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Thema: Phantasmagorien aus den unaussprechlichen Abgründen des Wahnsinns

  1. #426
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    Alienween
    Italien 2016 - Written & Directed by Federico Sfascia



    "You're an idiot, or you are... the only moral person in a world that's melting."

    Die Aliens kommen! Als ein Meteoritenschauer in der Halloween-Nacht auf die Erde herniederprasselt, wird rasch klar, daß wir es hier mit einer groß angelegten Alien-Invasion zu tun haben. Und nein, es handelt sich mitnichten um niedliche, harmlose, verschrumpelte E.T.s, sondern es sind kleine, fiepende, aggressive Monster, die dem menschlichen Körper auf vielerlei Art Schaden zufügen können. Am eigenen Leib zu spüren bekommen dies Ernesto (Guglielmo Favilla) und seine drei Freunde, die zu Halloween in einem seit langer Zeit leerstehenden Haus auf dem Lande ein Wiedersehen feiern. Doch ihre kleine Party mit Alkohol, Drogen und Prostituierten wird erst von der eifersüchtigen Ex-Freundin (samt Anhang) eines der Männer und kurz darauf von den außerirdischen Besuchern gecrasht, denen der Sinn nach einer anderen Art von Feier steht. Während die Apokalypse über die Welt hereinbricht, entbrennt in dem Gebäude ein beinharter, schier aussichtsloser Kampf ums nackte Überleben.

    Der Halloween-Kracher des Jahres stammt aus Italien. Das von manchen Miesmachern bereits für tot erklärte italienische Genrekino lebt und gedeiht prächtig, wie all jene wissen, die sich nicht zu schade dafür sind, sich die Hände schmutzig zu machen und etwas tiefer zu wühlen. Zugegeben, es hat sich gegenüber den Hoch-Zeiten von legendären Filmemachern wie Mario Bava, Dario Argento, Lucio Fulci, Michele Soavi, Joe D'Amato, Ruggero Deodato und Umberto Lenzi stark verändert, aber tot und begraben ist es beileibe nicht. Daß sich viele Fans mit dem billigen (Digitalvideo-)Look nicht anfreunden können und Spaghetti-Splatter anno 2010+ deshalb kategorisch ablehnen, dafür können ja die ambitionierten Regisseure, die mit lachhaften Mini-Budgets klarkommen müssen, nichts. Einen für 'n Appel und 'n Ei produzierten Streifen wie Alienween (das geschätzte Budget lag bei sechs- bis siebentausend Euro) auf Filmmaterial zu drehen, ist schlichtweg nicht realisierbar.

    Erdacht wurde dieser durchgeknallte, "auf einer wahren Geschichte basierende" (gnihihi) Spaß von Alex Visani und Federico Sfascia; letzterer formte aus den Ideen dann ein Drehbuch und übernahm auch die Regie. Und Sfascia brennt dabei ein aberwitziges Feuerwerk ab, das sich gewaschen hat. Allerdings nicht von Beginn an, und das ist auch das einzige Haar, das ich in dieser schmackhaften Suppe finden konnte. Der Anfang ist recht bieder geraten und hebt sich kaum von ähnlich gelagerten Produktionen ab. Die Figuren werden eingeführt, es wird viel gequatscht, der Ton schwankt unentschlossen zwischen Horror und Komödie, die Handlung tritt auf der Stelle, und Sfascia schafft es (noch) nicht, das Interesse des Zuschauers zu wecken. Doch dann... dann kriegt Alienween auf einmal elegant die Kurve. Verantwortlich dafür sind nicht nur die fiesen Aliens und das sich anbahnende Gemetzel, sondern auch die beiden Hauptfiguren, die plötzlich an Tiefe gewinnen, sowie ein kleines aber sehr feines Handlungselement, welches den Film auf eine andere Ebene hievt.

    In den Händen eines Stümpers wäre dieses Handlungselement, das sich auf ein Ereignis in der Vergangenheit bezieht, wohl zur Farce verkommen oder hätte unglaubwürdig und aufgesetzt gewirkt, aber Sfascia schafft es tatsächlich, das Publikum damit zu berühren. In diesem billigen Horrorstreifen pocht plötzlich ein Herz, und wie es bei Herzen nun mal so ist, lassen danach auch die Gefühle nicht lange auf sich warten. Gingen einem die Figuren zuvor noch allesamt mehr oder weniger am Allerwertesten vorbei, so empfindet man für Ernesto sowie des von der atemberaubenden Federica Bertolani gespielten Call-Girls Nadia bald schon Sympathien, sodaß man mit der Zeit sogar ein wenig mit ihnen mitfiebert. Und das bereits erwähnte, längst vergangene Handlungselement hängt während all dem wie ein Schatten, den man nicht abschütteln kann, über dem Geschehen. Visualisiert wird dies durch wenige, dafür aber perfekt getimte, sekundenkurze Sequenzen, die in starkem Kontrast zum Rest des Filmes stehen.

    Wobei der Rest von Alienween, das erste Drittel mal außen vor gelassen, im Prinzip eh nur ein nicht enden wollender Überlebenskampf mit der einen oder anderen Verschnaufpause ist. Dabei verfährt Sfascia nach dem altbewährten, speziell in Italien ungeheuer populären Motto "gut geklaut ist halb gewonnen". Wie Quentin Tarantino bedient er sich ausgiebig und unverfroren aus dem reichhaltigen Fundus der Genrefilmgeschichte und bastelt daraus dann etwas Neues, Frisches, ja, fast schon wieder Originelles, weshalb der Ideenklau (für mich) überhaupt kein Problem darstellt. Im Gegenteil, es macht Spaß, in diesem wilden Potpourri Sfascias Inspirationsquellen zu erspähen. Sam Raimis The Evil Dead, Lamberto Bavas Dèmoni, Peter Jacksons Bad Taste, William Sachs' The Incredible Melting Man und Ching Siu-Tungs A Chinese Ghost Story sind nur die offensichtlichsten Vorbilder. Darüber hinaus standen Filme von Dario Argento, Lucio Fulci und David Cronenberg ebenso Pate wie Fantasy/Horror-Beiträge aus der Japanimation-Ecke.

    Im Bereich der Spezialeffekte wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt, wobei der überwiegende Teil praktischer Natur zu sein scheint. Was Marco Camellini und die FX-Schmiede Fantasma Film (Spezialeffekte), Domenico Guidetti (Visuelle Effekte) und Federico Sfascia (Optische Effekte) da trotz Mikro-Budget auf die Beine gestellt haben, ist absolut bemerkenswert. Natürlich mangelt es den FX an Feinschliff und Realitätsnähe (was DoP Frank Pazuzu mit einigen Tricks (wie z. B. Kameragewackel oder extreme Close-Ups) zu kaschieren versucht), aber der überbordende Ideenreichtum und die leidenschaftliche Kreativität machen das wieder mehr als wett. Die Aliens haben nämlich kein großes Interesse daran, die Menschen einfach so zu töten. Nein, sie lassen sie lieber mutieren oder bringen sie langsam zum Schmelzen. Jawohl, Alienween kann man durchaus in die Kategorie "Melt-Movie" einordnen. Folgerichtig sind die Effekte hübsch schleimig und saftig und matschig und gorig und somit ein echtes Fest für Fans.

    Und je länger das Spektakel läuft, desto irrer, schräger und extravaganter wird es. Da hält eine Alien-Mutation für einen Moment inne, um mit ihren Tentakeln eine Melodie auf dem Klavier anzustimmen. Einem Pärchen wachsen die Hände so fest zusammen, daß eine Trennung nur auf äußerst schmerzhafte Weise mit Messer und Säge möglich ist. Während eines heißen, schleimtriefenden Sexaktes platzen die Brüste der Frau auf und verspritzen Säure. Und, passend zu Halloween: Eine der Kreaturen ähnelt einem Lovecraft'schen Tentakelmonster mit Kürbiskopf. Der Mix aus Horror und Humor rockt meistens; nur in einigen wenigen Momenten im ersten Drittel drängt sich letzterer für meinen Geschmack etwas zu sehr in den Vordergrund. Schauspielerisch werden naturgemäß keine Bäume ausgerissen. Oscar-Nominierungen blieben zu Recht aus, aber für diese Art Film sind die darstellerischen Leistungen durchaus okay. Ganz toll ist hingegen der rockige, treibende Soundtrack von Alberto Masoni, der meines Erachtens perfekt zum Geschehen paßt.

    Was Alienween aus der Masse zusätzlich herausragen läßt, ist seine Ästhetik. Die Szenerie wird überwiegend von knalligen, ins Auge stechenden Farben dominiert, wobei insbesondere grelle Blau- und Rottöne vorherrschend sind. Durch diesen coolen, ungemein artifiziellen Look entsteht eine ganz eigene, irgendwie surreale Stimmung, die jeden Realismus vermissen läßt. Man wähnt sich fast in einem eigenartigen Paralleluniversum, in welchem andere Naturgesetze und absurde Lichtverhältnisse gelten. Nicht genug loben kann man Frank Pazuzus geniale Kameraarbeit. Seien es rasante Kamerafahrten, herrliche Gegenlicht-Einstellungen oder irrwitzige Schwenks, die Kamera fängt das Geschehen ungemein dynamisch und spektakulär ein. Überhaupt pulsiert Alienween ab dem Moment, ab dem er Fahrt aufgenommen hat, förmlich vor Leidenschaft, Herzblut und Energie. Ein dermaßen ungestümes, wildes und energiegeladenes (wenn auch recht anstrengendes) Low-Budget-Horror-Spektakel ist mir jedenfalls schon lange nicht mehr untergekommen. Dagegen wirken "normale" Filme wie komatöse Schlaftabletten.

    Federico Sfascia hat mit seinem zweiten Spielfilm (vier Jahre vor Alienween drehte er den mir bislang unbekannten I rec u) eindrucksvoll gezeigt, wozu er - trotz eines lächerlichen Mini-Budgets - imstande ist (man mag sich gar nicht ausmalen, was er mit einem ordentlichen Budget schaffen könnte). Es ist eine Art Visitenkarte, die er selbstbewußt auf den Tisch geklatscht hat, so wie seinerzeit Sam Raimi, als er die Teufel tanzen ließ, oder wie Robert Rodriguez, als er seinen Mariachi auf die Reise schickte. Ob dies der Startschuß für eine ähnlich imposante Karriere ist, wird die Zukunft zeigen. Bis jetzt scheint der außergewöhnliche, schwer unterhaltsame und auf eine gewisse Weise einzigartige Streifen leider immer noch unter dem Radar zu fliegen. Für mich jedenfalls - und damit komme ich endlich, endlich zu einem Ende (ja, ich weiß, je mehr mir ein Film gefällt, desto mehr neige ich zur Geschwätzigkeit, sorry!) - ist Alienween trotz aller Makel einer der besten und spaßigsten und geilsten und kultigsten Horrorkracher aus Pastaland seit langer, langer Zeit. Mehr davon! Bitte!

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  2. #427
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    The Day of the Triffids
    Großbritannien 1981 - Directed by Ken Hannam



    Man schrieb das Jahr 1951, als sich die Triffids das erste Mal anschickten, die Welt zu erobern. Die unheimlichen, fleischfressenden Pflanzen, deren rasante Ausbreitung zur Auslöschung der gesamten Menschheit führen könnte, entsprangen dem Gehirn des britischen Autoren John Wyndham (voller Name: John Wyndham Parkes Lucas Beynon Harris), der in den Folgejahren auch für die Romane The Kraken Wakes (Wenn der Krake erwacht/Kolonie im Meer?, 1953) und The Midwich Cuckoos (Kuckuckskinder/Es geschah am Tage X..., 1957) verantwortlich zeichnete. Seine apokalyptische Triffids-Vision erschien unter den Titeln The Day of the Triffids (Großbritannien), Revolt of the Triffids (Amerika) bzw. Die Triffids (Deutschland) und avancierte rasch zum populären Klassiker der Science-Fiction-Literatur. Insofern ist es kaum verwunderlich, daß der Stoff im Laufe der Zeit fürs Radio, fürs Fernsehen und auch fürs Kino bearbeitet wurde.

    Leider entpuppte sich der 1963 veröffentlichte Kinofilm The Day of the Triffids (Blumen des Schreckens) nicht nur bei Triffids-Schöpfer John Wyndham als große Enttäuschung, nicht zuletzt, weil sich die Drehbuchautoren viele Freiheiten in Bezug auf die Vorlage herausgenommen hatten und man diese Verfilmung somit nicht wirklich als werkgetreue Umsetzung des Buches bezeichnen kann. Wie man es richtig macht sollte der am 11. März 1969 verstorbene Schriftsteller nicht mehr erleben. Anfang der 1980er-Jahre sicherte sich die BBC die Rechte am Roman und beauftragte Douglas Livingstone mit der Erstellung eines Drehbuches. Man entschied sich letztlich für eine Adaption in Form einer sechsteiligen TV-Mini-Serie, wobei jede Episode eine knappe halbe Stunde laufen sollte. Um das benötigte Budget aufzubringen, holte die BBC zwei weitere Partner mit an Bord, nämlich die Australian Broadcasting Commission (ABC) sowie die Produktionsgesellschaft RCTV Inc.

    Die gelungene wenn auch - aus heutiger Sicht - altbackene Mini-Serie hält sich nicht nur eng an die Buchvorlage, sondern atmet auch - obwohl die Geschichte von den Fünfzigern in die Achtziger-Jahre verlegt wurde - deren Geist. Bill Masen (John Duttine) erwacht eines Morgens in seinem Krankenzimmer. Heute sollen ihm die Bandagen abgenommen werden, die nach einer Operation seine Augen bedecken. Doch alles ist ruhig, viel zu ruhig. Keine geschäftig umhereilenden Krankenschwestern, keine Ärzte, kein Verkehr, keine Alltagsgeräusche. Lediglich eine Uhr schlägt zur vollen Stunde, und irgendwo zersplittert krachend eine Glasscheibe. Da auch nach längerem Warten und auf seine Rufe hin niemand erscheint, entledigt sich Bill selbst der Verbände. Und erlebt eine bittere Überraschung. Die Welt, wie er sie kannte, existiert nicht mehr. Nach einer Nacht, in der unzählige Sternschnuppen den Himmel erhellten, sind die Menschen, die dem Spektakel beiwohnten, erblindet. Und die umherirrenden Blinden sind leichte Beute für die Triffids.

