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Thema: Phantasmagorien aus den unaussprechlichen Abgründen des Wahnsinns

  1. #401
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    Killer Rack
    USA 2015 - Directed by Greg Lamberson



    Betty (Jessica Zwolak, Dry Bones) ist unzufrieden. Die Natur hat es nicht gut mit ihr gemeint in Bezug auf die weiblichen Rundungen im oberen Bereich des Körpers, und das bekommt die arme Frau tagtäglich zu spüren. Im Büro wird "Flatty" von ihren üppiger ausgestatteten Arbeitskolleginnen gehänselt - lediglich ihr heimlich in sie verliebter Kollege Tim (Paul McGinnis, Snow Shark: Ancient Snow Beast) steht zu ihr -, ihr Chef (Michael Thurber, Murder University) ignoriert sie fast völlig, auf der Straße erntet sie von herumlungernden Tunichtguts ständig spöttische Bemerkungen, und selbst ihr Freund Dutch (Sam Qualiana, Zombie Babies) läßt sie spüren, daß sie ihn eher ab- denn antörnt. Auf ihren Vorschlag hin, mal wieder eine flotte Nummer zu schieben, antwortet er nur trocken: "Sure, why the hell not? I'm drunk."

    Sogar ihr Psychiater Dr. Foin (Troma-Zampano Lloyd Kaufman in einer größeren Nebenrolle) ekelt sich (in einem Traum) vor ihrer flachbrüstigen Erscheinung und läßt seinem Abscheu schon mal freien Lauf: "Get out of here, you breastless freak of nature!" Insofern ist es nur allzu verständlich, daß Betty nach allen Strohhalmen greift, die sich ihr bieten. Ihre letzte Hoffnung ist die dubiose Schönheitschirurgin Dr. Cate Thulu (Debbie Rochon, Terror Firmer), und nach einem besonders fiesen Alptraum (in Form einer geilen Musicalnummer zum genialen Song Funbags!) wagt sie tatsächlich den großen Schritt. Die delikate Brustverpflanzung scheint gelungen, und alles wendet sich zum Guten. Zumindest vorerst. Denn bald schon merkt Betty, daß ihre neuen Brüste ein unheimliches Eigenleben besitzen und noch dazu ausgesprochen hungrig sind.

    Wenn Männer, die lüstern und glasigen Blickes potentiellen Paarungspartnern hinterherhecheln, schwanzgesteuert sind, dann ist die Heldin in dieser Geschichte zweifellos tittengesteuert. Mit dem kleinen Unterschied, daß Bettys Boobs keinen heißen Sex im Sinn haben, sondern daß die brandneuen Hupen nach saftigem Fleisch gieren. Wenn die Möpse übernehmen, hat Betty rein gar nichts mehr zu melden. Sie ist dann bloß noch ein (notwendiges?) Anhängsel, dem Willen ihrer aufmüpfigen Funbags mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Zwar sind die meisten Filme des New Yorker Filmemachers Greg Lamberson (Slime City, Slime City Massacre, Dry Bones) mit schrägem und/oder groteskem Humor durchzogen, bei Killer Rack warf er nun aber alle Zurückhaltung über Bord und ging diesbezüglich aufs Ganze.

    Und herausgekommen ist kein Zonk, sondern ein Volltreffer! Lamberson ist mit Killer Rack ein spritzig-derber Horrorspaß gelungen, der mit zum Besten zählt, was ich auf diesem Sektor seit langer Zeit gesehen habe. Am Ende fühlte ich mich glatt, als hätte ich soeben einen Clown verschlungen, mit Kichererbsen als Beilage, und einem Crazy Devil zum Runterspülen. Die Gründe, warum diese pfiffige Mischung aus Screwball Comedy und splattrig-trashigem Körperhorror so famos funktioniert, sind vielfältig. Zum Beispiel suhlen sich Drehbuchautor Paul McGinnis und Regisseur Greg Lamberson trotz der schlüpfrigen Thematik niemals in Geschmacklosigkeiten. Zwar fühlt man sich hin und wieder an kultige Troma-Streifen à la Tromeo and Juliet erinnert, die mit dieser Produktionsfirma verbundenen Untiefen werden jedoch konsequent vermieden.

    Erste Sahne ist auch das gelungene Casting. Ein mikrobudgetierter Film dieser Art (wir reden von etwa US$ 45.000) steht und fällt auch mit seiner Besetzung, und zum Glück haben die Verantwortlichen in dieser Hinsicht ein feines Händchen bewiesen. Sämtliche Akteure und Aktricen hängen sich nicht nur mit viel Enthusiasmus rein, sie gehen in ihren Rollen regelrecht auf und erwecken sie so zum plastischen Leben. Gar nicht hoch genug einschätzen kann man die Leistung von Jessica Zwolak in der Hauptrolle, die nahezu omnipräsent ist und den Streifen quasi tragen muß. Und das tut sie mit Bravour. Zwolak ist keine strahlende Schönheit; sie ist eher der Nette-Kumpel-Typ von nebenan mit leichtem Mauerblümchenflair. Doch sie hat eine sehr angenehme, hinreißende Ausstrahlung, einen wunderbar trockenen Humor und darüber hinaus ein sehr gewinnendes, liebenswertes Wesen.

    Zwolak kommt ungemein sympathisch rüber, und zwar sowohl bevor als auch nachdem sie ihre monströsen Mördertitten spazieren führt. Ergo ist dem Publikum ihr bizarres Schicksal nicht egal, und da auch die zart aufkeimende Liebesgeschichte recht gut funktioniert, drückt man Betty unwillkürlich beide Daumen und hofft, daß das absurde Szenario zum Schluß hin doch noch in ein Happy End mündet, obwohl die Chancen dafür nicht gerade die allerbesten sind (garstige Kreaturen aus dem Lovecraft-Universum sind halt keine süßen Kuscheldinger). Denn in den letzten zwanzig Minuten legen ihre gefräßigen, von Brooke Lewis (Slime City Massacre) gesprochenen Killer-Möpse erst so richtig los. Da mahlen die Kiefer, da spritzt das Blut, da peitschen die Tentakel, da sprudelt die Milch, da schreien die Opfer, da hopst der Jesus (ein köstlicher Gag!), da bleibt kein Auge trocken.

    Falls jetzt jemand verständnislos mit den Augen rollt, verächtlich aufstöhnt und sich kopfschüttelnd fragt, wie man solch einen haarsträubenden Blödsinn nur so abfeiern kann, dann kann ich nur folgendes entgegnen. Killer Rack quillt über vor Leidenschaft und Kreativität und ist vollgestopft mit aberwitzigen Ideen, herrlich blöden Gags und launigen, zitierfähigen Dialogen, daß man aus dem Staunen kaum herauskommt. Der riesige Spaß, den offensichtlich alle am Projekt Beteiligte hatten, überträgt sich eins zu eins aufs Publikum, es hagelt jede Menge popkulturelle Anspielungen, und alles an dem Film, wirklich alles (Cast, Dialoge, Soundtrack, Songs, Regie, Spezialeffekte), verströmt einen dermaßen herzlichen, erfrischenden, unwiderstehlichen Charme, daß ich mich frage: Wenn man so etwas Tolles nicht abfeiern kann, was dann? Was, bei Cthulhu, denn bitteschön dann?

    Ja, Killer Rack ist leidenschaftlich-ambitioniertes Low-Budget-Filmmaking at its very best. Die Originalität mag sich mitunter in Grenzen halten (Filme wie Le sexe qui parle (Pussy Talk), Teeth, One-Eyed Monster und Bad Biology beackern, zumindest teilweise, eine ähnliche Thematik), aber die gekonnte Art und Weise, wie das alles hier präsentiert und in den abgefahrenen Plot integriert wurde, fühlt sich einfach neu, frisch und wunderbar unverbraucht an. Hervorheben möchte ich noch Debbie Rochon als irre, die alten Lovecraft'schen Götter verehrende Wissenschaftlerin, die alle Register aus dem Handbuch für fortgeschrittene Mad Scientists zieht und eine zum Schreien komische Performance abliefert, sowie den großartigen Soundtrack von Armand Petri und Joe Rozler mit Songs wie Killer Rack, Dark Side of Love und natürlich dem Mega-Ohrwurm Funbags.

    Daß Killer Rack einen nicht unbedeutenden (und leider nur allzu wahren) Subtext hat (Frauen werden auf ihr Äußeres reduziert, die Gesellschaft ist von oberflächlichen Schönheitsidealen geradezu besessen), der mit Genuß auf die (satirische) Spitze getrieben wird - ohne dabei die Zurschaustellung von Brüsten überzustrapazieren -, ist der Qualität des Streifens ebenso wenig abträglich wie die Entscheidung, auf seelenlose Computer Generated Images gänzlich zu verzichten. Arick Szymeckis Spezialeffekte, allen voran die prosthetischen Brüste, sind ausnahmslos praktischer Natur, und für die zwei Tentakelszenen zeichnet Stop-Motion-Maestro Brett Piper (Arachnia, Triclops) verantwortlich. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, daß Killer Rack in möglichst viele Länder verkauft wird, dann sollte einer Adelung mit Kultstatus nichts im Wege stehen. Es wäre jedenfalls so was von verdient.

    Phantasmagorien aus den unaussprechlichen Abgründen des Wahnsinns
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  2. #402
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    Beasts
    Großbritannien 1976 - Written by Nigel Kneale - Directed by John Nelson-Burton, Don Taylor, Don Leaver, Richard Bramall & Donald McWhinnie



    Schon mit seiner ersten Schöpfung für die BBC schrieb der am 18. April 1922 geborene und am 29. Oktober 2006 verstorbene Nigel Kneale britische Fernsehfilmgeschichte. Die Rede ist von Professor Bernard Quatermass, der in einer sechsteiligen Miniserie namens The Quatermass Experiment im Jahre 1953 über die Bildschirme flimmerte und die TV-Landschaft Großbritanniens nachhaltig prägte. In den Folgejahren entstanden mit Quatermass II (1955) und Quatermass and the Pit (1958/59) nicht nur weitere Miniserien mit dem umtriebigen Wissenschaftler fürs Fernsehen, sondern mit The Quatermass Xperiment (Schock, 1955), Quatermass 2 (Feinde aus dem Nichts, 1957) und Quatermass and the Pit (Das grüne Blut der Dämonen, 1967) auch erfolgreiche Neuverfilmungen fürs Kino, produziert von der mittlerweile zu Kultstatus avancierten Produktionsgesellschaft Hammer Films. Leider kam es im Zuge der Filmadaptionen zu einem Zerwürfnis zwischen Nigel Kneale und der BBC, sodaß die fruchtbare Zusammenarbeit ein (vorläufiges) Ende fand. Kneale wandte sich anderen Dingen zu, fungierte unter anderem als Ko-Drehbuchautor bei First Men in the Moon (Die erste Fahrt zum Mond, 1964) und schrieb das Skript zu The Witches (Der Teufel tanzt um Mitternacht, 1966). Mit The Stone Tape (1972) kehrte er einmal mehr zur BBC zurück, danach zog es ihn zur Konkurrenz. Das Ergebnis, die Miniserie Beasts (1976) für den TV-Sender Associated Television, kurz ATV, kann sich wahrlich sehen lassen.

    Jo (Jane Wymark) und Peter Gilkes (Simon MacCorkindale) sind eben erst in ein altes Häuschen auf dem Lande gezogen, welches sie nun mit Hilfe zweier Handwerker renovieren. Beim Abriß einer Mauer stoßen sie auf einen Hohlraum, in dem sich ein großer, versiegelter Tonkrug befindet. Peter öffnet das Gefäß und befördert daraus eine groteske, mumifizierte Kreatur zutage, die selbst ein hinzugezogener Experte nicht iden­ti­fi­zie­ren kann. Gegen den Willen seiner Frau, die eine instinktive Abneigung gegen das haarige Ding hegt, weigert sich Peter, das Wesen zu entsorgen und behält es versteckt im Haus. Baby, so der Titel der Episode, ist ein Auftakt nach Maß. Regisseur John Nelson-Burton setzte Kneales Vorlage mit einem atemberaubenden Gespür für eine unheilschwangere, morbide, bedrohliche Atmosphäre um, die sich schließlich in einer haarsträubenden Auflösung entlädt, welche auch heute noch für Gänsehaut sorgen sollte. Ich wage mir gar nicht auszumalen, welche Wirkung die Schlußszene damals bei der jüngeren Zuschauerschaft gehabt haben muß. Ein echter Schocker! Dabei sind es nicht nur die Bilder, die diese eisigen Schauer verursachen, sondern auch - und vor allem - die kreuzunheimlichen Geräusche. Das gute und glaubwürdige Spiel der Darsteller trägt das Ihre zur enormen Effektivität dieses Filmes bei, wobei das exzentrische Verhalten einer Figur den rätselhaften Aspekt der Geschichte nur noch intensiviert.

    Nach dem grandiosen Baby stellt sich mit Buddyboy, Episode Nummer Zwei, rasch Ernüchterung ein. In diesem unfaßbar geschwätzigen Werk geht es um den erfolgreichen Nachtclub- und Pornokinobesitzer Dave (Martin Shaw), der an einem heruntergekommenen, ehemaligen Delphinarium namens Finnyland interessiert ist, dessen großer Star, der Delphin Buddyboy, einst unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Nach langen, zähen Verhandlungen mit dem immer nervöser werdenden Besitzer (Peter Halliday) kauft er das Gebäude schließlich mit dem Ziel, es in einen Sexschuppen umzubauen. Obwohl Dave ein knallharter Geschäftsmann ist, ist er von Lucy (Pamela Moiseiwitsch) fasziniert, der ehemaligen Pflegerin von Buddyboy, die noch immer im Keller des Gebäudes haust. Die Idee eines Delphinariums, in dem ein ehemaliger Bewohner herumspukt, mag auf dem Papier ja noch recht nett geklungen haben. Die Filmadaption (Regie: Don Taylor) verbreitet jedoch überwiegend nur gähnende Langeweile. Hinzu kommt, daß mit Ausnahme von Lucy sämtliche Figuren uninteressant und/oder unsympathisch sind und phasenweise sogar furchtbar nerven. Eine überraschende (und völlig selbstzweckhafte) Nacktszene kann die Geschichte ebenso wenig retten wie das mysteriöse Ende, das für verständnisloses Kopfschütteln sorgen sollte. Immerhin beweist Buddyboy eindrucksvoll, daß Delphine als "Monster" kein bißchen taugen.

    Weiter geht es mit The Dummy, inszeniert von Don Leaver. Wir befinden uns am Set einer Low-Budget-Horrorproduktion, wo der Regisseur (Glyn Houston) und sein Produzent (Clive Swift) alle Hände voll zu tun haben, um die Szenen des Tages in den Kasten zu bekommen. Es kriselt nämlich gewaltig, da sich der Mann im Monsterkostüm, Clyde Boyd (Bernard Horsfall), und Peter Wager (Simon Oates), der Hauptdarsteller des Filmes, überhaupt nicht riechen können. Was kein Wunder ist, schließlich hat letzterer ersterem die Frau ausgespannt. Der verzweifelte Clyde ist mit seinen Nerven völlig am Ende, scheint sich aber in einer Drehpause etwas zu erholen. Das entpuppt sich alsbald als Trugschluß, denn als die Kamera wieder läuft, dreht er endgültig durch. The Dummy ist die meiner Ansicht nach beste Folge der Serie. Die erfolgreiche Dummy-Filmreihe ist offensichtlich ein Seitenhieb auf die Hammer-Hits rund um Frankenstein und Dracula, und der satirische, mit schwarzem Humor gespickte Blick hinter die Kulissen ist gleichermaßen stimmig wie witzig. Es ist köstlich mitanzusehen, wie sich Clyde, der "Mann hinter der Maske", der weltberühmt ist, obwohl sein wahres Gesicht vor der Kamera nie zu sehen war, in seine Verzweiflung hineinsteigert, bis er quasi mit Dummy verschmilzt und - im Monsterkostüm - Amok läuft. Nigel Kneale und Don Leaver ist mit dieser Episode ein kleiner Geniestreich gelungen, bei dem sich bitterböse und tragikomische Elemente in etwa die Waage halten.

    Schauplatz von Special Offer ist ein kleiner Supermarkt, in dem plötzlich seltsame Dinge vor sich gehen. Dosen fallen von den Regalen, Flaschen verspritzen ihren Inhalt, Verpackungen sind aufgerissen und die Lade der Kasse öffnet sich selbständig. Treibt hier irgendein seltsames Tier sein Unwesen, vielleicht sogar das niedliche Maskottchen Briteway Billy? Oder ist das Chaos auf die Spannungen zwischen dem Lehrling Noreen Beale (großartig: Pauline Quirke) und dem Geschäftsführer Grimley (Geoffrey Bateman) zurückzuführen, welcher keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen die junge Frau macht? Oder ist etwa gar ein Poltergeist die Ursache allen Übels? Im Zentrum dieser unterhaltsamen Episode steht ein unsicherer, nicht besonders hübscher und darüber hinaus noch ziemlich tollpatschiger Teenager, auf dem ständig herumgehackt wird. Egal, was passiert, der erste Gedanke des Leiters scheint zu sein, daß die graue Maus Schuld daran hat. Die Gefühle als unbeteiligter Zuschauer sind ambivalent. Natürlich findet man die Angelegenheit einerseits ungerecht und hat Mitleid mit dem (hilflosen?) Mädchen, andererseits stellt sich Noreen aber auch sehr ungeschickt an und macht es ihren Kollegen alles andere als einfach. Regie bei Special Offer führte Richard Bramall, der es gut versteht, die Drehbuchvorlage launig über die Runden zu bringen, ohne den nachdenklichen, traurigen Unterton zu vernachlässigen, der sich durchs Geschehen zieht.

    Bob Curry (Michael Kitchen), ein junger, engagierter Beamter der Tierschutzbehörde RSPCA, stößt bei einer Routinekontrolle auf diverse Unstimmigkeiten. So ist im Buch eines Tierhändlers vermerkt, daß eine Kleintierhandlung, welche auf Hamster, Kaninchen, Kanarienvögel und dergleichen spezialisiert ist, auch ein paar Wölfe bezogen haben soll. Diese dubiose Sache läßt ihm keine Ruhe, weshalb er sich in den Fall reinkniet und schließlich dem exzentrischen Inhaber der Tierhandlung, Leo Raymount (Patrick Magee) sowie dessen Tochter Florence (Madge Ryan) auf die Pelle rückt. Leo ist ein besessener Wissenschaftler, und um seine Theorie zu beweisen, schreckt er auch vor Selbstversuchen nicht zurück. What Big Eyes heißt diese von Donald McWhinnie inszenierte Episode und spielt damit natürlich auf die Geschichte von Rotkäppchen an, genauer gesagt auf Rotkäppchens Begegnung mit ihrer (vermeintlichen) Großmutter. Hierbei handelt es sich um eine klassische Mad Scientist-Story, wobei über das Ende hinaus offenbleibt, wie "verrückt" der Wissenschaftler nun tatsächlich war. Patrick Magee spielt groß auf, doch unwillkürlich hat man Klaus Kinski vor Augen, für den diese Rolle maßgeschneidert gewesen wäre. What Big Eyes lebt vom Schlagabtausch zwischen den beiden Kontrahenten, der zwar toll geschrieben und gespielt ist, für meinen Geschmack aber zu lang und repetitiv geraten ist. Eine Straffung hätte dieser eher durchschnittlichen Folge vermutlich gutgetan.

    Zum krönenden Abschluß servieren uns Autor Kneale und Regisseur Don Taylor noch einen kleinen, feinen, bösen Schocker. Im Prinzip ist During Barty's Party ein Zwei-Personen-Kammerspiel. Das Ehepaar Angie (Elizabeth Sellars) und Roger Truscott (Anthony Bate) lebt seit vielen Jahren in einem gemütlichen Häuschen auf dem Lande. Eines Nachmittags, während im Radio die Spaßsendung Barty's Party läuft, hört Angie komische Geräusche, die von unter den Dielenbrettern zu kommen scheinen. Keine Frage, eine Ratte muß der Übeltäter sein. Während Roger dem lästigen Nager zu zeigen gedenkt, wer der Herr im Hause ist, deutet bald alles darauf hin, daß hier nicht nur eine Ratte, sondern eine kleine Armee der Nager im Haus wütet. Und auch im Radio wird von merkwürdigen Rattenansammlungen gesprochen. During Barty's Party beginnt recht harmlos, sieht man mal von der surreal-schrägen aber immens beunruhigenden ersten Minute ab. Doch als der Rattenterror beginnt, ist es mit der trügerischen Ruhe vorbei. Das ständige Kratzen im Boden (tolle Soundeffekte!) sägt an den Nerven sowohl des Ehepaars als auch der Zuseher. Während Angies und Rogers anfängliche Verärgerung langsam in Angst umschlägt und sich schließlich zu einer ausgewachsenen Panik steigert, weiß man als (sich in Sicherheit befindender) Zuschauer nicht so recht, ob man lachen oder mitzittern soll. Als dann die Rattenplage immer apokalyptischere Ausmaße annimmt, ist an Lachen sowieso nicht mehr zu denken. During Barty's Party ist packender, spannender Tierhorror, mit hohem Gruselfaktor, bei dem sich das Grauen fast zur Gänze im Kopf abspielt.

