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Thema: Phantasmagorien aus den unaussprechlichen Abgründen des Wahnsinns

  1. #376
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    Alice in Wonderland: An X-Rated Musical Fantasy
    (Alice in Wonderland / Alice in Wonderland: An X-Rated Musical Comedy / Bill Osco's Alice in Wonderland: An X-Rated Musical Fantasy)

    USA 1976 - Directed by Bud Townsend



    Alice: "Well, if it feels good, there's a good chance it must be bad."
    Scrugg: "Alice, if it feels good, it is good, learn to trust yourself."


    Es war einmal eine junge, hübsche Bibliothekarin namens Alice (Kristine DeBell), die in einen jungen, hübschen Burschen namens William (Ron Nelson) verliebt ist. William ist richtig scharf auf die süße, kleine (aber überhaupt nicht graue) Maus und will endlich den nächsten großen Schritt (= die körperliche Liebe) vollziehen, doch für Alice geht dies alles etwas zu schnell (sie trauert noch der unkomplizierten Kindheit nach), und so weist sie den Jüngling entschieden zurück, woraufhin er enttäuscht von dannen zieht. Während sich Alice in ein gewisses Buch von Lewis Carroll vertieft und vor sich hinträumt, taucht plötzlich ein menschengroßer weißer Hase (Larry Gelman) auf, dem sie durch einen Spiegel in ein seltsames Wunderland folgt. Staunend und voller Faszination erkundet sie die ungewöhnliche Gegend, stürzt in einen See, wird von Scrugg (J.P. Paradine) gerettet, trifft schließlich erst den verrückten Hutmacher (Alan Novak) und danach den unglücklichen Humpty Dumpty (Bucky Searles), macht die Bekanntschaft von Tweedledee (Tony Richards) und Tweedledum (Bree Anthony) und gerät am Ende schließlich in die Fänge der bösen Herzkönigin (Juliet Graham), die unbedingt ihren Kopf (zwischen ihren Schenkeln spüren) will.

    Das 1865 erschienene Kinderbuch Alice's Adventures in Wonderland (Alice im Wunderland) sowie dessen 1871 veröffentlichte Fortsetzung Through the Looking-Glass, and What Alice Found There (Alice hinter den Spiegeln) des britischen Autors Lewis Carroll wurden im Laufe der Jahre viele, viele Male verfilmt (erstmals 1903, zuletzt 2016) bzw. für andere Medien (Theaterstücke, Videospiele, etc.) adaptiert. Die meisten dieser Projekte sind für sämtliche Altersstufen geeignet. Hin und wieder entstanden jedoch auch Versionen bzw. Weiterentwicklungen der berühmten Vorlage, die man strahlenden Kinderaugen tunlichst vorenthalten sollte. Als Beispiele seien Jan Svankmajers Neco z Alenky (1988 - zu verstörend), American McGee's Alice (2000 - zu gruselig) und Bud Townsends Alice in Wonderland: An X-Rated Musical Fantasy (1976 - zu, ähm, freizügig) genannt. Nach dem großen Erfolg der schlüpfrigen Space-Oper Flesh Gordon (1974) wollte Produzent Bill Osco gleich etwas Ähnliches nachlegen, und so machte er sich schließlich mit seinen Mitstreitern vor und hinter der Kamera (wie Regisseur Bud Townsend (Nightmare in Wax, Terror at the Red Wolf Inn, The Beach Girls) und Drehbuchautor/Komponist Bucky Searles) an die Arbeit.

    Wer jetzt denkt, daß es sich bei Alice in Wonderland um einen billig heruntergekurbelten Pornoflick handelt, der die beliebte Geschichte nur als Vorwand nutzt, um das Publikum mit jeder Menge expliziten Hardcore-Nummern bei der Stange zu halten, der irrt sich gewaltig. Alice in Wonderland ist eine absolute Qualitätsproduktion, und eine verdammt vergnügliche noch dazu. Osco und Townsend verstehen es hervorragend, ihr Publikum von Beginn weg nahezu spielerisch um ihre geschickten Finger zu wickeln. Mit der flotten, mitreißenden Inszenierung. Mit der ansteckend heiteren, Anything-Goes-Grundstimmung. Mit einer Handvoll phantasievoll choreographierten Musical-Nummern. Mit zahlreichen schmissigen, eingängigen Songs. Mit schönen Sets und einer blendend aufgelegten Cast. Mit surrealen Momenten und sinnlichen Liebesspielen. Mit coolen Ideen und launigen Sprüchen ("We don't have any towels. We had one once, but it was stolen by a hotel."). Sowie mit viel Kreativität, Herz und einem entwaffnenden Charme, dem man sich nicht entziehen mag. Tatsächlich ist Alice in Wonderland das vielleicht unterhaltsamte X-Rated-Movie, das mir bislang untergekommen ist. Es macht einfach großen Spaß, der sexy Heldin bei ihren nicht immer jugendfeien Abenteuern im Wunderland zuzusehen.

    In der Hauptrolle glänzt Playboy Playmate April 1976 Kristine DeBell, welcher der Spagat zwischen naiver Unschuld und heißer Sexbombe erstaunlich glaubhaft und unverkrampft gelingt. Da die damals zweiundzwanzigjährige Aktrice ungemein jung aussieht (sie geht locker als achtzehn durch), nimmt man ihr das unerfahrene aber entdeckungsfreudige Mädel sofort ab. Leider ist dies DeBells einziger Genrefilm; sie wechselte danach ins seriöse Fach (Meatballs, Battle Creek Brawl), aber die großen Erfolge blieben aus. Als Alice punktet sie, neben ihrer angenehmen Singstimme, mit Charisma und Spielfreude, selbst in den (nie zu langen) Sexszenen. Diese sind mit Bedacht in die Handlung eingeflochten, versprühen Spaß, Witz und Lust, und recht erotisch sind sie noch dazu. Trotz allerlei sexueller Aktivitäten herrscht eine richtig ausgelassene und unkomplizierte, irgendwie auch unschuldige Stimmung (was das Poster Artwork übrigens perfekt einfängt), wobei sich der Sex aus der Situation heraus ergibt, und nicht, weil es das Drehbuch vorschreibt. Er erscheint hier so natürlich und selbstverständlich, daß etwas fehlen würde, würde man ihn nicht zeigen. Schließlich ist Alice in Wonderland ein kurzweilig-spritziger, sympathisch-vergnüglicher Film über das Erwachsenwerden und das damit einhergehende sexuelle Erwachen. Kurzum: Ein großer Spaß für große Jungs und ebensolche Mädels.

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  2. #377
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    The Stalls of Barchester
    (Ghost Story for Christmas: The Stalls of Barchester)

    Großbritannien 1971 - Directed by Lawrence Gordon Clark



    Beim Katalogisieren der Bibliothek der Kathedrale von Barchester entdecken Dr. Black (Clive Swift, Frenzy) und der Bibliothekar (Will Leighton) in den 1930er-Jahren eine alte, versteckte Truhe, deren Inhalt sich als recht brisant erweist. Es handelt sich nämlich um die Aufzeichnungen des Erzdiakons Haynes (Robert Hardy, Psychomania), der gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Barchester tätig war und unter mysteriösen Umständen das Zeitliche segnete. Wie sich beim Lesen der Dokumente herausstellt, dauerte es geraume Zeit, bis Haynes überhaupt zum Erzdiakon berufen wurde, da sein Vorgänger, Erzdiakon Pulteney (Harold Bennett), trotz hohen Alters keine Anstalten machte, abzutreten. Erst im zweiundneunzigsten Lebensjahr räumte er unfreiwillig den Sessel für seinen Nachfolger, als er in seiner Wohnung eine Treppe hinabstürzte und sich das Genick brach. Haynes war endlich am Ziel seiner Träume, doch die große Freude wollte sich nicht so recht einstellen. Seltsame Erscheinungen plagten den rational denkenden Mann, welche ihn mehr und mehr beunruhigten und ihn an seinem Verstand zweifeln ließen.

    The Stalls of Barchester bildet den Auftakt zur legendären BBC-Gruselreihe "A Ghost Story for Christmas" und wurde erstmals am 24. Dezember 1971 ausgestrahlt. Lawrence Gordon Clarks Adaption von M.R. James' Erzählung The Stalls of Barchester Cathedral (Das Chorgestühl der Kathedrale von Barchester bzw. Das Chorgestühl zu Barchester) aus dem Jahre 1910 ist ein ruhiges, gemächliches Schauerstück, welches vor allem durch seine zum Schneiden dichte Gothic-Horror-Stimmung beeindruckt. Wem es gefällt, wenn alte Männer durch dunkle Gemäuer schleichen, mit einer flackernden Kerze als einziger Lichtquelle, wenn ihre vorsichtigen Schritte auf einer Holztreppe von knarzenden Geräuschen begleitet werden und wenn Türen beim Öffnen bedrohlich knarren, der dürfte sich hier so wohl fühlen wie die Made im Speck. Und es ist vor allem diese tolle Atmosphäre, die den nur fünfundvierzig Minuten kurzen Film sehenswert macht. Wer auf blanke Gruselelemente aus ist, könnte eventuell enttäuscht aus der Wäsche gucken, sind die schaurige Momente doch nicht nur rar gesät, sie schleichen sich auch noch auf leisen Sohlen sehr subtil und fast schon unauffällig ins düstere Geschehen. Die einzige Ausnahme ist ein klassischer "Buh"-Schock (mit einer schwarzen Katze noch dazu!) von der Art, mit denen man heutzutage beinahe inflationär überschwemmt wird.

    Daß sich Teile einer Kirche, insbesondere der hölzerne Chorstuhl mit seinen absonderlichen Schnitzereien, gegen den Gottesdiener zu wenden scheinen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Wobei hier zwei Lesarten möglich sind. Entweder hat sich Haynes tatsächlich den Zorn übernatürlicher Mächte zugezogen (der gute Mann hat ja dem Ableben seines Vorgängers etwas nachgeholfen), oder er bildet sich alles nur ein, weil ihm die Schuldgefühle enorm zusetzen. Robert Hardy weiß in der Hauptrolle zu überzeugen, obwohl seine Figur unnahbar, stolz und unsympathisch ist. Ein Mitfiebern mit Haynes findet somit nicht statt, zumal er es sich ja auch selbst zuzuschreiben hat, was immer mit ihm geschieht. Die sparsam eingesetzten Gruselmomente verursachen leichte, wohlige Schauer, eine ausgewachsene Gänsehaut ist jedoch außer Reichweite. Aber, wie bereits erwähnt, The Stalls of Barchester lebt von seiner bedrückenden Atmosphäre, die einfach überall herrscht. In der großen Kirche, in der freien Natur (der kurze Nebenhandlungsstrang um dem Hanging Oak ist ein Gedicht), oder in der Bibliothek bei Dr. Black. Ob die Rahmenhandlung wirklich nötig ist, steht zur Debatte. Einerseits stört sie empfindlich den Erzählfluß, andererseits lockert sie das ansonsten ungemein düstere Geschehen etwas auf, verfügt Dr. Black doch über einen recht trockenen Humor. Aber selbst das ändert nichts daran, daß es in diesem schönen Stück britischer TV-Grusel-Geschichte kaum etwas zu lachen gibt.