    "The trouble with triffids is what we don't know. Some scientists bred a very special plant to produce a very special oil. Well, we got the special oil and we're lumbered with a very special plant."

    Bei den Triffids handelt es sich um etwa zweieinhalb Meter hohe Pflanzen, die sich langsam über den Grund bewegen und die aus ihrer Blüte einen langen, giftigen, tentakelähnlichen Stachel herausschnellen lassen können, dessen bloße Berührung ihre Beute in der Regel binnen Sekunden tötet. Sie scheinen eine gewisse Intelligenz zu besitzen und können vermutlich mit klackenden Geräuschen, die sie mit ihren klobigen Wurzelstümpfen erzeugen, kommunizieren. Vom Aussehen her erinnert ein Triffid ein wenig an einen mutierten Vogel Strauß, mit einem breiten, entfernt kugelförmigen Unterteil, einem langen "Hals" mit dem "Kopf" in Form einer sich öffnenden Blüte und dem tödlichen Stachel als "Zunge". Der untere, in Form einer Ginseng-Wurzel modellierte Teil bestand aus Latex, Sägespänen, Hanfsträngen und echten Wurzelstücken, während man den fragil erscheinenden Hals aus Fiberglas gestaltete. Und die Blüte selbst stellte man schließlich aus Kautschuk her.

    The Day of the Triffids ist ein schönes Beispiel dafür, wie man aus wenig viel macht. Das Budget war recht bescheiden, das ist nicht zu übersehen. Aber das spielt keine Rolle, weil die Geschichte unheimlich fesselt, weil die Kreaturen immens faszinieren, weil die Figuren sehr interessant sind und weil es gewisse, geschickt platzierte Schlüsselszenen gibt, welche die Glaubwürdigkeit des Szenarios unterstreichen. Seien es die teils wie ausgestorben wirkenden Straßen, die sich zusammenrottenden Blinden (in ihrer verzweifelten Suche nach Menschen, deren Augenlicht noch intakt ist, ähneln sie nach Menschenfleisch gierenden Zombies), die vergeblichen Versuche, Ordnung ins Chaos zu bringen, oder die vereinzelt herumliegenden Toten, das sorgt für eine düstere Atmosphäre, die überaus beklemmend und stimmig ist. Und als ob die Menschheit mit dem Verlust der Sehkraft und den gefährlichen Triffids nicht schon genug gestraft wäre, kommt es auch noch zum Ausbruch einer tödlichen Seuche, die viele weitere Menschen dahinrafft.

    Die düstere BBC-Miniserie schildert die über die Welt fegende Apokalypse im kleinen Rahmen, anhand einer kleinen, clever zusammengestellten Figurenkonstellation, deren Mitglieder unterschiedliche Interessen respektive Meinungen vertreten, wodurch einige heikle Fragen angerissen werden. Wie geht man mit der auf den Kopf gestellten Realität am besten um? Welche Lösungsansätze sind moralisch vertretbar? Wie weit kann (bzw. darf) man gehen, um das Überleben der Menschheit zu sichern? Und unwillkürlich nimmt man als Zuschauer die Fäden auf. Wie würde man wohl selbst handeln, befände man sich an der Stelle von Bill? Unser Held wird unaufhörlich dazu gezwungen, Entscheidungen zu treffen. Und eine falsch getroffene Entscheidung kann sich fatal auswirken. Im Zentrum von The Day of the Triffids stehen weder aufwändige Spezialeffekte, noch spektakuläre Actionszenen (was aber keineswegs bedeuten soll, daß die sporadischen Attacken der Triffids nicht beängstigend und denkwürdig wären). Nein, im Zentrum steht die Gruppe glaubhaft charakterisierter und stark gespielter Figuren, die in einer neuen, feindlich gesinnten Umgebung um Überleben und Zusammenhalt kämpft. Und das ist so gut und packend umgesetzt, daß man deren Erlebnisse gebannt verfolgt.

    P.S.: Im Jahre 2009 legte die BBC die faszinierende Geschichte erneut auf, in abgewandelter und natürlich stark modernisierter Form, mit Dougray Scott (Taken 3) in der Hauptrolle. Diese dreistündige Miniserie bewegt sich auf leicht überdurchschnittlichem Niveau, kann der 1981er-Version jedoch nicht das Wasser reichen.

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  3. #428
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    Murderock - Uccide a passo di danza
    (Murder Rock / Der Frauenmörder mit der Hutnadel / Dancing Death / Murder Rock - Dancing Death / Murder-Rock: Dancing Death / Slashdance / The Demon Is Loose / Giallo a disco)

    Italien 1984 - Directed by Lucio Fulci



    Eigentlich läuft es ganz gut für Candice Norman (Olga Karlatos), der Chefchoreographin einer New Yorker Tanzakademie namens The Arts for Living Center. Eben wurde bekannt gegeben, daß die drei besten ihrer Schülerinnen bei einem großen Musical am Broadway mit dabei sein werden. Die Chance des Lebens, wie es so schön heißt, und die gedenken die jungen Leute beim Schopf zu packen. Doch es ist nicht alles eitel Wonne in dem schicken Schuppen. Candice wurde bei einem Unfall mit Fahrerflucht vor Jahren so schwer verletzt, daß sie selbst nicht mehr tanzen kann. Margie (Geretta Geretta) haßt Candice, weil die ihr den Job vor der Nase weggeschnappt hat. Candice läßt sich auf ein Techtelmechtel mit dem abgehalfterten und trinkfreudigen Werbestar George Webb (Ray Lovelock, Non si deve profanare il sonno dei morti aka Das Leichenhaus der lebenden Toten) ein, dessen Vergangenheit von einem düsteren Geheimnis umrankt zu sein scheint. Dick Gibson (Claudio Cassinelli), Candice' Partner, spitzt den jungen Hüpfern lüstern nach, und das Verhältnis zwischen den Tänzern untereinander ist von Eifersucht, Intrigen und Konkurrenzkampf geprägt. Insofern ist jeder verdächtig, als plötzlich eine mysteriöse Mordserie beginnt. Susan (Angela Lemerman), das größte Talent der Gruppe, ist die erste, die dem unheimlichen Mörder mit der Hutnadel zum Opfer fällt.

    So sehr sich Lucio Fulci in Bezug auf bestialische Gewaltdarstellungen und schmierigen Sadismus in seinem berüchtigten Schocker Lo squartatore di New York (Der New York Ripper, 1982) ausgetobt hatte, so sehr hält er sich bei Murderock - Uccide a passo di danza zurück. Der Modus Operandi des schwarzbehandschuhten Täters ist präzise, sauber und schmerzlos. Der (oft mit Schweißperlen übersäte) Oberkörper des mit Chloroform betäubten Opfers wird erst entblößt, dann sticht der Killer mit einer langen Hutnadel langsam, fast schon zärtlich ins weiche Fleisch, zwischen den Rippen hindurch, mitten ins Herz. Das Opfer gleitet sanft von der Bewußtlosigkeit in den Tod, zwei, drei abgesonderte Tropfen Blut sind alles, womit der penetrierte Körper zu protestieren vermag. Hinzu kommt, daß der komplette Ablauf der Tat nur ein einziges Mal in voller Länge gezeigt wird. Diese Sequenz ist jedoch eines der (wenigen) Highlights des Filmes, ist sie doch mit dem regelmäßig aus- und wieder angehenden Licht sowie den laut pochenden und schließlich verstummenden Herzschlägen richtig gut und "eindringlich" in Szene gesetzt. Aber auch die anderen, leider recht spärlich gesäten Murder-Set-Pieces werden durchaus ansprechend präsentiert; bei zweien gelingt es Fulci sogar, ein wenig an der Spannungsschraube zu drehen.

    Dies sticht deshalb so positiv hervor, weil Murderock ansonsten eher spannungslos dahinplätschert. Das schwache Drehbuch von Gianfranco Clerici, Roberto Gianviti, Vincenzo Mannino und Lucio Fulci verzettelt sich in allerlei unbedeutenden Szenen, welche überwiegend leider so uninteressant sind, daß jedes bißchen Suspense auf der Strecke bleibt. Mitverantwortlich dafür ist auch der Nüsse mampfende Polizist, Lieutenant Borges (Cosimo Cinieri, Manhattan Baby), dem die ganze Mordserie sowieso am Allerwertesten vorbeizugehen scheint. Lustlos quält er sich durch den verzwickten Fall, weil es halt sein Job ist. Engagement sucht man bei ihm ebenso vergebens wie Empathie mit den Opfern. Fast könnte man meinen, daß es ihm gar nicht so unrecht ist, wenn der Killer zuschlägt; dann muß er sich wenigstens nicht mit diesem tanzenden Gesindel herumplagen. Der zur Schau gestellte Zynismus ist bei weitem nicht so schmerzhaft wie bei Lo squartatore di New York, aber er ist stark genug, um unangenehm zu berühren. Apropos unangenehm. Was den an und für sich tollen Musiker Keith Emerson (Dario Argentos Inferno) beim Komponieren des Scores geritten hat, dieses Geheimnis hat er im März 2016 mit ins Grab genommen. Fest steht, daß er sich mit dieser scheußlichen Mucke wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert hat.

    Am Ende laufen die ausgeworfenen Fäden halbwegs zusammen, sodaß das große Finale recht gut funktioniert, obwohl man bei der Enthüllung des Killers und dem, was danach noch passiert, das eine oder andere Schmunzeln trotz aller Tragik nicht unterdrücken kann. Murderock ist gewiß kein Ruhmesblatt in des Regisseurs Filmographie, aber er ist bei weitem nicht so schlecht, wie er gerne gemacht wird. Der Streifen ist grundsolide, im guten wie im schlechten Sinne, wobei Giuseppe Pinoris famose Bildgestaltung den Film qualitativ enorm aufwertet. Ein weiteres Plus, zumindest für Nostalgiker, ist das schräge Achtziger-Jahre-Flair, das insbesondere bei den leckeren Tanzszenen - die mit Fortdauer der Handlung leider immer weiter in den Hintergrund rücken - ins Auge fällt. Zwar kann Murderock dem Nonplusultra in dieser Hinsicht, David A. Priors Killer Workout (1987), nicht annähernd das Wasser reichen, aber Fans der 1980er-Jahre kommen trotzdem ordentlich auf ihre Kosten. Aus der Cast sticht natürlich Olga Karlatos (Keoma) hervor, deren faszinierende Augen intakt sind, womit einmal mehr bewiesen ist, daß die Zerstörung ihres rechten Augapfels fünf Jahre zuvor durch einen langen, spitzen Holzsplitter in Zombi 2 (Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies) Gott sei Dank nur ein genialer Spezialeffekt war.

    Daß sich sowohl Olga Karlatos als auch das eine oder andere Tanzstarlet nackig macht, ist ein netter Bonus, welcher den Film zwar nicht besser, aber (aus männlicher Sicht zumindest) vergnüglicher macht. Das gilt auch für die herrliche Slow-Motion-Traumsequenz, in der ein mysteriöser Fremder mit Hutnadel die panische Candice jagt, sowie für den unfaßbaren WTF-Moment, in dem ein chinesischer Wahrsager einen Restaurantgast geradeheraus des Mordes bezichtigt. Murderock ist somit eine recht durchschnittliche Melange aus Giallo und Slasherfilm, versetzt mit einem Schuß Flashdance, für die spezielle Geschmacksnote, wobei ich denke, daß Giallo-Freunde dem Streifen wesentlich mehr abgewinnen können als die kreativ-blutige Kills erwartenden Slasherfans. Denn in dieser Hinsicht ist dieses Werk eine totale Niete. Leider ist der Film auch in Bezug auf das Whodunit-Element eine Niete, denn wieso sollte der Zuseher über die Identität des Mörders rätseln, wenn ihm sämtliche Figuren egal sind? Angeblich war geplant, daß Murderock den Auftakt einer Filmtrilogie bildet, welche die zentrale Thematik Musik verbindet. Daß es dazu nicht gekommen ist (u. a., weil sich Fulcis Gesundheitszustand verschlechterte), ist zwar einerseits schade, andererseits aber wohl auch nichts, dem man groß nachweinen müßte.

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  4. #429
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    Encounter of the Spooky Kind
    (Spooky Encounters / Encounters of the Spooky Kind / Close Encounter of the Spooky Kind / Gui da gui / Gwai Ckui Gwai)

    Hongkong 1980 - Directed by Sammo Hung Kam-Bo



    Es läuft nicht so wirklich rund im Leben von Cheung (Sammo Hung Kam-Bo), einem ehrlichen, hart arbeitenden und etwas rundlichen jungen Mann, der in der Stadt als "Courageous Cheung, the bravest man in town" bekannt ist. Des Nachts quälen ihn gräßliche Alpträume, in denen er von bösartigen Geistern verfolgt wird, die ihn auffressen wollen, und seine Frau (Leung Suet-Mei) ist eine nörgelnde Schreckschraube, die ihn mit dem angesehenen Magistratsbeamten Tam (Huang Ha) betrügt. Als er die beiden eines Tages beinahe in flagranti erwischt, gerät er jedoch erst richtig in die Bredouille. Tam fürchtet, daß er ihm auf die Schliche kommen könnte, was seinen guten Ruf natürlich zerstören würde, und so beauftragt er den mächtigen Schwarzmagier Chin Hoi (Peter Chan Lung), das Problem, also den armen Cheung, zu beseitigen. Chin Hoi heckt sofort einen heimtückischen Plan aus und lockt sein Opfer in einen alten Tempel, indem er ihm ein unwiderstehliches Angebot unterbreitet. Hält es Cheung eine Nacht in dem unheimlichen Gemäuer aus, dann soll er reich belohnt werden. Doch bevor der böse Hexer dem ahnungslosen Tölpel den Garaus machen kann, mischt sich sein Bruder Tsui (Chung Fat) ins Geschehen ein. Der nutzt seine Magie für gute Zwecke und stellt sich entschlossen auf Cheungs Seite.

