddy gezackte Messerklingen verwendet, sind die Wunden, die er reißt, ungleich fieser und blutiger. Jesse verläßt sich jedoch nicht nur auf diese eine Waffe. Zur Auswahl stehen ihm, nebst heimtückisch platzierten Booby-Traps, für gewisse Anlässe auch Pfeil und Bogen, Sicheln, Handgranaten und Maschinengewehre. Addiert man zu diesem stolzen Waffenarsenal noch Jesses antrainiertes Kampfgeschick, dann ist es kein Wunder, daß die Teams Mauricio respektive Nacho nach und nach drastisch dezimiert werden. Die Murder-Set-Pieces sind recht kompetent und abwechslungsreich in Szene gesetzt. Sie sind zwar nicht übermäßig blutig, haben aber eine gesunde Härte und sind bisweilen erfreulich garstig.

    Ja, Trampa infernal ist schundige Mexploitation von der Sorte, die süchtig machen kann. Nicht gut, objektiv betrachtet, aber immens launig, auf eine sympathische Weise cheesy und angenehm anders. Mag der billige Streifen im Herzen auch nur eine weitere Variation der in den 1980er-Jahren ungemein erfolgreichen Slasher-Formel sein, so hebt er sich dank seines leicht exotischen Flairs, seiner eigenwilligen Inszenierung und seiner beachtlichen Ideenvielfalt von der amerikanischen Konkurrenz klar ab. Natürlich, die Ideen sind allesamt dreist geklaut (von Filmen wie The Hills Have Eyes, Friday the 13th, First Blood, The Final Terror, A Nightmare on Elm Street und The Zero Boys) und kein bißchen originell, aber wie sie von Pedro (Regisseur und Ko-Drehbuchautor), Santiago (Ko-Drehbuchautor und Ko-Produzent) und Eduardo Galindo (Ko-Produzent) dann in den simplen Plot integriert wurden, hat irgendwie schon was unschuldig Erfrischendes an sich, sodaß man dem Streifen einfach nicht böse sein kann. Darüber hinaus ist Vietnamveteran Jesse ein verdammt gruseliger Antagonist, versteckt er sich doch - bis zur haarsträubend sinnbefreiten Demaskierung gegen Ende - hinter einer unheimlichen Gesichtsmaske. Die Maske ist eine dieser starren, weißen Dinger, die fröstelnde Kälte und pure Emotionslosigkeit ausstrahlen. In Kombination mit seinen Waldschrat-Militär-Klamotten, der blonden Perücke und dem fiesen Klingenhandschuh ergibt das ein menschliches Monster, das einem Alptraum entsprungen sein könnte. Hinzu kommt, daß Jesse nicht spricht und seinen Bewegungen etwas beunruhigend Animalisches anhaftet.

    Außerdem teilt er nicht nur erbarmungslos aus, er ist auch hart im Nehmen. Selbst als ihm spektakulär die Pfote weggeballert wird, kauterisiert er den Stumpf in seinem Lager mit einer brennenden Fackel, verbindet ihn stümperhaft und macht munter da weiter, wo er zuvor aufgehört hat. Er steckt diese nicht ganz unerhebliche Verletzung einfach weg wie unsereins einen Mückenstich. Da Trampa infernal durchwegs gut unterhält, fallen die diversen Probleme (technische Unzulänglichkeiten, holprige Dramaturgie, flache Charakterisierungen, durchwachsene schauspielerische Darbietungen, der nicht immer passende Soundtrack, die lange Anlaufzeit) kaum ins Gewicht. Filme wie dieser werden gemacht, um die Produzenten zu bereichern und das Zielpublikum zu unterhalten. Gelingt beides, ist das eine Win-Win-Situation, mit der es sich als Genrefan gut leben läßt. Die seriöse Filmkritik hat für solche Machwerke natürlich überhaupt nichts übrig und straft sie konsequent mit Verachtung (falls man sie nicht sowieso gänzlich ignoriert), aber da ich mich weder als "seriös" bezeichne noch mich "Filmkritiker" schimpfe, kann ich guten Gewissens eine Lanze für anspruchslose Schlocker dieser Art brechen. Ich kann mir nicht helfen, aber wenn nach dem gelungenen Showdown der Abspann über den Bildschirm flimmert, stiehlt sich wie von selbst ein vergnügtes, zufriedenes Grinsen über das eben Gesehene auf mein Gesicht. Und ich verspüre den brennenden Wunsch, weitere Arbeiten des werten Herrn Galindo wie z. B. Ráfaga de plomo (Cobra Gang) oder Vacaciones de terror 2 (Vacations of Terror 2) zu sichten.

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  10. #385
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    Savaged
    (Avenged)

    USA 2013 - Written, Shot, Edited & Directed by Michael S. Ojeda



    Es gibt wohl kaum eine Spielart im Exploitation-Filmbereich, die stärker Emotionen zu schüren imstande ist als der Rachefilm. Was ist es doch befriedigend, wenn es die/der Gepeinigte (oder jemand an ihrer/seiner Stelle) dem abartigen Schurkenpack mit Schmackes und ohne Erbarmen heimzahlt. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und das ist auch gut so, schließlich ist das nicht die Realität, sondern - um den legendären Werbespruch zu zitieren - it's only a movie, it's only a movie, it's only a movie... Und je widerwärtiger, sadistischer und brutaler der kriminelle Abschaum vorgeht, desto befriedigender ist der darauffolgende Rachepart. Zum Beispiel - an dieser Stelle komme ich nicht umhin darauf hinzuweisen, daß in den folgenden fünf Absätzen der eine oder andere Spoiler enthalten sein könnte (falls man die erwähnten Filme noch nicht kennen sollte, und wenn dem so ist, ab in die Ecke und eine Runde schämen) - ...

    ...wenn Jennifer ihren Vergewaltiger in die Badewanne lockt, ihm den Penis massiert und ihn kurz vor dem Orgasmus kastriert (Day of the Woman aka Ich spuck auf dein Grab, 1978),

    ...oder wenn Max Rockatansky Toecutter, den Anführer der mörderischen Biker-Gang, frontal in einen entgegenkommenden Truck hetzt (Mad Max, 1979),

    ...oder wenn Andrew Norris einem von Stegmans Punks die Hand absägt und ihn anschließend, Rücken voraus, auf die rotierende Kreissäge wirft (Class of 1984 aka Die Klasse von 1984, 1982),

    ...oder wenn Brenda ihren Widersacher mit Farbe bespritzt und ihn anschließend bei lebendigem Leibe abfackelt (Savage Streets aka Savage Streets - Die Straße der Gewalt, 1984),

    ...oder wenn die Braut ihrer Gegnerin Elle Driver das verbliebene Auge herausreißt, auf den Boden wirft und genüßlich zertritt (Kill Bill: Vol. 2, 2004).

    Oder auch wenn Zoe einem der widerlichen Rednecks mit einer zerbrochenen Glasflasche den Bauch zersticht und ihm mit bloßen Händen die Gedärme aus dem Leib reißt, wie es in Savaged geschieht, den Film, um den es hier geht.