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  3. #378
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    A Warning to the Curious
    (Ghost Story for Christmas: A Warning to the Curious)

    Großbritannien 1972 - Directed by Lawrence Gordon Clark



    Die Legende besagt, daß vor langer, langer Zeit an der Küste von Norfolk drei goldene Kronen vergraben wurden, um den Landstrich vor dem Bösen im Allgemeinen und dem Ansturm der Wikinger im Besonderen zu beschützen. Doch das - angeblich - übernatürliche Bollwerk bröckelt. Zwei der wertvollen Kronen sind im Laufe der Zeit bereits verloren gegangen, nur das dritte und letzte Stück wurde trotz aller Bemühungen nie gefunden. Nach mühseligen Recherchen spürt ausgerechnet der arbeitslose Hobbyarchäologe Paxton (Peter Vaughan, Brazil) den legendären Schatz in der Nähe des Dorfes Seaburgh auf. Bereits vor Ausgrabungsbeginn hat Paxton ein mulmiges Gefühl bei der Sache, was sich dramatisch verstärkt, als er die Krone in den Händen hält. Er fühlt sich beobachtet und alsbald auch verfolgt, als ob sich eine mysteriöse Macht an seine Fersen geheftet hätte. Als das Gefühl der Bedrohung immer intensiver wird, weiht er den im selben Hotel residierenden Dr. Black (Clive Swift, Frenzy) ein und entschließt sich schweren Herzens, die Krone an ihren angestammten Platz zurückzubringen. Schon in derselben Nacht führen die beiden Männer ihr Vorhaben durch, doch der "Wächter" (John Kearney) ist nicht so leicht zu besänftigen.

    Etwa einen Monat nach Ausstrahlung der bei Kritik und Publikum gut aufgenommenen Schauermär The Stalls of Barchester gab die BBC grünes Licht für eine weitere Episode ihrer neuen Horrorreihe. Regisseur und Produzent Lawrence Gordon Clark, der zu diesem Zeitpunkt noch alle Freiheiten genoß (was sich ab dem folgenden Jahr ändern würde), entschied sich für M.R. James' 1925 veröffentlichte Erzählung A Warning to the Curious (Eine Warnung für die Neugierigen), welche er selbst zu einem Drehbuch adaptierte. Die zweite Folge von "A Ghost Story for Christmas" hatte ihre Premiere am 24. Dezember 1972 und wurde ein überragender Erfolg. Was nicht verwundern sollte, ist diese fünfzig Minuten lange TV-Arbeit doch eine echte Genreperle, die sich niemand, der an gepflegter, anspruchsvoller Gruselunterhaltung interessiert ist, entgehen lassen sollte. In erster Linie ist A Warning to the Curious ein exquisites Mood Piece, großartig gespielt, hervorragend gefilmt, und veredelt mit einer zwar sehr dezenten aber nichtsdestotrotz höchst effektiven Musikuntermalung. Hinzu kommt die phantastische Location, die nicht mit Gold aufzuwiegen ist. Kombiniert mit der Art und Weise, wie John McGlashans Kamera die verschiedenen, teils pittoresken, teils trostlosen Schauplätze einfängt, entsteht eine unbehagliche Stimmung der völligen Isolation, so als ob man sich weit abgeschieden irgendwo im Nirgendwo - oder gar in einer fast entvölkerten Paralleldimension - befindet. Seaburgh wirkt wie ein gottverlassener, vergessener Ort, dessen unheimliches, bedrohliches Flair einem die Luft zum Atmen nimmt.

    Und dieses unheimliche, bedrohliche Flair ist keineswegs eine Einbildung! Die ominöse Bedrohung ist real, allgegenwärtig und scheinbar unaufhaltsam. Schon im Vorfeld, als Paxton bloß nach der sagenumwobenen Krone suchte, ist Etwas auf ihn aufmerksam geworden. Als er den Schatz schließlich an sich nimmt, nimmt dieses Etwas seine Fährte auf, und wie beim ähnlich gelagerten It Follows denkt es nicht daran, von ihm abzulassen. Was Paxton getan hat, läßt sich (leider) nicht mehr ungeschehen machen, so sehr er es auch versucht. Regisseur Clark begnügt sich überwiegend mit subtilen, wohldosierten, an und für sich harmlosen Andeutungen, und er macht das so dermaßen geschickt, daß dem Zuschauer unwillkürlich eisige Schauer über den Rücken rieseln. Eine mysteriöse Gestalt, die unbeweglich am menschenleeren Strand steht und Paxton stumm beobachtet, wurde zum Beispiel selten so furchteinflößend in Szene gesetzt wie hier. Auch sonst hält sich Clark ans Weniger-ist-Mehr-Prinzip. Kaum meint man, endlich einen genaueren Blick auf das Phantom werfen zu können, wird dieses plötzlich von undurchdringlicher Schwärze verschlungen. Im Wald sorgen erst raschelnde Blätter und knackende Zweige für akute Angstzustände, danach herrscht wiederum eine dermaßen unnatürliche Stille, daß man sich die schaurigen Waldgeräusche glatt wieder herbeisehnt. Während aktuelle Filme wie Insidious, The Conjuring, Annabelle & Co ihre Schrecken lang und breit und oft ins Bild rücken, hält sich A Warning to the Curious vornehm zurück, bleibt konsequent unspektakulär und zurückgenommen bis zum Ende. Maximaler Gruselfaktor durch minimalen Aufwand. Großartig.

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  4. #379
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    Lost Hearts
    (Ghost Story for Christmas: Lost Hearts)

    Großbritannien 1973 - Directed by Lawrence Gordon Clark



    Das Herz. Das Wichtigste aller Organe. Ohne Herz kein Leben. Ohne Herz keine Liebe. Es ist das Zentrum des Körpers. Einerseits der Antrieb, der Motor. Andererseits der Sitz der Gefühle, des Mutes. Wenn man Mut faßt, wenn man sich überwindet, um etwas Bestimmtes zu tun, sagt man auch: Man nimmt sich ein Herz. Manche nahmen diese Redensart wörtlich. Die Azteken schnitten lebendigen Menschen das noch schlagende Herz aus dem Leib, um es ihrem Sonnen- und Kriegsgott Huitzilopochtli bzw. der Sonne selbst zu opfern. Ähnliche Opferriten führten auch die Maya durch. Von Liberias ehemaligem Präsidenten Charles Taylor heißt es, daß er die Herzen von (toten) Soldaten verspeist hätte, entweder, um ihre Stärke, ihre Kraft und ihren Mut in sich aufzunehmen, oder um auf diese Weise seine Rache zu vollziehen und die Opfer über den Tod hinaus zu demütigen. Auch Mr. Abney verzehrt Herzen. Kinderherzen. Gewissen okkulten Büchern zufolge ist dies einer der Wege, um Unsterblichkeit zu erlangen. Die im Dezember 1895 erstmalig erschienene Erzählung Lost Hearts (deutsche Titel: Eine Herzenssache, Ein Herzensvetter bzw. Verlorene Herzen) ist eine der grausamsten Geschichten, vielleicht sogar die grausamste Geschichte, die der britische Schriftsteller M.R. James je geschrieben hat. (Aus heutiger Sicht erscheint das alles dennoch sehr zahm.) Üblicherweise begnügte sich der Autor ja mit subtilen Andeutungen, um seinen Lesern das Fürchten zu lehren, doch bei Lost Hearts machte er eine seiner wenigen Ausnahmen.

    Für die Nummer Drei der populären "A Ghost Story for Christmas"-Reihe der BBC, ausgestrahlt am 25. Dezember 1973, einigten sich die Verantwortlichen auf eine Verfilmung ebendieser Kurzgeschichte, welche M.R. James übrigens nicht zu den Favoriten seines Schaffens zählte. Im Gegensatz zu The Stalls of Barchester und A Warning to the Curious bekam Lawrence Gordon Clark nun Unterstützung zur Seite gestellt, hatte also nicht mehr die alleinige Kontrolle über das Projekt. Rosemary Hill übernahm die Produktion, und Robin Chapman adaptierte die Erzählung zu einem Drehbuch. Ob dies der Grund dafür ist, daß der fünfunddreißigminütige Lost Hearts gegenüber dem grandiosen Vorgänger A Warning to the Curious abfällt, ist schwierig zu beurteilen. Vielleicht gab die nicht sonderlich originelle Geschichte auch einfach nicht mehr her. Der elfjährige Waisenjunge Stephen (Simon Gipps-Kent) findet Unterschlupf bei seinem exzentrischen Vetter Mr. Abney (Joseph O'Conor), der, wie sich alsbald herausstellt, Garstiges im Schilde führt. An Stephens zwölften Geburtstag gedenkt er, dem Jungen das pochende Herz aus dem Leib zu schneiden. Der arme Knabe ahnt zwar, daß in dem Haus seltsame Dinge vor sich gehen, aber da er dem ach-so-netten Erwachsenen vertraut, trottet er wie ein dummes Lämmchen zum Schlächter. Sein Schicksal scheint besiegelt, wären da nicht die ruhelosen Geister von Giovanni (Christopher Davis) und Phoebe (Michelle Foster), zwei unschuldige Kinder, welche Abneys abscheulichen Machenschaften bereits zum Opfer gefallen sind. Joseph O'Conor (The Black Windmill) drückt gehörig auf die Tube und weckt mit seiner verschlagen-kauzigen Darbietung Erinnerungen an die böse Hexe, die Hänsel im Knusperhäuschen gefangen hält und unaufhörlich mästet, um ihn - wenn er fett genug ist - zu fressen.

    Trotz der grausigen Thematik ziehen sich ein märchenhaftes Flair sowie ein morbider schwarzer Humor durch das düstere Geschehen, wodurch Lost Hearts leichter zu goutieren ist. Auf der einen Seite ist da Abney mit seinem schrulligen Gehabe und den perfiden Wortspielen, auf der anderen Seite die beiden rachsüchtigen Geisterkinder mit ihren mitunter doch recht seltsamen Gepflogenheiten (Giovanni spielt z. B. gerne seine Drehleier). Während O'Conor seinen Abney mit verschrobenem Overacting in Camp-Nähe rückt, drohen die Gespenster, denen etwas zutiefst Melancholisches anhaftet, ins Trashige abzugleiten. Zwar gibt es einige wunderbar stimmungsvolle Kameraeinstellungen (wie beispielsweise die Momente im nebeligen Wald von Lincolnshire), aber die ausgedehnten Sequenzen im alten Herrenhaus verursachen kaum Grusel, sondern sorgen eher für ein leichtes Grinsen, was aber keinesfalls heißen soll, daß die Spukgestalten nicht auch creepy sind. Wenn sie sich mit starren, bleichen Gesichtern langsam der Kamera nähern und die Finger mit den langen, scharfen Nägeln bedrohlich bewegen (und Giovanni auch noch den Leierkasten bedient), dann hat das schon eine gewisse schaurige wenn auch ausgesprochen merkwürdige Qualität. Der Spezialeffekt der offenen Brustkörbe verstärkt zwar die der Geschichte innewohnende Brutalität, kann aber aufgrund seiner billigen Umsetzung nicht überzeugen. Trotz dieser Defizite ist mir Lost Hearts sehr ans, ähm, Herz gewachsen. Auch wenn die Umsetzung als Ganzes nicht unbedingt gelungen ist, so bietet sie doch zahlreiche starke Einzelszenen, eine schöne, triste, altmodische Gruselstimmung und zwei denkwürdige Geister, denen man unwillkürlich die Daumen drückt. Außerdem weiß der Kurzfilm so prächtig zu unterhalten, daß man über seine Schwächen gerne hinwegsieht.