    Mit Filmen wie The Iron-Fisted Monk (1977), Enter the Fat Dragon (Der kleine Dicke mit dem Superschlag, 1978), Warriors Two (1978) und Knockabout (1979) hat sich der am 7. Januar 1952 geborene Sammo Hung Kam-Bo bereits als Regisseur, Schauspieler und Action-Choreograph einen Namen gemacht, als er Anfang der 1980er-Jahre etwas Neues wagte und damit zusammen mit Tsui Hark (We're Going to Eat You aka Wir kommen und werden euch fressen) zum Trendsetter avancierte. Er verknüpfte Kung-Fu-Action mit Komödien- und Geisterhorror-Elementen und wurde - zur Überraschung (fast) aller - mit einem veritablen Kassenerfolg belohnt. Encounter of the Spooky Kind (aka Spooky Encounters) ist die innovative Vorlage, an deren Schema sich unzählige ähnlich gelagerte Produktionen (wie z. B. die populäre Mr. Vampire-Reihe) orientierten. Während Tsui Hark das damals international erfolgreiche Kannibalen-Motiv aufgriff und mit Slapstick und Kung-Fu-Gekloppe vermischte, schöpfte Sammo Hung seine Ideen aus dem reichhaltigen Fundus der asiatischen Mythologie. Der internationale Markt schien Hung und Ko-Autor Wong Ying völlig egal zu sein, ist Encounter of the Spooky Kind doch durch und durch ein Hongkong-Film, angefangen vom befremdlichen Humor bis hin zu den schrägen Kreaturen.

    Man werfe nur mal einen Blick auf die skurrilen Jiang Shi (auch: Jiangshi, Jiang-shi, Gangshi oder Kyonshī), die nichtasiatischen Zuschauern bestimmt das eine oder andere ungläubige Grinsen entlocken. Denn diese Abart der Zombies bewegt sich vornehmlich hüpfend fort. Wir haben da also einen steifen, zu untotem Leben erweckten Leichnam, mit kreuz und quer aus seinem Mund ragenden Zähnen und einer ungesund bleichen Hautfarbe, der sich im Sarg langsam aufrichtet, die "Witterung" eines Menschen aufnimmt, um dann mit weit nach vorn gestreckten Armen elegant durch den Raum zu hopsen, auf der Suche nach seinem potentiellen Opfer. Cheung setzt sich allerdings energisch zur Wehr, um dem hüpfenden Grauen zu entkommen, was zu einem genial choreographierten Fight führt, hört der Jiang Shi (Yuen Biao) doch auch im Kampfmodus nicht auf zu hopsen. Außerdem kann er die Schwerkraft überwinden, wenn er sich längelang steif nach vorne lehnt, bis seine Nase fast den Boden berührt, nur um sich danach ebenso spielerisch wieder aufzurichten. Es gibt zwar ein paar wirkungsvolle Abwehrmaßnahmen gegen einen Jiang Shi (z. B. rohe Hühnereier), jedoch bergen diese das nicht unerhebliche Risiko, daß sie sich als wirkungslos entpuppen, falls man einem schäbigen Betrüger auf den Leim gegangen ist.

    Außerdem macht Cheung die Bekanntschaft eines vermoderten Zombies, der aufgrund einer unvorsichtigen Berührung jede seiner Bewegungen imitiert (eine köstliche Sequenz!), sowie einer verunstalteten Geisterfrau, die ihre Arme meterweit strecken kann, um ihr Opfer zu fassen zu kriegen und durch einen Spiegel in ihre Welt zu entführen. Bei diesen herrlich schrägen Set-Pieces findet Hung eine tolle Balance zwischen Grusel und Humor, sodaß sich beide Elemente in etwa die Waage halten. Encounter of the Spooky Kind sprüht vor Witz, Energie, Charme und Ideenreichtum, wobei jedoch anzumerken ist, daß man in Bezug auf politische Korrektheit und Geschmackssicherheit bisweilen Abstriche in Kauf nehmen muß. Da kann es schon mal vorkommen, daß ein Geist nach dem Gesäß eines Typen grapscht, daß ein armes Huhn on screen enthauptet wird, oder daß ein billiger Gag auf Kosten eines Behinderten (in diesem Fall ein frisches Schlaganfallopfer) geht. Überhaupt ist der Hongkong-Humor sehr speziell; phasenweise sogar so speziell, daß es mich nicht wundern würde, wenn viele westliche Zuschauer nur mißbilligend den Kopf schütteln und sich fragen, was daran eigentlich lustig sein soll. Andererseits sind manche Einfälle so wunderbar bekloppt, daß man über das Gezeigte nicht wirklich böse sein kann.

    Richtig rund geht es dann noch einmal im großen, ausgedehnten Showdown, wenn sich die feindlichen Parteien ein letztes Mal gegenüberstehen. Die beiden Magier hexen chinesische Gottheiten in die Körper ihrer Schützlinge, was dazu führt, daß der vom Affengott besessene Cheung wie ein Primat kämpft und dabei spricht, als wäre er mit Ecstasy vollgepumpt, würde Helium atmen und würde alles dransetzen, den aktuellen Schnellsprechweltrekord zu brechen. Originell choreographierte Kung-Fu-Action, halsbrecherische Stunts sowie ein atemberaubender Feuerstunt in schwindelerregender Höhe runden das furiose Finale perfekt ab. Und dem Ganzen setzt Sammo Hung dann noch die Krone auf, indem er den Zuschauern eine dermaßen politisch unkorrekte Schlußpointe (mit genialem Freeze-Frame-Ende) vor den Latz knallt, daß man völlig baff ist und einfach nur ungläubig staunen kann. In den Bereichen Schauspiel, Figurencharakterisierung, Kamera, Schnitt, Setdesign, Musik und Spezialeffekte ist Encounter of the Spooky Kind ziemlich durchwachsen, wobei die Bandbreite von exzellent bis schwach reicht. Aber das spielt keine große Rolle, da das Gesamtpaket einfach paßt. Der Film mag viele Ecken und Kanten und eine holprige, etwas episodenhafte Dramaturgie haben, aber bei all der Kreativität, der Energie und den kauzigen Ideen sieht man darüber gerne hinweg.

    Falls dieser Text nun am Genre Hongkong-Horror-Komödie Interesse geweckt haben sollte, ist Encounter of the Spooky Kind wohl der perfekte Film für einen unverbindlichen Erstkontakt, allerdings sollte man auf eine möglicherweise kostspielige Nebenwirkung gefaßt sein: Der Streifen könnte nämlich das starke Bedürfnis nach "mehr" wecken. Gibt man diesem Bedürfnis nach, dann wird man bald feststellen, daß es da draußen, wie schon erwähnt, auch mehr von dieser Art Film gibt. Viel mehr sogar. Es gibt Besseres (Mr. Vampire, 1985) und Schlechteres (The Haunted Cop Shop, 1987), Skurrileres (The Ghost Snatchers, 1986) und Irrwitzigeres (Last Ghost Standing, 1999). Und es gibt auch wesentlich Aktuelleres in Bezug auf Jiang Shis (Rigor Mortis - Leichenstarre, 2013). Denn wie heißt es so schön: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann hüpfen sie noch heute...

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    The Mildew from Planet Xonader
    USA/Italien 2015 - Directed by Giulio De Santi & Neil Meschino



    Necrostorm-Filme guckt man nicht wegen der packenden, raffiniert erzählten Geschichten. Necrostorm-Filme guckt man auch nicht wegen den grandiosen schauspielerischen Darbietungen oder des inszenatorischen Geschickes der talentierten Regisseure. Man guckt sie weder wegen der brillanten technischen Umsetzung des Geschehens, noch wegen der beeindruckenden Charakterisierung der komplexen Figuren. Und ganz bestimmt guckt man sie nicht wegen der geschliffenen Dialoge, der atemberaubenden Sets oder den überwältigenden Emotionen, die einen beim Ansehen der Streifen übermannen (bzw. überfrauen). Nein, aus all diesen Gründen guckt man sich keine Necrostorm-Filme an, schon alleine deshalb, weil man all das in diesen Werken nicht finden wird. Necrostorm-Filme guckt man, weil man erwartet, daß sich der Bildschirm blutrot färben wird.

    Adam Chaplin (2011) hieß der erste Streich dieser in Italien angesiedelten Produktions- und Vertriebsfirma, mit welchem sie gleich mal eine deftig-markante Duftmarke setzte. Es folgten Taeter City (2012), Hotel Inferno (2013), Infidus (2015), The Mildew from Planet Xonader (2015), Suite 313 (2017) und Hotel Inferno 2: The Cathedral of Pain (2017), alle mehr oder weniger nach dem gleichen Schema konstruiert. Denn wie schon bei Andreas Schnaas (Violent Shit, Zombie '90: Extreme Pestilence, u. v. m.) scheint das Motto auch bei Necrostorm zu lauten: Guts and Gore, Splatter and More. Es geht in erster Linie um die Zurschaustellung von blutrünstigen, spektakulär saftigen Spezialeffekten; alles andere ist sekundär. Die Story ist lediglich ein notwendiges Übel, damit die zahlreichen Splatter-Set-Pieces nicht völlig beliebig und sinnlos wirken.

    Nicht daß es sonderlich wichtig wäre, aber die Handlung geht in etwa so: Drei, vier Wissenschaftler arbeiten in einem abgeschotteten Militärkomplex an einer geheimen biologischen Waffe, deren Grundmaterial außerirdischen Ursprungs ist. Just am Tag, als mit einem koksenden Kongreßabgeordneten und einem Zigarren paffenden Colonel hoher Besuch ansteht, wird die (noch nicht getestete) Bio-Waffe von einem Verräter freigesetzt, dem aufgrund eines dummen Unfalls jedoch die rechtzeitige Flucht verwehrt bleibt. Während sich die hochgefährlichen Sporen rasant verbreiten und die damit infizierten Menschen ungestüm mutieren, suchen die vom Alien-Pilz noch nicht Befallenen verzweifelt nach einem Ausweg. Nebenher stapft noch ein Typ von einer mysteriösen Spezialeinheit durch die Gegend, der einen dubiosen Auftrag auszuführen hat.

    Doch wie schon erwähnt: Dieser alles andere als originelle Plot ist eh nur ein Vorwand, um es an allen Ecken und Enden g'schmackig splattern zu lassen. Wobei in diesem Fall noch erschwerend hinzu kommt, daß der Grundplot gar nicht von Necrostorm selbst stammt. Die Firma erwarb nämlich alle Rechte an einem bereits 2012 veröffentlichten amerikanischen B-Movie namens Mold!. Nachdem der Kauf unter Dach und Fach war, begann Giulio De Santi damit, den Streifen umzugestalten (Mold!-Regisseur Neil Meschino hatte damit rein gar nichts mehr zu tun und hörte von De Santi auch nie wieder etwas). De Santi zerlegte den fertigen Film, schmiß viel Material raus, fügte geschnittene Szenen wieder ein, drehte diverse Sequenzen im bewährten Stil neu, änderte die Farbgestaltung, bastelte alles wieder zusammen, et voilà, das neue Necrostorm-Gorefest war fertig.

    Wie die im Komplex überall herumhängenden Wahlplakate des Präsidentschaftskandidaten Ronald Reagan dezent andeuten, spielt The Mildew from Planet Xonader in den frühen 1980er-Jahren. Für Regisseur De Santi war das wohl die Gelegenheit, einem seiner großen Helden zu huldigen, und so klatschte er einen repetitiv vor sich hindudelnden Synthie-Score übers Geschehen, der stark an den Arbeiten von John Carpenter angelehnt ist. Vermutlich mit der hehren Absicht, eine zeitgemäße Stimmung heraufzubeschwören, was allerdings nur bedingt gelingt. Schauspieler, Set-Design, Kameraarbeit und Regie sind einfach zu schwach, und auch die Make-Up-Spezialeffekte unterscheiden sich schon etwas von ihren Pendants aus den Achtzigern. Hinzu kommt, daß die Szenen zwischen den diversen, recht enthusiastischen Blutspritzereien die Geduldsfäden der Zuseher strapazieren.

    Die sind nämlich überaus steril und statisch geraten und beginnen bereits nach kurzer Zeit gleichermaßen zu nerven wie zu langweilen. Merke: Schauspielerisch minderbegabten, eingeschlossenen Menschen dabei zuzusehen, wie sie einander volllabern, Panik simulieren, labern, sich wichtigmachen, labern, durch Gänge schleichen und noch ein wenig mehr labern, nein, das ist wahrlich kein Vergnügen. Zumal die Pappnasen allesamt nur platte, uninteressante Stereotypen sind, für die man rein gar nichts empfindet. Aber nicht nur die Emotionen glänzen durch Abwesenheit, auch eine Dramaturgie existiert nicht. Das offensichtlich von Klassikern wie Alien (Ardis Campbell darf gegen Ende sogar in Unterwäsche herumlaufen), The Thing & Co inspirierte Geschehen dümpelt ziel- und lustlos dahin, unterbrochen nur von den happigen Gore- und schleimigen Mutationseinlagen.

    Und in dieser Hinsicht ist The Mildew from Planet Xonader tatsächlich sehenswert. Wahre Blutgeysire spritzen aus einem von einem Messer penetrierten Hals, ein Rückgrat wird rabiat aus einem Körper gerissen, Gesichter platzen auf oder verformen sich grotesk, und eine mutierte Ratte ebnet sich brachial ihren Weg durch einen Kopf. Realistisch ist nichts davon, im Gegenteil; manche Set-Pieces erscheinen gar surreal in ihrer abstrusen Realitätsferne. Die launigen Effekte selbst scheinen überwiegend praktischer Natur zu sein (bei einigen Kopfverformungen meint man fast das Latex quietschen zu hören); hin und wieder jedoch wird das angenehme Old School-Flair durch digitale Tricksereien etwas beeinträchtigt. Unterm Strich ist The Mildew from Planet Xonader somit ein saftiges Retro-B-Movie, dessen Unterhaltungswert von (zu) vielen zähen Passagen torpediert wird.

    Wer wissen will, wie man eine artverwandte Geschichte besser, dynamischer, cooler, unterhaltsamer, spritziger, ideenreicher und ohne lästige Durchhänger umsetzt, der möge bitte ein wenig nach oben scrollen, zu einem kleinen geilen Kracher namens Alienween (2016).