    Wobei es unklar ist, inwieweit unsere versierte Darmrupferin zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch Zoe ist. Zu Beginn der Geschichte ist Zoe (Amanda Adrienne Smith) eine hübsche, junge Frau, die sich alleine auf den langen Weg quer durchs amerikanische Hinterland macht, um sich mit ihrem (farbigen) Verlobten Dane (Marc Anthony Samuel) zu treffen. Trotz ihrer Behinderung - sie ist taub und tut sich deshalb auch entsprechend schwer, sich verständlich zu artikulieren - ist sie selbstbewußt, entschlossen und lebenslustig. Außerdem ist sie so liebenswert, daß sie dem Zuschauer, obwohl nur dürftig charakterisiert, sofort ans Herz wächst. Die Autofahrt verläuft entspannt, bis sie in New Mexico plötzlich Zeugin zweier rassistisch motivierter Morde wird. Trey (Rodney Rowland) und West (Tom Ardavany), die Anführer der kleinen Gruppe Hinterwäldler, können natürlich nicht zulassen, daß die Öffentlichkeit Wind von ihren mörderischen Freizeitaktivitäten bekommt, und so verschleppen sie Zoe kurzerhand in ihre Behausung.

    Dort wird die Unglückliche mit Stacheldraht gefesselt, gefoltert, vergewaltigt und anschließend getötet und verscharrt. Wie es der Zufall so will, findet der Indianer Grey Wolf (Joseph Runningfox) die Frau, und da er noch einen Funken Leben in ihr spürt, nimmt er sie mit zu einem heiligen Platz und führt umgehend ein schamanisches Ritual durch. Die Zeremonie ist zwar von Erfolg gekrönt, doch zu welchem Preis? Nicht nur Zoes Seele ist zurück, auch der ruhelose Geist von Apachen-Häuptling Red Sleeve, der von den Vorfahren der Killerbande getötet wurde, nutzt die Gunst der Sekunde und schlüpft in ihren geschundenen Körper. Red Sleeve wittert seine Chance, endlich Rache für all das begangene Unrecht zu üben. Mit Messer, Speer, Tomahawk sowie Pfeil und Bogen erklären Zoe und Red Sleeve die Jagdsaison auf sadistische Rednecks für eröffnet.

    Michael S. Ojedas Savaged ist ein beinharter und überraschend intensiver Rape-Revenge-Kracher mit einem originellen Twist, schließlich ist es nicht nur die Gepeinigte, die sich an ihren Peinigern rächt, sondern auch noch der Geist eines vor langer Zeit ermordeten Indianerhäuptlings, der keine Ruhe gefunden hat. Dieses übernatürliche Element sorgt einerseits für frischen Wind, andererseits erhöht es die Glaubwürdigkeit des Geschehens (sofern man gewillt ist, diese Wende zu schlucken). Zoe ist damit nicht mehr die kräftemäßig weit unterlegene Frau, die dem Pack Saures gibt, sondern eine echte Kriegerin, die mit Waffen umzugehen weiß. Ja, mehr noch, sie ist gewissermaßen ein Rachedämon, den nichts und niemand von seinem Vorhaben abbringen kann. Hinzu kommt, daß es Grey Wolf leider nicht gelungen ist, Zoe rechtzeitig zurückzuholen.

    Der Körper, den sie und Red Sleeve "bewohnen", ist nur mehr totes Fleisch, und der Verwesungsprozeß schreitet rasant voran. Die Zeitspanne, die den Beiden zur Verfügung steht, ist gering, und sie müssen sich ordentlich ins Zeug legen, um ihre Rache zu vollziehen. Abwarten und auf eine günstige Gelegenheit hoffen ist also nicht drin. Darüber hinaus sitzen die Hinterwäldler nicht tatenlos herum und drehen Däumchen, nein, sie setzen sich energisch zur Wehr, was dazu führt, daß sich der Zustand des eh schon stark in Mitleidenschaft gezogenen und verfaulenden Körpers weiter verschlimmert. Ojeda und seine FX-Künstler sparen nicht mit drastischen Details. So streift sich Zoe beispielsweise das Fleisch, als sie sich den Verlobungsring vom Finger zieht, gleich mit ab, sodaß nur mehr der blanke Knochen zurückbleibt. Splattertechnisch wird einiges geboten, wobei die Effekte überwiegend praktischer Natur sind. Bäuche werden geöffnet, Hälse durchbohrt, Herzen entfernt, Köpfe abgetrennt, und zum großen Finale wird sogar die Kettensäge angeworfen.

    Ojeda setzt auf eine triste, humorlose Grundstimmung und zieht die Geschichte ohne einen Funken Ironie durch. Savaged soll weh tun, und das tut er auch. Der Hauptgrund, daß der Streifen so blendend funktioniert, ist zweifellos Amanda Adrienne Smith, die in der Hauptrolle eine unfaßbare Tour-de-Force-Performance abzieht. Ihre Wandlung von der süßen, fragilen, hoffnungsvollen jungen Frau zum besessenen, blutrünstigen, erbarmungslosen Racheengel ist ebenso glaubhaft wie die innere Zerrissenheit, die sie in bestimmten Momenten eindringlich zum Ausdruck bringt. Sie weiß genau, was mit ihr passiert. Sie weiß, daß ihr Körper verrottet und daß ihre Uhr abläuft. Daß die Uhr eigentlich schon abgelaufen ist und daß es keine Zukunft mehr für sie gibt. All das bringt Smith in den ruhigeren Passagen des Filmes so gut rüber, daß man ständig mit ihr mitleidet, selbst dann, wenn der Indianer in ihr das Kommando übernimmt und seine Gegner unerbittlich niedermetzelt.

    Leider ist auch Savaged nicht frei von Schattenseiten, die das Seherlebnis ein klein wenig trüben. Der CGI-Crash ist ziemlich mißlungen, Marc Anthony Samuel kann als Zoes Verlobter nicht überzeugen, die Rednecks sind allesamt eindimensionale Stereotypen, die nur wenige Klischees auslassen (wobei es jedoch locker reicht, um die Bastarde aus tiefstem Herzen zu hassen), und auch der stark stilisierte Look des Filmes (die kontrastreichen, düsteren, farbgefilterten Bilder wirken zum Teil, als hätte man ihnen jegliche Wärme entzogen) ist etwas gewöhnungsbedürftig. Aber kalt kommt Savaged zu keiner Zeit rüber. Die Emotionen kochen hoch. Erst bei Zoes Martyrium (das recht kurzgehalten ist), dann bei den befriedigenden Racheakten, und zwischendurch immer mal wieder bei ihrer zwischen Freude und Trauer, Hoffnung und Resignation, Schmerz und Wut pendelnden seelischen Verfassung. Und am Ende... Ja, am Ende hat man unwillkürlich einen dicken Kloß im Hals und Ojeda und Smith schaffen es, ihr Publikum zu berühren. Großartig.