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  5. #380
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    The Treasure of Abbot Thomas
    (Ghost Story for Christmas: Treasure of Abbot Thomas)

    Großbritannien 1974 - Directed by Lawrence Gordon Clark



    Es ist eines der zentralen Themen in M.R. James' Schaffen. Ein selbstbewußter, rational denkender, mit beiden Beinen fest im Leben stehender Mensch wird mit dem Unerklärlichen bzw. Übernatürlichen konfrontiert. Dieses Ereignis erschüttert diese Person dermaßen, daß sie völlig aus der Bahn geworfen wird und daran sogar zugrunde zu gehen droht. Dem Protagonisten des siebenunddreißigminütigen Fernsehkurzfilms The Treasure of Abbot Thomas scheint ebendieses Schicksal bevorzustehen. Oder kann er es im letzten Moment doch noch abwenden? Reverend Justin Somerton (Michael Bryant, Torture Garden) ist von sich und seinen Anschauungen so überzeugt, daß er für abweichende Thesen lediglich ein müdes Lächeln übrig hat. Bereits in der großen Eröffnungsszene, einer Séance, bereitet es ihm eine diebische, ja, fast schon sadistische Freude, ein Medium zu entlarven und der Scharlatanerie zu überführen. Daß er damit auch die Hoffnung der Gastgeberin Lady Dattering (Virginia Balfour) zerstört, die Kontakt zu ihrem verstorbenen Mann aufnehmen wollte, bemerkt er im Eifer des Gefechts nicht einmal. Doch auch dieser gestandene Mann Gottes hat Schwächen, und eine davon ist die Neugierde. Sollte an dem Gerücht um den versteckten Schatz des im Jahre 1429 gestorbenen Abtes Thomas (John Herrington), eines berüchtigten Alchemisten, etwas dran sein? Eine erste, kleine Spur entfacht sein Jagdfieber, und unterstützt von seinem gelehrigen Schüler Peter (Paul Lavers), Lady Datterings Sohn, geht er den geschickt gestreuten Hinweisen nach. Daß ein mysteriöser Wächter den Schatz angeblich hüten soll, kann natürlich nur ausgemachter Humbug sein. Oder?

    Nach dem etwas durchwachsenen aber nichtsdestotrotz immens memorablen Lost Hearts (1973) besinnen sich Regisseur Lawrence Gordon Clark und Drehbuchautor John Bowen wieder auf die Stärken der Reihe und legen mit der vierten "A Ghost Story for Christmas"-Episode der BBC einen kleinen, stimmigen Gruselfilm vor, der am 23. Dezember 1974 über die britischen Bildschirme flimmerte und vielen Zuschauern gewiß das Fürchten lehrte. Um James' 1904 erschienene Erzählung The Treasure of Abbot Thomas (Der Schatz des Abtes Thomas) für das Fernsehen zu adaptieren, nahm sich Bowen einige Freiheiten, fügte manches (wie z. B. die Séance) hinzu und änderte dies und das (wie z. B. die Gestalt des Wächters) ab. Der Kern der Geschichte blieb jedoch erhalten. Ja, mehr noch, die Verfilmung atmet James' Geist beinahe noch stärker als die von ihm verfaßte Story. Eine beachtliche Leistung, vor der man nur den Hut ziehen kann. Im Prinzip ist The Treasure of Abbot Thomas eine Schnitzeljagd im kleinen Rahmen. Die beiden Protagonisten entschlüsseln diverse kryptische, gut versteckte Hinweise, die sie schließlich zum verborgenen Schatz führen. Auch wenn der übernatürliche Schrecken erst gegen Ende grausige Gestalt annimmt, so kommen bereits während der Schnitzeljagd unheimliche Gruselgefühle auf. Hier ein mysteriöser Fleck auf einer eben belichteten Photographie, da ein unerklärlicher, vorbeihuschender Schatten, dort ein großer Vogel, der den Reverend auf dem Dach der Kathedrale attackiert. Und über allem schwebt stets der Hauch einer ungewissen Bedrohung, nicht zuletzt aufgrund des gotischen Bauwerkes, wo die steinernen Gargoyle-Figuren jeden Schritt der Schatzsucher zu beobachten scheinen.

    Die tollen Hauptschauplätze sind wahrlich Gold wert und werden vom Kameramann wirkungsvoll ins Bild gerückt. Besonders gelungen sind die Sequenzen auf dem Dach der Kirche (gedreht wurde in und um der Wells Cathedral in Somerset), wo man schon beim bloßen Zuschauen mit Schwindelanfällen zu kämpfen hat, sowie die Erforschung des unterirdischen Schachtes mit all seinem ekligen Geziefer, wo der Abt Thomas den Schatz deponiert haben soll. Auf schauspielerischer Seite gibt es überhaupt nichts auszusetzen. Michael Bryant und Paul Lavers agieren durchwegs glaubhaft, und die Darsteller der Nebenrollen sorgen für einen angenehmen Hauch Exzentrik. Des Weiteren besticht The Treasure of Abbot Thomas durch sein altmodisches Ambiente und sein dichtes Gothic-Horror-Flair, welches hier und da für wohlige Schauer des sanften Grusels sorgt. Die sorgfältig aufgebaute, unheimliche Spannung entlädt sich dann in der fulminanten Sequenz, in welcher der mysteriöse Wächter endlich in Erscheinung tritt (eine Szene, mit der Regisseur Clark übrigens nicht recht zufrieden ist). Obwohl besagter Wächter stark an ein anderes, berühmtes Geschöpf erinnert und die Spezialeffekte nicht gänzlich überzeugen können, sorgt dieser kraftvolle Moment durch das Zusammenspiel aller Faktoren (der Schauspieler, sein entsetzter Schrei, die Geräuschkulisse, die Kameraeinstellungen) unwillkürlich für Gänsehaut. Im Gegensatz zum Vorgänger Lost Hearts wird das übernatürliche Grauen hier nur einige wenige Male gezeigt, sodaß sich die unheimliche Effektivität der Kreatur nicht abnutzt. Und mit der frösteln machenden letzten Einstellung sorgen Clark und Bowen für ein starkes, doppelbödiges, nahezu perfektes Ende, das einige Zeit nachhallt.

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  6. #381
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    The Ash Tree
    (Ghost Story for Christmas: The Ash Tree)

    Großbritannien 1975 - Directed by Lawrence Gordon Clark



    Es ist ein riesiges, wuchtiges Herrenhaus, ein stolzes britisches Manor, welches mehr einem Schloß denn einem gewöhnlichen Landsitz ähnelt, das Sir Richard Fell (Edward Petherbridge, Die Päpstin) vor kurzem von seinem verstorbenen Onkel geerbt hat. Kaum hat er sich in seinem neuen Besitz eingelebt - er wohnt dort, sieht man von der umfangreichen Dienerschaft ab, alleine, da seine Verlobte, Lady Augusta (Lalla Ward, Vampire Circus), zurzeit durch die Welt bummelt -, greifen die düsteren Schatten der Vergangenheit nach ihm. Zuerst läßt sich Richard von den seltsamen Geräuschen, den flüsternden Stimmen und dem enervierenden Weinen von Babys nicht sonderlich irritieren, doch gegen die ungemein realistischen Visionen, die ihn ohne Vorwarnung längst vergangene Ereignisse durchleben lassen, ist er machtlos. In diesen Visionen geht es um eine Frau namens Anne Mothersole (Barbara Ewing, Dracula Has Risen from the Grave), die von seinem Vorfahren Sir Matthew (ebenfalls Edward Petherbridge) der Hexerei beschuldigt und daraufhin gefoltert und hingerichtet wurde. Doch nicht nur das macht Sir Richard zu schaffen. Eine mysteriöse Krankheit geht auf seinem Land um, der nicht nur Rinder und Schafe zum Opfer fallen. Auch sein Onkel kam unter merkwürdigen, nicht geklärten Umständen ums Leben. Als der steinreiche Gutsherr die örtliche Kirche ausbauen lassen will und zu diesem Zwecke das Grab von Anne Mothersole verlegen läßt, spitzen sich die unheimlichen Ereignisse zu. Und das Zentrum des Schreckens scheint die uralte Esche zu sein, die dem Gebäude so nahe ist, daß ihre langen Äste und Zweige die Wände und Fenster der Schlafgemächer sogar berühren.

    Die fünfte Episode der "A Ghost Story for Christmas"-Reihe der BBC, abermals inszeniert von Lawrence Gordon Clark, fällt in vielerlei Hinsicht aus dem (bisherigen) Rahmen. Obwohl die Vorlage einmal mehr von M.R. James stammt (eine seiner sonderbarsten Erzählungen, die jedoch zu meinen absoluten Favoriten zählt) fühlt sich diese Verfilmung wie ein Fremdkörper an, der irgendwie nicht so recht dazu passen will. Es ist die Summe verschiedener Faktoren (die ungewöhnliche Thematik, die distanzierte Regie, die skurrilen Spezialeffekte, die gestelzte Sprache, die Protagonisten, zu denen man keine Beziehung aufbauen kann), die diesen Eindruck entstehen läßt. Hinzu kommt, daß Drehbuchautor David Rudkin, welcher James' gleichnamige, aus dem Jahre 1904 stammende Geschichte (deutsche Titel: Die Esche bzw. Der Eschenbaum) fürs Fernsehen adaptierte, zwar die Eckpfeiler der Story und die in ihr innewohnende Essenz beibehielt, ansonsten aber einiges veränderte. Der Großteil der Handlung entfaltet sich im achtzehnten Jahrhundert, wobei die Rückblenden in Form von Visionen bzw. Erinnerungen vermutlich aus den 1680er- oder 1690er-Jahren datieren. Diese Visionen aus der Vergangenheit sind sehr geschickt mit der Gegenwart verflochten, sodaß die Übergänge beinahe nahtlos sind und man lediglich anhand der Kleidung, der Frisuren und der Sprache erkennt, daß man sich nun in einer anderen Epoche befindet. Dieses Gleiten zwischen den zwei Zeitebenen ist zwar wirklich gut und stimmig in Szene gesetzt, offenbart jedoch die große Schwachstelle des Filmes umso stärker: Sämtliche Figuren sind einfach uninteressant.