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    The Strange and Deadly Occurrence
    USA 1974 - Directed by John Llewellyn Moxey



    Vor knapp sechs Monaten hat die Familie Rhodes ihr neues Eigenheim auf dem Lande bezogen, und mittlerweile haben sich das Ehepaar Michael (Robert Stack, Eliot Ness in der TV-Serie The Untouchables) und Christine (Vera Miles, Psycho) sowie deren sechszehnjährige Tochter Melissa (Margaret Willock) auch schon gut eingelebt. Kein Wunder, ist das Haus mit Pool, Sauna und einem Stall für die Pferde doch sehr komfortabel ausgestattet. Nur mit dem Strom gibt es manchmal Probleme, und just als ihre Freunde Felix (Herb Edelman, The Odd Couple) und Audrey (Dena Dietrich) zu Besuch sind, fällt dieser auch prompt aus und sie sitzen wieder einmal allesamt im Dunkeln. Am nächsten Tag ist dieses Problem natürlich behoben, allerdings häufen sich andere seltsame Vorkommnisse, welche die Rhodes sehr beunruhigen. Melissa wacht des Nachts schreiend auf und ist der Meinung, jemand hätte sie im Schlaf angefaßt. In einem Wandschrank haben es sich Erdhörnchen gemütlich gemacht, und die Badewanne läuft über, als jemand sie verstöpselt und den Wasserhahn aufgedreht hat. Ein trainierter Wachhund - ein Schäferhund namens Adolf - soll für Sicherheit sorgen, doch kaum haben sie ihn angeschafft, liegt Adolf auch schon totgetreten im Pferdestall. Dann taucht urplötzlich ein pensionierter Arzt namens Gillgreen (Ted Gehring) auf und zeigt großes Interesse daran, das Haus zu kaufen. Sheriff Berlinger (L.Q. Jones, The Wild Bunch) ist keine große Hilfe, da er die Schilderungen der Familie für übertrieben hält und es keinerlei Beweise für ihre Behauptungen gibt. Die Rhodes sind also auf sich allein gestellt, während sich die mysteriösen Ereignisse rasch zuspitzen.

    The Strange and Deadly Occurrence ist ein für das amerikanische Fernsehen unter der Regie von John Llewellyn Moxey (The City of the Dead) entstandener Gruselthriller, der für Genrefans durchaus einen Blick wert ist, obwohl es der Geschichte an Originalität mangelt. Moxey versteht es jedoch, das von Sandor Stern (Pin) geschriebene Drehbuch dermaßen spannend und packend in Szene zu setzen, daß die Zeit wie im Flug vergeht und man blendend unterhalten wird. Die Spannung ergibt sich vor allem daraus, daß man lange im Unklaren darüber gelassen wird, welcher Art die Bedrohung eigentlich ist. Wird das Haus der Rhodes etwa von einem bösen Geist heimgesucht? Schließlich hat das Gebäude eine unschöne Vorgeschichte, war es doch ursprünglich eine spanische Mission, in welcher man sich um kranke Menschen kümmerte. Als eine Frau im Jahre 1884 starb, tötete der trauernde Witwer in seiner Wut alle Bewohner und fackelte das Haus anschließend ab. Möglicherweise spukt er immer noch auf dem Grundstück herum. Andererseits könnte es aber auch sein, daß ein Unbekannter hinter den Vorkommnissen steckt, der die Familie, aus welchen Gründen auch immer, terrorisiert. Schließlich streut Moxey die eine oder andere POV-Sequenz ein, kombiniert mit schwerem Atmen auf der Tonspur, die in diese Richtung deuten könnte. Was immer es ist, es sorgt dafür, daß das Traumhaus für die Familie langsam aber sicher zum Alptraum wird. Moxey und Stern ziehen alle Register, um eine beunruhigende Atmosphäre der ständigen Bedrohung zu kreieren, und sie steigern diese im Verlauf des Filmes konsequent. Das laute, unerklärliche Pochen, das direkt aus den Wänden zu kommen scheint, ist z. B. ein Garant für einige Sekunden Gänsehaut.

    Moxey versteht sein Handwerk, keine Frage. Er schafft es nicht nur, die Spannung über (fast) die gesamte Laufzeit hoch zu halten, ihm gelingen auch noch zwei, drei intensive Gruselmomente, die dem Betrachter wohlige Schauer über den Rücken rieseln lassen (Stichwörter: Kleiderpuppe; Autoschlüssel). Natürlich ist The Strange and Deadly Occurrence eher minimalistisch angelegt; spektakuläre Action, aufwändige Spezialeffekte und explizite Gewaltdarstellungen (hier fließt nicht einmal ein einziger Tropfen Blut) sucht man im US-Fernsehen der 1970er-Jahre vergebens. Der Film beweist jedoch einmal mehr, daß es all diese Dinge nicht braucht, um eine interessante Geschichte spannend und fesselnd über die Bühne zu bringen. Die Schauspieler überzeugen in ihren jeweiligen Rollen, wobei die Familie Rhodes sehr sympathisch dargestellt wird. Deshalb fällt es auch entsprechend leicht, mit ihnen mitzubangen. Dr. Gillgreen ist ein undurchschaubarer und ziemlich gruseliger Charakter, während Sheriff Berlinger ein echter Macho ist, überzeugt davon, daß die aus der Großstadt hergezogenen Rhodes mit dem Landleben überfordert sind. Des Rätsels Lösung, also was genau dahintersteckt, wird das Publikum möglicherweise entzweien. Die einen werden eher enttäuscht sein, die andern wohl recht zufrieden. Ich finde, die Auflösung ist gelungen, da sie nachvollziehbar ist und für einen überraschend intensiven Showdown sorgt. Wer also an Filmen Gefallen findet, welche ihre Geschichten ruhig und geradlinig präsentieren und die das Grauen überwiegend im Kopf des Zuschauers entstehen lassen, der wird mit The Strange and Deadly Occurrence gut bedient. Kein vergessener Klassiker also, aber ein ausgesprochen kurzweiliger Made-for-TV-Chiller.

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    The Signalman
    (Ghost Story for Christmas: The Signalman)

    Großbritannien 1976 - Directed by Lawrence Gordon Clark



    Er hat einen verantwortungsvollen Job, der Bahnwärter (großartig, intensiv und zu hundert Prozent glaubwürdig: Denholm Elliott). Er checkt die Leuchtsignale, stellt Weichen, kontrolliert, ob die Stecke frei ist und achtet auf etwaige Meldungen aus der Zentralstelle. Ein übersehenes Signal könnte eine Katastrophe auslösen, eine falsch gestellte Weiche eine frontale Kollision verursachen. Nein, einen Fehler oder eine Unachtsamkeit kann und darf sich der völlig auf sich allein gestellte Mann nicht erlauben. Eines Abends kommt zufällig ein Wanderer (der Oscar-Preisträger Christoph Waltz ein wenig ähnelnde Bernard Lloyd) vorbei, erblickt den Bahnwärter unter sich (die Station liegt unmittelbar nach einem Tunnel in einer Talsenke) und ruft freundlich: "Hello! Below there!" Der Bahnwärter reagiert seltsam. Argwöhnisch und ängstlich, ja, beinahe erschrocken mustert er seinen Besucher. In der folgenden Konversation, die sich nur sehr langsam entwickelt, wird schließlich klar, wieso der Mann ein derart eigentümliches Verhalten an den Tag gelegt hat. Vor etwa einem Jahr zog eine geisterhafte Erscheinung vor dem Tunnel seine Aufmerksamkeit auf sich, welche ihn mit ähnlichen Worten und eindeutigen Gesten vor etwas warnte. Und tatsächlich kam es sechs Stunden später im Tunnel zu einem schrecklichen Zugunglück mit vielen Toten und Verletzten. Damit schien der Spuk vorbei zu sein, bis die mysteriöse Gestalt abermals auftauchte...

    Für die sechste Episode der "A Ghost Story for Christmas"-Reihe der BBC, ausgestrahlt am 22. Dezember 1976, griff man erstmals nicht auf eine Story von M.R. James zurück. Stattdessen entschied man sich für Charles Dickens' unheimliche Erzählung The Signal-Man aus dem Jahre 1866, welche von Andrew Davies zu einem Drehbuch adaptiert wurde. Mit The Signal-Man versuchte Charles John Huffam Dickens (1812 – 1870), auf dessen Konto Klassiker wie Oliver Twist, A Christmas Carol und A Tale of Two Cities gehen, ein schweres Trauma zu verarbeiten, das ihn die letzten Jahre seines Lebens begleitete. Am 9. Juni 1865 überlebte er einen schweren Eisenbahnunfall in Staplehurst (Kent), bei dem zehn Menschen ums Leben kamen und zahlreiche weitere verletzt wurden. Zwar trug Dickens keine körperlichen Schäden davon, doch die psychischen Nachwirkungen des Unglücks verfolgten ihn bis zu seinem Tod. Die Verfilmung hält sich eng an die Vorlage und fängt sowohl deren düstere, skeptische Stimmung als auch deren altertümliches Flair nahezu perfekt ein. Wunderbar stimmig und mysteriös entfaltet sich das unheilvolle Geschehen, ist somit ein wahres Fest für Freunde des sanften, gediegenen Gruselfilms, der mehr andeutet als er letztendlich zeigt. Die nebelverhangene Bahnstation sowie die finstere Tunnelröhre sind phantastische Schauplätze (gedreht wurde vor Ort in Shropshire bzw. in Worcestershire), wie geschaffen für eine kleine, beklemmende Schauermär.

    The Signalman hebt sich wohltuend von seinen Vorgängern ab, da die Art des Grauens eine gänzlich andere ist. Während es bei M.R. James üblicherweise die Schatten der Vergangenheit sind, die den Menschen der Gegenwart zum Verhängnis zu werden drohen, so ist es hier eine geisterhafte Wesenheit, welche die nahe Zukunft kennt und unseren Protagonisten auf eine unmittelbare Gefahr aufmerksam zu machen versucht. Und die den entnervten Bahnwärter damit in ein Dilemma stürzt, auch wenn die Warnung gut gemeint sein mag. Denn was kann er schon ausrichten? Im Grunde ahnt er ja nur, daß sich eine Tragödie anbahnt, ohne zu wissen, was, wann und wo es passieren wird. Das sich nahende Unglück ist viel zu diffus, als daß er es greifen oder gar verhindern könnte. Denholm Elliott spielt die verzweifelte Zerrissenheit der Figur dermaßen intensiv, daß er für ähnlich viel Gänsehaut sorgt wie die Spukgestalt, die nur zweimal kurz, aber dafür eindrücklich zu sehen ist. Ebenso hervorragend ist die fesselnde Regiearbeit von Lawrence Gordon Clark, der es nicht nur innerhalb weniger Sekunden schafft, eine angenehm ominöse, zum Schneiden dichte Grundstimmung zu etablieren, sondern dem es auch gelingt, die der Geschichte innewohnende Spannung und Dramatik fast die gesamten achtunddreißig Minuten bis zum starken Finale geschickt am Köcheln zu halten. Und am Ende schließt sich der Kreis und alles ergibt plötzlich Sinn.

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    Stigma
    (Ghost Story for Christmas: Stigma)

    Großbritannien 1977 - Directed by Lawrence Gordon Clark



    Peter (Peter Bowles) und Katherine (Kate Binchy) leben mit ihrer dreizehnjährigen Tochter Verity (Maxine Gordon) seit kurzem auf dem Lande, in einer ruhigen, abgeschiedenen Gegend. Nicht nur das Cottage ist alt und wuchtig, auch die nähere Umgebung mit ihren aufrecht in einem Feld stehenden Menhiren legt Zeugnis von längst vergangenen Zeiten ab. Gleich neben dem Haus, im Garten, befindet sich ebenfalls einer dieser mysteriösen Menhire; allerdings ist dieser schon vor vielen Jahrzehnten umgestürzt und in die Erde gesackt. Zwei Arbeiter rücken mit einem Kleinbagger an, um den Störenfried zu entfernen, wobei es ihnen jedoch nur gelingt, den tonnenschweren Stein kurz anzuheben. Es ist offensichtlich, daß für diese Aufgabe ein größeres Gerät vonnöten ist. Während des kurzen Anhebens kommt für etwa zehn Sekunden ein heftiger Wind auf, dessen Ausgangspunkt unter dem Menhir zu liegen scheint und der Katherine, welche die Arbeiten gespannt beobachtet, genau ins Gesicht weht. Für einige Minuten ist Katherine seltsam verändert und apathisch. Sie wirkt, als wäre sie nur noch körperlich anwesend, ihr Geist jedoch weit, weit weg. Dann fängt sie sich wieder und beginnt mit der Zubereitung des Essens. Als sie das Gemüse fertig geschnitten hat, fällt ihr Blick erst auf ihre blutüberströmten Hände, dann auf den großen Blutfleck am Oberkörper, der die Kleidung durchtränkt hat. Entsetzt begibt sie sich ins Badezimmer, doch so sehr sie auch sucht, sie findet keine Wunden, die diese Mengen an Blut erklären könnten. Lediglich winzige Öffnungen in Form eines Zeichens, wie mit feinen Nadelstichen verursacht, befinden sich Brustbereich.

    Die siebente "Ghost Story for Christmas", ausgestrahlt am 28. Dezember 1977, ist die erste Episode, die nicht auf einer literarischen Vorlage beruht und gleichzeitig die letzte, welche von Lawrence Gordon Clark, dem Regisseur aller bisherigen Folgen, inszeniert wurde. Und Clark verabschiedet sich nicht mit einem leisen "Servus", er geht mit einem Knall. Stigma ist aus einem gänzlich anderen Holz geschnitzt als die Vorgänger. Dies ist spätestens dann klar, als Katherine zu bluten beginnt. Denn ab diesem Zeitpunkt verläßt der Film die Komfortzone, und er zerrt den Zuschauer unbarmherzig mit. Die Szene, wo Katherine, einer Panik nahe, ins Badezimmer stürzt, sich entkleidet und ihren Körper verzweifelt nach Wunden absucht, ist ein ungemein kraftvolles, unangenehm aufwühlendes Set-Piece, das tief unter die Haut geht. In diesen Momenten (und in einigen weiteren, die noch folgen) erinnert Stigma stark an das zeitgenössische Körperhorrorkino eines David Cronenberg, der mit Filmen wie Shivers (Parasiten-Mörder), Rabid (Der Überfall der teuflischen Bestien) und The Brood (Die Brut) das Genre in den 1970er-Jahren mitprägte. Nicht in Bezug auf die von Cronenberg explizit ins Bild gerückten, bisweilen haarsträubend unappetitlichen Veränderungen des Körpers, sondern hinsichtlich der rohen, direkten, ungemütlichen Art und Weise, wie John Turners Kamera das irritierende Geschehen einfängt. Dadurch wird eine dermaßen intensive Wirkung erzielt, daß sogar der Körper des Betrachters (in meinem Fall z. B. in Form eines mulmigen Gefühls im Bauch) darauf reagiert. Stigma haut rein, wie man so schön sagt, und das nicht zu knapp.