    PS: Einige Filmkritiker zogen Parallelen zwischen Savaged und Alex Proyas' The Crow (1994), befanden, Zoe wäre so etwas wie das weibliche Gegenstück zur Krähe. Und tatsächlich sind diverse Gemeinsamkeiten nicht von der Hand zu weisen. In Punkto Emotionalität, Kompromißlosigkeit und Intensität sehe ich Savaged allerdings klar voran.

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    Death Spa
    (Witch Bitch - Tod aus dem Jenseits / Witch Bitch)

    USA 1987 - Directed by Michael Fischa



    "Everyone in this place is going to die!"
    (Die "Witch Bitch" gibt sich nicht mit halben Sachen zufrieden)

    Wenn ein Horrorfilm mit dem Einschlag eines Blitzes beginnt, bedeutet das selten etwas Gutes. Wenn der Blitz dann auch noch in ein ultramodernes Fitness-Center namens Star Body Health Spa einschlägt und die Leuchtbuchstaben S-T-A-R-B-O-Y-H-L auslöscht, sodaß die verbleibenden Buchstaben die unheilschwangere Bezeichnung "Death Spa" ergeben, dann kann man sich sicher sein, daß die unter Faulpelzen weit verbreitete Floskel "Sport ist Mord" hier punktgenau ins Schwarze trifft. Und tatsächlich: Auf einmal geschehen bizarre "Unfälle" in der computergesteuerten High-Tech-Fitness-Bude, sehr zum Leidwesen von Besitzer Michael Evans (William Bumiller, Guns). Erstes Opfer ist seine hübsche Freundin Laura (Brenda Bakke, American Gothic), deren leckerer, schweißbedeckter Luxuskörper (nackt, wie Gott sie schuf, selbstverständlich) in der Sauna von austretendem Chlordampf schlimm verbrüht wird.

    Nach eher harmlosen Zwischenfällen - wie einem sich lösenden Sprungbrett beim Wasserbecken, heißem Wasser aus den Duschköpfen und durch die Gegend fliegenden Fliesen - wird es dann so richtig übel. Eine Sportskanone wird beim Krafttraining vom Fitnessgerät so beansprucht, daß es ihn innerlich zerreißt, der zarte Hals einer Frau wird von einem Stahlrohr durchbohrt, und ein unglückliches Mädel wird von aus der Sprinkleranlage spritzender Säure regelrecht zersetzt. Lieutenant Fletcher (Francis X. McCarthy) und Sergeant Stone (Rosalind Cash) nehmen die Ermittlungen auf und haben als potentiellen Täter neben Michael vor allem dessen Ex-Schwager David (Merritt Butrick, Fright Night Part 2) im Auge, dem Programmierer der Computersteuerung. Ein Motiv hat der ständig schlecht gelaunte Kerl nämlich auch, schließlich war seine geliebte Zwillingsschwester Catherine (Shari Shattuck) mit Michael verheiratet, bis sie sich eines Tages mit Benzin übergossen und angezündet hat.

    Michael Fischas Death Spa ist ein sehr ansprechend inszeniertes und überaus kurzweiliges Slasher-Movie mit einem coolen Gimmick. Der heimtückische Killer ist nämlich übernatürlichen Ursprungs, womit ihm auch weit mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen, seine Opfer über den Jordan zu schicken, als den üblichen tumben Gestalten mit ihren Messern, Äxten oder Macheten, die diese Art Film für gewöhnlich bevölkern. Ein reanimierter, tiefgefrorener Aal, der sich in eine Kehle verbeißt, oder zerberstende Spiegel, deren scharfe Glassplitter einen Körper zerfetzen, sieht man nun wirklich nicht alle Tage. Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt, wenn es die "Witch Bitch" krachen läßt und den "Tod aus dem Jenseits" bringt, wodurch natürlich auch für reichlich Abwechslung gesorgt ist. Bei den Gore-Effekten schossen die Macher (für die damalige Zeit) fröhlich übers Ziel hinaus, weshalb die amerikanische Zensurbehörde MPAA für ein R-Rating auch prompt diverse Kürzungen forderte.

    Die Splatterszenen sind zwar überwiegend recht happig, allerdings beschränkt sich Fischa selbst in der Unrated-Fassung auf eher kürzere Einstellungen, nicht zuletzt wohl auch, um die nicht immer gelungenen Effekte etwas zu kaschieren. Lediglich bei der saftigen Mixerszene (ein einfacher aber höchst effektiver Trick) wird mit der Kamera bis zum bitteren Ende der süßen "Biene" draufgehalten. Die SFX-Leute um Mel Slavick (Bride of Re-Animator) konnten sich bei Death Spa jedenfalls über mangelnde Arbeit bestimmt nicht beklagen, wobei beim spektakulären Finale auch die Pyrotechniker einiges zu tun bekamen. Denn trotz aller Todesfälle läßt es sich Michael nicht nehmen, eine flotte Mardi Gras-Party zu schmeißen, was den Bodycount noch mal drastisch in die Höhe schraubt. Das nicht ganz schlüssige Ende ist ziemlich abrupt, wird aber immerhin durch die angenehm eklige Schlußeinstellung etwas versüßt.

    In seinen besten (=absurdesten) Momenten weckt der 1987 gedrehte, aber erst 1989 veröffentlichte Death Spa Erinnerungen an italienische Genreklassiker wie Suspiria, ...E tu vivrai nel terrore! L'aldilà (Über dem Jenseits aka Die Geisterstadt der Zombies) oder La Chiesa (The Church), die ja ebenfalls das (blutige) Spektakel über eine nachvollziehbare, logische Handlung stellten. Death Spa erreicht zwar weder deren Klasse, noch deren dichte, alptraumhafte Atmosphäre, aber in einer Zeit, als sich das populäre Genre bereits in einer tristen Abwärtsspirale befand, setzt er zumindest mit Schmackes noch ein dickes, fettes Ausrufezeichen. Obwohl Death Spa zweifellos ein preisgünstig produziertes B-Movie ist, ist der Film gut gemacht, was schon bei der tollen Eröffnungsszene (ein langer Steadicam-Tracking-Shot von der Straße durch den Eingangsbereich in den Fitness-Club) klar ersichtlich ist.

    Zudem hat der 1952 in Wien geborene Michael Fischa (My Mom's a Werewolf, Deadtime Stories) die Regie fest im Griff und schafft es problemlos, die Geschichte ohne grobe Durchhänger über die Runden zu bringen. Selbst Szenen, in denen nichts von Belang passiert, weiß er launig auf Zelluloid zu bannen, sodaß kaum Langeweile aufkommt. Fans des unvergleichlichen Achtziger-Jahre-Flairs bekommen hier die volle Dröhnung verpaßt. Geile Frisuren und wunderbar scheußliche (Sport-)Klamotten, schamlos ins neondurchtränkte Licht gerückt, geben sich die Klinke in die Hand, während längst vergessene Popsongs (u. a. von längst vergessenen Bands wie People, Messenger, The Raunchettes und Sgt. Rock) die Tonspur rocken. Im schauspielerischen Bereich werden zwar keine Bäume ausgerissen, aber das Dargebotene ist durchaus akzeptabel. Ein echter Hingucker ist Chelsea Field (Prison) als Darla, aber auch Ken Foree (Dawn of the Dead) ist immer wieder gern gesehen, selbst wenn er so wie hier in äußerst lächerliche Klamotten schlüpfen mußte.