    Und aus diesem Grund ist dem Zuschauer ihr Schicksal auch mehr oder minder egal. Das trifft leider sowohl auf Sir Richard und Sir Matthew, als auch auf Anne Mothersole zu, die eher als unschuldiges Opfer denn als böse Missetäterin gezeichnet wird. Es deutet vieles darauf hin, daß Sir Matthew die fruchtbare, sexuell aktive Frau der Hexerei bezichtigt, weil er sie einerseits begehrt, andererseits seine Sexualität jedoch komplett unterdrückt. Mothersole wird daraufhin gefoltert und gehängt, wobei beides nur angedeutet wird. Aber zu keinem Moment schafft es der Film, Emotionen zu schüren und den Zuseher in die Handlung zu involvieren. Das Geschehen ist zu distanziert und zu kalt, um das Publikum zu packen. Und so plätschert der zweiunddreißig Minuten kurze The Ash Tree dahin, zwar sehr stimmungsvoll und angenehm düster, aber im gleichen Maße auch uninteressant und nicht mehr verbreitend als gepflegte Langeweile. Bis der Film urplötzlich gegen Ende, in den letzten fünf Minuten, doch noch zur Hochform aufläuft und den Zuschauern ein so bizarres wie grausiges Finale vor den Latz knallt, daß man es durchaus mit dem Prädikat "unvergeßlich" adeln kann. Was da noch in kurzer Zeit geboten wird, ist unerwartet, garstig, alptraumhaft und richtig, richtig creepy, obwohl die Spezialeffekte alles andere als überzeugend sind. Mehr zu verraten wäre gemein, also belasse ich es dabei, obwohl es mich in den Fingern juckt, das Ende ausführlicher zu schildern. Das muß man einfach mit eigenen Augen sehen. (*) Inwieweit das fulminante Finale (mit den schlichtweg brillanten, immens beunruhigenden letzten zwei, drei Sekunden) diese Gruselmär als gesamtes rettet, sei dahingestellt. Zumindest aber endet The Ash Tree mit einem tollen, ungeheuer denkwürdigen "BANG", der jüngere Zuschauer, die bei der Erstausstrahlung am 23. Dezember 1975 mit dabei waren, nachhaltig traumatisiert haben könnte.

    (*) Selbst Kenner der Vorlage, die bereits wissen, was kommen wird, sollten überrascht sein, wie Clark und seine Leute die letzten paar Minuten umgesetzt haben, gibt es doch auch hier einige schaurige und sehr effektive Abweichungen gegenüber James' Erzählung.

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  7. #382
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    Alien Predator
    (Alien Predators / Mutant 2 / Mutant II / The Falling / Cosmos mortal)

    USA/Spanien 1985 - Written & Directed by Deran Sarafian



    Ein B-Movie mit Science-Fiction- und Horrorthematik Alien Predator zu nennen, ist nicht die Schlechteste aller Ideen. Der Titel ist wunderbar catchy, haucht dem so hoffnungsfrohen wie leichtgläubigen Videothekenkunden ein verführerisches "Nimm mich bitte mit, du wirst es nicht bereuen" entgegen und weckt beim Genrefan zudem eine bestimmte Erwartungshaltung. Daß diese letztendlich nicht wirklich erfüllt wird, ist zweit-, dritt- oder gar letztrangig. Interessanterweise hat der allseits bekannte Predator der Kinoleinwand erst zwei Jahre später in John McTiernans gleichnamigen Film einen Besuch abgestattet. Da ist den Titelverantwortlichen also ein kleiner Glücksgriff gelungen, auch wenn der Griff leider danebenging. Wenn man schon in der nahen Zukunft wildern muß, dann wäre Fred Dekkers Night of the Creeps die bessere Wahl gewesen. Alien Creeps klingt doch irgendwie cool, oder? Sehr gut hätten übrigens auch Alien Thing oder The Alien Strain gepaßt, aber egal. Alien Predator ist immer noch besser als Mutant 2 oder The Falling, wie Deran Sarafians Regiedebüt ebenfalls noch heißt.

    Erzählt wird die Geschichte von Damon (Dennis Christopher, Fade to Black), Michael (Martin Hewitt, Yellowbeard) und Samantha (Lynn-Holly Johnson, Bibi Dahl im James Bond-Film For Your Eyes Only), die in einem geräumigen Wohnmobil quer durch Europa tingeln. Der Eurotrip der drei jungen Amerikaner verläuft vergnüglich, bis sie das kleine Dorf Duarte in Spanien erreichen. Dort ist nämlich vor fünf Jahren ein Weltraumlabor - die Skylab Space Station - abgestürzt, welches 1973 von der NASA zum Zwecke streng geheimer und höchst gefährlicher Experimente in die Erdumlaufbahn geschossen wurde. Mit den Ergebnissen dieser dubiosen Experimente müssen sich nun die nichtsahnenden Lebewesen der Umgebung herumschlagen, denn was immer dort im Weltall entstanden ist, es benutzt Tiere und Menschen als lebende Brutkästen. Dr. Tracer (Luis Prendes, Tuareg - Il guerriero del deserto), ein Wissenschaftler der NASA, versucht die schleichende Invasion verzweifelt zu verhindern, ist ihm doch bewußt, daß ganz Europa in wenigen Wochen ausgerottet wäre, sollte sich der Organismus ausbreiten.

    Aufgrund seines uneinheitlichen Tons ist Alien Predator ein äußerst merkwürdiger, irgendwie sogar schizophrener Film. Die Stimmung schwankt wie ein betrunkener Matrose auf einer alten Hängebrücke, was - mich zumindest - einigermaßen irritiert hat. Daß auf eine ernste, grausige Szene humorige Augenblicke folgen, ist ja nicht außergewöhnlich. Daß aber innerhalb eines Set-Pieces der Ton brutal bricht, wenn zum Beispiel eine unheimliche Suspense-Szene durch witzige Elemente dermaßen aufgelockert wird, daß ihre Wirkung völlig verpufft, sorgt dann doch für ungläubiges Kopfschütteln. Ernste und lustige Momente harmonieren hier nicht, das Zusammenspiel zwischen den beiden funktioniert leider nur sehr selten. Für mich ist es einfach nur befremdlich, wenn einer der Figuren beim Bombardement des Militärs urplötzlich "I love the smell of Napalm in the morning" brüllt und dabei wild grimassiert. Das soll jetzt nicht bedeuten, daß Alien Predator nicht lustig ist. Manche Witze kommen gut rüber (wie z. B. die schräge Begegnung mit den Bodis oder der unerwartete Frisurschock einer Kellnerin), nur in Kombination mit anderen Elementen ist das Ergebnis ziemlich desaströs.

    Hauptverantwortlich dafür ist Sarafians überbordende Ambition und seine lockere Herangehensweise, die jeden Ernst vermissen läßt. Anstatt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und ein flottes Alien-Rip-Off herunterzukurbeln, verwässert er die potentiell leckere Suppe mit unnötigen Zutaten, sodaß sie ziemlich schal schmeckt. Alien Predator ist Alien-Invasions-Schocker, Seuchenthriller, Horrorflick, Action-Movie, Liebesfilm, Psychopathenthriller und Komödie. Von allem ein bißchen, aber nichts so richtig. Kein Wunder, daß der im Grunde bestenfalls durchschnittliche Streifen dramaturgisch so zerfahren ist. Die schauspielerischen Darbietungen sind akzeptabel, und die Kameraarbeit bewegt sich ebenfalls auf solidem B-Movie-Niveau. Toll ist hingegen das stimmige Lokalkolorit, wurde der Film doch von Mai bis Juni 1984 vor Ort in Spanien gedreht. Das hebt den Streifen doch stark vom üblichen amerikanischen Genre-Einheitsbrei ab. Deran Sarafian ist übrigens der Sohn von Richard C. Sarafian, Regisseur des Kultfilms Vanishing Point (1971). Neben einigen weiteren Regiearbeiten (u. a. To Die For, Terminal Velocity) trat er auch ein paar Mal vor der Kamera in Erscheinung (10 to Midnight, Zombi 3, Plankton).

    Damit wäre eigentlich alles gesagt, oder? Nein, stopp, über eines muß man noch sprechen, und zwar über die Spezialeffekte. Diese stammen von Mark Shostrom (From Beyond, Evil Dead II, Phantasm II), und einmal mehr hat der Mann gute Arbeit geleistet. Leider machen sich seine Make-Up-Kreationen nicht nur ziemlich rar, sie sind auch noch recht kurz und knapp gehalten. Es empfiehlt sich also, entweder die Zeitlupe zu aktivieren oder gleich die Funktion der Standbildfortschaltung zu nutzen. Dann kann man z. B. ein aggressives Alien (besser) bewundern, welches aus einem Kopf herausplatzt. Die stärksten Szenen in Bezug auf Spezialeffekte gibt es am Anfang und am Ende zu sehen. Zu Beginn wankt ein infizierter Stier durch die Gegend, dessen Bauch alsbald aufbricht (die verstreuten Gedärme machen einen sehr authentischen Eindruck). Ein wilder Köter frißt einige Häppchen und wird dann in den Körper des Kadavers hineingezogen. Und gegen Ende wird endlich eine der Kreaturen ins rechte Licht gerückt, welche auch gleich mal klarstellt, daß sie für Streichelzoos denkbar ungeeignet ist.

    Unterm Strich ist Alien Predator also trotz einigen Längen und störenden Stimmungsschwankungen ein recht unterhaltsamer Genremix mit einer Handvoll starken Einzelszenen und guten, spärlich gesäten Spezialeffekten. Ein nettes Creature Feature mit zu viel Feature und zu wenig Creature.

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  8. #383
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    The Adventures of Paula Peril
    USA 2014 - Directed by Savvy Lorestani, Benjamin Barak & Jason Winn



    Paula Perils "Geburt" verlief weitgehend unspektakulär. Ein Blatt Papier, ein Zeichenstift, und ein kreatives Gehirn, mehr war nicht nötig, um die engagierte Journalistin anno 2006 die Lichter der Welt erblicken zu lassen. Ihr Schöpfer hört auf den Namen James Watson, und ihr Geburtsort waren die Atlantis Studios in Georgia. Paula Peril ist eine amerikanische Comicfigur, und sie kam in ihrer Heimat sehr gut an. Tatsächlich kam sie sogar so gut an, daß man sich kurzerhand entschloß, begleitend zur Comicserie einige Kurzfilme (*) zu drehen. Aus drei dieser Shorts ging schließlich der Spielfilm The Adventures of Paula Peril hervor. Da ich die Comics nie gelesen habe, kann ich leider kein Urteil darüber abgeben, inwieweit die Verfilmung(en) der Vorlage gerecht werden. Auf sich allein gestellt ist der Streifen jedoch durchaus einen Blick wert, sofern man keine Berührungsängste mit minibudgetierten Independent-Produktionen hat. Denn The Adventures of Paula Peril entstand, salopp formuliert, für 'n Appel und 'n Ei.

    Der Film beginnt damit, daß Paula Perillo (Valerie Perez), die Star-Journalistin der Daily Gazette, in einer dunklen Lagerhalle herumschnüffelt und prompt in eine Falle läuft. Zwar setzt sie sich gegen die Angreifer energisch zur Wehr, aber die Übermacht ist einfach zu groß. Als sich Paula nicht mehr meldet, obwohl die Deadline für die morgige Ausgabe der Zeitung näher und näher rückt, wird man im Büro immer nervöser. Lediglich Veronica Vilancourt (Marla Malcolm, 2001 Maniacs), die Klatsch-Reporterin für den Society-Bereich, wittert ihre Chance, endlich aus Paulas Schatten treten zu können und hat auch gleich eine heiße Story parat. Leider hat die naive Blondine keine Ahnung, daß man ihr falsche Informationen zugespielt hat, und sollte die Daily Gazette ihre Geschichte bringen, hat der Bürgermeister endlich einen triftigen Grund, die Zeitung dichtzumachen. Das ist die Rahmenhandlung, in welche die drei Kurzfilme nicht ungeschickt eingebettet sind, wobei die letzte (und beste) Episode gleichzeitig das große Finale bildet.