    Wie man sieht ist der Titel also Programm. In Beasts geht es, auf die eine oder andere Weise, um "Bestien", wobei der Begriff so breit gefächert ist wie nur irgend möglich. Die Bedrohung kann menschlicher Natur sein, es kann sich um Tiere handeln, der Schrecken kann aber auch übernatürliche bzw. geisterhafte Formen annehmen. Allen sechs Episoden, die übrigens jeweils um die fünfzig Minuten laufen, haben gemein, daß sie ungewöhnlich, originell, rätselhaft und recht clever strukturiert sind. Des Weiteren zieht sich ein kauziger britischer Charme durchs Geschehen, und in den besten Momenten besticht die Serie darüber hinaus mit pechschwarzem Humor und herrlich bösem, schrägem Witz, ohne die Geschichte aus den Augen zu verlieren. Der Fokus liegt ganz klar auf den jeweiligen Charakteren, die mit einer merkwürdigen, ungewöhnlichen, bizarren, gefährlichen und/oder furchteinflößenden Situation konfrontiert oder selbst zu einer Bedrohung für ihr Umfeld werden. Jede Episode ist eigenständig und erzählt eine abgeschlossene Geschichte, wobei Kneale dem Publikum Erklärungen für das oftmals bizarre Geschehen konsequent verweigert. Eine gute Idee, denn anstatt den Zuseher mit irgendwelchen hanebüchenen, unbefriedigenden Thesen abzuspeisen, sorgt das rätselhafte Szenario (auch heute noch) für so manch schaurigen Moment, welcher sich im Gehirn des Betrachters schmatzend festsaugt. Nicht jede Folge ist gelungen, und das starke, altbackene TV-Flair (wenige Schauplätze, behäbiges Tempo, viele Dialoge, kaum Spezialeffekte) wird bestimmt nicht jedermanns Geschmack treffen, aber das Trio Baby, The Dummy und During Barty's Party kann es locker mit dem besten aufnehmen, was das britische Genrekino der 1970er-Jahre zu bieten hat.

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  3. #403
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    Necropolis
    (Necropolis - Die Blutsauger von Manhattan / Necropolis: City of the Dead)

    USA 1986 - Written & Directed by Bruce Hickey



    New Amsterdam, 1686. Eva (LeeAnne Baker), die heiße, schwarzgewandete Hexe mit den langen schneeweißen Haaren, den pechschwarzen Augen und den langen, blutroten Fingernägeln schreitet entschlossen Richtung Teufelsaltar, um eine Schwarze Messe zu zelebrieren. Erst legt sie ein flottes Tänzchen aufs Parkett, dann sabotiert sie mit Hilfe einer Voodoo-Puppe eine Hochzeit, bricht den Willen der Braut und zwingt sie, sich dem unheiligen Unsterblichkeitsritual als Blutopfer zur Verfügung zu stellen. Plötzlich erscheinen einige Männer unter Führung eines Schwarzen auf der Bildfläche und machen dem teuflischen Spuk ein Ende, indem sie der überraschten Hexe ein Messer in den Leib rammen. Diese ist verständlicherweise sauer, schwört Rache und verspricht, eines Tages wiederzukehren. Dreihundert Jahre später. Die heiße Motorradbraut schwingt sich auf ihre Maschine und braust, begleitet von einem dröhnenden Rocksong, durch die New Yorker Nacht ihrem Ziel entgegen. Eva trägt nun eine punkige Kurzhaarfrisur sowie coole Lederklamotten, ansonsten ist jedoch alles beim Alten. Ihr Ziel ist klar. Die damals unterbrochene Zeremonie muß beendet werden. Zu diesem Zwecke benötigt sie nicht nur den verloren gegangenen "Devil's Ring", sondern auch das passende, jungfräuliche Opfer. Ihre Wahl fällt auf die vor dreihundert Jahren geopferte Braut, welche nun als Dawn (Jacquie Fitz) reinkarniert ist und sich als Reporterin durchs Leben schlägt. Zusammen mit Polizist Billy (Michael Conte) und Reverend Henry (William K. Reed) nimmt sie den Kampf gegen die Hexe und deren Zombiebrut auf.

    Schon beim Vorspann von Bruce Hickeys Necropolis werden, je nach persönlicher Sichtweise, entweder massig Glückshormone produziert und in den Blutkreislauf gepumpt, oder es beginnen sämtliche Alarmsirenen aufs Nervenaufreibendste zu schrillen. Ersteres natürlich, wenn man ein Fan von Tim Kincaids (Regie) und Cynthia De Paulas (Produktion) Genrefilmen ist (wie z. B. Bad Girls Dormitory, Robot Holocaust, Breeders, Riot on 42nd St. und Mutant Hunt), letzteres dann, wenn man mit diesen billigen und zugegeben etwas "speziellen" B-Movies überhaupt nichts anfangen kann. Kincaid und De Paula fungieren bei Necropolis als Produzenten, während mit LeeAnne Baker (die Kathleen in Breeders und der Pleasure Droid in Mutant Hunt) eine ihrer Stammaktricen die Hauptrolle innehat. Und über einen Mangel an diesem kauzigen, unerhört eigenwilligen Charme, der aus Kincaids Horror- und Exploitationfilmen in Übermaß trieft, kann sich auch Necropolis wahrlich nicht beklagen. Necropolis hat einfach ein derart angenehmes, wunderbar schräges Flair, daß es (mir zumindest) völlig egal ist, daß der Streifen auf qualitativer Ebene ein ziemliches Fiasko ist, daß die Geschichte eigentlich überhaupt keinen Sinn ergibt und daß man im Eifer des Gefechts auf die Charakterisierung der Figuren leider vergessen hat. Denn trotz all dieser Defizite (und noch so einigen mehr) übt dieses Flick einen so starken, verkorksten Reiz aus, daß man dem seltsamen Geschehen einfach fasziniert folgen muß. Den Blick abzuwenden oder gar den Film abzubrechen birgt das nicht unerhebliche Risiko, etwas Einmaliges zu verpassen.

    Zum Beispiel würde einem dann vermutlich die aberwitzige und haarsträubend perverse Sequenz entgehen, in der Eva ihren Oberkörper freimacht und sich mit Hilfe ihrer Magie zwei weitere Brustpaare wachsen läßt, um damit ihre eklige Zombiebrut zu füttern. Man könnte jedoch auch versäumen, wie Eva einem Rocker zärtlich übers Gesicht streicht, woraufhin ihm Schleim oder Hirngelee oder was-auch-immer aus den Poren quillt, an welchem sie dann genüßlich nascht. Das sind echte Hingucker, bei denen man kopfschüttelnd und mit offenem Mund vor der Glotze sitzt und sich fragt, was sich Herr Hickey dabei bloß gedacht haben mag. Ein Hingucker ist - neben dem coolen Poster Artwork - auch LeeAnne Baker, die zwar weder übermäßig hübsch, noch mit einem Killerbody gesegnet ist, die aber genug Ausstrahlung und Sex-Appeal mitbringt, um die Blicke des sogenannten starken Geschlechts zu bannen. Die spärlich gesäten Spezialeffekte, wie zum Beispiel eine abgetrennte Hand (die danach ein bösartiges Eigenleben entwickelt) oder eine knuffige Enthauptung, stammen von Ed French (Blood Rage), während für die musikalische Untermalung überwiegend Musikstücke aus den Filmen Trancers, Eliminators und The Alchemist recycelt wurden, die allesamt, wie auch Necropolis, von Charles Bands Empire Pictures veröffentlicht wurden. LeeAnne Bakers Gegenspielerin, Jacquie Fitz (in ihrem ersten und gleichzeitig auch letzten Filmauftritt), mangelt es wie dem Rest der Cast an schauspielerischem Talent, aber sie schafft es immerhin, recht sympathisch rüberzukommen, weswegen das Finale auch nicht wirkungslos verpufft.

    Für die einen ist Necropolis, der höchstwahrscheinlich niemals in irgendwelchen Bestenlisten auftauchen wird (*), somit vergeudete Lebenszeit, für die anderen hingegen - mich eingeschlossen - ist er ein drolliges, denkwürdiges Guilty Pleasure, welches man keinesfalls missen möchte.

    (*) Lediglich in der Liste der besten Filme, in denen sich eine geile Hexe zusätzliche Titten wachsen läßt, um damit scheußliche, zombieähnliche Kreaturen zu füttern, darf er sich berechtigte Chancen auf eine Top-Platzierung machen.

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  4. #404
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    Kurîpî: Itsuwari no rinjin
    (Creepy / Kurîpî)

    Japan 2016 - Directed by Kiyoshi Kurosawa



    Manche Dinge kann man sich leider nicht aussuchen. Wie das Land, in dem man geboren wird. Oder die Verwandtschaft, mit der man gesegnet ist. Oder die Nachbarn, mit denen man klarkommen muß. Mit den Nachbarn haben Koichi Takakura (Hidetoshi Nishijima) und seine Frau Yasuko (Yûko Takeuchi), die eben mit ihrem Hund Max von der hektischen Großstadt in ein nettes Häuschen im Vorstädtchen Inagi City gezogen sind, nicht wirklich das große Los gezogen. Die schroffen Tanakas wollen für sich sein und partout in Ruhe gelassen werden, während Nishino (Teruyuki Kagawa) und seine Tochter Mio (Ryôko Fujino) zwei seltsame aber wohl harmlose Käuze zu sein scheinen. Ex-Cop Koichi, der vor einem Jahr bei einer falsch eingeschätzten Geiselsituation schwer verletzt wurde, arbeitet nun als Kriminalpsychologe und hält Vorträge an den Universitäten. Als ihn sein ehemaliger Kollege Nogami (Masahiro Higashide) bei einem sechs Jahre alten, ungeklärten Fall um Hilfe bittet, sagt er widerwillig zu. Damals verschwand eine Familie von einem Tag auf den anderen spurlos; lediglich die sich gerade auf einem Schulausflug befindende Tochter Saki (Haruna Kawaguchi) blieb zurück. Tatsächlich schafft es Koichi, Licht ins Dunkel des mysteriösen Falles zu bringen. Gleichzeitig warnt ihn sein Bauchgefühl, daß der nie gefaßte Täter wahrscheinlich nach wie vor aktiv ist, möglicherweise sogar in seiner unmittelbaren Nachbarschaft.

    Um die gewaltige Wirkung, die Kurîpî: Itsuwari no rinjin (im Folgenden der Einfachheit halber Creepy genannt) im Zuschauer entfacht, zu veranschaulichen, stelle man sich folgendes vor. Am Anfang steht man sicher und selbstbewußt auf einer glatten, waagerechten Fläche, die nach und nach sehr, sehr langsam nach hinten wegkippt. Gegen Mitte des Filmes beginnt man schließlich zu rutschen und sieht sich verzweifelt nach irgendeinem Halt um, den es jedoch nicht gibt. Man gleitet, von der unnachgiebigen Schwerkraft angesogen, nach unten, immer rascher, dem schwarzen, gähnenden Abgrund entgegen, ohne etwas dagegen tun zu können. Und zum Ende hin wird man dann vom Abgrund verschluckt, ist dem unaussprechlichen Grauen hilflos ausgeliefert, und die Chance auf Rettung in letzter Sekunde ist verschwindend gering. Auf diesen Abgrund steuern auch die Protagonisten dieses atemberaubenden Psychothrillers zu; Koichi, der nach dem traumatischen Erlebnis in der ruhigen Abgeschiedenheit wieder Fuß zu fassen versucht, und die gelangweilte Yasuko, die sich einsam, unverstanden und vernachlässigt fühlt. Letztere scheint ein gefundenes Fressen für den gerissenen Psychopathen zu sein, der sich einer ekligen Spinne gleich in der Gegend niedergelassen hat und geschickt seine klebrigen Netze auswirft, in dem sich seine unglücklichen Opfer, unter Zuhilfenahme einer abhängig machenden Substanz, verfangen.

    Creepy, der auf dem 2014 veröffentlichten Roman Kurîpî des japanischen Schriftstellers Yutaka Maekawa basiert, verlangt seinem Publikum einiges ab. Aufgrund des sich langsam und bedächtig entfaltenden Plots ist Geduld gefragt, man sollte mit den sich kalt und unnahbar gebenden Protagonisten warm werden, und es schadet zweifellos auch nicht, dem recht komplexen Handlungsgerüst mit all seinen (nicht immer unwichtigen) Details viel Aufmerksamkeit zu schenken. Wem dies gelingt, wer es vermag, in den Streifen "einzutauchen", der wird reich belohnt, mit dem vielleicht besten, spannendsten, nervenaufreibendsten und intensivsten Thriller des Jahres 2016. Es ist beeindruckend, wie Kurosawa (Kairo aka Pulse) es ohne irgendwelche Mätzchen schafft, eine dermaßen gewaltige, verstörende, unter der Oberfläche brodelnde Spannung zu etablieren (und diese, im weiteren Verlauf, konsequent zu steigern), sodaß sie einem schlichtweg den Atem raubt. Als Zuschauer fühlt man sich wie hypnotisiert; gebannt folgt man den Geschehnissen wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange, wagt es nicht, den Blick vom Bildschirm abzuwenden. Einige Zeit lang tappt man im Dunkeln, insbesondere in Bezug darauf, was genau da eigentlich abgeht. Von wem die Gefahr ausgeht, ist aufgrund geschickt platzierter Andeutungen relativ schnell offensichtlich, aber den exakten Modus Operandi durchschaut man erst gegen Ende des Filmes.

    Daß Creepy so blendend funktioniert und eine derart intensive Sogwirkung entfacht, liegt nicht zuletzt am großartigen Ensemble vor der Kamera. Sämtliche Schauspieler liefern eine so glaubwürdige wie präzise Performance ab, verleihen ihren Figuren eine Tiefgründigkeit, wie man sie im Genre selten zu sehen bekommt. Die Entdeckung ist allerdings Teruyuki Kagawa, der dem Filmtitel alle Ehre macht. Aufgrund seiner sensationellen Leistung plädiere ich dafür, beim englischsprachigen Duden in Zukunft neben dem Wort "creepy" ein Portraitphoto der von ihm zum Leben erweckten Figur abzubilden. Selbst jetzt kriecht eine Gänsehaut über meinen Rücken und sträuben sich die Härchen in meinem Nacken, wenn ich bloß an ihn denke. Für mich ist der Typ eine der gruseligsten Gestalten der Filmgeschichte. Und es sind vor allem die kleinen Dinge, die ihn dazu machen. Seine nuancierte Mimik, seine präzise Gestik, seine eindringlichen Blicke, seine abrupten Stimmungswechsel, das, was er sagt bzw. wie er es sagt. Das ist schon ganz große und extrem feine Schauspielkunst. Das einzige Haar in der meisterlichen Suppe, das man finden könnte, ist die mitunter recht ungeschickte Vorgangsweise der Polizei, aber selbst das trübt meinen positiven Gesamteindruck von Creepy nicht, weil es bisweilen etwas unplausibel erscheinen mag, aber ganz bestimmt nicht unmöglich ist. Somit bleibt abschließend nur noch festzustellen, daß der Titel dieses meisterhaften Thrillers weder zu hoch gegriffen ist noch zu viel verspricht. Creepy ist tatsächlich creepy. So was von.

    Geändert von Randolph Carter (01.07.17 um 11:42 Uhr)
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    GWAR: Phallus in Wonderland
    (Phallus In Wonderland)

    USA 1992 - Directed by Judas Bullhorn (= Blair Dobson) & Distortion Wells (= William Morrison)



    America Must Be Destroyed ist der Titel des im Jahre 1992 veröffentlichten Albums der - ich bemühe an dieser Stelle mal Wikipedia - "satirischen Thrash-Metal-, Hardcore-Punk- und Shock-Rock-Band" Gwar. GWAR: Phallus in Wonderland ist quasi der "Film" zu diesem Album, ein fünfundfünfzig Minuten langer, Grammy-nominierter (!) Mix aus Horror, Trash, Science-Fiction, Komödie, Fantasy, Musical und Musikvideo. Rund um die sechs Songs Crack in the Egg, Have You Seen Me?, The Road Behind, The Morality Squad, Gor-Gor und Ham on the Bone hat man eine verrückt-wirre - ich nenne es mal - "Story" herumgebastelt, welche die diversen Musiknummern sowie jede Menge comichafte Over-the-Top-Set-Pieces bestenfalls lose miteinander verbindet. Eine lineare, nachvollziehbare Handlung existiert hier nicht; viel eher kann man das Dargebotene als aberwitzigen Blick in die Trash-Movie-Hölle bezeichnen, oder als alptraumhaften Trip eines kaputten Junkies, der zu den falschen Drogen gegriffen hat und sich nun, während aus dem Ghettoblaster neben ihm die Songs des Albums America Must Be Destroyed dröhnen, ein abartiges Tohuwabohu zusammenphantasiert, das seiner angeschlagenen Psyche den Rest gibt.

    "Authorities Have In Custody The "CUTTLE FISH OF CTHULU", Alleged Penis Of GWAR Lead Singer ODERUS URUNGUS" tönt die Schlagzeile der Zeitung The Richmond News Leader, welche gleich mal von einem Penner g'schmackig bekotzt wird. Nein, wir sind hier nicht in Tromaville, also wird auch nicht gleich Toxie um die Ecke sprinten, um irgendwem irgendwelche Gliedmaßen auszureißen. Aber es gibt Superhelden in der Stadt, und es werden Gliedmaßen ausgerissen; darüber hinaus werden großzügig allerlei Körperflüssigkeiten verspritzt, wobei sich GWAR: Phallus in Wonderland auch noch dermaßen bewußt in einer billig-derben Trash-Ästhetik suhlt, daß man ohne weiteres meinen könnten, man hätte es hier mit einem Troma-Movie zu tun. Besagter Penis des Gwar-Sängers, der sich irgendwie verselbständigt hat, steht vor Gericht, und eine häßliche Schreckschraube führt einen Feldzug gegen Gwar, um die Band ein für alle Mal auszulöschen, woraufhin diese sich natürlich zur Wehr setzt. Das ist alles, was ich vom Plot mitbekommen habe. Um etwaige Feinheiten zu verstehen, müßte ich mir das ganze chaotische Spektakel noch einige weitere Male zu Gemüte führen, aber ganz ehrlich: Ich glaube nicht, daß ich das schaffe.

    Nicht weil GWAR: Phallus in Wonderland so schlecht wäre (dieses wilde Machwerk bewegt sich weit jenseits von Kategorien wie "Gut" oder "Schlecht"), sondern weil das Dargebotene furchtbar anstrengend ist. Der Streifen geizt nicht mit irren Ideen, obszönen Perversitäten, grotesken Figuren, plumpen Gesplatter, schrillen Sets und geschmacklichen Entgleisungen, wobei einem das alles mit Irrsinnstempo und einer rücksichtslosen In-Your-Face-Attitüde vor den Latz geknallt wird, daß man schlicht und einfach schon nach kurzer Zeit überfordert ist. Eine wüste Sequenz jagt die nächste, es geht Schlag auf Schlag, ohne Möglichkeit, das eben Gesehene verdauen zu können. Ausgeteilt wird nach allen Seiten, sicher sind vor den Attacken der Macher nichts und niemand. Die Kirche bekommt zum Beispiel mit einem pädophilen Priester ihr Fett weg, bei den Arabern wird fröhlich Schwarz-Weiß-Malerei betrieben ("Now remember kids, if an Arab is not working for you, he is working against you!"), und die gutmenschliche Hüterin von Anstand und Moral wird als widerliche, fanatische Hexe portraitiert, der jedes Mittel recht ist, um das ach-so-gefährliche "Übel" (in diesem Falle eben Gwar) aus der Welt zu schaffen.

    Die Grenzen des guten Geschmacks werden dabei geflissentlich ignoriert; der Spitzenreiter aus der Bad-Taste-Ecke ist wohl der Werbedreh für ein leckeres Cornflakes-Produkt, wo Regisseur Fritz Wang (Gibby Haynes) die Kinder wie folgt motiviert: "You know, children, this happens to be one of the best things we have ever put into our mouths, better than, perhaps, sucking off the family doggy." Pikanterweise sind die Frühstücksflocken auch noch mit Drogen versetzt, um die Kleinen süchtig zu machen. Was mir in all dem exzessiv-trashigen Overkill fehlt, ist sowas wie ein Herz oder eine Seele. Man sitzt staunend vor der Glotze, betäubt ob des überbordenden Bombardements der kruden, politisch unkorrekten Ideen, aber berühren tut das alles kein bißchen. Das unterscheidet ihn etwa von Peter Jacksons Meet the Feebles (1989), an den mich dieses energiegeladene (Underground-)Spektakel, vor allem in Bezug auf die groteske Gestaltung der Puppen respektive Masken, die kranken Einfälle sowie die geschmacklosen Gore-Eskapaden, streckenweise stark erinnert. Und das ist schade, weil bei diesem extra-derben Bad-Taste-Reigen somit kaum etwas hängen bleibt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber geil war es irgendwie schon.