    Wie bei vielen Filmen dieser Art ist die große Schwachstelle hier einmal mehr die Figurenzeichnung. Sämtlichen Figuren fehlt es an Tiefe, die Charakterisierung ist bestenfalls oberflächlich, weshalb es dem Publikum schwerfällt, etwas für die (todgeweihten) Männer bzw. Frauen zu empfinden oder gar mit ihnen mitzufiebern. Wer darüber hinwegsehen kann, der bekommt mit Death Spa ein flottes, spaßiges B-Movie serviert, welches für den nicht allzu anspruchsvollen Genrefan ein kleines Rundumsorglospaket darstellt. Schließlich ist in dem Streifen so ziemlich alles drin, was man sich erhoffen darf. Starke, wuchtige, spektakuläre und/oder blutige Murder-Set-Pieces, hübsche junge Frauen, die mit ihren Reizen nicht geizen, eine originelle Location, in der eine wahre Furie ihr Unwesen treibt, und dazu noch Unmengen an extravagantem 80s-Chic. Das alles mag nicht für einen qualitativ hochwertigen Film reichen. Für knappe anderthalb Stunden megageile und recht charmante Horrorunterhaltung langt es jedoch allemal.



    PS: Ich bin ja eigentlich der Typ, der Filmfehler geflissentlich übersieht, selbst wenn sie mich mit Schmackes in den Arsch treten und laut "Juhu" rufen. Der Moment, als sich ein Mikro lustig von der Seite ins Bild schiebt, ist aber selbst mir sofort ins Auge gesprungen.

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  12. #387
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    Cemetery High
    (Assault of the Killer Bimbos / Hack'em High / Scumbusters)

    USA 1988 - Directed by Gorman Bechard



    "It was like being Charles Bronson, you know... Death Wish and all that?"

    Es wird wieder mal gespuckt! Nicht in die Hände, sondern auf Gräber. Ja, die Mädels haben die Schnauze gestrichen voll. Verständlich, wurde ihnen doch übel mitgespielt. Verprügelt hat man sie, vergewaltigt, gedemütigt... doch damit ist jetzt Schluß. Sie formieren sich, schließen sich zusammen, um mit geballter Kraft und ohne Gnade zurückzuschlagen. Kate (Debi Thibeault), Kathy (Karen Nielsen), Michelle (Lisa Schmidt), Dianne (Simone) und Lisa (Ruth Collins) gehen auf Männerjagd. Mit "noch so ein Spruch, Kieferbruch" geben sie sich nicht ab. Das Motto lautet eher "faßt du mir auch nur an die Hand, klebt dein Gehirn schon an der Wand". Oder "denkst du mit den Hoden, bedeckt dein Blut den Boden". Oder "belästigst du noch ein Mädel, kriegst du 'ne Kugel in den Schädel". Oder "greifst du mir an die Titten, wird deine Kehle durchgeschnitten". You get the picture. Und während die Männer der Kleinstadt zu zittern beginnen, nehmen immer mehr Frauen das Gesetz in die eigenen, zarten Hände. Das gefällt dem korrupten Bürgermeister Goodman (Tony Kruk) gar nicht. Die Scumbusters müssen ausradiert werden, damit die Frauen endlich wieder dahin verschwinden, wo sie seiner Ansicht nach hingehören.

    Die Idee ist ja so schlecht nicht. Cemetery High ist eine billig produzierte Parodie auf das zwiespältige Subgenre des Rape/Revenge-Films. Schließlich hat man ja schon alles Mögliche durch den Kakao gezogen, wieso sollte es also gerade hier nicht funktionieren? Also trieb man fröhlich Klischees auf die Spitze, spielte auf selbstreflexive Weise mit den Konventionen des Genres und jagte eindimensionale Hohlbirnen, welche teilweise dümmer sind als es die Polizei erlaubt, durch ein absurd-belämmertes Szenario. Sheriff Bob (David Coughlin) darf sich zum Beispiel berechtigte Hoffnungen darauf machen, in der Kategorie "dämlichste Figur aller Zeiten" den Hauptpreis abzuräumen, wohingegen Gerichtsmediziner Dr. Schiavone (Frank Stewart) für die Auszeichnung "nervigster Hampelmann des Jahres" als Mitfavorit gilt. Leider offenbart sich da schon das große Problem des Filmes. Für eine Parodie ist er schlicht und einfach nicht lustig genug. Ein paar Lacher möchte ich dem Streifen nicht absprechen, aber der überwiegende Teil der Gags stolpert geradewegs ins Leere und lädt eher zum Fremdschämen oder zum Kopfschütteln ein.

    Und dann gibt es da noch zwei nette Gimmicks. Brutalitäten und/oder Blutvergießen werden von dem "Gore Gong" angekündigt. Ertönt hingegen der "Hooter Honk", darf man sich auf selbstzweckhafte Nuditäten einstellen. So witzig die Idee auch ist, so unbefriedigend ist die Ausführung. Der "Hooter Honk" erklingt ganze zwei Mal und knallt dem Zuschauer somit ganze vier Stück Titten vor den Latz. Noch wesentlich enttäuschender ist der "Gore Gong", weil er viel verspicht und (fast) nichts hält. Meist wird man mit einigen läppischen Blutspritzern abgespeist, ein paar Mal erdreistet man sich aber, die Szene in etwa wie folgt ablaufen zu lassen. Da holt eine Hübsche mit der Axt aus oder richtet die Waffe auf den Kopf eines Typen, es gongt in Bild und Ton, und dann... kommt nichts mehr. Der Gong beendet die Szene, und die Bluttat darf man sich im Kopf selbst ausmalen. Möglicherweise gehört das aber auch zum Konzept des Filmes, nicht nur das Genre an sich, sondern auch die Genrefans zu verarschen. Schließlich spielt Cemetery High ein wenig mit den Erwartungen und läßt Filmfiguren in die Kamera zum Zuschauer sprechen, gewisse Szenen kommentieren und sogar darüber spekulieren, was denn noch so kommen mag.