    Im 2009 gedrehten Mystery of the Crystal Falcon von Savvy Lorestani geht es um ein wertvolles Artefakt, welches während einer Auktion gestohlen wird. Paula und ihr Partner, der Photograph Jimmy Smith (Stephen Hanthorn), gehen der Sache nach und stoßen auf die Mitglieder eines mysteriösen Kults, die Menschen opfern, um die Unsterblichkeit zu erlangen. Benjamin Baraks The Invisible Evil aus dem Jahre 2010 dreht sich um den grausigen Mord an zwei Gangstern, die in einem leerstehenden Haus eine alte Kiste voller Goldmünzen gesucht haben. Anscheinend hat irgendjemand etwas dagegen, daß der Schatz in die falschen Hände gerät. Und in Midnight Whistle (2011) von Jason Winn (der auch die Rahmenhandlung inszeniert hat) steckt unsere Heldin ihre hübsche Nase in die korrupten Machenschaften eines hohen Tiers in der Stadt, was sie, ihren Vater und ihre Kollegen prompt in Lebensgefahr bringt, ist dem Schurken doch jedes Mittel recht, um die unliebsamen Mitwisser ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen.

    Daß The Adventures of Paula Peril auf einer Comicreihe basiert, sieht man bereits am liebevoll gestalteten Vorspann. Und auch danach ist ein gewisser Comic-Touch stets präsent, obwohl der generelle Look des Streifens nicht sonderlich stilisiert oder ausgefallen ist. Das Ganze ist mitunter sehr nett anzusehen, aufgrund der budgetären Limitierung jedoch unspektakulär und nicht wirklich aufregend. Glücklicherweise nimmt sich der Film nicht besonders ernst und besticht somit mit einer sympathischen Camp-Qualität, wobei ins Auge fällt, daß sich die Macher stark an alten, pulpigen Detektivgeschichten bzw. Abenteuer-Serials orientierten und unsere Heldin immer wieder in brenzlige, lebensbedrohende, scheinbar aussichtslose Cliffhanger-Situationen stolpern lassen. Ins Auge fällt auch Hauptdarstellerin Valerie Perez, die ihre Sache gut macht und als fleischgewordene Comicfigur durchaus zu überzeugen weiß. Valerie Perez' Paula ist eine starke, hübsche, rassige, großbusige, sympathische, furchtlose und schlagkräftige Frau, kurz, eine Heldin, mit der es sich mitzufiebern lohnt.

    Die Episoden Mystery of the Crystal Falcon und The Invisible Evil haben ein paar interessante Ansätze und gute Momente, bleiben aber insgesamt wenig bemerkenswert und ziemlich durchschnittlich. Midnight Whistle hingegen ist toll. Jason Winns Beitrag ist der Höhepunkt des Filmes, ansprechend inszeniert, technisch sehr okay, und phasenweise sogar spannend und packend. Eine runde Sache, bei der lediglich eines irritiert. Marla Malcolm, die bisherige Darstellerin der Veronica Vilancourt, stand aufgrund einer Operation nicht zur Verfügung, und so schlüpfte Hayley Tarkenton in die Rolle, was einigermaßen gewöhnungsbedürftig ist, obwohl es an ihrer Darbietung wenig auszusetzen gibt. Gegen Ende gerät Paula einmal mehr in die Bredouille. Die Schurken platzieren die Schöne gefesselt auf den Gleisen, um sie vom nächsten Zug überrollen zu lassen. Wenn das kein klassischer Cliffhanger-Moment ist, dann weiß ich auch nicht. The Adventures of Paula Peril ist eine so harmlose wie launige Low-Budget-Comicverfilmung, die nur ein Ziel verfolgt: Ihr Publikum zu unterhalten. Bei mir wurde dieses Ziel erreicht. Das Ende schreit nach einer Fortsetzung, die somit gerne kommen darf.

    (*) Die da wären: Trapped in the Flames (2007), Midnight Is the Darkest Hour (2008), Mystery of the Crystal Falcon (2009), The Invisible Evil (2010), Midnight Whistle (2011) und The Serpent Cult (2016), allesamt mit Valerie Perez als Paula "Peril" Perillo.

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    Trampa infernal
    (Hell's Trap)

    Mexiko 1989 - Directed by Pedro Galindo III



    Bei Pedro Galindos Trampa infernal hat der erwartungsfrohe Mexploitation-Aficionado die Qual der Wahl, auf wessen Seite er sich schlägt. Zur Auswahl stehen: "Team Mauricio", bestehend aus Teamleader Mauricio (Toño Mauri), seiner Schnalle Viviana (Adriana Vega), Sidekick Javier (Armando Galvan) sowie dessen Freundin Carlota (Marisol Santacruz). Mauricio ist ein dummer, jähzorniger, arroganter Wicht, der nicht verlieren kann, schon gar nicht bei einem freundschaftlichen Paintball-Wettstreit. Da er die Hauptschuld am folgenden Schlamassel trägt und darüber hinaus eine unsympathische Arschgeige sondergleichen ist, wird sich seine Gefolgschaft aus der johlenden Zuschauermasse wohl eher in Grenzen halten. Gute Chancen zum großen Fanliebling hat da hingegen der gutaussehende und coole Nacho (Pedro Fernández), Anführer von "Team Nacho", auch wenn seine Clique der Truppe seines Erzfeindes Mauricio zahlenmäßig unterlegen ist, stehen mit Freundin Alejandra (Edith González) und Kumpel Charly (Charly Valentino) doch nur zwei Leute auf seiner Seite. Trotzdem: Nacho ist nicht gänzlich unsympathisch, Alejandra ist definitiv mehr als nur eine Sünde wert, und Charly ist der gutmütige Dicke im Bunde, also ja, dieser Gruppe kann man durchaus die Daumen drücken. Und last but not least wäre da noch "One-Man-Team Jesse" (Alberto Mejia Baron). Jesse ist ein völlig durchgeknallter Vietnamkriegsveteran aus den Staaten, in dessen kaputtem Schädel sich alles nur um drei Dinge dreht: Töten, töten und töten.

    Diese drei "Teams" treffen in einem abgelegenen Waldstück, genannt Filo de Caballo, aufeinander, wo ein blutrünstiger Problembär sein Unwesen treiben soll. Mauricio überredet Nacho nämlich zu einem letzten, alles entscheidenden Wettkampf. Derjenige, der den Bären erlegt, ist ab sofort die unangefochtene Nummer Eins, der Beste der Besten, der König der Welt. Oder so ähnlich. Die Sache hat nur einen kleinen Haken. Es gibt keinen Bären. Es gibt nur Jesse. Jesse lebt in besagtem Wald und massakriert jeden, der sein Territorium betritt. Um nicht die Polizei auf den Plan zu rufen, tarnt er seine Kills als Bärenattacken. Ja, Jesse mag totalmente loco sein, aber er ist auch gerissen. Der Irre hat sich nämlich niemand geringeren als Freddy Krueger zum Vorbild genommen und sich einen schicken Messerhandschuh gebastelt! Und da er im Gegensatz zu Freddy gezackte Messerklingen verwendet, sind die Wunden, die er reißt, ungleich fieser und blutiger. Jesse verläßt sich jedoch nicht nur auf diese eine Waffe. Zur Auswahl stehen ihm, nebst heimtückisch platzierten Booby-Traps, für gewisse Anlässe auch Pfeil und Bogen, Sicheln, Handgranaten und Maschinengewehre. Addiert man zu diesem stolzen Waffenarsenal noch Jesses antrainiertes Kampfgeschick, dann ist es kein Wunder, daß die Teams Mauricio respektive Nacho nach und nach drastisch dezimiert werden. Die Murder-Set-Pieces sind recht kompetent und abwechslungsreich in Szene gesetzt. Sie sind zwar nicht übermäßig blutig, haben aber eine gesunde Härte und sind bisweilen erfreulich garstig.

    Ja, Trampa infernal ist schundige Mexploitation von der Sorte, die süchtig machen kann. Nicht gut, objektiv betrachtet, aber immens launig, auf eine sympathische Weise cheesy und angenehm anders. Mag der billige Streifen im Herzen auch nur eine weitere Variation der in den 1980er-Jahren ungemein erfolgreichen Slasher-Formel sein, so hebt er sich dank seines leicht exotischen Flairs, seiner eigenwilligen Inszenierung und seiner beachtlichen Ideenvielfalt von der amerikanischen Konkurrenz klar ab. Natürlich, die Ideen sind allesamt dreist geklaut (von Filmen wie The Hills Have Eyes, Friday the 13th, First Blood, The Final Terror, A Nightmare on Elm Street und The Zero Boys) und kein bißchen originell, aber wie sie von Pedro (Regisseur und Ko-Drehbuchautor), Santiago (Ko-Drehbuchautor und Ko-Produzent) und Eduardo Galindo (Ko-Produzent) dann in den simplen Plot integriert wurden, hat irgendwie schon was unschuldig Erfrischendes an sich, sodaß man dem Streifen einfach nicht böse sein kann. Darüber hinaus ist Vietnamveteran Jesse ein verdammt gruseliger Antagonist, versteckt er sich doch - bis zur haarsträubend sinnbefreiten Demaskierung gegen Ende - hinter einer unheimlichen Gesichtsmaske. Die Maske ist eine dieser starren, weißen Dinger, die fröstelnde Kälte und pure Emotionslosigkeit ausstrahlen. In Kombination mit seinen Waldschrat-Militär-Klamotten, der blonden Perücke und dem fiesen Klingenhandschuh ergibt das ein menschliches Monster, das einem Alptraum entsprungen sein könnte. Hinzu kommt, daß Jesse nicht spricht und seinen Bewegungen etwas beunruhigend Animalisches anhaftet.

    Außerdem teilt er nicht nur erbarmungslos aus, er ist auch hart im Nehmen. Selbst als ihm spektakulär die Pfote weggeballert wird, kauterisiert er den Stumpf in seinem Lager mit einer brennenden Fackel, verbindet ihn stümperhaft und macht munter da weiter, wo er zuvor aufgehört hat. Er steckt diese nicht ganz unerhebliche Verletzung einfach weg wie unsereins einen Mückenstich. Da Trampa infernal durchwegs gut unterhält, fallen die diversen Probleme (technische Unzulänglichkeiten, holprige Dramaturgie, flache Charakterisierungen, durchwachsene schauspielerische Darbietungen, der nicht immer passende Soundtrack, die lange Anlaufzeit) kaum ins Gewicht. Filme wie dieser werden gemacht, um die Produzenten zu bereichern und das Zielpublikum zu unterhalten. Gelingt beides, ist das eine Win-Win-Situation, mit der es sich als Genrefan gut leben läßt. Die seriöse Filmkritik hat für solche Machwerke natürlich überhaupt nichts übrig und straft sie konsequent mit Verachtung (falls man sie nicht sowieso gänzlich ignoriert), aber da ich mich weder als "seriös" bezeichne noch mich "Filmkritiker" schimpfe, kann ich guten Gewissens eine Lanze für anspruchslose Schlocker dieser Art brechen. Ich kann mir nicht helfen, aber wenn nach dem gelungenen Showdown der Abspann über den Bildschirm flimmert, stiehlt sich wie von selbst ein vergnügtes, zufriedenes Grinsen über das eben Gesehene auf mein Gesicht. Und ich verspüre den brennenden Wunsch, weitere Arbeiten des werten Herrn Galindo wie z. B. Ráfaga de plomo (Cobra Gang) oder Vacaciones de terror 2 (Vacations of Terror 2) zu sichten.