    Das von Clive Exton (Doomwatch) verfaßte Skript bricht in mehrerlei Hinsicht mit der Tradition der "A Ghost Story for Christmas"-Reihe. Keine verschrobenen Akademiker, kein wohlig gruseliges Gothic-Horror-Ambiente, keine schaurig-schöne Gänsehaut-Stimmung weit und breit. Man könnte sagen, die Reihe ist (je nach Sichtweise: endlich oder leider) in den grimmigen Siebzigern angekommen. Selbst die im Herzen äußerst simple Geschichte ist in der (damaligen) Gegenwart angesiedelt; während einer prägnanten Stelle ertönen sogar die Rolling Stones mit Mother's Little Helper, was umso stärker auffällt, da ansonsten auf Musikuntermalung fast völlig verzichtet wird. Im Zentrum des Geschehens steht mit der sympathischen Katherine eine moderne Hausfrau und Mutter, der urplötzlich Schreckliches und Unerklärliches widerfährt. Kate Binchy setzt die Ohnmacht, die Angst, die Verzweiflung und das Unverständnis angesichts des Horrors, der über sie hereinbricht, sehr glaubwürdig um. Ihre intensive Performance ist einer der Schlüssel zum Erfolg des Filmes. Obwohl man zum Ende hin eine Art Erklärung für den Auslöser des "Blutfluchs" geboten bekommt, so bleibt das Grauen dennoch diffus, rätselhaft und irgendwie unvollständig. Überhaupt wirkt das Drehbuch wie ein Fragment zu etwas Größerem, wie z. B. das erste Drittel zu einem Neunzigminüter. Der etwas abrupte Schluß läßt jedenfalls einige Fragen offen, was die niederschmetternd-verstörende Wirkung von Stigma nur noch verstärkt. Nein, diese Geistergeschichte ist keine unheimliche Schauermär für einen angenehmen Gruselabend. Stigma ist ein echter Schocker.

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    The Ice House
    (Ghost Story for Christmas: The Ice House)

    Großbritannien 1978 - Directed by Derek Lister



    Das Geschwisterpaar Jessica (Elizabeth Romilly) und Clovis (Geoffrey Burridge) betreibt in aller Abgeschiedenheit eine idyllische Wohlfühloase auf dem Lande, speziell zugeschnitten auf ältere, alleinstehende Männer und Frauen, denen der Kuraufenthalt so angenehm wie möglich gestaltet wird. Einer der Handvoll Gäste ist der von seiner Frau verlassene Paul (John Stride, The Omen), welcher einige Wochen in diesem exklusiven Resort gebucht hat, um nach diesem schmerzhaften Einschnitt in seinem Leben wieder auf die Beine zu kommen. Doch je länger sein Aufenthalt dauert und je mehr er über die Anlage in Erfahrung bringt, desto stärker nehmen seine Paranoia sowie seine Beunruhigung zu. Die anderen Gäste verhalten sich ausgesprochen seltsam, kalte Schauer ziehen wegen löchriger Fenster durch sein Zimmer, und Jessica und Clovis scheinen rund um die Uhr für ihn da zu sein, während sie die anderen Kurgäste vernachlässigen. Außerdem hat sein Masseur Bob (David Beames) ungewöhnlich kalte Hände, und eines Tages bittet er Paul aus heiterem Himmel, er möge ihm doch dabei behilflich sein, diesen Ort zu verlassen, alleine würde er es nicht schaffen. Am nächsten Tag ist Bob jedoch spurlos verschwunden. Bei seinen Streifzügen durch den Park landet Paul immer wieder beim kleinen, steinernen Eishaus, das einsam und verlassen in einer Ecke steht. Schließlich treibt ihn die Neugier dazu, das kleine Häuschen zu betreten.

    Mit The Ice House nimmt die kultige "A Ghost Story for Christmas"-Reihe der BBC ein (vorläufiges) Ende. Nach dem Abgang von Lawrence Gordon Clark, der alle bisherigen Episoden inszeniert hatte, wurde nun Derek Lister (Coronation Street) mit der Regie beauftragt, und er erledigte die Sache sehr ordentlich. Wie schon zuvor Stigma basiert auch The Ice House nicht auf einer literarischen Vorlage, sondern auf einem Originaldrehbuch, welches diesmal von John Bowen (The Treasure of Abbot Thomas) verfaßt wurde. Die sehr simpel strukturierte und überaus rätselhafte Geschichte ist nicht gerade aufregend, jedoch wird sie geschickt und sehr stimmungsvoll aufgebaut, bis mit der großen Enthüllung gegen Ende der Sack zugemacht wird. Interessanterweise spielt diese Enthüllung, obwohl ansprechend in Szene gesetzt, nur eine eher untergeordnete Rolle. The Ice House ist kein One-Trick-Pony, dessen letzter Twist sein alleiniger Daseinszweck ist. Vielmehr ist der mit Andeutungen gespickte Weg das Ziel, gekoppelt mit der seltsamen Atmosphäre, die irgendwie an David Lynch erinnert. Es würde mich jedenfalls gar nicht überraschen, wenn man vier, fünf Autominuten nach Verlassen des Erholungsresorts plötzlich von einer Ortstafel begrüßt werden würde, auf der die Worte Twin Peaks stehen. Zu dieser fast schon surreal anmutenden, mit der Zeit immer schauriger und beunruhigender werdenden Stimmung tragen viele Faktoren bei.

    Wie das Geschwisterpärchen, welches wie eine jüngere Ausgabe der beiden schrulligen Vermieter aus dem Film Burnt Offerings (Landhaus der toten Seelen) wirkt. So freundlich, hilfsbereit und besorgt ihre Fassade auch ist, man spürt sofort, daß sich dahinter gewaltige Abgründe auftun. Außerdem wecken ihre ständigen Beteuerungen bezüglich des ominösen Eishauses ("We use it for ice. It was built for that.") erst recht Pauls Neugierde. Aber auch das isolierte, verzweigte Anwesen, das sonderbare Verhalten der Gäste sowie die immer wieder ins Zentrum gerückte, neben dem Eishaus wachsende Trompetenblume (die einen rauschhaften Duft verströmt und angeblich nie stirbt) prägen die befremdliche Mystery-Atmosphäre entscheidend. Von diesem merkwürdigen Flair abgesehen ist der am 25. Dezember 1978 erstmals ausgestrahlte The Ice House solide in allen Belangen. Schauspieler, Kamera, Schnitt, Musik... da gibt es überhaupt nichts dran auszusetzen, obwohl es zu keiner Zeit besonders positiv ins Auge fällt. The Ice House ist einfach ein sehr angenehmes Mood-Piece, aufgrund seiner kurzen Laufzeit von etwas mehr als dreißig Minuten ein kleines, unspektakuläres Häppchen für zwischendurch, welches zumindest Fans von britischen Gruselfilmen zufrieden stellen sollte. Vorausgesetzt natürlich, sie haben ein Faible für rätselhafte Auflösungen, die genug Interpretationsspielraum lassen. Denn Erklärungen für das mitunter bizarre Geschehen werden keine mitgeliefert.

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    A View from a Hill
    (Ghost Story for Christmas: M.R. James - A View from a Hill / M.R. James' A View from a Hill)

    Großbritannien 2005 - Directed by Luke Watson



    Mit The Ice House legte die BBC im Jahre 1978 ihre populäre "A Ghost Story for Christmas"-Reihe auf Eis (irgendwie passend, nicht wahr?), nur um sie mehr als ein Vierteljahrhundert später wieder aufzuwärmen. (*) Mit durchwachsenem Erfolg. Das Motto war einerseits wohl "Back to the Roots" (A View from a Hill ist endlich wieder eine Verfilmung einer Geschichte des britischen Grusel-Maestros M.R. James), andererseits wollte man die Kult-TV-Show ins neue Millennium hieven und den geänderten Sehgewohnheiten anpassen, was meiner Einschätzung nach jedoch nur bedingt gelungen ist. Die genialen Erzählungen von James atmen nun mal den Geist des Alten, des Antiquierten, des Verstaubten; der Zahn der Zeit hat heftig an ihnen genagt, anhaben konnte er ihnen allerdings nichts, im Gegenteil. Sie sind wie guter Wein gereift und bereiten auch heute noch exquisites wenn auch altbackenes Gruselvergnügen deluxe. Und dieses altbackene Flair fällt bei der Modernisierung leider weitgehend unter den Tisch. A View from a Hill ist keineswegs schlecht, aber die ominöse Atmosphäre eines dräuenden, ausweglosen Unheils, die sich um den machtlosen Protagonisten herum langsam manifestiert und welche die entsprechenden Adaptionen aus den 1970er-Jahren so herausragend gemacht haben, wird nun schmerzlich vermißt.

    Im Zentrum der Geschichte steht Dr. Fanshawe (Mark Letheren), ein junger Archäologe und ausgewiesener Stadtmensch, der zwecks Prüfung und Schätzung der geerbten Antiquitätensammlung von Squire Richards (Pip Torrens) einen Ausflug aufs Land unternimmt. Als sich die beiden die hügelige Gegend näher ansehen, stellt ihm Richards ein altes, von einem umstrittenen Alchemisten namens Baxter (Simon Linnell) selbst hergestelltes Fernglas zur Verfügung, da sein eigenes die lange Reise nicht unbeschadet überstanden hat. Fanshawes Blick wird sofort von einer prächtigen Kirche - Fulnaker Abbey - angezogen, die nicht weit entfernt zu sein scheint, mit bloßem Auge aber nicht erkennbar ist. Das sei jedoch unmöglich, meint Richards, da Fulnaker Abbey bloß noch eine verfallene Ruine ist. Der Archäologe geht der Sache auf den Grund und sieht sich alsbald mit einem Wunder konfrontiert. Denn der Blick durch das alte Fernglas ist ein Blick in die Vergangenheit, ein Blick durch die Augen eines längst verstorbenen Menschen. Und er ist mitnichten eine Einbahnstraße. Jemand oder Etwas wird auf Dr. Fanshawe aufmerksam und stellt ihm nach. Drehbuchautor Peter Harness hat James' exzellente Vorlage in die frühen 1940er-Jahre verlegt und sie im Spätherbst (anstatt im Sommer) angesiedelt, was für eine recht triste, ungemütliche Stimmung sorgt.

    Es ist offensichtlich, daß sich Harness und Regisseur Watson stark an den Klassikern der Reihe orientierten, insbesondere natürlich an A Warning to the Curious (1972). Eine mysteriöse, feindlich gesonnene Macht, die sich auf die Fersen eines rational denkenden Akademikers heftet, welcher mit Dingen spielt, die er nicht versteht, ist ja auch ein nahezu perfektes Motiv, um mit minimalen Mitteln maximalen Schrecken zu erzeugen. Aber leider will der Funke bei A View from a Hill nicht so recht überspringen. Das Bemühen, eine ähnliche Stimmung wie bei den frühen "Ghost Stories for Christmas" zu erzeugen (dazu zählt auch Whistle and I'll Come to You (1968), der ja eine Art Probelauf für die Serie war), kann man den Machern nicht absprechen. Sie bieten so ziemlich alles auf, um dem Publikum das Fürchten zu lehren, hetzen ihren Protagonisten sogar bei Dämmerung durch einen unheimlichen Wald, während es um ihn herum bedrohlich raschelt, aber ein richtig wohliges Gruselgefühl will sich einfach nicht einstellen. Vielleicht, weil der geneigte Fan in Bezug auf Geisterhorror seit Ringu (1998) schon mit wesentlich besseren, intensiveren und verstörenderen Werken verwöhnt worden ist. A View from a Hill bietet sanften Schauer, zwei, drei nette Schockmomente, etwas Mystery und ein diffuses Ende. Für eine gute, solide Gruselmär ist das genug, für mehr leider nicht.

    Im äußerst lesenswerten Booklet, welches der britischen DVD-Veröffentlichung der Gesamtausgabe beiliegt, zeigt sich Drehbuchautor Peter Harness hocherfreut über die Mitarbeit an einer "Ghost Story for Christmas" und äußert sich anschließend auf Seite 30 wie folgt: "I loved their sparse, washed-out landscapes; their silence; the eeriness and unobtrusiveness of their music; their dark, ragged menaces; their single moments of corner-of-the-eye, pit-of-the-gut terror." Insofern ist es doppelt schade, daß es ihm und Regisseur Luke Watson nicht ganz gelungen ist, diese so treffend beschriebenen Qualitäten in ihrem Vierzigminüter wieder aufleben zu lassen.

    (*) Im Jahre 2000 inszenierte Eleanor Yule im Auftrag der BBC vier Erzählungen von M.R. James, die trotz des beinahe identischen Titels ("Ghost Stories for Christmas") nicht zu der "A Ghost Story for Christmas"-Reihe zählen. Diese sind The Stalls of Barchester, The Ash Tree, Number 13 sowie A Warning to the Curious. Bei diesen Adaptionen handelt es sich nicht um Verfilmungen, sondern vielmehr um verfilmte Lesungen. Christopher Lee trägt die jeweilige Geschichte bei Kerzenschein, in einem bequemen Sessel vor einem Kaminfeuer in einer Bibliothek sitzend, mit seiner sonoren Stimme vor, während eine Handvoll Zuhörer seinen Worten gespannt lauscht. Dies ist natürlich eine wunderbare Hommage an M.R James, der seine Werke ja gerne selbst zur Weihnachtszeit im King's College in heimeliger Atmosphäre vortrug, umringt von Freunden und Studenten.