    Geändert von Randolph Carter (01.07.17 um 11:43 Uhr)
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  6. #406
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    Der Fluch
    Deutschland/Österreich 1988 - Directed by Ralf Huettner



    "Die Kinder kommen wieder.
    Der Wald wird schreien,
    und die Herzen werden kalt sein.
    Sie kommen wieder,
    und dann...
    und dann..."


    Es geht in die Berge. Ein kleiner Ausflug in die idyllische Natur rund ums Silberhorn. Wandern, die frische Luft und den Ausblick genießen, dem Streß entfliehen, die Seele baumeln lassen. Vor einigen Jahren, im frühen Frühling ihrer Beziehung, waren Rolf (Dominic Raacke) und Rita (Barbara May) bereits einmal hier. Spazierten über die grünen Wiesen und durch die dichten Wälder, legten bei der alten, halb verfallenen Kapelle in den Bergen eine ausgiebige Pause ein, nutzten das heilige Fleckchen als Liebesnest. Vielleicht wurde ihre inzwischen sechsjährige Tochter Melanie (Romina Nowack) ja sogar damals gezeugt; zeitlich würde es in etwa passen. Leider scheint die kleine Bergtour unter keinem guten Stern zu stehen. Bei der Anfahrt umkurvt Rolf ungeschickt die geschlossene Schranke, um sich die zehn Mark Parkgebühr zu sparen, wobei sich Ritas Kaffee über ihr Shirt ergießt. Und Melanie hatte am Vorabend, als sie mit dem Rad nach Hause fuhr, eine Begegnung mit einer geisterhaften Erscheinung, welche sie widerstandslos passierte, bevor sie mit einer älteren Frau (Ortrud Beginnen) zusammenstieß, die ihr, als sie davonrannte, verwirrt und verängstigt hinterherrief: "Was ist das für ein Kind?"

    Tatsächlich verhält sich Melanie, die sowieso ein aufgewecktes Mädchen ist und ihre unmittelbare Umgebung bisweilen furchtbar nervt, zunehmend seltsamer. Das Gebirge scheint sie magisch anzuziehen, anstatt umzukehren will sie weiter hinaufgehen, und obwohl sie noch nie in dieser Gegend war, scheint sie sich recht gut auszukennen. Außerdem manipuliert sie einen Wegweiser (sie dreht ihn frech in eine andere Richtung) und versteckt die Wanderkarte ihrer Eltern, woraufhin sie sich prompt verirren. Und sie stellt Fragen. Sonderbare Fragen, für ein Kind ihres Alters. Wie zum Beispiel:

    "Warum bin ich auf der Welt?"
    "Gibt es da oben jemanden, der auf uns aufpaßt?"
    "Wo kommen eigentlich die toten Kinder hin?"


    Als die Nacht hereinbricht und Rita aufgrund eines wundgescheuerten Fußes nicht mehr weitergehen kann, sucht die Familie Zuflucht in einer alten Hütte. Kurz darauf entdeckt Melanie in der Nähe ein totes, ihr frappant ähnelndes Mädchen, das offenbar vor vielen Jahren gestorben, im Gletschereis konserviert ("Im Eis gibt's keine Zeit") und eben erst wieder freigegeben wurde. Die folgenden Stunden und Tage entwickeln sich für die Drei zu einem Alptraum, zu einem Auf und Ab der Gefühle. Ein stetiges Schwanken zwischen Verzweiflung und Hoffnung, zwischen Freude und Schrecken, zwischen Erleichterung und Ohnmacht.

    Das Grauen kommt auf leisen Sohlen. Äußerst subtil, fast nicht bemerkbar, schleicht sich das Unheimliche ins Geschehen, wie ein heimtückischer Virus, der gesunde Zellen in kranke verwandelt. Ganz langsam wandelt sich die Stimmung, tatkräftig unterstützt vom oft seltsamen, unerklärlichen Verhalten einiger Figuren. Zwar tragen auch Erwachsene ihr Scherflein zur sonderbaren Atmosphäre bei, doch es sind vor allem die Kinder, die mit ihrem Handeln und ihren Wortmeldungen für ein zutiefst schauderhaftes, bedrückendes Flair sorgen. Die Drehbuchautoren Andy T. Hoetzel und Ralf Huettner halten sich mit Erklärungen für das Geschehen vorwiegend zurück, begnügen sich meist mit geschickten Andeutungen und stimulieren so die Phantasie des Publikums. Und Regisseur Huettner findet die richtigen doppelbödigen Bilder, um beim Zuschauer ein starkes Gefühl der Beunruhigung heraufzubeschwören. Die Berge, der Tunnel, der Wald, die Kapelle... einerseits wirkt dies alles harmlos, idyllisch und reizvoll, doch andererseits vermittelt es auch den Eindruck, als ob sich darunter gefährliche Abgründe auftun könnten, die nur auf einen günstigen Moment warten, um die nichtsahnenden Besucher zu verschlingen.

    Der Fluch geizt nicht mit angenehm stimmigem Lokalkolorit, was dem Szenario eine sehr authentische Note verleiht. Auch die verschiedenen Figuren erwecken den Eindruck, aus dem Leben gegriffen und damit echt zu sein. Hoetzel und Huettner vermeiden Klischees, lassen Aberglauben, Mythen und Folklore in die Geschichte einfließen und stellen schließlich die heile Welt des Heimatfilmes so dermaßen auf den Kopf, daß man ihr Werk - wie übrigens auch den im folgenden Jahr entstandenen Sukkubus - Den Teufel im Leib - durchaus als Anti-Heimatfilm klassifizieren kann. Im letzten Drittel steigert Huettner sukzessive den Horror, schickt die Gefühle unserer Protagonisten (und auch die des Zusehers) auf eine schwindelerregende Achterbahnfahrt, in der eine gehörige Portion Traurigkeit und Melancholie mitschwingt. Ohne zu viel zu verraten... das eindringliche, in dieser Form nicht erwartbare Ende kann man nur als genial bezeichnen. In schauspielerischer Hinsicht gibt es nichts zu bemängeln. Raacke, May und Nowack glänzen mit einer erfrischenden Natürlichkeit, sodaß man rasch vergißt, daß sie "nur" eine Rolle spielen. In kleinen Nebenrollen sind außerdem der blutjunge Tobias Moretti sowie Barbara Valentin zu sehen.

    Mit Der Fluch ist dem am 29. November 1954 in München geborenen Ralf Huettner, der in den darauffolgenden Jahren so unterschiedliche Filme wie Babylon - Im Bett mit dem Teufel (1991), Texas - Doc Snyder hält die Welt in Atem (1993), Voll Normaaal - Asozial und Spaß dabei! (1994), Die Musterknaben (1997), Vincent will Meer (2010) und Burg Schreckenstein (2016) drehte, ein grandioses Mystery-Horror-Drama mit mächtig großem Nachhall gelungen, welches man mit Fug und Recht als ganz großen Klassiker des deutschsprachigen Genrekinos bezeichnen kann. Tatsächlich zählt der denkwürdige Film mit zum Besten, was hierzulande je entstanden ist. Insofern ist es zu gleichen Teilen peinlich, traurig und unverständlich, wie stiefmütterlich - Der Fluch wurde bis dato weder auf Video, noch auf DVD oder Blu-Ray veröffentlicht - diese glitzernde, einzigartige Genreperle behandelt wurde - und leider immer noch behandelt wird.

    "Es ist ein Land verloren,
    da wächst ein Mond im Ried.
    Es ist mit uns erfroren,
    es glüht umher und sieht."

    Geändert von Randolph Carter (01.07.17 um 11:44 Uhr)
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  7. #407
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    Sinthia: The Devil's Doll
    (Sinthia, the Devil's Doll / Teenage She Devil)

    USA 1970 - Directed by Ray Dennis Steckler



    "Years have passed, my life was one of searching, through dreams and fantasies, which had no end, only... lost waves that kissed the shore of a clean virgin sea that I could never be within."

    Ray Dennis Stecklers Sinthia: The Devil's Doll erzählt die Geschichte der nunmehr zwanzigjährigen Cynthia Kyle (Shula Roan in ihrem ersten und gleichzeitig auch einzigen Auftritt in einem Spielfilm), die im Alter von zwölf Jahren ihre Eltern während sexueller Aktivitäten ermordet und anschließend das Haus in Brand gesteckt hat. Wobei... die Bezeichnung "Geschichte" greift hier blindlings ins Leere. Man stelle sich Folgendes vor. Nach klassischem Erzählmuster verläuft eine Story von A nach E, vom Anfangs- bis zum Endpunkt. Der Erzählstrang kann eine übersichtliche Gerade bilden, er kann jede Menge halsbrecherische, verwirrende Kurven einlegen, aber üblicherweise beginnt er am Start und endet im Ziel. Bei Sinthia hingegen hat man den Eindruck, als würde die Geschichte irgendwo mittendrin beginnen und als wäre sie zwischen den Punkten A und E gefangen, als würde sie orientierungslos durch die Gegend taumeln, ohne Chance, jemals ihr Ziel zu erreichen. Eine halbwegs lineare, nachvollziehbare Handlung gibt es hier nicht. Steckler serviert lediglich ein Potpourri aus wirren Szenen, in die man - so man denn Bock darauf hat - so etwas wie eine Geschichte hineininterpretieren kann.

    Aufgrund ihres Alters und des emotionalen Ausnahmezustandes, in dem sie sich zum Tatzeitpunkt befunden hatte, kam Sinthia (vor dem Doppelmord noch als Cynthia bekannt) nie ins Gefängnis. Sie stand unter ärztlicher Beobachtung, acht Jahre lang. Jetzt ist Sinthia erwachsen, sie will heiraten, ihr Leben selbst bestimmen. Dazu muß sie jedoch mit der Vergangenheit abschließen. Ihr Therapeut schlägt vor, Selbstmord zu begehen. Nicht im realen Leben, sondern in der Alptraumwelt, in der sie gefangen ist ("If you were to live in reality, you must first die in your nightmares."), in der sie den Mord immer wieder durchlebt, in der sie seltsame Menschen trifft (die aussehen wie ihre Eltern) und in der man nicht viel von Bekleidung hält. Man kann Sinthia: The Devil's Doll als Blick in den geisteskranken, gequälten Verstand einer jungen Frau deuten, welcher zwischen Schuld und Wahn, Abhängigkeit und Verzweiflung, Mordlust und Besessenheit pendelt. Andererseits wird angedeutet, daß sich gar der Teufel ("The devil is in my brain") ihrer bemächtigt haben könnte. Möglicherweise ist das alles aber auch nur eine sinnlose Aneinanderreihung von Szenen, von einem Regisseur, der die falschen Drogen konsumiert und sich eingebildet hat, er müsse dem konventionellen Genrekino beherzt den Mittelfinger zeigen.

    Sinthia: The Devil's Doll ist nicht per se schlecht. Man spürt, daß sich Steckler und Drehbuchautor Herb Robins bemüht haben, ihre Vision auf Zelluloid zu bannen. Daß diese Vision auf dem Weg zum Publikum verloren gegangen ist, ist darauf zurückzuführen, daß Steckler kein guter Regisseur ist, daß die Schauspieler nicht überzeugen können und daß den Zuschauern Sinthias Schicksal egal ist. Was bleibt, ist ein eher langweiliger Trip durch eine bizarre Phantasiewelt, durchsetzt mit diversen psychedelischen Momenten, so bedeutungsschwangeren wie kryptischen Dialogen, und viel, viel nackter Haut. Eine merkwürdige Mischung aus Sexploitation und Kunstkino, die sich eher tollpatschig zwischen alle Stühle setzt. Hin und wieder gelingt es Steckler fast, dem Geschehen eine poetische Note zu verleihen (bei den Strandszenen zum Beispiel), aber dann gehen mit ihm wieder die Pferde durch und er läßt mittels Bildüberlagerungen gleich mehrere weibliche Brustpaare gleichzeitig über den Bildschirm tanzen. Hinzu kommt, daß trotz aller Bemühungen eine gewisse Monotonie einkehrt. Aufgrund des Fehlens eines Spannungsbogens und einer dramaturgischen Struktur plätschert das Geschehen recht behäbig dahin.

    Regisseur Ray Dennis Steckler (1938 – 2009) genießt dank schrägen und sehr speziellen Filmen wie The Incredibly Strange Creatures Who Stopped Living and Became Mixed-Up Zombies (Cabaret der Zombies, 1963), The Thrill Killers (1964), The Mad Love Life of a Hot Vampire (1971), The Sexorcist (1974) und The Hollywood Strangler Meets the Skid Row Slasher (1979) bei Bad-Movie-Aficionados einen gewissen Kultstatus. Sinthias Drehbuchautor Herb Robins steht dem jedoch in Nichts nach; mit seinem schier unglaublichen Werk The Worm Eaters (Die Wurmfresser, 1977), bei dem er nicht nur für Regie und Skript verantwortlich zeichnete, sondern darüber hinaus auch noch als Hauptdarsteller in Erscheinung trat, ist er in die Annalen der Trash-Filmgeschichte eingegangen. Und um die Vergabe der Hauptrolle rankt sich folgende schöne Legende. Als sich Peter Balakoff (Sinthias Vater im Film) mit Steckler treffen sollte, streikte sein Auto. Eine junge Lehrerin an einer Sonntagsschule nahm ihn mit und begleitete ihn zum Filmemacher. Als Steckler die Frau sah, meinte er, daß er seine Sinthia endlich gefunden habe. So kann es gehen. Eben noch in der Sonntagsschule, kurz darauf schon Star in einem Steckler-Streifen! Leider ändert diese Anekdote nichts daran, daß Sinthia: The Devil's Doll am Seifenblasensyndrom leidet. Die Oberfläche ist schillernd und faszinierend, das Darunter allerdings hohl und uninteressant.

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  8. #408
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    Megan Is Missing
    USA 2009/11 - Written, Edited & Directed by Michael Goi



    On January 14, 2007, 14-year-old Megan Stewart disappeared. Three weeks later, her best friend Amy Herman also vanished. This film was assembled using cell phone transmissions, computer files, home videos and public news reports.

    Obige Einblendung stellt schon zu Beginn des Filmes klar, was passiert ist. Es ist somit kein Geheimnis, daß sowohl Megan Stewart (Rachel Quinn) als auch Amy Herman (Amber Perkins) spurlos verschwunden sind. Megan Is Missing schildert, was die Tage vor, während und nach ihrem Verschwinden passiert ist. Und dabei macht Regisseur Michael Goi (am ehesten bekannt als Cinematographer der TV-Serie American Horror Story) weder Gefangene noch Kompromisse. Megan und Amy sind beste Freundinnen, offensichtlich schon von klein an. Sie sind viel zu unterschiedlich, als daß sie sonst zusammengefunden hätten. Die vierzehnjährige Megan ist hübsch, gesellig, bei allen beliebt, sie läßt keine Party aus, hat Spaß an Alkohol, Drogen und Sex. Eine echte Miss Popular also, bereits wesentlich mehr Frau als Kind. Amy hingegen, für einige Tage noch dreizehn Jahre jung, ist schüchtern, sensibel, noch jungfräulich, sieht durchschnittlich aus, und ist bei fast allen unbeliebt. Sie ist die klassische Außenseiterin, hat abgesehen von Megan keine Freunde, wird auf keine Party eingeladen, und wenn sie mit jemandem Small Talk machen will, wird sie sofort abgewimmelt. In ihrem Zimmer häufen sich Stofftiere, sie ist noch wesentlich mehr Kind als Frau. Dann lernen die beiden übers Internet den coolen "Skaterdude" Josh (Dean Waite) kennen.

    Das Genre des Found-Footage-Films wurde mit Daniel Myricks und Eduardo Sánchez' The Blair Witch Project (1999) quasi über Nacht populär, obwohl dabei gerne vergessen wird, daß dieser clevere Kniff, mittels gefundener Aufzeichnungen das Schicksal der verschwundenen Protagonisten zu enthüllen, bereits viel früher angewandt wurde, zum Beispiel vom Italiener Ruggero Deodato bei Cannibal Holocaust (1980). The Blair Witch Project begründete jedoch dieses Genre und katapultierte es in den Mainstream, was zur Folge hatte, daß in den Jahren danach unzählige nach diesem oder ähnlichem Muster gestrickte Filme produziert worden sind, viele davon mit dem Zusatz-Gimmick "based on actual events". Dies trifft auch auf Megan Is Missing zu. Bei Streifen dieser Machart kommt es hauptsächlich darauf an, wie sehr man es vermag, sich ins Filmgeschehen hineinzuversetzen. Je mehr man das Ausgangsszenario als gegeben hinnimmt, und je mehr man die verschiedenen, nachfolgenden Ereignisse als real ansieht (denn genau das versuchen die Macher schließlich mit dem dokumentarischen Anstrich zu implizieren), desto effektiver erlebt man die Auflösung des Geschehens. Schafft man es nicht, sich auf den Film einzulassen und zu den Figuren eine emotionale Bindung aufzubauen, dann verpufft die Wirkung der Auflösung gänzlich, und es ist eigentlich schade um die vergeudete Zeit.

    Obwohl Megan Is Missing die Standardroute wählt und kein Risiko eingeht, ist er einer der besten, kraftvollsten und intensivsten Beiträge zum Found-Footage-Genre. Am Anfang kommt die Ankündigung, der Film basiere auf wahren Begebenheiten, gefolgt vom Hinweis darauf, was passiert ist. Und danach läßt uns Drehbuchautor und Regisseur Michael Goi einige Zeit mit den Mädchen verbringen. Wir sehen zu, wie sie sich unterhalten, wie sie herumalbern, wie sie Partys besuchen oder wie sie über einen Video-Chat miteinander kommunizieren und Geheimnisse austauschen. Wir erhalten einen Einblick in das Leben der Beiden, bekommen einen Eindruck davon, wie sie ticken. In einer bemerkenswert zwiespältigen Sequenz erzählt Megan, wie sie, damals zehn Jahre alt, in einem Sommercamp von einem Betreuer zum Blowjob genötigt wurde. Sie schildert den gesamten Vorgang sachlich und beinahe emotionslos und läßt dabei kein Detail aus. Laut Goi stammt dieser Bericht aus einem der zahlreichen Interviews, welche er im Vorfeld mit einigen Teenagern geführt hatte, und dieser wurde nahezu eins zu eins in den Film übernommen. Die Hauptdarstellerinnen Rachel Quinn und Amber Perkins, beide etwas älter als die Figuren, die sie spielen (eine absolute Notwendigkeit: vierzehnjährigen Mädchen wären diese Rollen nicht zumutbar gewesen), überzeugen vollauf und erwecken Megan und Amy zum Leben.

    "I think we're going to have amazing lives", meint Megan in einer Videoaufzeichnung gegen Ende des Filmes zu ihrer Freundin. Ein ungemein perfider Kunstgriff, schließlich weiß man zu diesem Zeitpunkt bereits, was mit den Mädchen passiert ist. Und ihr Schicksal geht gehörig an die Nieren. Daß es Goi in der letzten halben Stunde vermeidet, die Torture-Porn-Route zu beschreiten, ist ihm hoch anzurechnen. Zwar gibt es zwei, drei extrem grausige, perfekt getimte Schockmomente, auf selbstzweckhafte, ausgewalzte Gewaltdarstellungen à la Saw oder Hostel verzichtet er jedoch konsequent. Vielleicht erreicht Megan Is Missing auch gerade dadurch diese ungeheure Intensität, weil er einen dazu zwingt, die eigene Phantasie zu benutzen. Im Zuge seiner Recherchen sei er auf so unfaßbar schreckliche Dinge gestoßen, daß er sie unmöglich ins Drehbuch schreiben hätte können, sagt Goi. Eine gute Entscheidung, finde ich, denn das, was zu sehen ist, reicht völlig aus. Oh ja, ein, zwei Minuten lang ins Gesicht einer verzweifelten Frau zu blicken, die vergewaltigt wird, zu sehen, wie etwas in ihr zerbricht, wie ihre Augen erlöschen und sie nur mehr blicklos ins Leere starrt (die schauspielerische Leistung der betreffenden Aktrice in dieser Sequenz ist phänomenal) ... das reicht völlig aus, um die mit diesem widerwärtigen Gewaltakt verbundene Brutalität sowie den Schmerz und die Hilflosigkeit auf Seiten des Opfers zu verstehen.