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  10. #385
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    Savaged
    (Avenged)

    USA 2013 - Written, Shot, Edited & Directed by Michael S. Ojeda



    Es gibt wohl kaum eine Spielart im Exploitation-Filmbereich, die stärker Emotionen zu schüren imstande ist als der Rachefilm. Was ist es doch befriedigend, wenn es die/der Gepeinigte (oder jemand an ihrer/seiner Stelle) dem abartigen Schurkenpack mit Schmackes und ohne Erbarmen heimzahlt. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und das ist auch gut so, schließlich ist das nicht die Realität, sondern - um den legendären Werbespruch zu zitieren - it's only a movie, it's only a movie, it's only a movie... Und je widerwärtiger, sadistischer und brutaler der kriminelle Abschaum vorgeht, desto befriedigender ist der darauffolgende Rachepart. Zum Beispiel - an dieser Stelle komme ich nicht umhin darauf hinzuweisen, daß in den folgenden fünf Absätzen der eine oder andere Spoiler enthalten sein könnte (falls man die erwähnten Filme noch nicht kennen sollte, und wenn dem so ist, ab in die Ecke und eine Runde schämen) - ...

    ...wenn Jennifer ihren Vergewaltiger in die Badewanne lockt, ihm den Penis massiert und ihn kurz vor dem Orgasmus kastriert (Day of the Woman aka Ich spuck auf dein Grab, 1978),

    ...oder wenn Max Rockatansky Toecutter, den Anführer der mörderischen Biker-Gang, frontal in einen entgegenkommenden Truck hetzt (Mad Max, 1979),

    ...oder wenn Andrew Norris einem von Stegmans Punks die Hand absägt und ihn anschließend, Rücken voraus, auf die rotierende Kreissäge wirft (Class of 1984 aka Die Klasse von 1984, 1982),

    ...oder wenn Brenda ihren Widersacher mit Farbe bespritzt und ihn anschließend bei lebendigem Leibe abfackelt (Savage Streets aka Savage Streets - Die Straße der Gewalt, 1984),

    ...oder wenn die Braut ihrer Gegnerin Elle Driver das verbliebene Auge herausreißt, auf den Boden wirft und genüßlich zertritt (Kill Bill: Vol. 2, 2004).

    Oder auch wenn Zoe einem der widerlichen Rednecks mit einer zerbrochenen Glasflasche den Bauch zersticht und ihm mit bloßen Händen die Gedärme aus dem Leib reißt, wie es in Savaged geschieht, den Film, um den es hier geht.

    Wobei es unklar ist, inwieweit unsere versierte Darmrupferin zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch Zoe ist. Zu Beginn der Geschichte ist Zoe (Amanda Adrienne Smith) eine hübsche, junge Frau, die sich alleine auf den langen Weg quer durchs amerikanische Hinterland macht, um sich mit ihrem (farbigen) Verlobten Dane (Marc Anthony Samuel) zu treffen. Trotz ihrer Behinderung - sie ist taub und tut sich deshalb auch entsprechend schwer, sich verständlich zu artikulieren - ist sie selbstbewußt, entschlossen und lebenslustig. Außerdem ist sie so liebenswert, daß sie dem Zuschauer, obwohl nur dürftig charakterisiert, sofort ans Herz wächst. Die Autofahrt verläuft entspannt, bis sie in New Mexico plötzlich Zeugin zweier rassistisch motivierter Morde wird. Trey (Rodney Rowland) und West (Tom Ardavany), die Anführer der kleinen Gruppe Hinterwäldler, können natürlich nicht zulassen, daß die Öffentlichkeit Wind von ihren mörderischen Freizeitaktivitäten bekommt, und so verschleppen sie Zoe kurzerhand in ihre Behausung.

    Dort wird die Unglückliche mit Stacheldraht gefesselt, gefoltert, vergewaltigt und anschließend getötet und verscharrt. Wie es der Zufall so will, findet der Indianer Grey Wolf (Joseph Runningfox) die Frau, und da er noch einen Funken Leben in ihr spürt, nimmt er sie mit zu einem heiligen Platz und führt umgehend ein schamanisches Ritual durch. Die Zeremonie ist zwar von Erfolg gekrönt, doch zu welchem Preis? Nicht nur Zoes Seele ist zurück, auch der ruhelose Geist von Apachen-Häuptling Red Sleeve, der von den Vorfahren der Killerbande getötet wurde, nutzt die Gunst der Sekunde und schlüpft in ihren geschundenen Körper. Red Sleeve wittert seine Chance, endlich Rache für all das begangene Unrecht zu üben. Mit Messer, Speer, Tomahawk sowie Pfeil und Bogen erklären Zoe und Red Sleeve die Jagdsaison auf sadistische Rednecks für eröffnet.

    Michael S. Ojedas Savaged ist ein beinharter und überraschend intensiver Rape-Revenge-Kracher mit einem originellen Twist, schließlich ist es nicht nur die Gepeinigte, die sich an ihren Peinigern rächt, sondern auch noch der Geist eines vor langer Zeit ermordeten Indianerhäuptlings, der keine Ruhe gefunden hat. Dieses übernatürliche Element sorgt einerseits für frischen Wind, andererseits erhöht es die Glaubwürdigkeit des Geschehens (sofern man gewillt ist, diese Wende zu schlucken). Zoe ist damit nicht mehr die kräftemäßig weit unterlegene Frau, die dem Pack Saures gibt, sondern eine echte Kriegerin, die mit Waffen umzugehen weiß. Ja, mehr noch, sie ist gewissermaßen ein Rachedämon, den nichts und niemand von seinem Vorhaben abbringen kann. Hinzu kommt, daß es Grey Wolf leider nicht gelungen ist, Zoe rechtzeitig zurückzuholen.

    Der Körper, den sie und Red Sleeve "bewohnen", ist nur mehr totes Fleisch, und der Verwesungsprozeß schreitet rasant voran. Die Zeitspanne, die den Beiden zur Verfügung steht, ist gering, und sie müssen sich ordentlich ins Zeug legen, um ihre Rache zu vollziehen. Abwarten und auf eine günstige Gelegenheit hoffen ist also nicht drin. Darüber hinaus sitzen die Hinterwäldler nicht tatenlos herum und drehen Däumchen, nein, sie setzen sich energisch zur Wehr, was dazu führt, daß sich der Zustand des eh schon stark in Mitleidenschaft gezogenen und verfaulenden Körpers weiter verschlimmert. Ojeda und seine FX-Künstler sparen nicht mit drastischen Details. So streift sich Zoe beispielsweise das Fleisch, als sie sich den Verlobungsring vom Finger zieht, gleich mit ab, sodaß nur mehr der blanke Knochen zurückbleibt. Splattertechnisch wird einiges geboten, wobei die Effekte überwiegend praktischer Natur sind. Bäuche werden geöffnet, Hälse durchbohrt, Herzen entfernt, Köpfe abgetrennt, und zum großen Finale wird sogar die Kettensäge angeworfen.

    Ojeda setzt auf eine triste, humorlose Grundstimmung und zieht die Geschichte ohne einen Funken Ironie durch. Savaged soll weh tun, und das tut er auch. Der Hauptgrund, daß der Streifen so blendend funktioniert, ist zweifellos Amanda Adrienne Smith, die in der Hauptrolle eine unfaßbare Tour-de-Force-Performance abzieht. Ihre Wandlung von der süßen, fragilen, hoffnungsvollen jungen Frau zum besessenen, blutrünstigen, erbarmungslosen Racheengel ist ebenso glaubhaft wie die innere Zerrissenheit, die sie in bestimmten Momenten eindringlich zum Ausdruck bringt. Sie weiß genau, was mit ihr passiert. Sie weiß, daß ihr Körper verrottet und daß ihre Uhr abläuft. Daß die Uhr eigentlich schon abgelaufen ist und daß es keine Zukunft mehr für sie gibt. All das bringt Smith in den ruhigeren Passagen des Filmes so gut rüber, daß man ständig mit ihr mitleidet, selbst dann, wenn der Indianer in ihr das Kommando übernimmt und seine Gegner unerbittlich niedermetzelt.

    Leider ist auch Savaged nicht frei von Schattenseiten, die das Seherlebnis ein klein wenig trüben. Der CGI-Crash ist ziemlich mißlungen, Marc Anthony Samuel kann als Zoes Verlobter nicht überzeugen, die Rednecks sind allesamt eindimensionale Stereotypen, die nur wenige Klischees auslassen (wobei es jedoch locker reicht, um die Bastarde aus tiefstem Herzen zu hassen), und auch der stark stilisierte Look des Filmes (die kontrastreichen, düsteren, farbgefilterten Bilder wirken zum Teil, als hätte man ihnen jegliche Wärme entzogen) ist etwas gewöhnungsbedürftig. Aber kalt kommt Savaged zu keiner Zeit rüber. Die Emotionen kochen hoch. Erst bei Zoes Martyrium (das recht kurzgehalten ist), dann bei den befriedigenden Racheakten, und zwischendurch immer mal wieder bei ihrer zwischen Freude und Trauer, Hoffnung und Resignation, Schmerz und Wut pendelnden seelischen Verfassung. Und am Ende... Ja, am Ende hat man unwillkürlich einen dicken Kloß im Hals und Ojeda und Smith schaffen es, ihr Publikum zu berühren. Großartig.

    PS: Einige Filmkritiker zogen Parallelen zwischen Savaged und Alex Proyas' The Crow (1994), befanden, Zoe wäre so etwas wie das weibliche Gegenstück zur Krähe. Und tatsächlich sind diverse Gemeinsamkeiten nicht von der Hand zu weisen. In Punkto Emotionalität, Kompromißlosigkeit und Intensität sehe ich Savaged allerdings klar voran.