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    Number 13
    Großbritannien 2006 - Directed by Pier Wilkie



    Um einige in einem Versteck in einer Kirche gefundene, sehr alte und möglicherweise brisante Unterlagen zu begutachten, verschlägt es den Oxford-Absolventen Professor Anderson (Greg Wise) in ein kleines, unscheinbares Städtchen auf dem Lande. Der zuständige Archivar der Kathedrale, Mr. Harrington (Paul Freeman), ist zwar nett und höflich, verhält sich aber distanziert und scheint die Aktivitäten des Professors genau zu beobachten. Schließlich ist die Kirche nicht daran interessiert, daß Anderson weitere schmutzige Details über den eh schon im Zwielicht stehenden Bischof Walgrave ausgräbt und diese anschließend veröffentlicht. Anderson ist im örtlichen Hotel abgestiegen und residiert in Zimmer Nummer 12. Das Zimmer neben ihm, Nummer 14, wird von einem jungen, stark dem Alkohol zugeneigten Burschen namens Jenkins (Tom Burke) bewohnt. Die Nummer 13 existiert nicht, wie Anderson mit einer Mischung aus Belustigung und Verachtung feststellt. Doch des Nachts dringen seltsame Geräusche und lautes Lachen aus dem Nebenzimmer (Jenkins scheidet als möglicher Verursacher schnell aus), was den rational denkenden Gelehrten zunehmend beunruhigt. Steckt doch mehr hinter der fehlenden Nummer 13 als bloßer Aberglaube?

    Nach der Wiederbelebung ihrer famosen "A Ghost Story for Christmas"-Reihe mit A View from a Hill (2005) legte die BBC im Jahr darauf mit Number 13 gleich eine weitere M.R. James-Adaption vor, die jedoch mit denselben Problemen zu kämpfen hat wie der unmittelbare Vorgänger. Number 13 ist gut gemacht, toll gespielt und schön photographiert, aber es will weder eine wohlige Schauerstimmung aufkommen, noch ist der vierzigminütige Film besonders gruselig. Es hat den Anschein, als ob es nur in den 1960er- und 1970er-Jahren möglich war, dieses wunderbar altmodische Gruselflair der grandiosen, die Phantasie des Lesers so gekonnt stimulierenden Vorlagen einzufangen und adäquat auf Filmmaterial zu bannen. Das Ergebnis sind solche Sternstunden des subtilen Geisterhorrors wie Whistle and I'll Come to You (1968), A Warning to the Curious (1972) oder The Treasure of Abbot Thomas (1974). Bei den neuen Verfilmungen hingegen entsteht der Eindruck, als ob sich James' Erzählungen mit allen Mitteln gegen eine Modernisierung - gegen eine Entstaubung, wenn man so will - wehren würden. Das Bemühen, die wunderbar intensiven Gänsehautmomente sowie den Geist der Vorlage ins Hier und Jetzt zu transferieren, ist definitiv da. Doch die auf moderne Sehgewohnheiten zugeschnittene Umsetzung scheint dieses Bemühen zu sabotieren. Weder in Bezug auf eine dichte Atmosphäre noch in Punkto Gruselgefühle weiß Number 13 zu überzeugen. Was bleibt, ist ein eher durchschnittliches Gruselfilmchen, eines unter vielen, das rasch wieder vergessen ist.

    Erschwerend kommt hinzu, daß - vermutlich aus Budgetgründen - von Drehbuchautor Justin Hopper einige gravierende Änderungen vorgenommen wurden, welche Kenner der Vorlage sauer aufstoßen dürften. So wurde der Schauplatz des Geschehens von Viborg, Dänemark, in ein britisches Provinzstädtchen verlegt (weshalb natürlich auch die Hintergrundgeschichte angepaßt werden mußte), und das sich nachts manifestierende Zimmer mit der Nummer 13 wird nur einige wenige Male konkret gezeigt. Das gemächliche Tempo verlangt, besonders in der zerdehnten ersten Hälfte, dem Zuschauer Geduld ab, und der Protagonist ist ein arroganter, pedantischer Schnösel, dem man keine Sympathien entgegenbringt. Aus diesem Grund verliert leider auch das Finale an Wirkung, wenn sich die Türe des verhexten Zimmers endlich öffnet und Anderson mit dem Bewohner konfrontiert wird. Regisseur Wilkie arbeitet viel mit Licht und Schatten und deutet einiges an, zeigt aber kaum etwas. Ein sich bewegender, "lebender" Schatten hier, eine unheimliche Silhouette da, eine nach Anderson greifende, behandschuhte Hand dort; der Horror ist sehr subtil und zurückhaltend, ohne allerdings für Gänsehaut sorgen zu können. Recht gelungen sind hingegen die Inkludierung eines Gemäldes von Hieronymus Bosch (The Garden of Earthly Delights aka Der Garten der Lüste), das dezente Sounddesign sowie der kleine aber feine Twist gegen Ende, der auf ein scheinbar belangloses Gespräch am Anfang Bezug nimmt. Number 13 ist, wie auch A View from a Hill, nicht schlecht, aber leider auch nicht besonders gut, weshalb man die versuchte Wiederbelebung einer alten Tradition leider als gescheitert betrachten muß.

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  12. #437
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    Jigoku no chimidoro massuru birudâ
    (Bloody Muscle Body Builder in Hell / Bloody Muscle Builder to Hell / House of the Evil Dead / The Japanese Evil Dead / Jigoku No Chimidoro Muscle Builder)

    Japan 1995 – 2009/12 - Written & Directed by Shinichi Fukazawa



    Entweder man hat es drauf, oder man hat es nicht drauf. Jerry O'Sullivan versuchte sich 1997 mit Gut-Pile an einem Rip-Off von bzw. einer Hommage an Sam Raimis Kultklassiker The Evil Dead (Tanz der Teufel, 1981), und obwohl sein Film kein Totalausfall und recht unterhaltsam ist, muß man O'Sullivan leider attestieren, daß er es nicht draufhat. Bereits zwei Jahre zuvor, 1995, nahm Shinichi Fukazawa in Japan ein ähnliches Projekt in Angriff. Es sollten mehr als ein Dutzend Jahre vergehen, bis sein Film fertig gestellt werden konnte, und weitere drei Jahre, bis er endlich veröffentlicht wurde. Das lange Warten hat sich gelohnt, denn Fukazawa hat es drauf. Wenn man sich beide Filme hintereinander ansieht, fallen die teils gravierenden Unterschiede sofort ins Auge. Gut-Pile imitiert den Stil von The Evil Dead technisch ganz okay, jedoch ohne Sinn, Verstand und Herz. Jigoku no chimidoro massuru birudâ huldigt The Evil Dead, ohne ihn allzu dreist zu kopieren, beschreitet gleichzeitig eigene Wege und fügt neue, tolle Ideen hinzu, sodaß man dem Film trotz vieler Parallelen seine Eigenständigkeit nicht absprechen kann. Und er hat das Herz am rechten Fleck, was den Sympathiewert gleich wesentlich in die Höhe schnellen läßt.

    Die Geschichte beginnt mit dem Streit eines Paares, der völlig eskaliert, nicht zuletzt, weil die Frau offensichtlich einen an der Klatsche hat. Mit einem Messer geht sie in mörderischer Absicht auf ihren Liebhaber los, doch beim folgenden Gerangel ist sie es selbst, die die Klinge zu spüren bekommt, welche sich tief in ihre Brust bohrt. Was tun? Der Plan ist einfach. Dielenbretter auf, tote Frau rein, Dielenbretter zu. Es gibt nur einen Haken bei der Sache: Die Frau ist weder tot noch gibt sie auf. "You belong to me", kräht sie, bevor der Mann mit ein paar festen Schlägen mit der Schaufel das Problem aus der Welt schafft. Dreißig Jahre später. Die junge Journalistin Mika (Masaaki Kai) geht mysteriösen Erscheinungen auf den Grund, und durch ein ominöses Geisterphoto wird sie auf das alte, verfallene und seit Jahrzehnten leerstehende Haus, in dem sich damals das Drama abspielte, aufmerksam. Mit ihrem bodybuildenden Ex-Freund Naoto (Shinichi Fukazawa), dem Sohn des mittlerweile verstorbenen Besitzers, und einem professionellen Medium (Asako Nosaka) beginnt sie, das Haus zu erkunden. Das Medium spürt sofort die Präsenz einer Frau und versucht sogleich, diese zu beschwören. Unglücklicherweise hat er damit auch Erfolg.

    Jigoku no chimidoro massuru birudâ ist ein kruder Retro-Horrorstreifen par excellence. 1995 gedreht, fühlt er sich an, als stamme er aus den frühen Achtzigern, wurde ein paar Mal von Videokassette zu Videokassette überspielt (die Bildqualität ist tatsächlich so schaurig-schlecht wie bei den 3rd- oder 4th-Generation-Kopien von seltenen Filmen, mit denen ich vor vielen, vielen Jahren meinen Videorekorder fütterte) und anschließend in einem Keller gelagert und vergessen. Bis man ihn irgendwann gefunden hat. Keine Ahnung, ob die schlechte Bildqualität ein gewolltes Stilmittel ist oder ob sie sich einfach aufgrund des nicht vorhandenen Budgets ergeben hat, aber der schrägen Stimmung, wie wenn ein verbotener Film an der Zensur vorbeigeschmuggelt worden wäre, kommt sie fraglos zugute. Sind die ersten zehn, zwanzig Minuten noch sehr ruhig und zurückhaltend inszeniert, sodaß man sich eher an einen gewöhnlichen J-Geisterhorror-Gruselstreifen denn an ein dämonisches Gorefest erinnert fühlt, so ändert sich dies dann komplett, sobald der ruhelose Geist von einem Körper Besitz ergriffen hat. Und wie wir seit The Evil Dead wissen, ist der einzige Weg, den Besessenen zu stoppen, das gnadenlose Zerstückeln seines Körpers.

    Und da geht dann auch die Post ab! Es wird geschlitzt und gehackt, geschossen und geschlagen, die Gliedmaßen fliegen, das Kunstblut spritzt, und dennoch will der besessene Körper einfach keine Ruhe geben! Fukazawa inszeniert das ungemein launige Gemetzel als trashig-campiges, verblüffend abwechslungsreiches Blutbad, das man keinesfalls ernst nehmen kann. Spätestens wenn sich diverse Körperteile selbst zusammenbasteln, wie z. B. ein Kopf und eine Hand (und die Kopfhand dann wie eine Spinne herumkrabbelt), kann man sich ein Grinsen kaum verkneifen. Horror und Slapstick, Irrwitz und Fun-Splatter geben sich da munter die Klinke in die Hand und bescheren dem Zuschauer eine geile Zeit (in diesem Falle eine gute Stunde), die wie im Flug vergeht. Fans der seligen Achtziger werden sowohl vom lockeren Ton als auch von den saftig-billigen Spezialeffekten begeistert sein. Schräge Masken, eingefügte Bilder, gut gemixtes Kunstblut und ekliges Gekröse, liebevoll fabrizierte Körperteile, ja, sogar die gute alte Stop-Motion-Technik kommt ein klein wenig zum Einsatz. "Groovy", wie Ash sagen würde, wobei Regisseur Fukazawa als japanische, muskelbepackte Ausgabe des Evil Dead-Helden eine durchaus gute Figur macht.

    Von den etwas seltsam anmutenden Titeln Jigoku no chimidoro massuru birudâ bzw. Bloody Muscle Body Builder in Hell sollte man sich also keinesfalls abschrecken lassen, zumal sie ja irgendwie auch ihre Berechtigung haben. Schließlich geht es sehr blutig zu, der Held ist ein Bodybuilder mit ansehnlich antrainierten Muskeln, und das, was im Haus abgeht, nimmt tatsächlich beinahe höllische Ausmaße an. Außerdem ist die Bodybuilding-Thematik kein belangloser Gimmick, sondern spielt im Kampf gegen die böse Macht eine entscheidende Rolle. Dieses japanische Retro-Gorefest ist einfach ein großer, charmanter Spaß und beweist eindrucksvoll, daß man mit Talent, Kreativität und Leidenschaft auch ohne nennenswertes Budget etwas richtig Tolles aus dem Boden stampfen kann. Wer Filme wie Sam Raimis The Evil Dead, Peter Jacksons Bad Taste (1987) oder Lam Nai-Chois Lik Wong (Story of Ricky, 1991) mag, der wird auch mit Jigoku no chimidoro massuru birudâ seine helle Freude haben, dessen bin ich mir sicher.

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  13. #438
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    Death Valley
    USA 1982 - Directed by Dick Richards



    Nach der Scheidung von ihrem Mann Paul (Edward Herrmann, The Lost Boys) kehrt Sally (Catherine Hicks, Child's Play) New York den Rücken zu und zieht mit ihrem Sohn Billy (Peter Billingsley, Arcade) zurück aufs Land, wo sie mit ihrer Jugendliebe Mike (Paul Le Mat, American Graffiti) ein neues Leben beginnen will. Billy, der seinen Vater sehr liebt, ist mit dieser Situation alles andere als glücklich, verspricht aber zumindest, Mike eine Chance zu geben. Das erste Zusammentreffen der beiden verläuft suboptimal, aber immerhin nicht katastrophal. Um sich besser kennenzulernen haben sich Mike und Sally für einen Trip quer durch Arizona und Kalifornien entschieden, mit dem Ziel, sämtliche relevanten Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Bei einer Rast nahe einer alten Goldmine im Death Valley Nationalpark entdeckt Billy ein scheinbar verlassenes Wohnmobil, dessen Türe weit offensteht. Der Junge sieht sich neugierig um und findet am Boden eine Halskette mit einem merkwürdigen Anhänger, welche er spontan einsteckt. Wie sich wenig später herausstellt, wurden die drei jungen Leute, die mit dem Wohnmobil unterwegs waren, Opfer eines Serienkillers. Als Billy dem Sheriff (Wilford Brimley, The Thing) von der Halskette erzählt und sie ihm aushändigt, hat dieser endlich eine brauchbare Spur. Unglücklicherweise bekommt auch der Mörder Wind von der Sache...