    Nun könnte man kritisieren, daß Michael Goi zu dick aufträgt, daß er dem Publikum die Botschaft seines Filmes mit dem Vorschlaghammer einbläut. Vielleicht trifft das zu. Fakt ist jedoch, daß es da draußen viele sadistische Perverse gibt, und daß sich einige dieser perversen Sadisten ihre Opfer übers Internet suchen. Megan Is Missing schildert, wie sich ein scheinbar cooler Typ, über den kaum etwas bekannt ist (und über dessen Beweggründe sich der Film in Schweigen hüllt), das Vertrauen eines der naiven Teenager erschleicht. Und sie und ihre Freundin schließlich ins Verderben lockt. Dabei geht Goi dermaßen schonungslos und unerbittlich vor, daß man unwillkürlich einen dicken Kloß im Hals und ein mulmiges Gefühl im Bauch verspürt. Dem Regisseur gelingt es, mithilfe der verschiedenen Aufzeichnungen (Webcams, Handyvideos, Videokamera, (sensationsgierige) Nachrichtensendungen, Überwachungskamera, Polizeifotos) und der tollen Hauptdarstellerinnen ein authentisches Flair zu erschaffen, welches trotz manch kleinem Fauxpas vollauf überzeugt. Die nüchterne, dokumentarische Stimmung macht es einem auch leicht, das Gesehene zu glauben. Es fühlt sich einfach echt an, was letztendlich dazu führt, daß man Megan Is Missing weniger sieht als vielmehr erlebt. Und es ist ein solch unangenehmes und schmerzhaftes Erlebnis, daß man diesen nihilistischen Schocker lange Zeit nicht vergessen wird. Harte, verstörende Kost, die schwer im Magen liegt und bei der es schwierig ist, sie mit einem lapidaren "it's only a movie" abzutun.

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  9. #409
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    Iced
    (Iced - Der Tod auf Skiern / Blizzard of Blood)

    USA 1988 - Directed by Jeff Kwitny



    Streiten sich zwei heiße, mit Testosteron vollgepumpte Hengste um ein süßes Mädel, kann das Problem nur ein Schwanzvergleich aus der Welt schaffen. Sowohl Cory (Doug Stevenson) als auch Jeff (Dan Smith) fahren voll auf Trina (Debra De Liso) ab, deren eigene Meinung zu diesem Thema komplett ignoriert wird, mag sie doch den ollen Jeff eigentlich gar nicht. Ein Wettkampf soll es richten, ein Nightrace. Also stürzen sich die beiden Kontrahenten todesverachtend auf ihren Skiern den Berg hinunter, und wenig überraschend zieht der mit schmutzigen Tricks kämpfende Jeff den Kürzeren. Nun ist er verständlicherweise zu Tode betrübt, kann die Schmach nicht verkraften, zuckt völlig aus. Als Trina und Cory zur Feier des Tages auch noch eine Nummer schieben, schlüpft der angepißte Jeff in seine Schiausrüstung, schnallt sich die Bretter an und rast voller Elan die Piste hinab. Prompt übersieht er in stockdunkler Nacht einen Abhang und zerschellt Bauch voraus auf einem Felsstück. Tja, dumm gelaufen. Vier Jahre später. Cory und Trina sind nun verheiratet (sie heißen Mr. und Mrs. MacGuyver) und unterwegs zu einem Gratis-Schiwochenende, zusammen mit ihren alten Freunden Carl (Ron Kologie), Jeanette (Lisa Loring), John (John C. Cooke), Diane (Elizabeth Gorcey) sowie Eddie (Michael Picardi), welcher nachzukommen versprochen hat. Die Einladung zum neuen Schiresort Snow Peak in den Alpen erfolgte durch den geschäftstüchtigen Manager Alex Bourne (Joseph Alan Johnson) und ist mit einer Verkaufsveranstaltung gekoppelt. Während die Gäste die Tage genießen, plant ein Unbekannter ihrer aller Ermordung.

    Auch wenn es über Jeff Kwitnys in Utah entstandenen Schneeslasher Iced leider nicht viel Positives zu berichten gibt, als Genrefan kann man dem Streifen dennoch einiges abgewinnen. Zwar spricht es nicht gerade für den Film, wenn eine Nacktszene (bzw. die Schauspielerin, welche diese absolviert) zu einem der (wenigen) Höhepunkte von Iced hochstilisiert wird, aber hey... andere Slasher können nicht einmal das bieten. Zumal es sich bei besagter Aktrice um Lisa Loring handelt. Ja, die Lisa Loring, welche von 1964 bis 1966 die kleine Wednesday Addams in der Kult-TV-Serie The Addams Family verkörpert hat. Anno 1988 war sie zu einem richtig heißen Feger herangewachsen, mit wallender Haarpracht und üppigen Rundungen. Ich kann ihre Entscheidung, sich in einem billig produzierten und ambitionslos heruntergekurbelten Horrorfilm vor der Kamera zu entblößen, sogar irgendwie nachvollziehen. Wenn man solch atemberaubende Kurven hat, möchte man sie gewiß auch herzeigen. Und schließlich gab es damals noch kein Internet! Loring ist der Star des Films, keine Frage. Ihre bloße Präsenz reicht aus, um alle anderen zu Statisten zu degradieren. Das gilt auch für die nominelle Heldin Debra De Liso, die ziemlich blaß bleibt. Iced ist übrigens nicht der erste Film, in dem sich De Liso mit einem irren Killer herumschlagen muß. Bereits einige Jahre zuvor kämpfte sie in The Slumber Party Massacre ums Überleben; ob es ihr gelungen ist, nicht angebohrt zu werden, sei hier natürlich nicht verraten. Und sie ist nicht die einzige mit Genrefilmerfahrung. Elizabeth Gorcey kennt man (vielleicht) aus Teen Wolf, und Joseph Alan Johnson war bei Berserker mit von der Partie.

    Ebenfalls recht nett ist das Winter-Setting des Streifens, obwohl man aus der eisigen Schneelandschaft wesentlich mehr herausholen hätte können, befindet sich die Gruppe doch meist in einer Hütte. Der starke Kontrast rotes Blut vs. weißen Schnee wird z. B. viel zu wenig genutzt. Immerhin werden Winterutensilien wie Schistöcke als Mordwaffen mißbraucht, und auch ein handlicher Eiszapfen wird gerne genutzt, um jemanden um die Ecke zu bringen. Womit wir bei den Murder-Set-Pieces sind, die Würze der Slashersuppe. Leider läßt Iced in dieser Hinsicht einige Wünsche offen. Die Kills sind nett, keine Frage, sie wurden aber nicht sonderlich gekonnt oder gar denkwürdig umgesetzt. Lediglich der Eiszapfenmord sowie die Jacuzzi-Szene bleiben etwas hängen, der Rest ist Metzelware von der Stange. Hinzu kommt, daß es sehr lange dauert, bis der Mörder endlich Nägel mit Köpfen macht. Erst im letzten Drittel des Filmes dreht er auf, dann geht es aber auch Schlag auf Schlag. Stellt Kwitny in der ersten Stunde das Publikum noch auf eine harte Geduldsprobe, so zündet er dann doch noch den Turbo und belohnt die Zuschauer, die drangeblieben sind, mit einem sehr ordentlichen Showdown. Originell ist das strikt nach Schema F konzipierte Direct-to-Video-Movie (abgeschiedene Location, heiße Babes, kreative Morde, Killer-POV, stereotype Figuren, fake Schocks, das Final Girl, das über die Leichen der anderen stolpert, etc.) ebenso wenig wie es spannend oder gar packend ist. Wer von den Pappnasen wann das Zeitliche segnet, ist einem völlig egal. Eine emotionale Bindung an die Figuren findet nicht statt.

    Iced ist somit nur für beinharte Slasher-Movie-Fans von Interesse, die auch lachhaft schlecht inszeniertem Seifenoper-Melodrama was abgewinnen können, wird man in der ersten Stunde des Filmes doch ausgiebig mit den Problemchen unserer Protagonisten gequält. Den Vogel in dieser Beziehung schießt Carl ab, der keine Gelegenheit ausläßt, allen um sich herum auf die Nerven zu fallen. Außerdem zieht er sich gerne - nackt wie Gott ihn schuf - Koks rein, und wenn er geil ist, macht er sich über das Ziel seiner Begierde her, und ist sie nicht willig, so nimmt er sie mit Gewalt. Ein echtes Arschloch, dem man sein schmerzhaftes Ableben von Herzen gönnt. Aber es sind Momente wie diese, welche das ansonsten öde Geschehen entscheidend versüßen. Jeanette im Jacuzzi, ihre Brüste liebkosend. Die Sequenzen aus der Sicht des Mörders, durch seine zerbrochene, getönte Schibrille. Oder Trina, die panisch durch die verschneite Gegend läuft, mit Shirt, Jacke, Stiefel und Unterhöschen (!) etwas unangemessen bekleidet. Zum Drüberstreuen servieren uns Regisseur Kwitny (Beyond the Door III aka Amok Train - Fahrt ins Nichts) und Drehbuchautor Johnson (der im Film auch als Alex Bourne zu sehen ist und mit überschätzten Dingen wie Logik oder Plausibilität nichts am Hut hat) noch das vielleicht bescheuertste und aberwitzigste "Schock-Ende" seit der Juan Piquer Simón-Granate Mil gritos tiene la noche (Pieces), bei welchem selbst die hartgesottensten Genrefans gackernd über den Boden rollen dürften. Für Freunde obskurer Baddies ist Iced somit ein gefundenes Fressen. Allen anderen wird dieses "coole" Slasher-Häppchen wohl eher nicht munden.

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  10. #410
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    Kissed
    (Kissed - Todeskuss / Kissed - Todeskuß / Necrophile Kiss - Der Todeskuss)

    Kanada 1996 - Directed by Lynne Stopkewich



    "I've always been fascinated by death. The feel of it. The smell of it. And the stillness."

    Schon von Kindheit an fühlt sich Sandra Larson (in jungen Jahren: Natasha Morley; danach: die aus dem The Wicker Man-Remake bekannte Molly Parker) vom Tod angezogen. Sie wächst mehr oder weniger alleine auf, gezwungenermaßen, da sich das Verständnis der Mitschülerinnen für ihre ungewöhnliche Neigung (sie kuschelt zum Beispiel gerne mit toten Streifenhörnchen oder Vögeln) stark in Grenzen hält. Selbst ihre Freundschaft zur schüchternen Carol (Jessie Winter Mudie), die aufgrund einer Sehbehinderung ebenfalls eine Außenseiterin ist, zerbricht daran, just an dem Tag, als bei Sandra erstmals die Monatsblutung einsetzt. Ihre Berufswahl ist dann auch keine große Überraschung, sondern logische Konsequenz. Sie wird Gehilfin von Mr. Wallis (Jay Brazeau, Insomnia), dem Inhaber des Bestattungsunternehmens Wallis Funeral Home. Ihre Begabung für die heikle Arbeit mit Leichen ist mehr als offensichtlich, und so eignet sie sich schließlich auch noch die Kunst der Einbalsamierung an. Dann lernt Sandra den Medizinstudenten Matt (Peter Outerbridge, Saw VI) kennen, mit dem sie eine Beziehung beginnt und dem sie ihre absonderliche Veranlagung anvertraut. Mit fatalen Konsequenzen.

    Der wohl zärtlichste, gefühlvollste, poetischste und schönste Film zum Thema Nekrophilie kommt aus Kanada: Lynne Stopkewichs Kissed. Stopkewich, die zusammen mit Angus Fraser das Drehbuch schrieb (basierend auf der Erzählung We So Seldom Look on Love (1992) von Barbara Gowdy) und die auch die Koproduktion übernahm, gelang ein bemerkenswert einfühlsamer Independent-Film zu einer Thematik, die üblicherweise Abscheu, Ekel und Unverständnis hervorruft. Stopkewich nähert sich dem Stoff auf Augenhöhe und ohne zu werten; zu keiner Zeit wird die getriebene Protagonistin von oben herab behandelt oder für ihr Verhalten gar verurteilt. Genau so wenig lädt die Behandlung der kontroversen Materie zur Nachahmung ein. Weder beutet die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten zweiunddreißigjährige Kanadierin (Suspicious River, Lilith on Top, October Kiss) die Thematik aus, noch hat man das Gefühl, Sandra würde die Toten benutzen bzw. sie für ihre Bedürfnisse mißbrauchen. Die Art, wie Sandra mit den Leichen kommuniziert, wie sie sie betrachtet und sie berührt, das ist gleichermaßen respekt- wie liebevoll. "I feel everything from the body. I see it. It's like looking into the sun without going blind", bekennt sie an einer Stelle.

    Matt: "Why do you want to be an embalmer?"
    Sandra: "Because of the bodies."
    Matt: "What do you mean?"
    Sandra: "I make love to them."


    Als Matt in Sandras Leben tritt, ändern sich die bis dato geordneten Dinge. Nicht, weil der junge, fesche Student von Sandras Neigung abgestoßen wäre, im Gegenteil. Er ist fasziniert von ihrem Verlangen, will alles darüber erfahren, bittet sie sogar, zuschauen zu dürfen. Sandra lehnt entrüstet ab und zieht sich von ihm zurück. Doch das Feuer in Matt ist längst entfacht und hat sich zu einem Flächenbrand entwickelt. Wie ein Junkie giert er danach, es selbst einmal zu versuchen. Er verfällt zusehends, vegetiert nur noch vor sich hin, mit einem ganz bestimmten Ziel vor Augen. Doch Sandra läßt sich nicht erweichen. Sie spürt, daß sich seine Obsession von ihren Bedürfnissen grundlegend unterscheidet. Und so gleitet die Geschichte ihrem unvermeidlichen Ende entgegen. Stopkewich verzichtet gänzlich auf spekulative Goreszenen. Der Akt des Einbalsamierens wird detailliert beschrieben aber nicht gezeigt. Anstatt die ungustiösen Details einzufangen, beobachtet die Kamera Sandra, als sie dem Vorgang erstmals beiwohnt, fängt die Emotionen ein, die sich auf ihrem Gesicht spiegeln. Auch der Liebesakt wird nur kurz angedeutet. Wer auf exploitative Elemente hofft, ist bei Kissed - trotz zweier kurzer Full-Frontal-Nacktszenen - definitiv im falschen Film.

    Interessant ist außerdem, daß es Sandra in erster Linie nicht um die Befriedigung ihrer speziellen Gelüste geht. Vielmehr ist sie der festen Überzeugung, daß sie mit ihrer Hingabe den Toten etwas Gutes tut, daß sie ihnen beim Übergang in die nächste Welt behilflich ist. Dadurch bekommt Kissed eine spirituelle Note, welche durch die Art der Inszenierung der entsprechenden Momente verstärkt wird. Sandras verklärter Gesichtsausdruck (der sexuelle Höhepunkt der Frau ist ja auch als "la petite mort", also "der kleine Tod", bekannt), die grelle Szenenausleuchtung (als ob der Raum von überirdischem Licht geflutet werden würde), die sanften, fast schon sakralen Klänge auf der Tonspur (Engelsmusik?); für Sandra ist der Liebesakt auf alle Fälle eine wahrhaft himmlische Erfahrung. Leider reißt Stopkewich diesen Aspekt nur kurz an und läßt viele Fragen unbeantwortet. Stattdessen konzentriert sie sich auf das (Gefühls-)Leben ihrer Hauptfigur, kongenial zum Leben erweckt von Molly Parker. Parkers eindringliche Performance ist eine Offenbarung, zu gleichen Teilen fragil, entschlossen, verletzlich, selbstbewußt, sensibel, leidenschaftlich und stark, sodaß man als Zuschauer gar nicht anders kann, als sich zu dieser ungewöhnlichen Frau hingezogen zu fühlen. Und das im Wissen, daß sie warme Körper ziemlich kalt lassen.

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  11. #411
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    Tower of Evil
    (Turm der lebenden Leichen / Devil's Tower - Der Schreckensturm der Zombies / Horror on Snape Island / Horror of Snape Island / Beyond the Fog)

    Großbritannien/USA 1972 - Directed by Jim O'Connolly



    Adam: "Well, there's one thing that's certain."
    Dan: "What's that?"
    Adam: "That this is not the luckiest island in the world, is it?"
    Hamp: "That'd be true. Snape Island never brought anything but unhappiness and tragedy for anyone."


    Zwei verschiedene Gruppen Menschen statten der unwirtlichen Felseninsel Snape Island zu unterschiedlichen Zeiten einen verhängnisvollen Besuch ab. Die eine besteht aus vier amerikanischen Teenagern, die nach einem Jazz-Festival ein prickelndes Abenteuer suchen, die andere ist ein kleines, bunt zusammengewürfeltes Team aus Archäologen, welche auf der Insel verborgene Schätze der Phönizier vermuten. Als Tower of Evil beginnt, hat die jungen Amerikaner ihr grausiges Schicksal bereits ereilt. Gary (John Hamill, Trog), Des (Robin Askwith, Horror Hospital) und Mae (Seretta Wilson, Psychomania) sind tot, ihre leblosen Körper auf der kleinen Insel verstreut. Lediglich Penelope (Candace Glendenning, Satan's Slave) hat den Abstecher nach Snape Island überlebt, allerdings konnte ihr fragiler Geist den erlebten Schrecken nicht verarbeiten und ist in den Wahnsinn geflüchtet. Daß etwas Gräßliches passiert ist, steht also schon nach wenigen Minuten fest. Wie es dazu gekommen ist, daß der eine aufgespießt an der Wand endet, daß der zweite am felsigen Strand regelrecht abgeschlachtet wurde und daß die dritte nackt am Steinboden im oberen Bereich des schmucklosen Leuchtturms liegt, wird im weiteren Verlauf des Filmes nach und nach enthüllt.

    Die Archäologen wissen über das Massaker Bescheid, wagen sich aber dennoch nach Snape Island. Schließlich kam der ermittelnde Polizist zum Schluß, daß Penelope in einem Anfall von wahnsinniger Raserei ihre Freunde getötet hat. Begleitet werden Adam (Mark Edwards, Blood from the Mummy's Tomb), Dan (Derek Fowlds, Frankenstein Created Woman), Nora (Anna Palk, The Nightcomers) und Rose (Jill Haworth, The Mutations) von einem Detektiv namens Brent (Bryant Haliday, Devil Doll), der denkt, daß an der ganzen Sache etwas faul ist, sowie von Hamp (Jack Watson, Schizo) und dessen Neffen Brom (Gary Hamilton), welche die Besucher mit ihrem Boot auf das Eiland bringen. Die sieben Menschen wähnen sich alleine auf der Insel, doch bald schon mehren sich die Zeichen, daß dem nicht so ist. Und daß von der unerbetenen Gesellschaft möglicherweise eine tödliche Gefahr ausgeht. Anfang der 1970er-Jahre befand sich der britische Genrefilm im Umbruch. Der übernatürliche (Fantasy-)Horror aus dem Hause Hammer Films, jahrelang ein verläßlicher Erfolgsgarant, war plötzlich passé, auch wenn das Studio das vorerst nicht wahrhaben wollte und im Jahre 1972 mit Vampire Circus (Circus der Vampire) und Dracula A.D. 1972 (Dracula jagt Mini-Mädchen) gleich zwei neue Vampirstreifen in die Kinos brachte.

    Der überwiegende Teil des Publikums hatte genug von den klassischen Schreckgestalten; Graf Dracula, Baron Frankenstein (und dessen Kreatur), die Mumie und wie sie alle heißen, sie wurden verdrängt von einer neuen Art von Horror. Einer realistischeren, grimmigeren, garstigeren Art von Horror. Im selben Jahr wie Tower of Evil schuf Alfred Hitchcock Frenzy, präsentierte Pete Walker The Flesh and Blood Show (Im Rampenlicht des Bösen) und drehte Gary Sherman Death Line (Tunnel der lebenden Leichen). Dagegen kamen Vampire nicht an, und die goldene Ära der Hammer Films war damit Geschichte. Tower of Evil ist beileibe nicht der beste britische Schocker des Jahres, aber Regisseur Jim O'Connolly (The Valley of Gwangi), der George Baxts ersten Drehbuchentwurf komplett umschrieb, gelangen einige erstaunlich effektive Momente puren Horrors. Die Eröffnungsszene, beginnend mit einer ungeheuer stimmungsvollen Luftaufnahme des Leuchtturm(modell)s, der unheildräuend aus dem nebelverhangenen Felsboden der Insel emporwächst, ist großartig. Die nächsten Minuten, in welchen zwei Männer die Insel erkunden und unter anderem über die Leichen der Touristen stolpern, sind ebenso toll. Gekrönt wird diese so unheimliche wie grausige Einleitung mit zwei ganz famosen Schocksequenzen, die einen auch heute noch unwillkürlich zusammenzucken lassen.

    Leider erreicht Tower of Evil das Niveau dieses furiosen Beginns in weiterer Folge nur noch ein einziges Mal, und zwar als Penelopes Schilderung der Ereignisse im Rahmen einer psychedelischen Hypnotherapie den Höhepunkt erreicht. Da knallt uns O'Connolly gekonnt eine dermaßen effektiv zusammengeschnittene Szenencollage des Gemetzels vor den Latz, daß man völlig baff ist und nur anerkennend staunen kann. Diese paar wuchtigen Sekunden schaffen es eindringlich, das Grauen, dem Penelope ausgesetzt war, fühlbar zu machen. Da wundert man sich dann auch nicht mehr, wieso sie den Verstand verloren hat. Der Rest des Filmes steht dann völlig im Schatten dieser fulminanten Sequenz. Das soll jetzt nicht heißen, daß die zweite Hälfte des Streifens schlecht wäre, aber man hat irgendwie das Gefühl, daß die Luft etwas raus ist, zumal nach diesem Höhepunkt für einige Zeit kaum etwas von Belang passiert. Ein klarer Fall von zu früh verschossenem Pulver. Aufgrund der nicht uninteressanten Figurenkonstellation, der erstklassigen (Studio-)Location, den guten Schauspielern und des bis kurz vor Ende nicht völlig gelüfteten Mystery-Elements bleibt man als Zuschauer gerne dran, nicht zuletzt, weil die Geschichte mit diversen gefälligen Exploitationzutaten wie nackte Haut, recht blutige Morde und makabre Nahaufnahmen (etwa einer schleimigen, verfaulenden Leiche) gewürzt ist.