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    Death Spa
    (Witch Bitch - Tod aus dem Jenseits / Witch Bitch)

    USA 1987 - Directed by Michael Fischa



    "Everyone in this place is going to die!"
    (Die "Witch Bitch" gibt sich nicht mit halben Sachen zufrieden)

    Wenn ein Horrorfilm mit dem Einschlag eines Blitzes beginnt, bedeutet das selten etwas Gutes. Wenn der Blitz dann auch noch in ein ultramodernes Fitness-Center namens Star Body Health Spa einschlägt und die Leuchtbuchstaben S-T-A-R-B-O-Y-H-L auslöscht, sodaß die verbleibenden Buchstaben die unheilschwangere Bezeichnung "Death Spa" ergeben, dann kann man sich sicher sein, daß die unter Faulpelzen weit verbreitete Floskel "Sport ist Mord" hier punktgenau ins Schwarze trifft. Und tatsächlich: Auf einmal geschehen bizarre "Unfälle" in der computergesteuerten High-Tech-Fitness-Bude, sehr zum Leidwesen von Besitzer Michael Evans (William Bumiller, Guns). Erstes Opfer ist seine hübsche Freundin Laura (Brenda Bakke, American Gothic), deren leckerer, schweißbedeckter Luxuskörper (nackt, wie Gott sie schuf, selbstverständlich) in der Sauna von austretendem Chlordampf schlimm verbrüht wird.

    Nach eher harmlosen Zwischenfällen - wie einem sich lösenden Sprungbrett beim Wasserbecken, heißem Wasser aus den Duschköpfen und durch die Gegend fliegenden Fliesen - wird es dann so richtig übel. Eine Sportskanone wird beim Krafttraining vom Fitnessgerät so beansprucht, daß es ihn innerlich zerreißt, der zarte Hals einer Frau wird von einem Stahlrohr durchbohrt, und ein unglückliches Mädel wird von aus der Sprinkleranlage spritzender Säure regelrecht zersetzt. Lieutenant Fletcher (Francis X. McCarthy) und Sergeant Stone (Rosalind Cash) nehmen die Ermittlungen auf und haben als potentiellen Täter neben Michael vor allem dessen Ex-Schwager David (Merritt Butrick, Fright Night Part 2) im Auge, dem Programmierer der Computersteuerung. Ein Motiv hat der ständig schlecht gelaunte Kerl nämlich auch, schließlich war seine geliebte Zwillingsschwester Catherine (Shari Shattuck) mit Michael verheiratet, bis sie sich eines Tages mit Benzin übergossen und angezündet hat.

    Michael Fischas Death Spa ist ein sehr ansprechend inszeniertes und überaus kurzweiliges Slasher-Movie mit einem coolen Gimmick. Der heimtückische Killer ist nämlich übernatürlichen Ursprungs, womit ihm auch weit mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen, seine Opfer über den Jordan zu schicken, als den üblichen tumben Gestalten mit ihren Messern, Äxten oder Macheten, die diese Art Film für gewöhnlich bevölkern. Ein reanimierter, tiefgefrorener Aal, der sich in eine Kehle verbeißt, oder zerberstende Spiegel, deren scharfe Glassplitter einen Körper zerfetzen, sieht man nun wirklich nicht alle Tage. Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt, wenn es die "Witch Bitch" krachen läßt und den "Tod aus dem Jenseits" bringt, wodurch natürlich auch für reichlich Abwechslung gesorgt ist. Bei den Gore-Effekten schossen die Macher (für die damalige Zeit) fröhlich übers Ziel hinaus, weshalb die amerikanische Zensurbehörde MPAA für ein R-Rating auch prompt diverse Kürzungen forderte.

    Die Splatterszenen sind zwar überwiegend recht happig, allerdings beschränkt sich Fischa selbst in der Unrated-Fassung auf eher kürzere Einstellungen, nicht zuletzt wohl auch, um die nicht immer gelungenen Effekte etwas zu kaschieren. Lediglich bei der saftigen Mixerszene (ein einfacher aber höchst effektiver Trick) wird mit der Kamera bis zum bitteren Ende der süßen "Biene" draufgehalten. Die SFX-Leute um Mel Slavick (Bride of Re-Animator) konnten sich bei Death Spa jedenfalls über mangelnde Arbeit bestimmt nicht beklagen, wobei beim spektakulären Finale auch die Pyrotechniker einiges zu tun bekamen. Denn trotz aller Todesfälle läßt es sich Michael nicht nehmen, eine flotte Mardi Gras-Party zu schmeißen, was den Bodycount noch mal drastisch in die Höhe schraubt. Das nicht ganz schlüssige Ende ist ziemlich abrupt, wird aber immerhin durch die angenehm eklige Schlußeinstellung etwas versüßt.

    In seinen besten (=absurdesten) Momenten weckt der 1987 gedrehte, aber erst 1989 veröffentlichte Death Spa Erinnerungen an italienische Genreklassiker wie Suspiria, ...E tu vivrai nel terrore! L'aldilà (Über dem Jenseits aka Die Geisterstadt der Zombies) oder La Chiesa (The Church), die ja ebenfalls das (blutige) Spektakel über eine nachvollziehbare, logische Handlung stellten. Death Spa erreicht zwar weder deren Klasse, noch deren dichte, alptraumhafte Atmosphäre, aber in einer Zeit, als sich das populäre Genre bereits in einer tristen Abwärtsspirale befand, setzt er zumindest mit Schmackes noch ein dickes, fettes Ausrufezeichen. Obwohl Death Spa zweifellos ein preisgünstig produziertes B-Movie ist, ist der Film gut gemacht, was schon bei der tollen Eröffnungsszene (ein langer Steadicam-Tracking-Shot von der Straße durch den Eingangsbereich in den Fitness-Club) klar ersichtlich ist.

    Zudem hat der 1952 in Wien geborene Michael Fischa (My Mom's a Werewolf, Deadtime Stories) die Regie fest im Griff und schafft es problemlos, die Geschichte ohne grobe Durchhänger über die Runden zu bringen. Selbst Szenen, in denen nichts von Belang passiert, weiß er launig auf Zelluloid zu bannen, sodaß kaum Langeweile aufkommt. Fans des unvergleichlichen Achtziger-Jahre-Flairs bekommen hier die volle Dröhnung verpaßt. Geile Frisuren und wunderbar scheußliche (Sport-)Klamotten, schamlos ins neondurchtränkte Licht gerückt, geben sich die Klinke in die Hand, während längst vergessene Popsongs (u. a. von längst vergessenen Bands wie People, Messenger, The Raunchettes und Sgt. Rock) die Tonspur rocken. Im schauspielerischen Bereich werden zwar keine Bäume ausgerissen, aber das Dargebotene ist durchaus akzeptabel. Ein echter Hingucker ist Chelsea Field (Prison) als Darla, aber auch Ken Foree (Dawn of the Dead) ist immer wieder gern gesehen, selbst wenn er so wie hier in äußerst lächerliche Klamotten schlüpfen mußte.

    Wie bei vielen Filmen dieser Art ist die große Schwachstelle hier einmal mehr die Figurenzeichnung. Sämtlichen Figuren fehlt es an Tiefe, die Charakterisierung ist bestenfalls oberflächlich, weshalb es dem Publikum schwerfällt, etwas für die (todgeweihten) Männer bzw. Frauen zu empfinden oder gar mit ihnen mitzufiebern. Wer darüber hinwegsehen kann, der bekommt mit Death Spa ein flottes, spaßiges B-Movie serviert, welches für den nicht allzu anspruchsvollen Genrefan ein kleines Rundumsorglospaket darstellt. Schließlich ist in dem Streifen so ziemlich alles drin, was man sich erhoffen darf. Starke, wuchtige, spektakuläre und/oder blutige Murder-Set-Pieces, hübsche junge Frauen, die mit ihren Reizen nicht geizen, eine originelle Location, in der eine wahre Furie ihr Unwesen treibt, und dazu noch Unmengen an extravagantem 80s-Chic. Das alles mag nicht für einen qualitativ hochwertigen Film reichen. Für knappe anderthalb Stunden megageile und recht charmante Horrorunterhaltung langt es jedoch allemal.



    PS: Ich bin ja eigentlich der Typ, der Filmfehler geflissentlich übersieht, selbst wenn sie mich mit Schmackes in den Arsch treten und laut "Juhu" rufen. Der Moment, als sich ein Mikro lustig von der Seite ins Bild schiebt, ist aber selbst mir sofort ins Auge gesprungen.

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  12. #387
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    Cemetery High
    (Assault of the Killer Bimbos / Hack'em High / Scumbusters)

    USA 1988 - Directed by Gorman Bechard



    "It was like being Charles Bronson, you know... Death Wish and all that?"

    Es wird wieder mal gespuckt! Nicht in die Hände, sondern auf Gräber. Ja, die Mädels haben die Schnauze gestrichen voll. Verständlich, wurde ihnen doch übel mitgespielt. Verprügelt hat man sie, vergewaltigt, gedemütigt... doch damit ist jetzt Schluß. Sie formieren sich, schließen sich zusammen, um mit geballter Kraft und ohne Gnade zurückzuschlagen. Kate (Debi Thibeault), Kathy (Karen Nielsen), Michelle (Lisa Schmidt), Dianne (Simone) und Lisa (Ruth Collins) gehen auf Männerjagd. Mit "noch so ein Spruch, Kieferbruch" geben sie sich nicht ab. Das Motto lautet eher "faßt du mir auch nur an die Hand, klebt dein Gehirn schon an der Wand". Oder "denkst du mit den Hoden, bedeckt dein Blut den Boden". Oder "belästigst du noch ein Mädel, kriegst du 'ne Kugel in den Schädel". Oder "greifst du mir an die Titten, wird deine Kehle durchgeschnitten". You get the picture. Und während die Männer der Kleinstadt zu zittern beginnen, nehmen immer mehr Frauen das Gesetz in die eigenen, zarten Hände. Das gefällt dem korrupten Bürgermeister Goodman (Tony Kruk) gar nicht. Die Scumbusters müssen ausradiert werden, damit die Frauen endlich wieder dahin verschwinden, wo sie seiner Ansicht nach hingehören.

    Die Idee ist ja so schlecht nicht. Cemetery High ist eine billig produzierte Parodie auf das zwiespältige Subgenre des Rape/Revenge-Films. Schließlich hat man ja schon alles Mögliche durch den Kakao gezogen, wieso sollte es also gerade hier nicht funktionieren? Also trieb man fröhlich Klischees auf die Spitze, spielte auf selbstreflexive Weise mit den Konventionen des Genres und jagte eindimensionale Hohlbirnen, welche teilweise dümmer sind als es die Polizei erlaubt, durch ein absurd-belämmertes Szenario. Sheriff Bob (David Coughlin) darf sich zum Beispiel berechtigte Hoffnungen darauf machen, in der Kategorie "dämlichste Figur aller Zeiten" den Hauptpreis abzuräumen, wohingegen Gerichtsmediziner Dr. Schiavone (Frank Stewart) für die Auszeichnung "nervigster Hampelmann des Jahres" als Mitfavorit gilt. Leider offenbart sich da schon das große Problem des Filmes. Für eine Parodie ist er schlicht und einfach nicht lustig genug. Ein paar Lacher möchte ich dem Streifen nicht absprechen, aber der überwiegende Teil der Gags stolpert geradewegs ins Leere und lädt eher zum Fremdschämen oder zum Kopfschütteln ein.