    Wie der ein Jahr zuvor veröffentlichte Eyes of a Stranger (Die Augen eines Fremden) ist auch der von Richard Rothstein geschriebene und von Dick Richards inszenierte Death Valley eine gelungene Melange aus Thriller- und Slasherfilmelementen. Zwar kommt er an die Klasse von Ken Wiederhorns feinen Schocker nicht heran, aber für solide in Szene gesetzten, schön photographierten, überdurchschnittlichen Thrill reicht es allemal. Death Valley schildert sehr überzeugend, wie eine im Entstehen begriffene Familie unverschuldet in eine brenzlige Situation gerät, die rasch lebensbedrohliche Ausmaße annimmt. Die recht sympathischen Figuren sind gut gezeichnet und glaubhaft gespielt, wobei insbesondere Peter Billingsley als Billy eine eindrucksvolle Leistung abliefert. Ein nervendes Balg im Zentrum hätte dem Streifen mit Sicherheit das Genick gebrochen, aber Billingsleys zurückgenommene Performance fühlt sich ziemlich echt an, obwohl er vielleicht ein bißchen zu neunmalklug rüberkommt. Aber hier ist niemand frei von Makel, was der Glaubwürdigkeit des Geschehens durchaus zugutekommt. Überzeugend und bedrohlich ist auch der Darsteller des Killers (ich verzichte aus Spoilergründen auf Nennung des Namens, obwohl spätestens gegen Mitte des Filmes klar ist, wer der Übeltäter ist), der seine Figur zu gleichen Teilen irre, gerissen, unberechenbar und überheblich anlegt.

    Allgemein betrachtet hebt sich Death Valley wohltuend vom üblichen Slasher-Einerlei ab, und zwar sowohl aufgrund der Figuren (Pärchen samt kleinem Kind) und der Schauplätze (staubige Wüstenlandschaften, launige Touristenattraktionen), als auch wegen der ungewöhnlichen Musikauswahl (Country/Western-Mucke). Leider schafft es Regisseur Richards trotz manch toller Momente voll Hitchcock'schem Suspense nicht, den Spannungsbogen über die gesamte Laufzeit aufrecht zu erhalten. Speziell in der zweiten Hälfte, wenn die Identität des Killers enthüllt ist und er alles daransetzt, den unliebsamen Zeugen zu beseitigen, stört der eine oder andere Durchhänger den generell positiven Gesamteindruck. Sehr stark ist hingegen der Schlitten, mit dem der Killer auf Mordtour geht: ein goldfarbener Cadillac mit extravagantem Kühlergrill, der irgendwie bösartig und animalisch wirkt. Und auch die ausweglose Stimmung - trotz einiger Menschen entsteht in den scheinbar endlosen Weiten ein quälendes Gefühl der Einsamkeit - kann weitgehend überzeugen. Das große, nachts in einer dunklen "Burg" stattfindende Finale bildet den dramatischen Schlußpunkt dieses guten, soliden Thrillers. Etwas befremdlich ist nur, daß Richards den Überraschungstwist stolz (in Zeitlupe!) zelebriert, obwohl aufmerksame Zuseher diesen längst erspäht haben.

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  14. #439
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    Decampitated
    (Schrei lauter!!!)

    USA 1998 - Directed by Matt Cunningham



    Die grandiose Eröffnungsszene ist ja fast schon legendär! Ein irrer Killer mit Imkermaske und Tarnklamotten jagt ein Pärchen durch den Wald, und mit einem gezielten Schuß aus seinem Gewehr streckt er gleich mal den männlichen Part nieder. Dann läuft, turnt (!), hüpft (!!) und tänzelt (!!!) er ausgelassen der panisch kreischenden Flüchtenden hinterher, die nun mit einem Bein in eine aufgestellte Bärenfalle tritt. Doch die Unglückliche ist ein Mädel schneller Entschlüsse, da gibt es kein langes Zaudern. Sie zückt die Machete und hackt sich ihren feststeckenden Fuß tapfer ab! Auf dem verbliebenen Bein hüpft sie weiter, der Rettung entgegen, bis es wieder "klapp" macht und sie ungläubig nach unten starrt. Miss Pechvogel ist prompt in die nächste Falle gehopst. Kein Grund aufzugeben, denkt sie sich, und macht sich wieder an die Arbeit. Die handliche Machete kommt erneut zum Einsatz, das Blut spritzt, und weiter geht's auf Händen und Knien, kriechend. Leider nicht für lange, tappt sie doch mit der linken Hand punktgenau in die nächste - na? - Bärenfalle. Einmal mehr weiß sich die Frau zu helfen, nach dem Motto "besser Arm ab als arm dran". Kurz darauf wird ihre Flucht jäh gestoppt, als sie gegen den seelenruhig auf sie wartenden Killer krabbelt. Herrje, all die Anstrengungen, all die Schmerzen, all das vergossene Blut, sollte das alles umsonst gewesen sein? Jupp. Der Mörder lädt das Gewehr durch, visiert sie an und... aus die Maus!

    Matt Cunninghams Decampitated ist eine von Michael Herz und Lloyd Kaufman mitproduzierte und von Troma Entertainment vertriebene Parodie der allseits beliebten Backwoods-Camp-Slasher-Movies à la Friday the 13th (1980), The Burning (1981) und Sleepaway Camp (1983), um nur einige wenige zu nennen. Und trotz des spottbilligen Homemade-Flairs und der teils wild grimassierenden (Amateur-)Schauspieler ist der in Colorado entstandene Spoof nicht nur recht gelungen, er ist auch ungemein vergnüglich. Cunningham (The Mangler Reborn) und seine Drehbuchautoren orientierten sich offensichtlich an ZAZ-Klassikern wie Airplane! (1980), Top Secret! (1984) oder The Naked Gun: From the Files of Police Squad! (1988) und versuchten, in jede Szene so viele Gags wie irgend möglich zu packen. Und erstaunlicherweise macht dieses irre Bombardement richtig Laune, erstens, weil es weit mehr Treffer als Rohrkrepierer gibt, zweitens, weil die ganze Chose mit viel Energie, viel Engagement und ohne Rücksicht auf Verluste präsentiert wird, und drittens, weil das Gag-Stakkato auch noch sehr sympathisch und charmant daherkommt und nur selten unter die Gürtellinie flutscht. Die Macher scheinen nicht nur große Genrefans zu sein, sie haben auch ihre Hausaufgaben gemacht und die Filme, die sie auf die Schippe nehmen, gut studiert. Es ist einfach toll, wie gewisse, immer wiederkehrende Klischees schonungslos übersteigert und so der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

    Ein Beispiel: Da gelingt es einem Tölpel doch tatsächlich, den Killer zu überwältigen, welcher daraufhin ohnmächtig zu Boden sackt. Anstatt ihm aber den Rest zu geben oder ihn wenigstens zu fesseln, läßt er seine Waffe, einen motorbetriebenen Rasentrimmer, fallen und läuft wie ein aufgescheuchtes Huhn davon. Dann macht er abrupt kehrt und kommt zurück, ignoriert den Bewußtlosen jedoch abermals und stellt stattdessen den laufenden Motor des Trimmers ab. Anschließend nimmt er die Beine in die Hand und gibt endgültig Fersengeld. Szenen dieser Art gibt es in Decampitated einige, und sie sorgen für so manchen Lacher. Und auch sonst geht die Post ordentlich ab (abgesehen vom Ende, welches ich etwas mißlungen finde). Es wird munter kalauert, daß sich die Balken biegen, die sieben Protagonisten, die sich den falschen Platz zum Campen ausgesucht haben, sind teils grotesk überzeichnete Karikaturen, die billigen Splatter-Einlagen erklimmen phasenweise absurde Höhen, und es gibt einen köstlichen Running Gag, wo die hingekritzelten Mitteilungen eines der Sprache nicht mehr mächtigen Typen ständig falsch interpretiert werden. Klar, der Horroranteil dieser albernen Horrorkomödie liegt bei null, da alles, was geht, auf witzig getrimmt wurde. Fast wähnt man sich in der Realverfilmung eines irren Cartoons, nicht zuletzt, weil unsere Chaotentruppe unfaßbares einzustecken imstande ist. Denn merke: Klafft das Fleisch und spritzt das Blut, mach Klebeband drauf und alles ist gut!

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  15. #440
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    Blood of the Tribades
    USA 2016 - Produced, Written, Directed, Edited & Filmed by Sophia Cacciola & Michael J. Epstein



    Es gab einmal eine Zeit, in der im kleinen, beschaulichen Dörfchen Bathory die Vampire friedlich miteinander lebten, ohne Haß, ohne Gewalt. Dieses Kunststück ist auf das Wirken des legendären Vampirfürsten Bathor, dem Namensgeber des Dorfes, zurückzuführen. Doch diese Zeiten sind längst Geschichte; wir schreiben nun 2000 A. B. Richtig, zweittausend Jahre sind seit Bathors Herrschaft vergangen, und an Frieden ist längst nicht mehr zu denken. Der frauenhassende Fanatiker Grando (Seth Chatfield) hat die (dummen und entstellten) Männer des Dorfes um sich geschart, um allen Vampirinnen den Garaus zu machen. Immer wieder macht die haßerfüllte Gruppe mit ihren Armbrüsten Jagd auf die hilflosen Frauen, um sie ein- für allemal auszulöschen. Lediglich zwei ausgestoßene Vampirfrauen, Giltine (Sindy Katrotic) und Naga (Simone de Boudoir), die sich eigentlich nicht in den Konflikt einmischen wollten, haben Kampferfahrung und entscheiden sich schließlich, den Frauen beizustehen. Ihre hehren Absichten werden jedoch von einer heimtückischen Verräterin untergraben, und so fällt weiter eine nach der anderen den feigen Attacken der Männer zum Opfer. Bald ist nur noch eine Handvoll Vampirinnen, darunter das lesbische Pärchen Élisabeth (Chloé Cunha) und Fantine (Mary Widow), übrig, und auch deren Flucht scheint letztendlich zum Scheitern verurteilt zu sein.

    Blood of the Tribades ist als einzige große Hommage konzipiert, oder, um es mit den Worten der Ko-Regisseurin zu sagen: "With this film we tried to do a 1971 Hammer Horror / Jean Rollin - Jess Franco European vampire film" (Sophia Cacciola zu Beginn des Audiokommentars). Hut ab vor den beiden ambitionierten Filmemachern, einen Film dieser Art mit einem Minibudget von etwa zwanzigtausend US-Dollar auf die Beine zu stellen, auch wenn das Vorhaben leider nur teilweise geglückt ist. Sehr gelungen ist auf jedem Fall - trotz aller Billigkeit - die Ästhetik des Streifens; mit seinen vielen tollen, ruhigen Kameraeinstellungen und den kräftigen, satten Farbtönen ist Blood of the Tribades einfach schön zum Anschauen. Auch die diversen Schauplätze des zur Gänze in Massachusetts gedrehten Filmes, wie z. B. alte Gemäuer, wuchtige Burgen oder idyllische kleine Wasserfälle, geben was her und sorgen für angenehm natürlichen Production Value. Positiv hervorzuheben ist weiters, daß es sich Cacciola und Epstein nicht nehmen ließen, eine eigene Vampirmythologie zu erschaffen, die sie gekonnt mit den brisanten, mehr denn je allgegenwärtigen Problemen der Menschheit vermengten. Wer denkt z. B. bei den Männern, die Bathors Schriften so auslegen bzw. sie so zurechtbiegen, wie es ihnen gerade paßt, nicht automatisch an fanatische Islamisten und deren blutigen Kreuzzug gegen "Ungläubige"?

    Dem gegenüber stehen einige Wermutstropfen, die den Genuß des Filmes etwas dämpfen. So mangelt es Blood of the Tribades an der grandiosen, traumähnlichen, zauberhaften Stimmung, wie sie Jean Rollin in seinen besten Werken immer wieder heraufzubeschwören vermochte. Das ist sehr schade, da sich der Streifen stark an den Vampirfilmen des französischen Auteurs orientiert (die sehr langsame, elegische Erzählweise, das theatralische Spiel, die kryptischen Dialoge, die Zwillinge; eine der Frauen spricht sogar französisch!). Doch im Gegensatz zu den Filmen von Jean Rollin, die ich liebe, fand ich Blood of the Tribades überwiegend zäh und langweilig. Erst gegen Ende, wenn es eigentlich schon zu spät ist, kommt eine den Vorbildern entsprechende Stimmung auf und sorgt so zumindest für einen versöhnlichen Ausklang. Der feministische Unterton wiederum steht dem Streifen gut zu Gesicht, wobei dieser nicht nur alibimäßig gepredigt, sondern tatsächlich gelebt wird; so herrscht in Bezug auf nackte Tatsachen (Brüste bzw. Pimmel) absolute Gleichberechtigung, und harscher Gewalt (z. B. Auspeitschungen mit dornenbewährten Rosenranken) sind sowohl Frauen- als auch Männerkörper ausgesetzt. Summa summarum halten sich positive und negative Aspekte in etwa die Waage. Wer also mit Rollin und Franco etwas anfangen kann, der wird vermutlich auch mit diesem freizügigen Retro-Horrormärchen halbwegs passabel bedient.

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  16. #441
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    Sexandroide
    (La dagy de les Sexandroides / Les Sexandroides)

    Frankreich 1987 - Directed by Michel Ricaud



    Eine groteske Fleisch-und-Blut-Show in drei Akten (schade, daß der Titel The Flesh and Blood Show (Im Rampenlicht des Bösen, Pete Walker, 1972) schon vergeben war). Im ersten Segment (La Dagyde) sitzt ein Mann an einem Tisch und praktiziert ein fieses Voodoo-Ritual. Die gräßlichen Auswirkungen desselben bekommt eine hübsche junge Dame auf der Toilette in einer Bar zu spüren. Schauplatz der zweiten Episode (Les Sexandroïdes) ist ein karges, düsteres Gewölbe. Eine verängstigte Frau irrt vorsichtig durch die Gänge, bis sie zu einem durch Kerzenlicht erhellten Raum kommt. Die Frau beginnt mit dem Feuer zu spielen (ein verblüffender Effekt) und tanzt ausgelassen herum, bis ein häßliches Monster auftaucht und sie aufs Grausamste zu quälen beginnt. Unglaublicherweise mündet dieses grausige Folterszenario in ein Happy End. Im dritten und letzten Teil (Avec la Compagnine) besucht eine trauernde Witwe ihren toten, in einem Sarg liegenden Mann. Unvermittelt quillt Schleim aus dem Mund des Verblichenen, er erwacht zu neuem Leben, attackiert seine Frau, reißt ihr die Kleider vom Leib und verbeißt sich in ihrem Hals. Leblos sinkt die Frau zu Boden, doch auch sie kehrt von den Toten zurück. Nach einer wilden Tanzperformance steigt sie zu ihrem Mann in den Sarg und schließt den Deckel.