    Wie Mario Bavas im Jahr zuvor entstandener Reazione a catena (Im Blutrausch des Satans) nimmt auch Tower of Evil vieles von dem vorweg, was im populären Genre des Slasherfilms, welches nach Halloween (1978) und Friday the 13th (1980) erst so richtig zu voller Blüte reifte, zum Standard zählen wird. Ein begrenzter Schauplatz, ein irrer Killer, kreative und blutige Mordtableaus, weibliche Brüste, ein Final Girl, das es mit dem Scheusal aufnehmen muß... das alles wird hier schon recht ansprechend in Szene gesetzt. Selbst die in Filmen dieser Art fast schon allgemeingültige Regel "Sex bedeutet Tod" wird hier bereits etabliert (freche Ansagen wie "What's a girl to do when her husband's away? Masturbation is so boring!" erhöhen die Lebenserwartung der Frau, welche diesen Spruch losläßt, nicht unbedingt). Positiv hervorzuheben ist die Idee mit den phönizischen Artefakten respektive dem Altar zu Ehren des Fruchtbarkeitsgottes Baal, welche das unheimliche Flair, das Snape Island umgibt, noch ein wenig verstärkt. Auch in Punkto unheilschwangerer Atmosphäre kann Tower of Evil überzeugen; man spürt quasi das Verderben, das über die Besucher hereinbrechen wird, lange bevor es soweit ist. Die reichlich angestaubten Make-Up- und Gore-Effekte sind okay (ein Glück, daß Desmond Dickinsons Kamera nicht zu lange draufhält), und auch Kenneth V. Jones' Score ist recht ordentlich geraten.

    Und ordentlich ist auch das passende Wort für den Film. Tower of Evil ist gute, kurzweilige Horrorkost mit so manchem denkwürdigen Moment. Schade ist nur, daß der Film ab etwa der Mitte die sichere und konventionellere Route wählt und viel zu früh zum Höhepunkt kommt. Das gelungene Finale entschädigt dann jedoch wieder für dieses Malheur sowie für den einen oder anderen Durchhänger.

    PS: Egal, wie intensiv man sucht, aber man wird in Tower of Evil trotz der deutschen Titel Turm der lebenden Leichen bzw. Devil's Tower - Der Schreckensturm der Zombies keine lebenden Toten finden.

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  12. #412
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    Baobhan Sith
    Großbritannien 2017 - Written, Produced, Edited & Directed by David William Hutchison



    Das Wichtigste zuerst. Baobhan Sith, der Titel (und die Hauptfigur) des Filmes, wird wie folgt ausgesprochen: baa'-van shie. Wer hätte das gedacht (Schotten ausgenommen)? Die Baobhan Sith ist eine weibliche Abart der Vampire aus der schottischen Mythologie und Sagenwelt. Die bösartige, meist in Waldgegenden anzutreffende Elfe ernährt sich von Blut, welches sie bevorzugt jungen, durchs Land reisenden Männern abzapft. Dabei öffnet sie die Hälse mit ihren scharfen Krallen, da sie keine spitzen Eckzähne besitzt. Aufgrund der hellen Farbe ihrer Bekleidung, entweder weiß oder grün, ist sie auch als "White Fairy" bzw. "White Woman of the Scottish Highlands" bekannt. Wie ihre Artverwandten scheut sie das Sonnenlicht. Filmemacher David William Hutchison griff nun diese Sagengestalt auf und verhalf ihr zu Leinwandehren (sein Film lief bzw. läuft auf diversen Festivals). Baobhan Sith ist Hutchisons Baby. Er schrieb das Drehbuch, führte Regie, produzierte und schnitt den Film, und arbeitete darüber hinaus noch beim Set Design und an den Spezialeffekten mit. Leider streift Hutchison diese durchaus faszinierende Mythologie nur oberflächlich und nutzt sie bloß als Vorwand für eine immerhin recht unterhaltsame und angenehm exzentrische Horrorkomödie.

    Der schräge Plot dreht sich um die Dokumentarfilmerin Senga Sutherland (Janet de Vigne), die zusammen mit ihrer Tochter Freya (Larah Bross) auf eine kleine schottische Insel gelockt wird, wo angeblich eine äußerst seltene Pflanze namens "Bog Bloater" wächst. Das ist zwar nicht gelogen, aber der wahre Grund, weshalb sie wirklich auf der Insel benötigt wird, wurde ihr vom Gutsherrn Jeremiah Clate (Greg Drysdale) verheimlicht. Dessen Frau Belinda (Joanna Kaczynska) wurde nämlich aufgrund eines Fluches, der seit langem auf dem Geschlecht der Clates lastet, in eine Baobhan Sith verwandelt und wird von Jeremiah im Haus gefangen gehalten. Mit durchwachsenem Erfolg, liegt ihre Opferzahl inzwischen doch weit jenseits der Fünfzig. Allerdings sind Jeremiah und sein Sohn Ivor (Daniel Campbell) auf eine Möglichkeit gestoßen, wie man den Fluch brechen kann. Es geht im Prinzip darum, einen bereits begonnenen, amateurhaften Horrorstreifen fertig zu stellen, der eine ganz bestimmte Szene enthalten muß. Wenn ebendiese Szene dann noch von gewissen Leuten gesehen wird, sollte sich alles wieder zum Guten wenden. Also machen sich Senga und Freya an die Arbeit, dürfen sie die Insel doch erst wieder verlassen, wenn ihre Aufgabe erledigt ist.

    Beim Schreiben des Drehbuchs ließ sich Hutchison ein klein wenig von der wahren Geschichte des südkoreanischen Regisseurs Shin Sang-ok und dessen Ex-Frau Choi Eun-hee inspirieren, die 1978 nach Nordkorea verschleppt wurden, um für Kim Jong-il Filme zu drehen (der bekannteste davon ist zweifellos der Godzilla-Klon Pulgasari). Diese Grundidee vermengte er dann mit der schottischen Mythologie, reicherte sie großzügig mit Humor an und kurbelte den Film dann über einen Zeitraum von drei Jahren für weniger als zehntausend Pfund on location in Assynt, Fife, Edinburgh und East Lothian runter. Filmemachen ist Hutchisons Leidenschaft, welcher er neben seinem regulären Beruf nachgeht, weshalb man Baobhan Sith eigentlich als Amateurfilm klassifizieren müßte. Das "Problem" ist nur: Der Streifen ist viel zu gut gemacht und wirkt nur in einigen wenigen Momenten amateurhaft. Klar springt dem Zuschauer das kaum vorhandene Budget bisweilen schmerzhaft ins Auge, aber dieser negative Aspekt wird abgefedert, weil Hutchison sein Handwerk durchaus versteht. Ja, der Mann hat Talent, und dieses Talent blitzt im Film immer mal wieder auf. Insbesondere die Verquickung von Horror und Humor funktioniert erstaunlich gut und sorgt für so manchen Schmunzler. Aber auch die unkonventionelle Musikauswahl gefällt.

    Weitere Pluspunkte gibt es für die ungewöhnlichen Schauplätze, an denen sich die Story entfaltet. Die schroffe Küstenlandschaft, die mysteriösen Menhire, die alten, pittoresken Gebäude, das sind eindrucksvolle Schauwerte, die den Film gehörig aufwerten. Und wenn man ein Herz für preisgünstig produzierte B-Movies hat, sollte man auch an den drolligen Spezialeffekten Gefallen finden. So verwandeln sich die nett geschminkten Baobhan Siths nach ihrem Tod in schwarze, schattenhafte Rauchwölkchen, die rasch verwehen. Ein besessenes Hühnchen (welches mit einem Vibrator bekämpft wird) sowie ein klein wenig Gore runden den kurzweiligen Spaß ab. Erwähnenswert ist noch, daß der Film-im-Film aufgrund seiner unbekümmerten Beklopptheit die Lachmuskeln reizt, nicht zuletzt dank der schrägen Maske des Monsters, die wohl nicht mal Kleinkinder erschrecken dürfte. Und die Figuren sind allesamt ziemlich kauzig; die haben alle einen leichten Knacks weg. Baobhan Sith ist eine amüsante, ambitionierte und recht originelle Horrorkomödie, der man die Leidenschaft, mit welcher die Macher zu Werke gegangen sind, jederzeit ansieht. Und doch wünscht man sich, Hutchison wäre tiefer in die Mythologie eingetaucht, wäre mutig eigene Wege gegangen und hätte die im Drehbuch steckenden Ideen besser ausgearbeitet. Das Ergebnis mag zwar mehr als zufriedenstellend sein, aber da wäre so einiges mehr drinnen gewesen.

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  13. #413
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    Prevenge
    Großbritannien 2016 - Written & Directed by Alice Lowe



    Die hochschwangere Frau schreitet Richtung Tierfachgeschäft und betritt entschlossen den Verkaufsraum. Sie hat kaum Zeit sich umzusehen, schon steht der Besitzer des auf exotische Tiere spezialisierten Ladens vor ihr, um ihr behilflich zu sein. Sie suche etwas "Spezielles" für ihren achtjährigen Sohn, sagt sie nach ein wenig belangloser Konversation, während ihre Blicke über die zahlreichen Spinnen, Echsen und Schlangen streifen, die in ihren Terrarien stolz zur Schau gestellt sind. Der etwas gruselige Inhaber (da soll nochmal jemand sagen, Tiere färben nicht auf ihr Herrchen bzw. Frauchen ab) ist überzeugt, daß sie hier das Passende finden wird. Als er sich hinabbeugt, um eine prächtige Vogelspinne aus ihrem Terrarium zu holen, ist die Zeit zum Handeln gekommen. Die Frau holt ihr scharfes, verborgen gehaltenes Messer hervor, tritt hinter den nichtsahnenden Mann und schneidet ihm mit einem einzigen tiefen Schnitt die Gurgel durch. Nachdem sie emotionslos zugesehen hat, wie der Mann auf dem Boden sein Leben aushaucht, verläßt sie den exotischen Tierladen wieder und spaziert ruhig davon.

    Geburtshelferin: "And at the end of the day you've got this force of nature now inside you. Baby knows what to do. Baby will tell you what to do."
    Ruth: "I think she already does."


    Die hochschwangere Frau heißt Ruth (Alice Lowe), und sie befindet sich auf einem unbarmherzigen Rachefeldzug. So weit, so gut. Das Besondere daran ist jedoch, daß es gar nicht sie selbst ist, die einige bestimmte Menschen tot sehen will, sondern es ist ihr ungeborenes Baby, welches sie zu den Missetaten anstachelt. Jawohl, der Fötus spricht regelmäßig zu ihr, und er liefert Ruth gute Argumente, daß sie seinen Anweisungen besser Folge leisten sollte. Prevenge ist das "Baby" von Alice Lowe (Co-Autorin und Co-Star der schwarzhumorigen Groteske Sightseers), die sich aufgrund akuten Arbeitsmangels während ihrer Schwangerschaft mal eben ein Drehbuch auf den Leib geschrieben hat und dieses anschließend sogar selbst verfilmte. Der voluminöse Babybauch der Protagonistin (bzw. Antagonistin) ist somit kein Spezialeffekt, sondern echt; Lowe war bei den Dreharbeiten im siebten Monat schwanger. Das verleiht dem Film natürlich eine gewisse Authentizität und macht die auf den ersten Blick absurd erscheinende Handlung etwas glaubwürdiger, zumal man als Zuschauer Ruths Situation nach und nach zu hinterfragen beginnt.

    Kann es sein, daß Ruth eine Schraube locker hat und sich das ständige Geplapper des Babys bloß einbildet? Schließlich ist ihre Geburtshelferin (Jo Hartley, Inbred) überzeugt davon, daß mit dem Fötus alles in bester Ordnung ist. Und ein ungeborenes Baby, das auf Rache aus ist, ist nun wirklich nicht alltäglich, selbst wenn es seinen Daddy unter mysteriösen Umständen verloren hat. Aber egal ob real oder nicht, die Wortspenden des (von Lowe mit verstellter Baby-Stimme gesprochenen) Ungeborenen - manchmal surreal, manchmal staubtrocken - sind ein Genuß. Beispiele gefällig?

    "Remember who's the mastermind. You wouldn't have done it without me! Would you? Would you?"
    "You can't shake me. I'm fury. I'm in you."
    "People think babies are sweet. But I’m bitter."
    "Loneliness, it's the worst. But, luckily, you'll never be alone because you've got me. Isn't that great?"


    Und Alice Lowe bringt diese ungewöhnliche Kommunikation mit ihrer eigenwilligen Mimik perfekt rüber. Überhaupt sind die Dialoge so scharf, spritzig und pointiert, daß man Prevenge seine simple Struktur gerne verzeiht. Im Prinzip besteht der gesamte Streifen aus nicht viel mehr als Ruth, die gewisse Menschen aufspürt, sich an sie heranmacht und sie dann eiskalt ins Jenseits schickt, unterbrochen nur von den Besuchen bei ihrer Geburtshelferin, mit der sie ihre Schwangerschaft inklusive des ganzen Drumherums bespricht. Abwechslung ist also nicht die große Stärke des Films.

    Aber langweilig wird es trotzdem nie, weil die Hauptfigur interessant und vielschichtig ist und weil die diversen Murder-Set-Pieces geschickt aufgebaut sind und jeweils mit einem äußerst befriedigenden Payoff ausklingen. Die Mordtableaus mögen kurzgehalten sein, aber sie kommen wuchtig, eruptiv und ziemlich blutig daher. Die handgemachten Spezialeffekte überzeugen ebenso wie die (teils bekannten) Schauspieler in den Opferrollen, welche allesamt unterschiedlich gezeichnet sind, weshalb die Gefühle des Zuschauers zu Ruth immer ambivalenter werden. Ist man anfangs noch klar auf ihrer Seite, so ändert sich dieser Umstand im Laufe des Filmes so sehr, daß man regelrecht hin- und hergerissen ist. Einerseits drückt man ihr die Daumen, andererseits hofft man, sie würde endlich mit der Vergangenheit abschließen und mit dem Morden aufhören, bevor sie noch erwischt wird. Man steckt in einem Dilemma, und dieses Dilemma wird nicht kleiner, wenn man über die mögliche Doppelbödigkeit der Handlung sinniert. Dann nämlich ist ein vermeintlicher Logikfehler gar keiner mehr, und man sieht das Geschehen plötzlich in einem gänzlich anderen Licht.

    Prevenge entstand überwiegend on location in London, Cardiff und Pembrokeshire. Auch wenn das Budget offensichtlich knapp und der Film nach ganzen elf Drehtagen bereits im Kasten war, kann sich das Ergebnis mehr als nur sehen lassen. Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster und behaupte einfach, daß der Streifen in zwanzig, dreißig Jahren als Klassiker der 2010er-Jahre gehandelt werden wird. Warum? Nun, Prevenge punktet sowohl mit einer faszinierenden Hauptdarstellerin als auch mit einem erfrischend anderen Blick auf das Wunder der Schwangerschaft, der so gar nicht dem entspricht, was wir sonst üblicherweise (meist von Männern) vorgesetzt bekommen. Der Film ist toll besetzt (u. a. mit Gemma Whelan (The Wolfman) und Kate Dickie (Prometheus)), bietet gut skizzierte, plastische Figuren und beeindruckt mit einer gewagten Balance zwischen Horror, (pechschwarzer) Komödie und Drama. Darüber hinaus ist Prevenge erstklassig photographiert und geschnitten, und auch der (treibende) Elektronik-Score von Pablo Clements, James Griffith und Toydrum paßt zu den Bildern wie die Faust aufs Auge.

    Dies alles verleiht dem Film nicht nur eine gewisse Einzigartigkeit, sondern auch ein eigentümliches, schwer in Worte zu fassendes Flair sowie eine sanfte, schleichende Eindringlichkeit, die dafür sorgt, daß sich Prevenge tief im Gedächtnis festsetzt und die Gedanken noch einige Zeit auf Trab hält. Große Klasse!

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  14. #414
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    Killer Workout
    (Aerobi-cide / Aerobicide / Aerobic Killer)

    USA 1987 - Written & Directed by David A. Prior



    Es gibt viele Dinge, die untrennbar mit den 1980er-Jahren verbunden sind. Der Zauberwürfel (den ich nie lösen konnte), die Fernsehserie Alf (von der ich alle Folgen gesehen habe), die Vokuhila-Frisur (die meinen Kopf glücklicherweise nie heimgesucht hat), Songs wie 99 Luftballons, Eye of the Tiger, Born in the U.S.A. oder The Final Countdown (die bei mir rauf und runter gelaufen sind), die Bontempi-Heimorgel (auf der ich die folgenden zwei, drei Jahre zu Weihnachten Stille Nacht, heilige Nacht gespielt habe), und Kaugummizigaretten (die einzigen Tschicks, die ich regelmäßig "geraucht" habe), um nur einige zu nennen. Aber das alles verblaßt gegen das rhythmische Fitnesstrainings-Phänomen namens Aerobic. Daran kam man einfach nicht vorbei. "Er robict, sie robict, und du robicst jetzt a" sang Austropopper Rainhard Fendrich, während die amerikanische Schauspielerin Jane Fonda zur Vorturnerin vieler Nationen avancierte (und damit, ganz nebenbei, ein Vermögen scheffelte). Aerobic war in, so was von in. Insofern ist es verwunderlich, daß die Aerobic-Hysterie nie so richtig ins Filmgeschäft überschwappen konnte. Zwar gibt es unzählige Videos, in denen sich hübsche, junge, durchtrainierte Frauen zu rhythmischer Musik die Körperteile verrenken (mit dem Ziel, daß man zu Hause nicht nur blöd glotzend auf der Couch hockt, sondern ihren Beispielen so gut es geht folgt), und es gibt genug Filme, in die man die eine oder andere Aerobic-Szene integriert hat, aber als zentrales Thema kommt dieser schweißtreibende Trend meines Wissens nur äußerst selten bis gar nicht vor.

    Auch in David A. Priors Killer Workout - in einigen Ländern passenderweise unter den Titeln Aerobicide bzw. Aerobic Killer bekannt - steht Aerobic nicht wirklich im Zentrum, allerdings ist es dermaßen präsent, daß man nahezu unablässig damit konfrontiert wird. Der Grund ist einfach. In einer angesagten Fitnessbude in Los Angeles, geleitet von Rhonda Johnson (Marcia Karr, Savage Streets), wird aerobict, daß sich die Balken biegen. Tag und Nacht, rund um die Uhr, scheinen die Damen ihre Bodies zu shaken, sodaß es sich anfühlt, als wäre etwa ein Viertel des Streifens mit Aerobic-Übungen vollgestopft. Für die einen mag das die Hölle sein, für die anderen ist es das Paradies. Heiße Chicks in hautengen, farbenprächtigen Spandex-Outfits, ausgestattet mit Schweißbändern und Legwarmers, lassen gut gelaunt ihre Becken kreisen und fröhlich ihre Titten wippen, daß es nur so eine Wonne ist. Strahlende Gesichter, schweißglänzende Schenkel, blitzende Augen, naturbelassene Brüste, feuchtschimmernde Lippen, sich im Takt bewegende Arme, wallende Haarmähnen, weit gespreizte Beine, auffälliger Ohrschmuck, knackige Ärsche, yeah, baby, yeah! Und es wird noch besser! Jede Menge schmissiger Popsongs mit Titeln wie Woman on Fire, Rock n' Rock, Animal Workout und der Über-Ohrwurm Knockout (Textzeile: "She's a knockout, better look out, she'll take you out") liebkosen eifrig die Gehörgänge, während für den "normalen" Score von Todd Hayen ausgiebig der Synthesizer malträtiert wurde. Das ist die volle Dröhnung an purem 80s-Chic, das Nonplusultra.