    Der Großteil der Hauptdarsteller war bereits bei Bechards Galactic Gigolo (Galactic Gigolo - Gemüse aus dem All, 1987) mit von der Partie. Auf diesen Streifen gibt es in Cemetery High keinen Verweis (außer, er ist mir entgangen), wohl aber auf Bechards Frühwerke, den Slasher Disconnected (1983) sowie sein Meisterstück Psychos in Love (1987). Der Regisseur will mit Cemetery High übrigens nichts mehr zu tun haben, weil Mitproduzent Charles Band und dessen Cutter den Film angeblich nach eigenen Vorstellungen "bearbeitet" haben. Aber selbst wenn sich Band nicht eingemischt hätte, wäre Cemetery High kein guter Film geworden, das wage ich mal frech zu behaupten. Dafür läuft einfach viel zu viel falsch. Man sollte also ein großes Faible für vergeigte Komödien und trashig-albernes Grindhousekino haben, um mit dieser lahmen Girls-with-Guns-rächen-sich-an-der-Männerwelt-Parodie etwas anfangen zu können. Denn trotz einiger cooler Ideen (der Erzähler wird mal eben abgeknallt, das Lüften der Bluse wird hinterfragt, etc.) kommt der Spoof einfach nicht in die Gänge, und der Funke verlöscht lange bevor er zum Zuschauer überspringen könnte. Am Ende kommt es zum angekündigten großen Shootout zwischen den Scumbusters und dem Bürgermeister und seinen Männern, aber selbst dieser verläuft eher unspektakulär und so enttäuschend wie der gesamte Film.


  13. #388
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    The Mind's Eye
    (Supernatural Forces)

    USA 2015 - Written & Directed by Joe Begos



    Ein kleiner Raum, zweckmäßig eingerichtet. Ein Stuhl, ein Tisch, ein Mikrophon. Auf dem Sessel sitzt Rachel Meadows (Lauren Ashley Carter, The Woman), gefesselt, mit einem schwarzen Sack über dem Kopf. Schräg hinter ihr steht Dr. Michael Slovak (John Speredakos, The Innkeepers), der Arzt, der hier das uneingeschränkte Sagen hat. Schließlich befinden sich die beiden im Slovak Institute of Psychokinetics, einer bestens bewachten Hochsicherheitsanstalt, in der mit besonderen, mit ungewöhnlichen Kräften ausgestatteten Menschen experimentiert wird. Der Wissenschaftler, der die zierliche Frau nicht aus den Augen läßt, stellt die erste Frage. "Do you understand, why I can't take the sack off?" Rachels Antwort ist selbstbewußt, direkt und lakonisch. "Because you are scared." Slovak lacht kurz auf, wird jedoch sofort wieder ernst und fährt lauernd fort. "What is there to be scared off?" Sehr langsam dreht Rachel den verdeckten Kopf in seine Richtung. Ihre Erwiderung ist knapp, trocken, und sie ist richtig. "Me."

    Rachel ist nicht die einzige "Patientin" mit gewaltigen Gedankenkräften im Haus. Ein Mann namens David Armstrong (Matt Mercer, Contracted: Phase II) ist bereits seit einiger Zeit ihr Leidensgenosse, und wenig später gesellt sich auch ihr Exfreund Zack Connors (Graham Skipper, Tales of Halloween) dazu, von dem es heißt, daß seine Kräfte selbst die von Rachel noch übersteigen. Bald ist auch klar, was der skrupellose Arzt im Schilde führt. Slovak hat einen Weg gefunden, die psychokinetischen Kräfte von seinen Gefangenen auf sich zu übertragen. Das Verfahren ist - für beide Seiten - extrem schmerzhaft, aber was tut man nicht alles, um Macht zu erlangen und damit die Welt zu verändern? Im Jahre 1981 ließ der Kanadier David Cronenberg in seinem Film Scanners spektakulär vor laufender Kamera einen Kopf zerplatzen. Bereits vorher richteten PSI-begabte Menschen in Filmen wie Carrie oder The Fury viel Unheil an, aber es war dieser eine, kraftvolle, unvergeßliche Moment, der die Möglichkeiten psychisch fokussierter Energieströme anschaulich auf den Punkt brachte.

    Joe Begos (Almost Human) greift nun mit The Mind's Eye diese faszinierende Thematik erneut auf. Dabei orientiert er sich so stark am Scanners-Franchise (speziell am ersten Sequel), daß man seinen Film auch Scanners: The Next Generation oder Scanners Reloaded nennen könnte, obwohl der Begriff "Scanners" im Film nie in den Mund genommen wird. Die überwiegend im Februar 1991 angesiedelte Geschichte ist sehr simpel und geradlinig gehalten, das (von ihm selbst verfaßte) Drehbuch ist klar und übersichtlich strukturiert, und die dürftig charakterisierten Figuren lassen sich problemlos in die Lager Gut und Böse einordnen. Zwar sind Zack, David und Rachel ganz bestimmt keine Heiligen, aber da ihre Gegenspieler allesamt gewissenlose, sadistische und verabscheuungswürdige Bastarde sind, nimmt man sie trotz ihrer Fehler als Helden wahr. Aufgrund der inhumanen Behandlung, welcher sie durch Dr. Slovak ausgesetzt sind, ist das Publikum sofort auf ihrer Seite, fiebert mit ihnen mit und hofft, daß sie es ihren Peinigern letztendlich heimzahlen.

    Die schauspielerischen Darbietungen sind durch die Bank akzeptabel. Lediglich John Speredakos beginnt mit zunehmender Laufzeit etwas zu nerven, da er die Kontrolle über sein Overacting nach und nach verliert. Als Zacks Vater ist Schauspieler/Regisseur Larry Fessenden (We Are Still Here, Wendigo, The Last Winter) zu sehen, der aus seiner kleinen Rolle noch das Beste gemacht hat. Stilistisch ist The Mind's Eye phasenweise eine Augenweide. Begos, auf dessen Konto auch die Kinematographie geht, orientiert sich visuell offensichtlich an der Ästhetik des europäischen Genrekinos der 1970er- und 1980er-Jahre, wobei es ihm die Herren Mario Bava und Dario Argento besonders angetan zu haben scheinen. Die oft von satten Farbtönen dominierte Szenenausleuchtung ist nicht nur ganz toll anzusehen, sie sorgt auch für eine leicht unwirkliche, surreale Stimmung. Ebenfalls ganz famos ist Steve Moores einfach arrangierter Elektro-Score, dessen eingängige, treibende Synthesizer-Klänge an John Carpenter erinnern und einen mitreißenden, hypnotischen Sog entfalten.

    Der Grundton des in Rhode Island gedrehten Filmes ist extrem gewalttätig und düster, für Humor scheint es hier keinen Platz zu geben. Eine friedliche Koexistenz ist unmöglich, sämtliche Konflikte werden mit Gewalt gelöst. Sei es mit Schußwaffen, Messern und Äxten, oder sei es mit zielgerichteter Gedankenkraft, das Ergebnis ist im Endeffekt dasselbe: Ein zerstörter, lebloser Körper. Leicht haben es Zack, David und Rachel dennoch nicht. Die Anwendung ihrer psychischen Gabe ist ungemein anstrengend. Die Kräfte kosten Energie, zehren an Geist und Körper, und zwar so vehement, daß bei Überstrapazierung sogar der Tod eintreten kann. Die mit dem Benutzen der Kräfte einhergehende Anstrengung wird glaubhaft vermittelt und macht es somit auch plausibel, daß diese Fähigkeit nicht nach Belieben eingesetzt werden kann. Unsere Protagonisten sind keine unverwundbaren Superhelden, ganz im Gegenteil. Es sind Menschen wie du und ich, die einfach nur ein spezielles Talent haben und sich energisch gegen die Ungerechtigkeit zur Wehr setzten, die ihnen widerfährt. Selbst wenn es ihnen das Leben kosten sollte.