    Sexandroide ist so etwas wie das französische Pendant zu den japanischen Ginî piggus (Guinea Pig, 1985 - 1988). Regisseur Michel Ricaud, der ansonsten fast ausschließlich im Hardcore-Porno-Bereich tätig war und 1993 bei Dreharbeiten auf den Seychellen ums Leben kam, verfilmte drei eindrucksvolle Horror-Set-Pieces, gänzlich befreit von solcherart "Ballast" wie einer Story, einer Dramaturgie oder einer Figurencharakterisierung. Das Opfer ist in allen drei Segmenten eine Frau, welche den Attacken des männlichen Aggressors hilflos ausgeliefert ist. Würde man sich zu einem vorschnellen Urteil hinreißen lassen dann könnte man glatt zu dem Schluß kommen, daß wir es hier mit einem frauenfeindlichen, unentschuldbaren, einfallslos hingerotzten Brutalo-Machwerk ohne jeglichen Sinn und Verstand zu tun haben. Quasi widerlicher Torture-Porn, lange bevor dieses zwiespältige Subgenre durch Filme wie Saw (2004) oder Hostel (2005) salonfähig wurde. Gut, zu dieser Einschätzung kann man natürlich auch nach reiflicher Überlegung gelangen, und es würde mir alles andere als leichtfallen, dagegen zu argumentieren. Und doch hebt sich Sexandroide aufgrund seiner unwirklichen, sexuell aufgeladenen Stimmung und des alptraumhaft-perversen europäischen Arthouse-Flairs stark von ähnlich gelagerten Produktionen ab.

    Man wähnt sich in einem verstörenden Alptraum gefangen, der mit logischem, nachvollziehbarem Verhalten auf Kriegsfuß steht. Das verunsichert und irritiert gleichermaßen. Hinzu kommt, daß Ricaud sein Werk offensichtlich als Hommage an das Théâtre du Grand-Guignol konzipiert hat. Insbesondere das zweite (und längste) Segment wirkt, als wäre man in der Zeit zurückgereist und hätte eine jener berüchtigten Theateraufführungen abgefilmt, und zwar eine besonders abartige und blutrünstige. Was hier auf Video gebannt wurde, sollte selbst bei den abgebrühtesten Gorehounds für ein flaues Gefühl im Magen sorgen. Erstens, weil die ungenannte Aktrice in den entscheidenden Stellen verdammt glaubwürdig agiert, zweitens, weil das schonungslose Draufhalten der Kamera dem Szenario eine unangenehme Snuff-Qualität verleiht, und drittens, weil die Spezialeffekte von Daniel Dubois und Patrick Ventura ungemein realistisch wirken und deshalb vollauf überzeugen können. Darüber hinaus sind einige der (fetischisierten) Gewaltszenen offensichtlich echt. Ich vermute, daß es sich bei der Mimin um eine SM-Performerin handelt und daß Teile ihrer Show in die Folterszene integriert wurden. In einem waschechten WTF-Moment würgt sie sogar eine lebende Tarantel aus dem Mund hervor!

    Der unangenehm schmerzhafte Realismus dieses expliziten, höchst effektiven Folter-Set-Piece wird etwas abgefedert durch das theatralische, fast schon surreale Drumherum, was aber wenig daran ändert, daß die Sequenz selbst gleichermaßen schockiert wie aufwühlt. Insofern ist man als Zuschauer regelrecht erleichtert zu sehen, daß die blutüberströmte Frau am Ende wieder aufsteht, wohlauf ist und zusammen mit ihrem Peiniger das Gewölbe verläßt. Fans blutiger Körperhorror-Exzesse kommen auch beim ersten Segment auf ihre Kosten, wobei Ricaud das perfide Voodoo-Ritual mit einer gehörigen Prise sexueller Ekstase vermischt. Die nackte Frau windet sich und stöhnt vor sich hin, als würde sie von unsichtbaren Händen liebkost (und nicht grausam malträtiert) werden. Die letzte Episode wiederum ist sehr freizügig (aufgrund der dichten Schambehaarung gibt es allerdings nicht viel zu sehen) und kaum blutig und könnte glatt als Kopfgeburt von Jean Rollin oder Jesús Franco durchgehen. Immerhin ist die erotische Tanzperformance - in der ursprünglichen Version reibt sich die Vampirin die Schamgegend zu Tina Turners What's Love Got to Do with It - schön anzusehen. Für die einen ist das bestimmt unpackbar langweilig, für die anderen vermutlich ein sinnlicher Festschmaus.

    Ob man Sexandroide nun als guten oder als schlechten Film klassifiziert, liegt mehr denn je im Auge des Betrachters. Die derbe SOV-Anthologie fasziniert mich einerseits sehr, stößt mich andererseits aber auch wieder ab. Was den Film - für mich - bemerkenswert und außergewöhnlich macht, ist das ausgesprochen schräge, bisweilen (alp)traumhaft surreale Flair, das sich unaufhörlich durchs Geschehen zieht und in dem sich die drei rohen, sonderbar theatralischen Sex-und-Gewalt-Phantasien entfalten. Die technisch akzeptabel umgesetzte Obskurität aus dem Land der Baguettes und Croissants hat einfach eine extrem heftige, eigentümliche Wirkung. Und das macht Sexandroide zu einem ziemlich einzigartigen und richtig starken Stück Exploitation.

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  17. #442
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    Ruby
    (Blutige Ruby - Der Geist des Todes / Blood Ruby)

    USA 1977 - Directed by Curtis Harrington



    Florida, 1935. Der romantische Ausflug der schwangeren Sängerin Ruby Claire (Piper Laurie, Carrie) und ihres Freundes Nicky Rocco (Sal Vecchio) an einen idyllischen See endet in einer kaltblütigen Hinrichtung, als eine Gruppe Gangster das Feuer auf ihren wehrlosen Liebhaber eröffnet. Von mehreren Kugeln getroffen, unter anderem auch im Gesicht, stürzt Nicky tot in den See. Sechzehn Jahre später. Ruby betreibt nun zusammen mit Vince Kemper (Stuart Whitman, Guyana: Crime of the Century) ein Drive-In-Kino, in dem anscheinend Nathan Jurans Attack of the 50 Foot Woman (Angriff der 20 Meter Frau, 1958) in einer Endlosschleife läuft. Interessanterweise arbeiten die Mörder von damals aus nicht näher genannten Gründen allesamt in diesem Drive-In (das erste von einigen die Plausibilität arg strapazierenden Plot-Elementen). Rubys Tochter Leslie (Janit Baldwin, Humongous) ist mittlerweile süße sechzehn, hat aber seit ihrer Geburt noch kein Wort gesprochen. Als es rund um das Drive-In zu mehreren bizarren Todesfällen kommt, bietet der parapsychologisch begabte Dr. Paul Keller (Roger Davis, House of Dark Shadows) seine Hilfe an und kommt einer bösen Macht auf die Spur, die einfach nicht in Frieden ruhen will.

    Unter der Regie von Curtis Harrington (1926 – 2007) entstanden in den 1960er- (Night Tide, 1961) und 1970er-Jahren (What's the Matter with Helen? aka Was ist denn bloß mit Helen los?, 1971; The Killing Kind aka Mordlust, 1973) einige richtig tolle Filme. Sein kommerziell erfolgreichster Streifen, Ruby, zählt leider nicht dazu. Wobei die Schuld daran meiner Ansicht nach nicht bei ihm liegt. Bei einem derart schwachen und zerfahrenen Drehbuch hätte auch der beste Regisseur der Welt nicht viel ausrichten können. Die wirr konstruierte Rache-aus-dem-Reich-der-Toten-Geschichte entfaltet sich episodenhaft und schwer nachvollziehbar, ist nicht viel mehr als eine beliebige Aneinanderreihung von Szenen, die sich nicht zu einem homogenen Ganzen zusammenfügen wollen. Dazu kommen die schwach bis gar nicht charakterisierten Figuren, die sich ausgesprochen merkwürdig verhalten, der offensichtliche Mangel an Originalität seitens der Autoren, der einige Male bis hin zum dreisten Ideenklau (The Exorcist läßt einmal mehr grüßen) ausartet, sowie ein unguter Produzent, der sich beim Schnitt einmischte und sogar, sehr zum Ärger von Regisseur und Star (die ihre Mitarbeit prompt verweigerten), den Schluß änderte. Sieht man über die inhaltlichen Probleme hinweg, so gibt es an Ruby kaum etwas auszusetzen. Harringtons Regie ist routiniert, die Kameraarbeit ist gut, die Ausstattung ist stimmig, die Spezialeffekte sind okay, die Musik ist unauffällig, geht aber ebenfalls in Ordnung. Sehenswert ist Ruby jedoch wegen Piper Lauries schauspielerischer Darbietung. Die Aktrice gibt alles und trägt dabei ziemlich dick auf, womit sie die Szenen regelrecht dominiert und ihre Mitstreiter beinahe zu Statisten degradiert. (Melo)Drama, Baby, yeah! Ansonsten sind nur noch Crystin Sinclaire als Drive-In-Luder Lila June (eine überaus launige Performance) sowie Janit Baldwin als Leslie (sympathisch aber gruselig) erwähnenswert. Die Handvoll Murder-Set-Pieces sind zwar nett und abwechslungsreich gestaltet, aber etwas mehr Dynamik und vergossenes Blut hätten ihnen gewiß nicht geschadet. Aufgrund der fehlenden roten Linie plätschert das Geschehen (bis zum aufgesetzten "Schock-Ende") spannungslos dahin, ist aber immerhin recht hübsch anzusehen und zumindest nicht gänzlich langweilig. Was nichts daran ändert, daß Ruby enttäuscht. Schade um all das Talent, das in dieses Projekt involviert war.



    Kiss of the Tarantula
    (Der Kuss der Tarantel / Shudder)

    USA 1976 - Directed by Chris Munger



    Schon von Kindheit an ist Susan Bradley (Susan Eddins bzw. Rebecca Eddins) fasziniert von Spinnen, sehr zum Mißfallen ihrer strengen Mutter Martha (Beverly Eddins), welche die haarigen Krabbelviecher aus tiefstem Herzen haßt. Als Susan ein Telefonat belauscht, in dem Martha mit ihrem Liebhaber den Tod ihres geliebten Vaters (Herman Wallner) plant, entschließt sie sich zu handeln. Des Nachts schleicht sie ins Zimmer ihrer Mutter und setzt eine prächtige Tarantel auf deren schlafenden Körper. Den darauffolgenden Schock überlebt Martha nicht. Jahre später lebt die mittlerweile zu einer jungen, hübschen Frau herangewachsene Susan (Suzanna Ling in ihrer ersten und gleichzeitig auch letzten Filmrolle) zurückgezogen in einer Wohnung im Bestattungsinstitut ihres Vaters. Freunde hat sie keine, sieht man von den zahlreichen Spinnen ab, die ihr Gesellschaft leisten. In der Halloween-Nacht brechen einige halbstarke Jugendliche in die Leichenhalle ein, um sich einen Sarg "auszuborgen", und werden dabei prompt von Susan überrascht. In weiterer Folge entdecken die Jungs die Spinnen in den Terrarien, und es kommt, wie es kommen muß: Eine Tarantel überlebt die Begegnung nicht. Die verzweifelte Susan beschließt, sich mit Hilfe ihrer Freunde zu rächen.

    Was dem Willard seine Ratten sind der Susan ihre Spinnen. Das Ergebnis ist, in etwa, dasselbe. Chris Mungers Kiss of the Tarantula ist ein kleines Guilty Pleasure, das immer mal wieder in meinem Player landet. Das liegt vermutlich daran, daß ich Spinnen nicht mag, Filme über bzw. mit Spinnen dafür umso mehr. Nimmt man dann noch die grimmige Siebziger-Jahre-Atmosphäre dazu und berücksichtigt die recht plumpe Figurencharakterisierung, die das Publikum auf die Seite der mörderischen Antiheldin zieht (ihre Gegner sind allesamt widerliche Schmierlappen), dann kann man selbst mit einem wenig berauschenden Tierhorrorstreifen wie diesem hier seinen Spaß haben. Da das Szenario in Punkto Plausibilität nicht überzeugen kann, kommt des Öfteren ein angenehmes Camp-Flair auf, welches dem Unterhaltungswert sehr zugute kommt. Mal ehrlich, wenn eine Spinne unvermutet auf einen zuschießt, dann schreckt man entweder zurück und macht einen großen Bogen um sie, oder ergreift entsprechende Abwehrmaßnahmen und macht dem garstigen Achtbeiner den Garaus. Keinesfalls aber bringt man sich in kopfloser Panik quasi selbst um. Wobei man hier noch berücksichtigen muß, daß die Taranteln meist majestätisch dahinschreiten und nur unwesentlich flinker als eine bergab sprintende Schnecke sind. Immerhin sind die Killer-Set-Pieces generell sehr nett gestaltet. Mein Favorit ist die Attacke in einem VW-Käfer im Drive-In-Kino, der man eine gewisse Effektivität nicht absprechen kann. Leider wollen weder Spannung noch Gruselgefühle aufkommen, dazu ist Warren Hamiltons Drehbuch einfach zu einfallslos und ungeschickt aufgebaut, vor allem in Bezug auf die Dramaturgie. Eine willkommene Abwechslung bietet das Plot-Element rund um Onkel Walter (Ernesto Macias), der inzestuöse Gefühle für seine Nichte hegt und sie immer stärker unter Druck setzt. Der Typ ist ein echter Creep. Die Auflösung fand ich zwar einerseits gut gelungen und befriedigend, andererseits wird sie aber viel zu sehr in die Länge gezogen. Überhaupt krankt Kiss of the Tarantula an zahlreichen Längen, insbesondere in der zweiten Hälfte, wenn die Arachniden - die übrigens durchwegs rücksichtsvoll und mit Respekt behandelt werden (lediglich bei einer Szene bin ich unsicher, ob die Tarantel etwas abgekriegt hat) - vermehrt blaumachen und sich kaum noch vor die Kamera bequemen. Trotzdem, als harmlos-schlockiger wenn auch etwas zäher Tierhorror-Quickie für zwischendurch ist Kiss of the Tarantula problemlos goutierbar.

    Phantasmagorien aus den unaussprechlichen Abgründen des Wahnsinns
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