    Auch auf die Gefahr hin, mich für den Rest meines Lebens als notgeiler Perversling abzustempeln... bei all den prallen Rundungen, die Director of Photography Peter Bonilla wie mit dem zärtlichen Geschick eines langjährigen Profi-Voyeurs einfängt, und all dem unwiderstehlichen, zeitgenössischen Drumherum (wie die Musik, die Mode, die Frisuren, die Autos, etc.) fällt es als nostalgisch veranlagter Genrefan ungemein schwer, nicht mit einer achtzigminütigen Dauererektion sabbernd vor der Glotze zu sitzen. Zumal es ja auch noch so etwas wie eine Geschichte gibt. Die ist zwar so dünn wie der Stoff, der bei einem süßen Mädel beinahe in der Poritze verschwindet, aber kümmert dieser Umstand den geneigten Zuschauer auch nur ein kleines bißchen? Ich denke nicht. In Rhondas Fitnessbude geht nämlich nicht Falcos Kommissar, sondern ein mysteriöser Killer um, der mit einer übergroßen XXL-Sicherheitsnadel schöne Menschen totsticht. Und wo es einen Mörder gibt, da gibt es auch einen Polizisten, der ihn fangen will. In diesem Fall ist das Detective Lieutenant "Ich habe meine Lachmuskeln chirurgisch entfernen lassen" Morgan (David Campbell, Scarecrows), ein harter, grimmiger Hund, der Wörter wie "Mitgefühl" oder "Einfühlvermögen" aus seinem Vokabular gestrichen hat. Auf Jaimys (Teresa Van der Woude) "she was so pretty" im Hinblick auf eine eben Verblichene erwidert er nur trocken: "Not anymore". Leider ist Morgan nicht nur ein ausgewachsener Kotzbrocken, sondern auch noch ein begnadeter Stümper der Extraklasse.

    Für die Dramaturgie des Filmes spielt dieses Detail jedoch keine Rolle. Aus dem einfachen Grund, weil es keine Dramaturgie gibt. Es gibt auch keine Spannung und keine Figurenzeichnung, und den Zuschauer interessiert es nicht die Bohne, wer der geheimnisvolle Mörder ist und ob er am Ende geschnappt und seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Und doch muß man vor Regisseur und Drehbuchautor David A. Prior den Hut ziehen. Er überläßt nämlich dem Rezipienten die endgültige Entscheidung darüber, was Killer Workout eigentlich ist, stellt ihn vor die Qual der Wahl. Handelt es sich bei dem Film um eine feinsinnige, hintergründige, urkomische Genreparodie, oder ist der Streifen einfach nur katastrophal vermurkster Trash? Ich tendiere stark zu letzterem, aber sicher bin ich mir keineswegs. Ist es wirklich möglich, solch hirnverbrannten Kokolores herunterzukurbeln, ohne daß einem dabei der Schalk im Nacken sitzt und unaufhörlich vor sich hin gluckst? Leider kann man diese Frage aller Fragen dem Mann, der Killer Workout geschaffen/verbrochen hat, nicht mehr stellen, hat er doch am 16. August 2015 die Bühne des Lebens verlassen. Seine Hinterlassenschaft ist sehr ansehnlich, zumindest für B-Movie-Fans. Sledgehammer (1983), Deadly Prey (Tödliche Beute, 1987), Mankillers (Death Squad, 1987), The Final Sanction (Final Sanction - Zum Töten gedrillt, 1990), Mutant Species (Bio-Force - Die Killer-Bestie aus dem Gen-Labor, 1994), Zombie Wars (War of the Living Dead, 2007) und Night Claws (Night Claws - Die Nacht der Bestie, 2012) stammen allesamt von ihm.

    In einer von unzähligen absurd-doofen Szenen (der ungekrönte König absurd-doofer Szenen ist natürlich, daß unbekümmert Aerobic betrieben wird, während Tag für Tag die Toten in Leichensäcken rausgeschleppt werden und daß es Morgan - wir erinnern uns: ein begnadeter Stümper der Extraklasse - nicht im Traum einfällt, das Gym einfach dichtzumachen) besprühen einige Halbstarke die Fenster des Studios mit den Wörtern "Aerobicide" und "Death Spa"... und werden vom Killer für diese Missetaten unverzüglich dahingemeuchelt. Lustigerweise entstand mit Michael Fischas Death Spa (Witch Bitch - Tod aus dem Jenseits) noch im selben Jahr ein ähnlich gelagerter Film, in dem ein Fitnesscenter Schauplatz mörderischer Aktivitäten wird. Zwar ist Death Spa der bessere Film (der weit, weit, weit bessere Film, um genau zu sein), aber in Punkto Unterhaltungswert schenken sich die beiden nichts, da hat sogar Killer Workout die triefende Schnapsnase vorne. Ja, dieser Streifen ist, man möge mir meinen überschwänglichen Enthusiasmus verzeihen, ein(e) Super-GAU(di) irrwitzigen Ausmaßes, an dem/der man sich einfach nicht sattsehen kann. Seien es die bescheuerten Dialoge, die dämlichen Aktivitäten, die grausig choreographierten Fights, die lächerlichen Fake-Scares, die dilettantischen Anschlußfehler, die reichlich sinnlose Aneinanderreihung der verschiedenen Szenen (in der vergeblichen Hoffnung, daß sie am Ende irgendwie eine Geschichte ergeben), der selbstzweckhafte Aerobic-Overkill, die extravagante Tatwaffe, die haarsträubende Auflösung... das alles ist so herrlich daneben, daß man ob des glücklich-dümmlichen Dauergrinsens einen veritablen Lachmuskelkater in Kauf nehmen muß.

    Nein, es ist mir nicht möglich, über dieses wunderbare Machwerk - dieses unverschämte Guilty Pleasure - auch nur eine halbwegs seriöse Kritik zu verfassen. Sorry. Dazu müßte man gegen diesen erbarmungslosen Frontalangriff von so gut wie allem, was die Achtziger ausmacht, allen voran des leckeren Aerobic-Wahnsinns und der scheußlich-geilen Popmusik, immun sein, und das bin ich (leider? gottlob?) nicht. In dieser Hinsicht liefert Killer Workout ab wie selten ein Genrefilm zuvor, deshalb sei es ihm auch verziehen, daß die schauspielerischen Darbietungen (darunter auch die von Ted Prior, des Regisseurs Bruder, als zwielichtiger Trainer) lachhaft sind, daß das Geschehen unmotiviert und völlig spannungslos dahindümpelt, und daß die Morde recht zurückhaltend und blutleer in Szene gesetzt worden sind. Es mag paradox klingen, aber Killer Workout ist einer der schlechtesten und einer der geilsten Slasherfilme, die je gedreht wurden. Gleichzeitig. Nach objektiven Qualitätskriterien filmischer Sondermüll einerseits, dank des exorbitant hohen Unterhaltungswertes jedoch auch eine unwiderstehliche wenn auch etwas spezielle Spaßgranate andererseits. Schlock vom Feinsten, unverzichtbar für nimmermüde Angler im trüben, scheinbar bodenlosen Bad-Movie-Tümpel. Und damit entpuppt sich Killer Workout als ein würdiger und nicht zu unterschätzender Konkurrent für Claudio Fragassos unsterblichen Troll 2 (1990), im Kampf um den Titel "Best Worst Movie".

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  15. #415
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    Dr. Black, Mr. Hyde
    (Das Monster von London / Decision for Doom / The Watts Monster / Dr. Black and Mr. Hyde / Dr. Black and Mr. White)

    USA 1976 - Directed by William Crain



    Dr. Henry Pride (Bernie Casey, Boxcar Bertha) ist ein ambitionierter Wissenschaftler, der besessen an einem Serum zur Heilung einer tückischen Leberkrankheit arbeitet. Grund für seine Obsession ist ein traumatisches Erlebnis in seiner Kindheit. Seine schwer leberkranke Mutter, die sich ihren Lebensunterhalt als Putzfrau in einem Bordell verdiente, starb nämlich eines Tages vor seinen Augen, ohne daß Henry ihr helfen konnte. Da die Prostituierten jeglichen Respekt vor der Verblichenen vermissen ließen, hegt der Arzt seitdem einen tiefen Groll gegen diese Berufsgruppe. Die große Ausnahme ist die ebenfalls im horizontalen Gewerbe arbeitende Linda Monte (Marie O'Henry, Human Experiments), die an einem Leberschaden leidet und vom Doktor im Watts-Krankenhaus, in dem er gemeinnützig tätig ist, behandelt wird. Zwar macht Henry Fortschritte bei der Entwicklung des Serums, doch ohne menschliche Versuchskaninchen kann er die Wirkung nicht testen. Und so spritzt er, obwohl seine Kollegin Dr. Billie Worth (Rosalind Cash, The Omega Man) strikt dagegen ist, das Serum heimlich einer alten, im Sterben liegenden Frau, die nach einem letzten, äußerst aggressiven Aufbäumen das Zeitliche segnet. Trotz dieses Rückschlags läßt sich der Arzt, der alles daransetzt, auch Linda für seine dubiosen Zwecke zu gewinnen, zu einem Selbstversuch hinreißen, mit fatalen Konsequenzen. Er verwandelt sich in den grobschlächtigen Mr. Hyde, der nachts durch die Straßen streift und seinem Haß auf Nutten freien Lauf läßt.

    Nachdem mit Blacula (1972), Scream Blacula Scream (1973), Blackenstein (1973) und Abby (1974) bereits einige klassische Horrorstoffe erfolgreich für ein schwarzes Publikum neu aufbereitet wurden, wagte sich Blacula-Regisseur William Crain nun mit ebendieser Absicht an Robert Louis Stevensons weltberühmte Erzählung Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde (Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde) aus dem Jahre 1886. Ein Glanzstück ist ihm mit diesem Streifen jedoch leider nicht gelungen; eher ist das Gegenteil der Fall. Trotz diverser durchaus netter Blaxploitation-Elemente plätschert das Geschehen weitgehend so öde wie träge dahin und schafft es zu keiner Zeit, das Interesse des Zuschauers zu entfachen. Es gibt jede Menge uninteressanten Leerlauf, das Szenario entfaltet sich so überraschungsarm wie spannungslos, Crains humorbefreiter Inszenierung mangelt es an Dynamik und Esprit, und zu allem Überdruß ist die Figurencharakterisierung auch noch dermaßen erbärmlich geraten, daß die der Geschichte innewohnende Tragik wirkungslos verpufft. Anstatt etwas für den getriebenen Wissenschaftler zu empfinden, hat man bestenfalls ein müdes Gähnen für ihn übrig, schlimmstenfalls nimmt man sein Gebaren als unfreiwillig komisch wahr. Dazu trägt in nicht geringem Maße sein Erscheinungsbild bei. Die ungesunde, gräuliche Hautfarbe, die nicht wirklich schicke Frisur, seine primitive Fresse... da hilft es auch nichts mehr, daß er bärenstark ist und seine Opfer mit spielerischer Leichtigkeit durch die Luft wirbelt.

    Im Gegensatz etwa zu Blacula, welcher der bekannten Geschichte einige neue Facetten abgewinnen konnte, wirkt Dr. Black, Mr. Hyde über weite Strecken erschreckend lust- und einfallslos. Zwar gibt es die eine oder andere Szene, die recht ansprechend umgesetzt wurde, aber der Großteil des Filmes ist eher lahm und lasch. Auch vermißt man meist die coole Blaxploitation-Stimmung, was seltsam ist, da der Streifen vieles von dem beinhaltet, was quasi zur Standardausrüstung dieser Filmgattung gehört. Wahrscheinlich ist er einfach zu schwach und lahmarschig inszeniert, als daß entsprechende Laune aufkommen könnte. In der besten Szene des Filmes killt Mr. Hyde eine Bordsteinschwalbe und deren Zuhälter. Erstere, indem er sie auf den Boden wirft und mit seinem Schlitten überrollt, letzteren, indem er ihn mittels Wagen gegen die Hauswand quetscht. Das sind übrigens auch die härtesten Momente von Dr. Black, Mr. Hyde, wobei es selbst hier nichts wirklich Blutiges zu sehen gibt. Die deftigen Gewaltspitzen diverser Blaxploitation-Klassiker fehlen hier jedenfalls völlig. Zum Ende hin wird aus heiterem Himmel noch King Kong zitiert, und spätestens da fragt man sich, welcher Teufel die Herren Lawrence Woolner (Idee), Larry LeBron (Drehbuch) und Crain (Regie) geritten haben mag.

    Nicht, daß man es irgendwie vermuten würde, aber hinter der Kamera waren zwei (zukünftige) Größen ihres Fachs tätig. Die bestenfalls zweckmäßige Bildgestaltung geht auf das Konto von Tak Fujimoto (The Silence of the Lambs), und für das schräge Hyde-Make-Up ("A cross between the Abominable Snowman and Willy the Werewolf", wie es ein Polizist so schön umschreibt) zeichnet der legendäre FX-Magier Stan Winston (1946 – 2008) verantwortlich. Daß man aus der netten Prämisse mit ihrem nur schwer zu übersehenden sozialkritischen Unterton (ein schwarzer, freundlicher Arzt verwandelt sich in ein abscheuliches, weißes Ungeheuer, das sich seine Opfer bevorzugt unter den schwarzen Bewohnern des Watts-Viertels sucht) nicht mehr herausgeholt hat, ist verschmerzbar. Unverzeihlich ist es jedoch, daß Crain seinen Film so dermaßen lustlos und dröge heruntergekurbelt hat, daß dabei sogar der Unterhaltungswert weitgehend auf der Strecke bleibt. Unterm Strich ist diese Blaxploitation-Variante des klassischen Jekyll/Hyde-Stoffes somit eine ziemlich enttäuschende und überaus zähe Angelegenheit, welche nur für beinharte Komplettisten einen Blick wert sein dürfte.

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  16. #416
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    Dead Pet
    USA 1999 - Written & Directed by Kevin Cotteleer



    Mit Billigproduktionen wie Mega Piranha, Battle of Los Angeles, Abraham Lincoln vs. Zombies, Atlantic Rim, Avengers Grimm und den Sharknado-Filmen hat sich die amerikanische Produktionsfirma The Asylum einen Namen gemacht. Mehr noch, The Asylum ist zu einer Marke geworden. Liest man den Namen in den Credits, so weiß man in der Regel, worauf man sich einläßt. Auf die Schnelle hingerotzte, CGI-lastige Genrefilme, die im Fahrwasser von Big-Budget-Hollywood-Produktionen schwimmen, um die Gunst der Stunde auszunutzen (Fachbegriff: Mockbuster), oder billig heruntergekurbelte, CGI-lastige Genrefilme, die verkrampft versuchen, immer neue Höhen an bizarrer Blödheit zu erklimmen, liebloser Trash um des Trashs willen, in der Hoffnung, auf diese simple Weise nicht nur viel Geld zu scheffeln, sondern auch Kultstatus bei den Fans zu erringen. Nicht zuletzt dank Sharknado ist die Rechnung aufgegangen. Doch das war nicht immer so. Es gab ein The Asylum vor dem The Asylum, wie wir es heute kennen, lieben oder hassen, bewundern oder verachten, fürchten oder belächeln, ignorieren oder... whatever. Ja, in den 1990er-Jahren war The Asylum noch eine mehr oder weniger ambitionierte Filmproduktions- und Vertriebsfirma. Keine durch die Lüfte wirbelnden Haie weit und breit, stattdessen - man mag es kaum glauben - gute, "normale", sympathische Filme.

    Einer davon ist Dead Pet, eine schräge Dramödie von und mit dem 1975 geborenen Kevin Cotteleer. Jake Thompson (Cotteleer) ist der Stolz von Suburbia. Der junge Mann ist ungemein beliebt, er ist einer der Besten im Harvard-Junior-College, seine Erfolgslaufbahn scheint vorprogrammiert. Doch als er in den Ferien zu seinen Eltern nach Hause kommt, nimmt das Drama seinen Lauf. Es beginnt damit, daß seine Eltern ihn vom Flughafen nicht abholen und er den weiten Weg zurück autostoppen muß. Damit nicht genug wird er gleich nach seiner Ankunft damit konfrontiert, daß Papa (Larry Dirk) und Mama (Daisy Mullen) sein Collegegeld und seine Wertsachen (zumindest die, die sich zu Geld machen ließen) in ihren geliebten Pudel Miko gesteckt haben. Die Töle hatte nämlich dringend eine komplizierte, nicht gerade billige Operation nötig, was Jake wie folgt kommentiert: "But what do my parents, who love me so much, what do they do? They spend my future, and my money, on a goddamned, piss-everywhere, blind, stinking, thirteen-year-old dog!" Dann geht es Schlag auf Schlag. Bei einer Party segnet der Köter unglücklicherweise das Zeitliche, was sich auch noch wie ein Lauffeuer verbreitet, sodaß Jake von der gesamten Nachbarschaft gehaßt wird. Seine Eltern sind untröstlich, er landet im Knast, mit Freundin April (Gina Doctor) läuft es auch nicht so tolle, und der neue Job als Vertreter von Qualitäts-Messer-Sets ist ein echter Alptraum!

    Dead Pet ist ein Schmunzelfilm. Zwar sind drei oder vier echte Brüller dabei, bei denen man ein lautes Lachen kaum unterdrücken kann, aber ansonsten sind die Geschichte und der Film so angelegt, daß zufriedenes, amüsiertes Schmunzeln angesagt ist. Jakes Wandlung von Everybody's Darling zum verhaßten Loser ist köstlich, wobei sich die Situation immer weiter verschlimmert. Jake scheint nichts mehr zu gelingen, alles läuft schief, das Pech klebt an ihm wie Hundescheiße an einer Schuhsohle. Cotteleer verzichtet dabei auf groteske Übertreibungen. Natürlich ist Jakes Leidensweg ein klein wenig überzeichnet, aber nie so weit, daß das Szenario unrealistisch wird. Es mag nicht allzu wahrscheinlich sein, daß einer Person all diese unguten Dinge zustoßen, aber es ist ganz bestimmt nicht unmöglich. Meist sind es sowieso kleine, harmlose Sachen, die sich zu ausgewachsenen Katastrophen hochschaukeln. Da findet Jake zum Beispiel auf der Straße einen Dollar, will damit ein Glückslos kaufen und scheitert an der Verkäuferin, die sich beharrlich weigert, ihm ohne gültiger ID eines zu geben. Der Schlagabtausch artet fast zu einer Rauferei aus, und Jake landet (mal wieder) hinter schwedischen Gardinen. Seine Freunde stehen zwar immer hinter ihm, aber positiv wirkt sich das eher selten aus, sind die doch allesamt Säufer, Kiffer und/oder Diebe. Daß einer der Kumpels z. B. eine Prügelei mit einem Clown anzettelt, dafür kann er nun wirklich nichts.

    Zu den Highlights des launigen, angenehm schrulligen Independent-Streifens zählen die Szenen rund um die Vertreterfirma Matador. Cotteleer scheint sich in dieser Branche bestens auszukennen, beweist ein gutes Auge für Absurditäten und zieht die fast schon sektenähnlich strukturierte Firma so gekonnt wie genüßlich durch den Kakao. Herrlich, wie unser Antiheld, der keinen Abschluß zustande bringt, einerseits gedemütigt, andererseits mit lächerlichen Slogans motiviert wird ("The phone is your friend!"). Daß Dead Pet funktioniert, liegt vor allem an der sympathischen Hauptfigur, mit der das Publikum mitleiden kann. Jake ist einfach ein netter Typ, der einzige Normale in einer immer chaotischer werdenden Welt. Es sind die schrägen Situationen, mit denen er konfrontiert wird, die diversen Charaktere, die fast alle gewisse Ticks und Spleens haben, sowie die spritzigen Dialoge, die Cotteleer den Figuren in den Mund legt, welche den Film so amüsant und kurzweilig machen. Da es sich bei Dead Pet um eine sehr billige Indie-Produktion handelt, muß man aus technischer und schauspielerischer Sicht einige Abstriche in Kauf nehmen. Das Budget des Filmes war wohl nur unwesentlich über dem Nullpunkt angesiedelt, und dieser Umstand ist auch nicht zu übersehen. Aber wie wir alle wissen gibt es gewisse Dinge, die man mit Geld nicht kaufen kann. Can't Buy Me Love sangen 1964 schon The Beatles. Ebenso wenig sind Leidenschaft, Herzblut und Talent mit Geld aufzuwiegen, wie Kevin Cotteleer mit Dead Pet einmal mehr beweist.

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    The Nest
    (Das Nest - Brutstätte des Grauens / Die Brutstätte des Grauens)

    USA 1988 - Directed by Terence H. Winkless



    Daß sich Kakerlaken rund um das kleine, beschauliche Inselstädtchen North Port vor der Küste New Englands wohlfühlen, ist von Beginn an offensichtlich; die widerlichen Kreaturen scheinen allgegenwärtig zu sein. Daß das Kakerlakenproblem jedoch derart bizarre Ausmaße annimmt und völlig außer Kontrolle gerät, überrascht dann doch ein wenig. Schließlich galten die genetischen Experimente, welche die Wissenschaftler des mächtigen Konzerns Intec Research & Development durchführten, als sicher und ungefährlich. Tja, schade, daß sich die listigen Schaben nicht daran hielten und ihre Evolution prompt in eine andere Richtung lenkten, wie die Intec-Angestellte Dr. Morgan Hubbard (Terri Treas, Alien Nation) sehr bald feststellt. Bürgermeister Elias Johnson (Robert Lansing, Empire of the Ants) hatte natürlich nur das Wohl der idyllischen Insel im Sinne, als er den lukrativen Deal ausgehandelt hat. Nun guckt er dumm aus der Wäsche, als sich die Zahl der Vermißten erhöht, abgenagte Tierkadaver gefunden werden und seltsam sirrende, klackende Geräusche zu hören sind. Trotzdem zögert er, rigorose Maßnahmen gegen die fleischfressende Bedrohung zu ergreifen; seinen beunruhigten Sheriff Richard Tarbell (Franc Luz, Ghost Town) pfeift er unwirsch zurück, und selbst seiner eben zu ihm zurückgekehrten Tochter Elizabeth (Lisa Langlois, Class of 1984) verschweigt er die Gefahr, in der sie alle schweben. Die ist sogar größer, als er es sich in seinen schlimmsten Alpträumen ausmalen könnte. Denn die Kakerlaken mutieren...