    Bei einem Film mit Scanners-Thematik nehmen die Spezialeffekte natürlich einen hohen Stellenwert ein, und Begos läßt es in dieser Hinsicht auch gewaltig krachen. Der Gore-Score ist höher - wesentlich höher - als bei den diversen Scanners-Streifen, und, soweit ich das beurteilen kann, sind die blutigen Effekte (darunter auch, wie könnte es anders sein, eine imposante Kopfexplosion) gänzlich praktischer Natur und wissen fast ausnahmslos zu überzeugen. Des Weiteren setzt Begos auf Tempo und Action. Die Story hetzt so rasant von Set-Piece zu Set-Piece, daß man als Zuseher vor lauter Staunen gar nicht erst auf den Gedanken kommt, über das Gesehene nachzudenken bzw. es zu hinterfragen. Eine gute Entscheidung, könnte man ansonsten doch merken, daß unter der schicken Oberfläche des schwer unterhaltsamen Retro-Spektakels eine große, gähnende Leere herrscht. Nein, mit Originalität, Tiefe und Anspruch punktet Begos' leidenschaftliche, von Herzen kommende Liebeserklärung an seine Kindheitsfavoriten gewiß nicht. Und vielleicht rockt diese alternative, inoffizielle Scanners-Neuauflage genau deswegen die Hütte.

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  14. #389
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    Rituals
    (The Creeper / Ils était cinq / Das Ritual / Rituale des Grauens)

    Kanada/USA 1977 - Directed by Peter Carter



    Es ist eine Art Ritual für die fünf befreundeten Ärzte: Ihr alljährlicher, gemeinsamer Urlaubsausflug. Dieses Jahr fliegen Harry (Hal Holbrook, The Fog), Mitzi (Lawrence Dane, Scanners), Martin (Robin Gammell, Lipstick), Abel (Ken James, Youngblood) und D.J. (Gary Reineke, Murder by Phone) zu einem idyllischen See in der fast noch unberührten Wildnis Kanadas. Für eine knappe Woche steht nun Fischen, Schwimmen, Wandern, die Seele baumeln lassen und die Natur genießen auf dem Plan, dann werden die fünf von ihrem Piloten (Murray Westgate) mit seinem Wasserflugzeug - die einzige Möglichkeit der An- und Abreise, sofern man sich nicht auf einen langen, beschwerlichen Fußmarsch einlassen will - wieder abgeholt. Kaum haben sie ihr Lager aufgeschlagen, verschwinden über Nacht auf mysteriöse Weise ihre Stiefel. Ohne festes Schuhwerk (lediglich D.J. hat ein Paar als Ersatz eingepackt) fallen viele der geplanten Aktivitäten natürlich ins Wasser, und so macht sich der verärgerte D.J. auf den Weg Richtung eines nicht allzu weit entfernten Staudammes, um dort Hilfe anzufordern. Die ist auch dringend nötig, denn Irgendjemand treibt ein perfides Katz- und Maus-Spiel mit dem verbliebenen Quartett. So finden die Ärzte morgens einen aufgespießten Hirschkopf neben ihren Zelten, und wenig später wird ihnen gar ein Bienenkorb vor die Füße geworfen. Ein erstes Todesopfer ist zu beklagen.

    Daß Stadtmenschen in der rauhen Natur ihr blaues Wunder erleben können, hat einige Jahre zuvor bereits John Boorman mit Deliverance (Beim Sterben ist jeder der Erste, 1972) auf beeindruckende Art und Weise vorexerziert. Der von Ian Sutherland geschriebene und von Peter Carter inszenierte Rituals schlägt mit Wucht in eine ähnliche Kerbe, und er ist auch ähnlich gut gelungen. In Rituals müssen sich unsere Helden nicht nur mit der gewaltigen, ungezähmten Natur herumschlagen, sie bekommen es darüber hinaus mit einem in der Wildnis lebenden Kriegsveteranen zu tun, der ihnen außerordentlich feindlich gesonnen ist. Neben den fiesen Attacken des Unbekannten, die manchmal wie aus heiterem Himmel über sie hereinbrechen, ist es vor allem die Ungewißheit, die unaufhörlich an ihnen nagt und die so lange an ihren Nerven zerrt, bis diese blank liegen. Wieso hat es jemand auf sie abgesehen? Wer zum Teufel ist dieser jemand überhaupt? Und wann schlägt er wieder zu? Daß es der Unbekannte ernst meint, ist relativ schnell offensichtlich. Spätestens als sich die Ärzte inmitten eines wütenden Bienenschwarms wiederfinden, sollte selbst dem größten Optimisten klar sein, daß dies kein Spiel mehr ist und daß es von nun an ums nackte Überleben geht. Doch der Gegner bietet keine Angriffsfläche, er bleibt geschickt im Schatten. Seine Angriffe sind gut durchdacht und zielen dahin, wo es weh tut.

    In einer klassischen Suspense-Sequenz, die Alfred Hitchcock kaum besser hinbekommen hätte, durchqueren die Ärzte an einem gespannten Seil einen breiten Fluß. Entschlossen kämpfen sie sich Schritt für Schritt voran, stemmen sich gegen die starke Strömung. Sie ahnen nicht, daß entlang des Weges, irgendwo vor ihnen, am Grund des Flusses eine aufgespannte Bärenfalle platziert wurde. Im Gegensatz zu den Protagonisten wissen die Zuschauer Bescheid, was dazu führt, daß man bei jedem Schritt der Männer, Schlimmes befürchtend, unwillkürlich zusammenzuckt. Eine wahrhaft teuflische und atemberaubende Szene. Verstärkend kommt hinzu, daß es Peter Carter gelingt, nach dem recht lockeren Auftakt eine dichte, grimmige, unangenehme Stimmung der allgegenwärtigen Bedrohung und des ausweglosen Grauens zu etablieren, welcher die Ärzte ausgeliefert sind. Die immensen Strapazen, welche die Männer durchmachen müssen, das sich konsequent steigernde Gefühl der Hilflosigkeit, einhergehend mit dem fast völligen Kontrollverlust, das alles wird nahezu ungefiltert auf das Publikum übertragen, sodaß man es fast körperlich zu spüren meint. In dieser Hinsicht übertrifft Rituals sogar ähnlich gelagerte doch ebenso großartige Filme wie Just Before Dawn oder Southern Comfort (beide 1981). Und auch wenn in Rituals nur wenig Blut fließt... der Schrecken prasselt wuchtig, kompromißlos und erstaunlich grausam auf die Urlauber hernieder.

    Dieser leider wenig bekannte Mix aus Slasher-Horror und Survival-Thriller entstand von Juni bis August 1976 in Ontario, Kanada, wobei Carter und sein DoP René Verzier (Rabid) fast den kompletten Streifen kontinuierlich abdrehten. Doch nicht nur diese eher selten angewandte Arbeitsweise erhöht den Realismus beträchtlich; es sind auch die zahlreichen authentischen Details (das mühevolle Waten durch den Sumpf, der abgetrennte Hirschkopf, die aufgeschreckten Bienen, etc.) die dafür sorgen, daß sich Rituals schmerzhaft echt anfühlt. Das tolle Ensemble (allesamt recht kernige Typen) trägt ihr Scherflein zum Gelingen ebenso bei. Hal Holbrook und Lawrence Dane sind schlichtweg famos und absolut glaubwürdig in ihren jeweiligen Rollen und liefern sich so manchen ungestümen Schlagabtausch, wenn die Maske der Zivilisation langsam zu bröckeln beginnt. Denn je länger das Martyrium dauert, desto egoistischer, sturer und rücksichtsloser agieren die Männer. Ihre animalischen Instinkte übernehmen, während moralische Aspekte zunehmend in den Hintergrund rücken. Und die imposante Naturkulisse scheint die seelische Verfassung der Protagonisten widerzuspiegeln. Das idyllische Plätzchen zu Beginn weicht schon bald dichten, düsteren Wäldern, danach dem reißenden Fluß, und schließlich einer kargen, steinigen Hügellandschaft, wo kaum mehr Leben möglich scheint. Zu guter Letzt gipfelt Rituals in ein beinhartes, intensives, alptraumhaftes Finale, welches all dem vorangegangenen Schrecken noch die Krone aufsetzt. Und aus dem niemand unbeschadet hervorgehen wird.

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  15. #390
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    Frankenfish
    USA 2004 - Directed by Mark A.Z. Dippé



    Eine grausig entstellte Leiche in den Sümpfen Louisianas stellt den zuständigen Leichenbeschauer vor ein Rätsel. Der Mediziner Sam Rivers (Tory Kittles) und die Biologin Mary Callahan (China Chow) gehen dem mysteriösen Vorfall auf den Grund und stellen bald fest, daß sowohl Alligatoren als auch Haie als Verursacher ausscheiden. Es scheint, als hätte sich eine neue, gefährliche Spezies in den Sümpfen breitgemacht, die sich in Nullkommanichts an die Spitze der Nahrungskette gefressen hat. Langsam wird klar, womit sie es hier zu tun haben. Drei genetisch modifizierte Exemplare des chinesischen Schlangenkopffisches - wesentlich größer, gefährlicher und gerissener als die herkömmliche Spezies - sind aus ihren Gefängnissen entkommen und machen die idyllische Lagune zur Todesfalle. Gezüchtet wurden die Biester von einem so ehrgeizigen wie skrupellosen Jäger, der mit seinen Mannen auch prompt auf der Bildfläche erscheint, um sich seine Trophäen zu holen. Doch bevor es zum finalen Schlagabtausch kommt, attackieren die hungrigen Killerfische die bewohnten Hausboote, um sich ihre Bäuche vollzuschlagen.

    Der zweite Film des Kabel-TV-Senders SyFy (ehemals The Sci-Fi Channel) um die ungewöhnlichen Kreaturen ist auch der beste. Frankenfish hängt den knapp zuvor entstandenen Snakehead Terror um eine halbe Flossenbreite ab und ist ein kurzweiliges, leicht verdauliches Tierhorror-Häppchen für zwischendurch, welches einerseits für prächtige, wenn auch anspruchslose Unterhaltung sorgt, anderseits aber auch rasch wieder vergessen ist. Regisseur Mark A.Z. Dippé (Spawn) leistet solide Arbeit und drückt von Beginn weg aufs Tempo, um nur ja keine Langeweile aufkommen zu lassen. Tatsächlich bringt er den Streifen ohne große Durchhänger über die (kurze) Runde, wobei das Drehbuch die eine oder andere kleine (aber fiese) Überraschung bereithält. Als originell kann man das alles zwar nicht bezeichnen, aber Dippé bereitet die Fischsuppe so schmackhaft auf, daß sie beinahe frisch erscheint und recht gut mundet. Im Gegensatz zu ähnlich gelagerten Creature Features hat man sich hier auch mit den Figuren etwas mehr Mühe gegeben. Die sind, trotz klischeehafter Charakterisierung, doch ein klein wenig mehr als bloß potentielles Fischfutter auf zwei Beinen, wobei der plötzliche und unerwartete Tod einer Figur mich bei Erstsichtung ziemlich kalt erwischt hat. Die diversen Fischattacken sind ordentlich in Szene gesetzt und geizen nicht mit vergossenem Lebenssaft. So wird einer Frau der Unterleib abgebissen, während ein unvorsichtiger Fischer seinen Kopf verliert.

    Inwieweit das Erscheinungsbild der Snakeheads realitätsgetreu ist (der Look der Viecher variiert ja von Film zu Film recht stark), weiß ich nicht, aber sie sehen zumindest bedrohlich aus und sind ansprechend getrickst. Der überwiegende Teil der Fischszenen stammt aus dem Computer, doch hin und wieder kommen auch animatronische Puppen zum Einsatz. Für einen Fernsehfilm ist das diesbezüglich Gebotene jedenfalls mehr als akzeptabel. Die idyllischen Schauplätze weit abseits der Zivilisation sorgen für eine angenehme Dosis Lokalkolorit, wobei die abergläubische Mentalität der Sumpfbewohner (Voodoo!) bzw. deren eigenbrötlerische Exzentrik für ein zusätzliches Louisiana-Hinterwäldler-Flair sorgen. Die schauspielerischen Darbietungen sind gehobenes Mittelmaß, die musikalische Untermalung ist okay, und auch an der Kameraarbeit gibt es nichts auszusetzen. Leider kommt es trotz der kurzen Laufzeit aufgrund der episodenhaften Struktur zu keinem richtigen dramaturgischen Fluß; das mindert zwar die Qualität des Filmes, nicht aber den beachtlichen Unterhaltungswert. Der grundsätzlich ernste Ton wird durch die eine oder andere humorvolle Note aufgelockert, was dem Streifen einen leicht augenzwinkernden, nicht unsympathischen Charme verleiht. Unterm Strich ist Frankenfish somit ein flottes, blutiges, knackiges, bisweilen sogar spannendes B-Movie, das den geneigten Genrefan trotz des formelhaften Plots und der unrunden Dramaturgie sehr gut bedient.