    Im Jahr 1988 durften sich gleich zwei Filme berechtigte Hoffnungen darauf machen, die beliebte Kategorie "blutigster und ekligster Tierhorrorfilm des Jahres" für sich zu entscheiden: Juan Piquer Simóns Slugs, muerte viscosa (Slugs) sowie Terence H. Winkless' The Nest (Das Nest - Brutstätte des Grauens). Welches Werk bei diesem Duell letztendlich als Sieger hervorgeht, ist Geschmackssache und liegt im Ermessen des jeweiligen Rezipienten. Die beiden Streifen schenken sich jedenfalls nichts. Für The Nest sammelte man eifrig Kakerlaken von den Straßen, um sie dann effektvoll vor der Kamera zu platzieren und wild umherkrabbeln zu lassen. Zahlreiche Schaben nutzten da natürlich die sich bietende Gelegenheit, ihren Häschern zu entkommen und sich abzusetzen, weshalb es im Studio, in dem der Film zum Teil gedreht wurde, in den nächsten Jahren Probleme mit den kleinen Rackern gab. Im Film werden die Viecher gut eingesetzt. Erst eine Kakerlake hier, dann eine da, und schließlich wuseln sie hektisch übereinander bzw. um und über ihre bedauernswerten Opfer. Der Clou bei The Nest ist, daß er sich nicht nur darauf beschränkt, die ekelhaften Kreaturen auf Menschen und Tiere zu hetzen (in einer bemerkenswert fiesen Sequenz läßt Frau Doktor die Killer auf ein kleines, süßes Kätzchen los!), sondern daß es zu grotesken Mutationen bei Mensch und Tier kommt. Die Kakerlaken können sich nämlich in das "verwandeln", was sie fressen. Nur daß diese Mimikry nicht sonderlich überzeugend gelingt.

    Bei den Mutationsszenen ließen die SFX-Leute ihre Phantasie spielen und bastelten wunderbar absurde Kreaturen, die von der Machart her stark an die Monster aus Filmen wie The Resurrected oder The Fly erinnern. Die Transformationssequenz von Mensch zu Kakerlakmutant ist beeindruckend und begeistert mit dem einen oder anderen drastischen Moment; das aus der Höhle flutschende Auge ist z. B. ein echter Hingucker! Bei der Gestaltung der Queen hat man dann leider etwas über die Stränge geschlagen, sodaß dieses groteske Biest eher die Lachmuskeln strapaziert als daß es für Grauen sorgt, aber an den beiden anderen Wesen gibt es kaum etwas auszusetzen. Das ist tolle Old-School-Low-Budget-SFX-Kunst, lange vor dem Zeitalter der Computer Generated Images. Eine Handvoll saftiger Goreszenen, der eine oder andere perfide Einfall sowie ein paar gut getimte Schockmomente runden den Streifen adäquat ab, sodaß Freunde von klassisch strukturierten, blutigen Tierhorrorschockern gut bedient werden. Inhaltlich gibt es kaum Überraschungen. Die Figuren, wie der aufrechte Sheriff, der hinterhältige Bürgermeister, die verrückte Wissenschaftlerin oder der kauzige Kammerjäger, sind allesamt Stereotypen, mit denen man nicht wirklich mitfiebern kann. Selbst Lisa Langlois bleibt leider blaß; da hat sie in Les liens de sang (Blutsverwandte), Class of 1984 (Die Klasse von 1984) oder Deadly Eyes (Night Eyes) wesentlich mehr Eindruck hinterlassen. Vielleicht lag es am unerfreulichen Dreh der (Julie) Corman-Produktion, daß sie nicht zur Höchstform aufgelaufen ist. (*)

    Das größte Problem von The Nest (welcher übrigens auf einem Buch von Eli Cantor basiert) sind allerdings die sonderbaren Humoreinschübe, auf die Terence H. Winkless (Rage and Honor) meinte, nicht verzichten zu können. Mit den schrägen Figuren, allen voran Kammerjäger Homer (Stephen Davies), komme ich ja noch klar, weil die das Geschehen auf witzige Weise auflockern, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Aber die Café-Szene geht gar nicht. In dieser reichlich deplatzierten, die vorherrschende Stimmung völlig zerstörenden Sequenz erklingt plötzlich der bekannte Song La Cucaracha (gesungen von Regisseur Winkless selbst), während Kellnerin Lillian (Nancy Morgan) zig Kakerlaken auf mannigfaltige Weise ins Jenseits befördert. Bei dieser verkrampft auf witzig getrimmten Szene, die bestenfalls für einen Lacher gut ist, wähnt man sich auf einmal in einem anderen Film, so sehr beißt sie sich mit dem Rest des Streifens. Um The Nest in Punkto Action etwas aufzupeppen, ohne das Budget zu belasten, griff man kurzerhand auf Stock Footage von Humanoids from the Deep (Das Grauen aus der Tiefe, 1980) zurück. Die Kameraarbeit bewegt sich auf ebenso solidem Niveau wie die diversen Sets (sehr schön: das Nest in einer Höhle, mit einigen von der Decke hängenden Eiern); lediglich Rick Conrads musikalische Untermalung ist so schwach, daß man sie schon wieder vergißt, während man sie noch hört. Immerhin stört sie nicht. Läßt man also die paar negativen Aspekte außer Acht, so bekommt man mit The Nest ein flottes und überaus unterhaltsames Tierhorrorhäppchen serviert, das Fans von Creature Features der etwas blutigeren bzw. ekligeren Art bestens munden sollte.


    (*) Im Interview The Beauty and the Beasts mit der Website The Terror Trap spricht Lisa Langlois von "a VERY unpleasant experience" in Bezug auf den Dreh. Weiters berichtet Langlois, die für The Nest die Hauptrolle in The Fly II (1989) sausen ließ, daß man alles versuchte, um bei der Duschszene ihre Brüste auf Zelluloid zu bannen, obwohl ihr im Vertrag zugesichert wurde, daß sie einen Bodysuit zur Verfügung gestellt bekäme. Von dem war am Set natürlich weit und breit nichts zu sehen. Also tapte sich Langlois kurzerhand ihre Nippel, bevor sie in die Dusche stieg, um zu verhindern, daß ihre Brüste im Film landeten. Frau muß sich nur zu helfen wissen. Den Produzenten und deren Speichelleckern gefiel das gar nicht; sie bezeichneten die Aktrice als "schwierig" und machten ihr am Set fortan das Leben schwer.

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  18. #418
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    SnakeHead Swamp
    USA 2014 - Directed by Don E. FauntLeRoy



    Der Voodoo-Priester William Boudreaux (Antonio Fargas) spürt es sofort. Es ist wieder etwas passiert, und natürlich hat seine vor vielen Jahren ermordete, rachsüchtige Vorfahrin Marguerite Boudreaux ihre geisterhaften Finger im Spiel. Was ist geschehen? Ein Truck mit einer Ladung genetisch veränderter Schlangenkopffische kam von der Straße ab, und die hungrigen Viecher packten die Gelegenheit beim Schopf und türmten ins Blackbriar-Sumpfgebiet, sehr zum Leidwesen einiger Teenager, die in der Nähe eine (lahme) Party feiern. Die süße Ashley (Ayla Kell) hat ihren deprimierten Freund Chris (Dave Davis) nämlich zum Aufmuntern aufs Boot ihres Liebhabers Ian (Ross Britz) eingeladen, der eigentlich auf Ashleys Freundin Sam (Melissa Cordero) scharf ist, nebenbei aber auch die zwar minderjährige aber dafür erstaunlich großbusige Kerri (Sloane Coe) anbaggert. Während die Killerfische damit beginnen, das etwas komplizierte Beziehungsgeflecht aufzulösen, versucht Park-Ranger Carley (Terri Garber), das Schlimmste zu verhindern.

    Von den drei für den SyFy Channel produzierten Snakehead-Filmen (die anderen beiden sind Snakehead Terror und Frankenfish) ist SnakeHead Swamp leider der Schlechteste, mit Respektabstand. Zwar ist der Streifen immer noch bedeutend besser als die ähnlich gelagerten Möchtegern-Kult-Auswürfe der Billig-Trash-Schmiede The Asylum, aber da das nun wahrlich keine große Kunst ist, sollte man diese Aussage bitte nicht als Empfehlung für den Film mißverstehen, obwohl mit Don E. FauntLeRoy ein durchaus erfahrener Mann am Regiestuhl saß (auf seine Kappe gehen unter anderem Anaconda 3 und Anacondas: Trail of Blood). Und so läuft das Geschehen, bis auf ein paar kleine Ausnahmen, mehr oder weniger nach Schema F ab. Diverse blasse, uninteressante Figuren enden als Fischfutter im mit vielen scharfen Zähnchen bestückten Maul der mies getricksten Computerfische, und den Zuschauer kümmert das alles kein bißchen, da ihm die Charaktere im Grunde schnurzpiepegal sind. Darüber hinaus macht die ganze Chose einen eher lustlosen Eindruck; so etwas Ähnliches hat man anderweitig schon oft gesehen, meist besser, dynamischer, blutiger und/oder kurzweiliger. Immerhin zieht FauntLeRoy sein wenig originelles Tierhorrorprogramm recht straight durch, verzichtet sowohl auf ironische Brechungen als auch auf bewußt trashig gestaltete Set-Pieces. Leider scheitern seine verzweifelten Versuche, Spannung und Dramatik zu erzeugen, kläglich, besonders in den diversen, von Drehbuchautor Greg Mitchell einfallslos konstruierten "Beziehungsszenen", die im besten Falle mäßiges Seifenopernniveau erreichen.

    Glücklicherweise gibt es nicht nur Negatives über SnakeHead Swamp zu berichten. Sehr schön sind zum Beispiel die Sumpflandschaften von Louisiana, mit ihrer üppigen Vegetation und ihren uralten, riesigen Bäumen. Ayla Kell ist eine süße Schnecke und hübsch anzusehen, während Ross Britz als Ian gute Chancen hat, zum Filmarschloch des Jahres gekürt zu werden. Der Bursche zieht wirklich alle Register, markiert ständig den starken Mann, prügelt sich grundlos mit Chris, gibt unaufhörlich dumme Kommentare zum Besten, versucht gegen Ende ein Boot zu klauen, läßt seine Kumpane im Stich (er schreckt nicht mal davor zurück, ihnen wenn nötig einen Schubs in die richtige Richtung zu geben, um ihrem unabwendbaren Schicksal als Fischfutter etwas nachzuhelfen), und er fischt sogar mit Dynamit. Dynamit! Der Typ hat echt keine Skrupel. Die obligatorischen POV-Sequenzen aus Sicht der Snakeheads mit Fischaugenlinse dürfen natürlich ebenso wenig fehlen wie zwei kauzige Rednecks sowie der große Showdown mit einem extragroßen Schlangenkopffisch (*). Die Idee, den dünnen Plot mit etwas Voodoo-Mumbo-Jumbo aufzufrischen, ist nicht so schlecht, allerdings langen diese Bemühungen dank der Inkonsequenz von Autor bzw. Regisseur lediglich als belangloses, schmückendes Beiwerk. Am Ende darf noch kurz die Air Force ran, deren Piloten sogar bei Kampfeinsätzen stolz ein, zwei sinnfreie Kunstflugmanöver einstreuen. SnakeHead Swamp ist klischeehaftes, wenig aufregendes und ziemlich lahmes Tierhorror-Fast-Food ohne Charme und ohne Leidenschaft, welches höchstens die anspruchslosesten Genre-Gourmands zufrieden stellt.

    (*) Dieser hat allerdings massive Beißprobleme. Während seine kleinen Brüder und Schwestern problemlos Gliedmaßen abbeißen, kaut dieses Tierchen ewig lange an Ashleys Bein herum und verursacht bloß ein paar harmlose Hautabschürfungen. Traurig, oder?

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  19. #419
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    Oblivion
    (Alien Desperados / Desperados und Aliens / Kampf um Oblivion / Welcome to Oblivion)

    USA 1994 - Directed by Sam Irvin



    Schon bei den ersten Einstellungen kommt ein angenehmes Low Budget-Western-Feeling auf. Eine karge, steinige Wüstenlandschaft. Kakteen recken ihre stacheligen Häupter gen Himmel. Der leichte Wind treibt einen einsamen Steppenläufer vor sich her. Und den Bildhintergrund veredelt ein nicht allzu hohes Gebirgsmassiv. Dann zischt plötzlich ein kleines Raumschiff über die Gegend und setzt zur Landung an. Heraus tritt Redeye (Andrew Divoff), eine Mischung als Mensch und Reptil. Um auch ja keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, tötet der Besucher sogleich ein komisches Vogelwesen, welches friedlich auf einem Schild sitzt, das geduldig verkündet: Oblivion, Population 539. Mit dem Blut des Tieres korrigiert Redeye die Zahl auf 538. Ja, diese Kreatur ist böse, durch und durch, nur daß das mal klar ist. Wenig später offenbart Redeye bereits seine dunklen Absichten. Mit seiner Handvoll Gehilfen plant er, die friedliche Stadt Oblivion zu übernehmen. Als erstes tötet er den Marshall (Mike Genovese) in einem (nicht ganz fairen) Duell und sperrt Stell Barr (Meg Foster), den Deputy-Cyborg, weg. Dann beginnt er damit, die Bewohner zu terrorisieren. Wer soll den Schurken bloß stoppen? Die Hoffnungen ruhen auf Zack Stone (Richard Joseph Paul), dem Sohn des Marshalls. Doch der hat der Stadt vor einiger Zeit den Rücken gekehrt, geht Schwierigkeiten konsequent aus dem Weg und verabscheut außerdem Gewalt.

    "In the Year 3031 ... It's Cowboys and Aliens", tönt die Tagline dieses netten, kostensparend in Rumänien entstandenen Genre-Crossovers aus dem Hause Full Moon Entertainment, welches eine B-Movie-Cast aufmarschieren läßt, daß dem geneigten Fan das Wasser im Mund zusammenläuft. Es agieren: Andrew Divoff (Wishmaster), Meg Foster (They Live), Carel Struycken (Lurch aus den The Addams Family-Verfilmungen der 1990er-Jahre), Julie Newmar (die Catwoman aus der kultigen Batman-TV-Serie), George Takei (unvergessen als Sulu in Star Trek), Isaac Hayes (Truck Turner), Jimmie F. Skaggs (Puppetmaster), Irwin Keyes (The Exterminator), Musetta Vander (Mansquito) sowie Richard Joseph Paul (Vampirella) und Jackie Swanson (Lethal Weapon). Aber auch hinter der Kamera sind bekannte Namen zu finden. Regie führte Sam Irvin (Elvira's Haunted Hills), die Bildgestaltung stammt von Adolfo Bartoli (Beyond the Door III), und die Musik steuerte Pino Donaggio (Carrie) bei. Klingt also fast nach einem Selbstläufer, oder? Nun ja, es hätte womöglich einer sein können, wenn Peter Davids Drehbuch besser gewesen wäre. So sehr es auch Spaß macht, den Akteuren und Aktricen bei der Arbeit zuzusehen, so sehr wünscht man sich, man hätte ihnen interessantere Szenen auf die Leiber geschrieben und coolere Dialoge in die Münder gelegt. In dieser Hinsicht kann Oblivion leider nicht sonderlich überzeugen.

    Das dünne Skript - das kaum mehr ist als eine klassische Western-Story, die auf das unvermeidliche Duell zwischen Held und Bösewicht hinausläuft - verzettelt sich viel zu oft in belanglosen Nebensächlichkeiten, die manchmal noch dazu über Gebühr (wohl um etwas Zeit zu schinden) zerdehnt sind. Dem gegenüber stehen wiederum einige gelungene Set-Pieces, die Lust auf mehr machen. Die via Stop-Motion animierten, übergroßen Skorpionmonster, die in der Wüste ihr Wesen treiben, die in hautengen Lack- und Leder-Klamotten steckende Lash, die ihren sadistischen Neigungen freien Lauf läßt, oder der große Slow-Motion-Shootout mit einigen hübschen, platzenden Blutbeuteln, das sind durchaus ansprechend inszenierte Sequenzen, an denen es als B-Movie-Fan kaum etwas auszusetzen gibt. Auch der Showdown in den Badlands ist recht befriedigend geraten, obwohl die Tür zum Back-to-Back-gedrehten Sequel Oblivion 2: Backlash natürlich offenbleibt. Aber dazwischen gibt es leider immer wieder Leerlauf und man hat den Eindruck, als ob dem Autor, der das Originaldrehbuch komplett umgeschrieben hat, nichts Interessantes eingefallen wäre, um die Zeit bis zum nächsten Set-Piece zu überbrücken. Es wird viel gequasselt und es gibt diverse (mehr oder minder harmlose) Konfrontationen zwischen den Schurken und den Stadtbewohnern, aber besonders aufregend oder gar spektakulär ist dies alles wahrlich nicht.

    Wie bei vielen Full Moon-Streifen zieht sich auch bei Oblivion ein augenzwinkernder Camp-Humor durchs Geschehen, welcher die der Geschichte innenwohnende Härte stark abmildert. Es fällt einfach schwer, den Film ernst zu nehmen, wenn beispielsweise George Takei mit einer Flasche Jim Beam daher torkelt und betrunken "Jim, beam me up!" stammelt (einer von mehreren ziemlich lahmen Star Trek-Jokes). Nein, der Humor ist definitiv nicht die Stärke des Filmes. Sehr gelungen finde ich jedoch die Figur des von Carel Struycken dargestellten Leichenbestatters, der auf seine todernste, stoische Art lustiger ist als all die witzig gemeinten Dialoge und Sprüche zusammen. Sexy Augenfutter bietet außerdem Musetta Vander als peitschenknallende Lack & Leder-Bitch, die sichtlich Spaß mit der Rolle hatte. Überhaupt glänzen die Schauspieler in den Schurkenrollen sehr, wohingegen die "Guten" generell blaß bleiben. Einige nette Ideen (ein Armdrückduell mit Mini-Monster-Beilage, das simultane Abhalten von Gedenkgottesdienst und Bingo-Abend, der nachwachsende Arm von Redeye) versüßen den nicht uncharmanten Spaß ein wenig, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß Oblivion kaum mehr ist als ein durchschnittlicher wenn auch recht ambitionierter und unterhaltsamer Western, welchen man mit Science-Fiction-, Fantasy-, Komödien- und Monsterfilm-Elementen aufgemotzt hat. Kein Highlight, aber für B-Movie-Fans durchaus einen Blick wert.

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  20. #420
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    Oblivion 2: Backlash
    (Badlands / Galaxy Hunter / Kopfgeldjäger und Aliens / Backlash: Oblivion 2)

    USA 1996 - Directed by Sam Irvin



    Kommen zwei unfreundliche, dreckstarrende Zeitgenossen in eine üble Spelunke. Abschätzig sehen sie sich um. Ärger liegt in der dicken Luft. Das "No Smoking"-Schild an der Wand nicht beachtend angelt einer der beiden eine Zigarre aus der Manteltasche. Buster (Isaac Hayes), der Barkeeper, stammelt zaghaft eine Warnung, die der Bursche geflissentlich ignoriert. Sein Kumpel reicht ihm Feuer für den Glimmstängel. Entschlossen zieht der Raucher einmal an der Zigarre und inhaliert genußvoll, dann fängt er sich auch schon von hinten eine Kugel ein, stolpert überrascht nach vorne, bricht ohne ein Wort zu sagen zusammen und haucht sein unnützes Leben aus. Lash (Musetta Vander), den rauchenden Colt in der Hand, meint grinsend: "Those things are killing you."

    Willkommen zurück in Oblivion! Zwei Jahre nach Oblivion (Alien Desperados) warf Full Moon Entertainment endlich auch das Back-to-Back-gedrehte Sequel auf den Markt, welches im Prinzip (nach einer fünfminütigen Zusammenfassung von Teil Eins) dort ansetzt, wo der Vorgänger endete. Lash und Bork (Irwin Keyes), die Überlebenden von Redeyes Gang, treiben sich in den Badlands herum, Zack Stone (Richard Joseph Paul) macht Mattie Chase (Jackie Swanson) den Hof, Leichenbestatter Gaunt (Carel Struycken) geht voller Elan seinen Geschäften nach, Doc Valentine (George Takei) versucht, eine neue, verbesserte Hand für Cyborg-Deputy Stell Barr (Meg Foster) zu basteln, und Miss Kitty (Julie Newmar) beweist schlagkräftig, daß betrunkene Unruhestifter in ihrem Freudenhaus nicht toleriert werden. Alles ist in bester Ordnung. Bis die Nachricht die Runde macht, daß der berüchtigte Sweeney (Maxwell Caulfield), der gefährlichste Kopfgeldjäger der Galaxis, unterwegs nach Oblivion ist, um sich einen Verbrecher zu schnappen. Alles deutet darauf hin, daß die peitschenschwingende Lack & Leder-Schnecke Lash die Gesuchte ist, doch die bestreitet die ihr zur Last gelegten Untaten vehement. Als sich Sweeney mit seiner Gefangenen vom Acker machen will, stellt sich ihm der in die Fußstapfen seines Vaters getretene Zack entschlossen in den Weg. Und dann taucht auch noch Jaggar (Andrew Divoff), Redeyes Bruder, auf...

    Oblivion 2: Backlash bietet grundsätzlich mehr vom Gleichen, was nicht verwunderlich sein sollte, wurden die beiden Teile doch in einem Abwasch von Sam Irvin in Rumänien heruntergekurbelt. Auch wenn sich beide Filme qualitätsmäßig auf einem Level bewegen, fand ich das Sequel doch einen kleinen Tick besser und unterhaltsamer. Zwar gibt es hier weniger Action und weniger Monster zu bestaunen (der Fokus liegt also stärker auf der Westernthematik), aber die Mischung funktioniert dennoch überraschend gut, und die ganze Geschichte erscheint runder als beim doch etwas holprigen Vorgänger. Hinzu kommen einige nette Ideen, die richtig Laune machen. Als Beispiel sei nur der Bounty Hunter Sweeney genannt, der kein bißchen so ist, wie man sich einen harten, gefährlichen Kopfgeldjäger vorstellt. Der Typ scheint (auf den ersten Blick) harmlos zu sein, hat gute Manieren, versprüht einen dandyhaften Charme und ist darüber hinaus noch gebildet und modisch gekleidet. Er wirkt wie ein junger, britischer Gentleman von adeliger Abstammung und scheint auf Oblivion so fehl am Platze zu sein wie eine Klapperschlange im Streichelzoo. Schön ist ebenfalls, daß Julie Newmars Figur Miss Kitty ("Call me Kitty and catch me if you can"), deren Auftritte in Oblivion bloß Cameo-Charakter hatten, hier mehr ins Zentrum des Geschehens rückt. Die ehemalige Catwoman scheint ihre Rolle sehr zu genießen.

    Wie bereits im ersten Teil stehlen Musetta Vander als Lash und Carel Struycken als Gaunt ihren Kollegen einmal mehr die Show. Vander glänzt mit Spielfreude und Sex-Appeal, während Struycken staubtrocken agiert und einige schöne Bonmots zum Besten geben darf. Es macht einfach ungeheuer viel Spaß, den beiden zuzusehen, wobei anzumerken ist, daß sich ihre Begabung für den Beruf, den sie ausüben, in Grenzen hält. Nein, eine richtig gute, glaubwürdige schauspielerische Darbietung wird man in Oblivion 2: Backlash nicht finden. Aber das ist egal, da sich der Film ja selbst mit seiner augenzwinkernden Camp-Attitüde kein bißchen ernst nimmt. Da lacht man dann auch nicht gehässig über George Takei, der ein dermaßen exzessives Overacting an den Tag legt, als gelte es, einen Preis zu gewinnen, sondern mit ihm. Dieses gut produzierte B-Movie soll einfach nur Spaß machen, und das tut es überwiegend auch. Etwas schade ist, daß es zwar viele unterschiedliche Figuren, aber keinen richtigen Antagonisten gibt, und daß der große Auftritt eines riesigen Monsters gegen Ende ziemlich kurz geraten ist. Die Westernkulissen sind ansprechend, das Höhlen-Set ist angenehm cheesy, die Spezialeffekte haben Charme (sogar ein Morphing-Effekt ist dabei), Pino Donaggios Score ist gefällig, und das Tempo ist okay, insbesondere ab dem letzten Drittel, wenn der Streifen richtig Fahrt aufnimmt.

    Unterm Strich ist Oblivion 2: Backlash somit recht vergnügliches und sympathisches Entertainment, das für knappe anderthalb Stunden anspruchslose Kurzweil sorgt, ohne daß es - sieht man mal vom tollen Cast ab - besonders bemerkenswert wäre. Die Oblivion-Filme sind bestimmt nicht das Gelbe vom Ei, aber irgendwie doch ziemlich cool. Insofern ist es sehr bedauerlich, daß es mit der Oblivion-Saga nicht weiterging, zumal am Ende des Filmes manches offenbleibt. Offenbar hatte Charles Band durchaus Pläne, die Geschichte weiterzuspinnen. Daß es nicht dazu gekommen ist hängt in erster Linie wohl damit zusammen, daß die Kooperation zwischen Full Moon and Paramount Pictures ein Ende fand und ein weiterer Film auf diesem Niveau (wir reden von etwa zweieinhalb Millionen Dollar pro Streifen) nicht mehr finanzierbar war. Schade.

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  21. #421
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    Teenage Sex Kitten
    (Sex Kitten)

    USA 1975 - Directed by S.B. (= Ann Perry?)



    "It's a story that could appear on the front page of your newspaper, and it's a shocker, but it's skillfully told."
    The X-Rated Videotape Guide Vol. 1 (1993), Robert H. Rimmer, Prometheus Books, Seite 433

    Heute möchte ich zur Abwechslung mal das Pferd von hinten aufzäumen, sprich: Ich eröffne den Text mit dem denkwürdigen Ende dieses dreckigen kleinen Ferkelfilmes. Wer Teenage Sex Kitten also noch nicht kennt und vorhat, ihn sich ohne große Vorkenntnisse mal anzusehen, der sollte den folgenden Absatz einfach überspringen. Und wer sich richtig überraschen lassen will, der sollte am besten jetzt gleich zu lesen aufhören.

    Die beiden Männer halten den schon etwas älteren, glatzköpfigen Hinterwäldler fest. Ein dritter schnappt sich erst ein langes Seil, das neben der alten Hütte in der kargen Wüstengegend herumliegt, und bringt anschließend den Wagen des Gefangenen in Position. Die Männer fesseln den Glatzkopf in Kreuzstellung vor die Motorhaube (mit dem Rücken zum Wagen), ziehen ihm die Hosen runter und schnüren ein Ende des Seils fest um sein Gemächt. Das verzweifelte Betteln des Mannes kümmert sie kein bißchen. Nachdem sie ihre tote Freundin in der Wüste begraben haben, kommen sie wieder zurück. Sie binden das andere Ende des Seils an die hintere Stoßstange ihres eigenen Schlittens und steigen ein. Einer meint noch, daß der Glatzkopf nie wieder jemanden ficken wird, und mit einem entschlossenen "Alright, let's go!" tritt der Fahrer aufs Gaspedal. Der Wagen saust davon, mit Schwanz und Hoden des Rednecks im Schlepptau. Währenddessen spielt die Freundin der vergrabenen Toten, die von alldem nicht die leiseste Ahnung hat, in einem Hotelzimmer vergnügt mit ihrer Muschi und lacht glücklich.

    Teenage Sex Kitten beginnt völlig harmlos und unbeschwert; daß sich die Handlung in eine derart unangenehme Richtung entwickeln würde, ist die ersten zwei Drittel des Filmes lang nicht absehbar. Wahrscheinlich war das auch die Intention der Macherin (vorausgesetzt, Ann Perry (Sweet Savage, Undercovers) verbirgt sich tatsächlich hinter dem Pseudonym S.B.), das Publikum erstmal mit einer flotten Nummer nach der anderen bei Laune zu halten, bis sie dann hinterrücks und ohne Vorwarnung den Knüppel aus dem Sack holt, um den aufgegeilten Zusehern damit eines überzuziehen. Falls das Blut in den ersten fünfundvierzig Minuten also voller Vorfreude in den Genitalbereich geflossen ist (ich muß anmerken, daß ich die Sexszenen mit den zahlreichen Close-Ups trotz Frühsiebziger-Los-Angeles-Pornoqueen Rene Bond (The Adult Version of Jekyll & Hide) nicht besonders antörnend fand), so wird es sich, nachdem der Film und damit auch der Ton und die Stimmung brutal gekippt sind, von dort in Rekordgeschwindigkeit wieder zurückziehen. Ein deftiger, gut platzierter Tritt in die Weichteile hätte wohl in etwa dieselbe Wirkung.

    Tja, sowas kommt also raus, wenn man einen harmlosen kalifornischen Pornostreifen (Schauplatz ist überwiegend Palm Springs) mit einem Schocker à la Wes Cravens The Last House on the Left (Das letzte Haus links, 1972) kreuzt: Ein kleiner, fieser, grimmiger Grindhouse-Reißer, der einen äußerst bitteren Nachgeschmack hinterläßt. Da spielt es auch keine Rolle, daß die Blutrünstigkeiten bloß angedeutet bzw. sehr zurückhaltend umgesetzt wurden; durch die rohe Kraft der Gewaltszenen entsteht eine höchst verstörende Wirkung, die es durchaus mit den niederträchtigsten Exploitation-Movies der 1970er-Jahre aufnehmen kann. So unbekümmert der Film beginnt (als erstes schnappt sich unsere Heldin einen asiatischen Gärtner und vernascht ihn hinter den Büschen), so bitter und trostlos klingt er aus. Pornolegende Rene Bond liefert in der Hauptrolle eine überzeugende Performance ab, wodurch gesichert ist, daß ihr tragisches Schicksal den Zuschauer nicht (völlig) kalt läßt. Einige der Sexszenen sind echt, andere wurden offensichtlich soft gedreht und mit nachträglich eingefügten Nahaufnahmen der Penetration aufgepeppt.

    Wie bereits erwähnt: Als Hardcorestreifen, der beim Publikum die Lust auf Sex wecken soll, ist Teenage Sex Kitten eine ziemliche Niete. Seine Qualitäten liegen woanders, und die kommen nicht nur höchst überraschend, sondern auch überaus effektiv um die Ecke gebraust. Die grausame Schlußviertelstunde ist nicht nur ein echter Downer, sie verleiht der sozialkritischen Note des Filmes auch deutlich mehr Gewicht. Denn an einer Stelle zeichnet Rene Bond im Gespräch mit ihrem Freund ein unschönes Bild der vereinigten Staaten von Amerika, indem sie sagt:

    "Isn't it strange that... in movies, you can show killing and people getting tortured and maimed, you can even show a baby getting murdered and that's not a crime. But if you show something beautiful like making love, it's against the law. If we were in the movie and you showed what we did just now, some people would think it was disgusting."

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  22. #422
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    Blood Soaked
    (Never Knows Best)

    USA 2014 - Written & Directed by Peter Grendle



    "Whether you like it or not, you and me, we're the master race. We are Gods. Gods among cattle."
    (Sadie legt ihre Sicht der Dinge anschaulich dar)

    In der Realität, im echten Leben, hasse ich Überraschungen. Eigentlich gibt es keinen bestimmten Grund dafür (zumindest fällt mir keiner ein), es ist einfach so, schon seit Kindheitstagen. Im Filmbereich hingegen lasse ich mich umso lieber überraschen. Ich lese im Vorfeld selten Kritiken, ignoriere Filmclips komplett und schalte bei Werbetrailern sofort auf Durchzug, um zu verhindern, daß ich zu viel über den Film bzw. dessen Handlung erfahre. Diese Vorgangsweise kann natürlich in gewaltige Enttäuschungen münden, aber da ich mich auf mein Gefühl, welche Filme mir prinzipiell zusagen sollten, verlassen kann, halten sich diese zum Glück stark in Grenzen. Es gibt jedenfalls wesentlich mehr Treffer als Fehlschläge. Was uns zu Blood Soaked bringt. Dieser Streifen wanderte in meine Sammlung, weil ich vor einigen Monaten den Trailer gesehen habe und ich den Titel daraufhin mit dem Vermerk "interessant" auf meine Einkaufsliste setzte. Und so landete die amerikanische DVD schließlich und endlich erst in meinem Briefkasten und ein paar Tage später in meinem Player. Und die Überraschung war groß.

    Denn Blood Soaked ist so überhaupt nicht das, was man erwarten durfte. Nicht aufgrund der Handlung, sondern in Bezug auf die extravagante Umsetzung des Geschehens. Die Story ist nichts Besonderes und bestenfalls Exploitationfilm-Standard. Zwei junge Photographie-Studentinnen, Piper (Heather Wilder) und Ashley (Rachel Corona), treffen bei der Heimreise nach einer Party in der Wüstengegend New Mexicos auf die ebendort in einem alten, unterirdischen Bunker lebenden Geschwister Sadie (Laina Grendle) und Katie (Hayley Derryberry). Sadie und Katie sind durchgeknallte Nazis, die mit einem mysteriösen, von ihrem verstorbenen Vater entwickelten Serum Tote wiederbeleben und auf diese Weise eine abgerichtete Zombiearmee auf die Beine zu stellen gedenken. Wegen Weltherrschaft, Viertes Reich, und so weiter. Für Ashley und insbesondere für Piper beginnt ein schrecklicher Alptraum, aus dem es kein Erwachen zu geben scheint. Blood Soaked ist eine spottbillige, mit Motiven der Backwoods- und Naziploitation-Subgenres angereicherte Re-Animator-Variante, welche es dem geneigten Genrefan nicht gerade leichtmacht.

    Thematisch kann man dem in sechs Tagen abgedrehten Blood Soaked eine Verwandtschaft mit Nazi-Zombie-Streifen à la Revenge of the Zombies (1943), Shock Waves (Shock Waves - Die aus der Tiefe kamen, 1977), La tumba de los muertos vivientes (Oase der Zombies, 1982) oder Frankenstein's Army (2013) gewiß nicht absprechen. Es gibt Nazis (ganze zwei Stück), und es gibt Zombies (eine Handvoll). Damit sind die Gemeinsamkeiten aber auch schon erschöpft. Viel eher erinnert der Film an Backwoods-Schocker wie The Hills Have Eyes (1977), wobei sich Sadie und Katie benehmen, als wären sie bei der Manson Family aufgewachsen. Womit Regisseur/Autor Peter Grendle viele Zuseher vor den Kopf stoßen dürfte, ist nicht nur seine Weigerung, ihnen das zu geben, was sie wollen, sondern vor allem seine eigenwillige Bildsprache. In dem Moment, als den Studentinnen endgültig klar wird, daß sie in der Hölle gelandet sind und daß Sadie und Katie die dort herrschenden Teufel sind, die ihren sadistischen Neigungen freien Lauf lassen, wird dem Bild im wahrsten Sinne des Wortes die Farbe entzogen. Von da an läuft das Geschehen in Schwarzweiß ab.

    Und es ist nicht nur irgendein Schwarzweiß, es ist ein extrem kontrastreiches, markantes Schwarzweiß, welches dem ganzen Szenario ein überaus unwirkliches, alptraumhaftes (Underground-)Flair verleiht. Durch den stark stilisierten Look scheint das Geschehen der Realität so sehr entrückt, als ob man sich in einer höllischen Parallelwelt befinden würde. Der Ton ist grimmig und humorlos, der Stil roh und ungeschliffen, die Gewaltdarstellungen sind ungemütlich und schonungslos, und wenn Blut fließt, ist es nicht rot, sondern schwarz wie die tiefste Nacht. Oft ist es schwierig, Details zu erkennen, weshalb man all die Brutalitäten eher ahnt als sieht. Da spielt es auch keine große Rolle, daß die Spezialeffekte praktischer Natur sind. Immerhin macht Grendle schon früh klar, daß Blood Soaked keine Spaßgranate sein wird. Kurze, in den Vorspann eingebettete Archivaufnahmen von Hitler, Militäraufmärschen und Nazigräuel deuten an, daß es hier nichts zu lachen gibt. Blood Soaked ist weder ein guter noch ein besonders unterhaltsamer Film. Er ist Exploitation der ruppigen Sorte, welcher immerhin auf formaler Ebene überrascht und durchaus auch beeindruckt.

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  23. #423
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    Superstition
    (The Witch / Die Hexe - The Witch)

    Kanada 1982 - Directed by James W. Roberson



    Die Polizei unter der Leitung von Inspector Sturgess (Albert Salmi, Empire of the Ants) ist am Ende ihrer Geduld angelangt. Wieder mußten zwei junge Menschen im alten, halbverfallenen und verrufenen Sharack-Haus an der Mill Road viel zu früh vor ihren Schöpfer treten, grausam gemeuchelt von unbekannter Hand. Besagtes Haus befindet sich im Besitz der Kirche, die eigentlich schon längst entsprechende Maßnahmen hätte ergreifen müssen, um das Gelände zu sichern. So dient es als Tummelplatz für verliebte Pärchen und für leichtsinnige Burschen, welche die mit Unrat übersäten Räume des Nachts mutig erkunden. Der letzte Doppelmord war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, und endlich setzt die Kirche in Gestalt von Reverend David Thompson (James Houghton, More American Graffiti) ihren schwerfälligen Allerwertesten in Bewegung. Ein Kinderheim soll aus der Ruine entstehen, und die Arbeiten schreiten gut voran. Leider schleppen das Gebäude bzw. der Grund, auf dem es einst errichtet wurde. eine unschöne Vorgeschichte mit sich herum. Eine Hexe namens Elondra Sharack (Carole Goldman) wurde hier vor etwa dreihundert Jahren zum Tode verurteilt und im kleinen, angrenzenden Black Pond ertränkt. Natürlich nicht, ohne zuvor fürchterliche Rache zu schwören. Und tatsächlich scheint auf dem Kirchenbesitz eine satanische Macht ihr Unwesen zu treiben, die unablässig nach Blut giert.

    Ein guter Film ist Regisseur James W. Roberson und seinem Drehbuchautor Galen Thompson mit Superstition (besser bekannt als The Witch) beileibe nicht gelungen. Dies ist jedoch leicht zu verschmerzen, gleicht er seine zahlreichen Qualitätsmängel doch auf anderen Ebenen aus. So drückt Roberson von Beginn weg gehörig aufs Tempo, und auch wenn ihm der Fuß im Verlauf des Streifens einige Male vom Gaspedal rutscht, der Plot schreitet dermaßen zügig voran, daß während der gesamten achtzig Minuten Laufzeit kaum Langeweile aufkommt. Des Weiteren punktet Superstition mit ein paar erstaunlich blutigen und kreativ in Szene gesetzten Murder-Set-Pieces, so daß es mich schon sehr wundert, wieso dieser Film selbst in Fankreisen relativ unbekannt ist. In bester Slasherfilmmanier metzelt sich die grausame Hexe einfallsreich durch die Cast und macht selbst vor Kindern nicht halt, auch wenn es dem Bengel offscreen an den Kragen geht. Bereits in der spektakulären Eröffnungsszene zeigt die (kaum zu sehende) Hexe eindrucksvoll, daß sie ihr blutiges Handwerk ebenso gut versteht wie Jason Voorhees oder Freddy Krueger. Der abgetrennte Kopf eines Teenagers zerplatzt in einer Mikrowelle, während sein Kumpan, als er aus einem Fenster im ersten Stock abhauen will, von ebendiesem mittig zerteilt wird. Die untere Hälfte klatscht auf den Zimmerboden, der oberen gelingt zwar die Flucht aus dem Haus, was man aber nur bedingt als Erfolg verbuchen kann.

    In weiterer Folge schafft es Superstition zwar nicht mehr, solch blutige Höhen zu erklimmen, aber der eine oder andere sehenswerte Kill (u. a. mit rotierendem Sägeblatt oder großem Stahlstift) sollte Fanherzen durchaus höherschlagen lassen. Superstition bedient sich recht plump aus dem reichhaltigen Fundus der jüngeren Horrorfilmgeschichte, bastelt die verschiedenen Versatzstücke allerdings recht ordentlich zusammen und kredenzt dem geneigten Fan eine launige Mischung aus Haunted-House-Grusel, Slasher-Movie, Hexenhorror und Dämonensch(l)ocker. In Punkto Dramaturgie und Spannungsaufbau versagt der Streifen auf allen Linien, da die Struktur extrem episodenhaft ist und weder auf Logik noch auf Figurencharakterisierung großer Wert gelegt wurde. Das führt z. B. dazu, daß ein Mann, der eben erst - auf eigentlich unmögliche Weise - blutig ins Gras gebissen hat, in der darauffolgenden Szene nur noch mal beiläufig erwähnt wird, bevor es weitergeht, als wäre nichts geschehen. Und dem Zuseher geht es ähnlich. Man weint niemandem auch nur eine Träne nach, da einem sämtliche Figuren egal sind. Einige stimmungsvolle Momente, ein ausgiebiger Flashback ins siebzehnte Jahrhundert, eine großzügige Prise unfreiwilliger Humor sowie ein netter Score runden den kurzweiligen Streifen ab, der trotz seines phasenweise unerbittlichen Tons bestens unterhält. Charmant-anspruchslose Achtziger-Jahre-Horrorkost für zwischendurch also.

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