    Geändert von Randolph Carter (18.03.17 um 12:57 Uhr)
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  16. #391
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    Punk Vacation
    (Deadly Vacation)

    USA 1990 - Directed by Stanley Lewis



    "Wir sind hier, um unseren Freunden die letzte Ehre zu erweisen. Sie haben mutig gegen die Parasiten der militaristisch-industriellen Welt gekämpft. Wir alle schulden diesen mutigen Kriegern eine Gegenleistung. Wir werden Billy befreien und diese elende Stadt vernichten."

    Als Ramrod (Roxanne Rogers), die Anführerin der Punks, obige Ansprache hält, ist bereits viel Wasser den Bach runtergelaufen. Die Fronten sind längst verhärtet, eine friedliche Lösung ist außer Sicht. Und die Hauptschuld am ganzen Schlamassel trägt ein heimtückischer Dr. Pepper-Automat. Der verweigert Billy (Rob Garrison), einem der Punks, nämlich nicht nur das gewählte Erfrischungsgetränk, er besitzt auch noch die Frechheit, die eingeworfenen Münzen nicht zu retournieren. Kein Wunder, daß Billy da komplett ausrastet und sich erst beruhigt, als er in den Lauf einer Schrotflinte starrt, welche ihm der Besitzer der Tankstelle (Raymond Fusci) vor die Fresse hält. Billy zieht den Schwanz ein und haut ab, aber er ist nachtragend. Zusammen mit seinen Gefährten (ein knappes Dutzend Männer bzw. Frauen stark) kehrt er zurück und mischt den Laden auf. Die Bilanz: Ein Toter (der Tankstellenbesitzer), ein traumatisierter Teenager (seine Tochter (Karen Renee)), sowie ein Verletzter (Billy, der bei seiner überstürzten Flucht mit dem Wagen von Deputy Steve Reed (Stephen Fiachi) kollidiert ist). Den Rest kann man sich in etwa denken. Ramrod und ihre Gang wollen Billy befreien, Lisa (Sandra Bogan), die ältere Tochter des Ermordeten, will Rache, und als nichts davon gelingt, stürzen sich auch noch die Vertreter von Recht und Ordnung des kalifornischen Kaffs, in dem sich das Drama abspielt, mit blindem Eifer ins Gefecht.

    Was in geschriebener Form recht launig klingen mag, entpuppt sich in der Realität leider als lahmes Ärgernis. Regisseur Stanley Lewis schien keinen blassen Schimmer zu haben, was sein Film eigentlich sein sollte. Thriller? Drama? Exploitation? Komödie? In Punk Vacation finden sich Elemente all dieser Genrerichtungen, und sie stoßen einander ab wie gleichpolige Magnete. Man stelle sich eine vierköpfige Boygroup vor, in der jeder sein eigenes Ding durchzieht, ohne Rücksicht auf die anderen. Das Ergebnis mag im besten Falle unterhaltsam sein, aber gut ist es ganz bestimmt nicht. Hinzu kommt, daß das von Lance Smith und Harvey Richelson verfaßte Skript völlig wirr ist. Der Plot mäandert unfokussiert durch die Botanik und steuert einem antiklimaktischen Ende entgegen, das wirkt, als hätten alle Beteiligte bereits lange vorher die Lust am Projekt verloren. Es hat schon seinen Grund, weshalb Punk Vacation Stanley Lewis' einzige Regiearbeit geblieben ist. Lewis hat nicht nur kein Gespür für Atmosphäre, für Spannung, für Action und für Dramaturgie; er scheint mit diesen Begriffen regelrecht auf Kriegsfuß zu stehen. Punk Vacation fühlt sich an, als hätte jemand unbedingt einen Film machen wollen, dem jegliches Talent dafür fehlt. Und als er diesen Umstand endlich bemerkt hat (oder es ihm von anderer Seite zugeflüstert wurde), hat er das Interesse verloren und den Film lustlos und mehr schlecht als recht beendet.

    Einen gewissen Unterhaltungswert will ich diesem zurecht kaum bekannten Streifen nicht absprechen, obwohl er überwiegend eine äußerst zähe und langweilige Angelegenheit ist. Für ein paar Lacher ist der 1987 entstandene aber erst 1990 veröffentlichte Punk Vacation allerdings zweifellos gut, auch wenn diese mitunter von der schadenfrohen Sorte sind. Man nehme nur mal die Antagonisten. Rein äußerlich kann man die bunte Meute mit ihren schrillen Frisuren, ihrer extravaganten Schminke und ihren schicken Klamotten noch als Punks durchgehen lassen, aber innen drin sind sie ganz gewöhnliche, spießbürgerliche Normalos, die jede Menge alberne Dinge tun (Blumen pflücken, Mundharmonika spielen, mit Holzstäben fechten, um eine Gefangene herumtanzen, etc.), um die Zeit totzuschlagen. Die "Helden" stehen dem in Nichts nach, wobei Lisa ein Fall für sich ist. Die hat bestimmt einen unsichtbaren Zwilling neben sich stehen, weil eine alleine kann unmöglich so blöd sein. Ganz graziös ist übrigens ihre Schußtechnik. Wenn sie abdrückt, ruckt sie mit ihrer Hand nach vorne, wahrscheinlich, um die den Pistolenlauf verlassende Kugel noch weiter zu beschleunigen. Das ganze Dilemma des Streifens offenbart sich dann in einer Sequenz, in der drei Männer mit Gewehren einen kleinen Graben auf einem Rohr zu überqueren versuchen. Ein ebenfalls bewaffneter Punk sieht ihnen eine Weile geduldig von der anderen Seite aus zu und stellt sich ihnen dann schließlich in den Weg.

    Anstatt jedoch zu schießen, stupst der Punk den ersten der Männer mit dem Gewehrlauf so lange an, bis er das Gleichgewicht verliert. Seine Kumpel machen es ihm nach, rudern wild mit den Armen und stürzen in den Graben. Was für ein Spaß! Aber es wird noch "besser". Die Beine des Anführers gleiten rechts und links vom Rohr, woraufhin seine für die Fortpflanzung relevanten Teile schmerzhafte Bekanntschaft mit dem harten Rohr schließen. Danach kippt er zur Seite und fällt zu Boden. Diese Szene zählt zum "Lustigsten", was der Film zu bieten hat. Tragisch ist nur, daß dieser spontane Humoreinschub überhaupt nicht ins Gesamtbild dieser Sequenz paßt und daß er beide Parteien einmal mehr zu geistig minderbemittelten Witzfiguren degradiert. Diese schizophrene Tonart durchzieht einen großen Teil des Filmes. Immer wenn man denkt, jetzt könnte es spannend werden oder jetzt kommt der Flick endlich in die Gänge, wird man im Nu auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Daß die Schauspieler allesamt nicht die hellsten Sterne am Firmament sind, daß es den wenigen Actionmomenten komplett an Druck und Dynamik fehlt, und daß es auch im technischen Bereich einiges zu bemängeln gibt (der unmotivierte Schnitt wurde offenbar von einem Amateur oder einem Betrunkenen gesetzt), spielt da schon kaum eine Rolle mehr. Nein, Punk Vacation ist leider Murks. Langweiliger, uninteressanter Murks.

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