    Und dann gibt es da noch zwei nette Gimmicks. Brutalitäten und/oder Blutvergießen werden von dem "Gore Gong" angekündigt. Ertönt hingegen der "Hooter Honk", darf man sich auf selbstzweckhafte Nuditäten einstellen. So witzig die Idee auch ist, so unbefriedigend ist die Ausführung. Der "Hooter Honk" erklingt ganze zwei Mal und knallt dem Zuschauer somit ganze vier Stück Titten vor den Latz. Noch wesentlich enttäuschender ist der "Gore Gong", weil er viel verspicht und (fast) nichts hält. Meist wird man mit einigen läppischen Blutspritzern abgespeist, ein paar Mal erdreistet man sich aber, die Szene in etwa wie folgt ablaufen zu lassen. Da holt eine Hübsche mit der Axt aus oder richtet die Waffe auf den Kopf eines Typen, es gongt in Bild und Ton, und dann... kommt nichts mehr. Der Gong beendet die Szene, und die Bluttat darf man sich im Kopf selbst ausmalen. Möglicherweise gehört das aber auch zum Konzept des Filmes, nicht nur das Genre an sich, sondern auch die Genrefans zu verarschen. Schließlich spielt Cemetery High ein wenig mit den Erwartungen und läßt Filmfiguren in die Kamera zum Zuschauer sprechen, gewisse Szenen kommentieren und sogar darüber spekulieren, was denn noch so kommen mag.

    Der Großteil der Hauptdarsteller war bereits bei Bechards Galactic Gigolo (Galactic Gigolo - Gemüse aus dem All, 1987) mit von der Partie. Auf diesen Streifen gibt es in Cemetery High keinen Verweis (außer, er ist mir entgangen), wohl aber auf Bechards Frühwerke, den Slasher Disconnected (1983) sowie sein Meisterstück Psychos in Love (1987). Der Regisseur will mit Cemetery High übrigens nichts mehr zu tun haben, weil Mitproduzent Charles Band und dessen Cutter den Film angeblich nach eigenen Vorstellungen "bearbeitet" haben. Aber selbst wenn sich Band nicht eingemischt hätte, wäre Cemetery High kein guter Film geworden, das wage ich mal frech zu behaupten. Dafür läuft einfach viel zu viel falsch. Man sollte also ein großes Faible für vergeigte Komödien und trashig-albernes Grindhousekino haben, um mit dieser lahmen Girls-with-Guns-rächen-sich-an-der-Männerwelt-Parodie etwas anfangen zu können. Denn trotz einiger cooler Ideen (der Erzähler wird mal eben abgeknallt, das Lüften der Bluse wird hinterfragt, etc.) kommt der Spoof einfach nicht in die Gänge, und der Funke verlöscht lange bevor er zum Zuschauer überspringen könnte. Am Ende kommt es zum angekündigten großen Shootout zwischen den Scumbusters und dem Bürgermeister und seinen Männern, aber selbst dieser verläuft eher unspektakulär und so enttäuschend wie der gesamte Film.


  13. #388
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    The Mind's Eye
    (Supernatural Forces)

    USA 2015 - Written & Directed by Joe Begos



    Ein kleiner Raum, zweckmäßig eingerichtet. Ein Stuhl, ein Tisch, ein Mikrophon. Auf dem Sessel sitzt Rachel Meadows (Lauren Ashley Carter, The Woman), gefesselt, mit einem schwarzen Sack über dem Kopf. Schräg hinter ihr steht Dr. Michael Slovak (John Speredakos, The Innkeepers), der Arzt, der hier das uneingeschränkte Sagen hat. Schließlich befinden sich die beiden im Slovak Institute of Psychokinetics, einer bestens bewachten Hochsicherheitsanstalt, in der mit besonderen, mit ungewöhnlichen Kräften ausgestatteten Menschen experimentiert wird. Der Wissenschaftler, der die zierliche Frau nicht aus den Augen läßt, stellt die erste Frage. "Do you understand, why I can't take the sack off?" Rachels Antwort ist selbstbewußt, direkt und lakonisch. "Because you are scared." Slovak lacht kurz auf, wird jedoch sofort wieder ernst und fährt lauernd fort. "What is there to be scared of?" Sehr langsam dreht Rachel den verdeckten Kopf in seine Richtung. Ihre Erwiderung ist knapp, trocken, und sie ist richtig. "Me."

    Rachel ist nicht die einzige "Patientin" mit gewaltigen Gedankenkräften im Haus. Ein Mann namens David Armstrong (Matt Mercer, Contracted: Phase II) ist bereits seit einiger Zeit ihr Leidensgenosse, und wenig später gesellt sich auch ihr Exfreund Zack Connors (Graham Skipper, Tales of Halloween) dazu, von dem es heißt, daß seine Kräfte selbst die von Rachel noch übersteigen. Bald ist auch klar, was der skrupellose Arzt im Schilde führt. Slovak hat einen Weg gefunden, die psychokinetischen Kräfte von seinen Gefangenen auf sich zu übertragen. Das Verfahren ist - für beide Seiten - extrem schmerzhaft, aber was tut man nicht alles, um Macht zu erlangen und damit die Welt zu verändern? Im Jahre 1981 ließ der Kanadier David Cronenberg in seinem Film Scanners spektakulär vor laufender Kamera einen Kopf zerplatzen. Bereits vorher richteten PSI-begabte Menschen in Filmen wie Carrie oder The Fury viel Unheil an, aber es war dieser eine, kraftvolle, unvergeßliche Moment, der die Möglichkeiten psychisch fokussierter Energieströme anschaulich auf den Punkt brachte.

    Joe Begos (Almost Human) greift nun mit The Mind's Eye diese faszinierende Thematik erneut auf. Dabei orientiert er sich so stark am Scanners-Franchise (speziell am ersten Sequel), daß man seinen Film auch Scanners: The Next Generation oder Scanners Reloaded nennen könnte, obwohl der Begriff "Scanners" im Film nie in den Mund genommen wird. Die überwiegend im Februar 1991 angesiedelte Geschichte ist sehr simpel und geradlinig gehalten, das (von ihm selbst verfaßte) Drehbuch ist klar und übersichtlich strukturiert, und die dürftig charakterisierten Figuren lassen sich problemlos in die Lager Gut und Böse einordnen. Zwar sind Zack, David und Rachel ganz bestimmt keine Heiligen, aber da ihre Gegenspieler allesamt gewissenlose, sadistische und verabscheuungswürdige Bastarde sind, nimmt man sie trotz ihrer Fehler als Helden wahr. Aufgrund der inhumanen Behandlung, welcher sie durch Dr. Slovak ausgesetzt sind, ist das Publikum sofort auf ihrer Seite, fiebert mit ihnen mit und hofft, daß sie es ihren Peinigern letztendlich heimzahlen.

    Die schauspielerischen Darbietungen sind durch die Bank akzeptabel. Lediglich John Speredakos beginnt mit zunehmender Laufzeit etwas zu nerven, da er die Kontrolle über sein Overacting nach und nach verliert. Als Zacks Vater ist Schauspieler/Regisseur Larry Fessenden (We Are Still Here, Wendigo, The Last Winter) zu sehen, der aus seiner kleinen Rolle noch das Beste gemacht hat. Stilistisch ist The Mind's Eye phasenweise eine Augenweide. Begos, auf dessen Konto auch die Kinematographie geht, orientiert sich visuell offensichtlich an der Ästhetik des europäischen Genrekinos der 1970er- und 1980er-Jahre, wobei es ihm die Herren Mario Bava und Dario Argento besonders angetan zu haben scheinen. Die oft von satten Farbtönen dominierte Szenenausleuchtung ist nicht nur ganz toll anzusehen, sie sorgt auch für eine leicht unwirkliche, surreale Stimmung. Ebenfalls ganz famos ist Steve Moores einfach arrangierter Elektro-Score, dessen eingängige, treibende Synthesizer-Klänge an John Carpenter erinnern und einen mitreißenden, hypnotischen Sog entfalten.

    Der Grundton des in Rhode Island gedrehten Filmes ist extrem gewalttätig und düster, für Humor scheint es hier keinen Platz zu geben. Eine friedliche Koexistenz ist unmöglich, sämtliche Konflikte werden mit Gewalt gelöst. Sei es mit Schußwaffen, Messern und Äxten, oder sei es mit zielgerichteter Gedankenkraft, das Ergebnis ist im Endeffekt dasselbe: Ein zerstörter, lebloser Körper. Leicht haben es Zack, David und Rachel dennoch nicht. Die Anwendung ihrer psychischen Gabe ist ungemein anstrengend. Die Kräfte kosten Energie, zehren an Geist und Körper, und zwar so vehement, daß bei Überstrapazierung sogar der Tod eintreten kann. Die mit dem Benutzen der Kräfte einhergehende Anstrengung wird glaubhaft vermittelt und macht es somit auch plausibel, daß diese Fähigkeit nicht nach Belieben eingesetzt werden kann. Unsere Protagonisten sind keine unverwundbaren Superhelden, ganz im Gegenteil. Es sind Menschen wie du und ich, die einfach nur ein spezielles Talent haben und sich energisch gegen die Ungerechtigkeit zur Wehr setzen, die ihnen widerfährt. Selbst wenn es ihnen das Leben kosten sollte.

    Bei einem Film mit Scanners-Thematik nehmen die Spezialeffekte natürlich einen hohen Stellenwert ein, und Begos läßt es in dieser Hinsicht auch gewaltig krachen. Der Gore-Score ist höher - wesentlich höher - als bei den diversen Scanners-Streifen, und, soweit ich das beurteilen kann, sind die blutigen Effekte (darunter auch, wie könnte es anders sein, eine imposante Kopfexplosion) gänzlich praktischer Natur und wissen fast ausnahmslos zu überzeugen. Des Weiteren setzt Begos auf Tempo und Action. Die Story hetzt so rasant von Set-Piece zu Set-Piece, daß man als Zuseher vor lauter Staunen gar nicht erst auf den Gedanken kommt, über das Gesehene nachzudenken bzw. es zu hinterfragen. Eine gute Entscheidung, könnte man ansonsten doch merken, daß unter der schicken Oberfläche des schwer unterhaltsamen Retro-Spektakels eine große, gähnende Leere herrscht. Nein, mit Originalität, Tiefe und Anspruch punktet Begos' leidenschaftliche, von Herzen kommende Liebeserklärung an seine Kindheitsfavoriten gewiß nicht. Und vielleicht rockt diese alternative, inoffizielle Scanners-Neuauflage genau deswegen die Hütte.

    Geändert von Randolph Carter (25.03.17 um 11:59 Uhr)
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  14. #389
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    Rituals
    (The Creeper / Ils était cinq / Das Ritual / Rituale des Grauens)

    Kanada/USA 1977 - Directed by Peter Carter



    Es ist eine Art Ritual für die fünf befreundeten Ärzte: Ihr alljährlicher, gemeinsamer Urlaubsausflug. Dieses Jahr fliegen Harry (Hal Holbrook, The Fog), Mitzi (Lawrence Dane, Scanners), Martin (Robin Gammell, Lipstick), Abel (Ken James, Youngblood) und D.J. (Gary Reineke, Murder by Phone) zu einem idyllischen See in der fast noch unberührten Wildnis Kanadas. Für eine knappe Woche steht nun Fischen, Schwimmen, Wandern, die Seele baumeln lassen und die Natur genießen auf dem Plan, dann werden die fünf von ihrem Piloten (Murray Westgate) mit seinem Wasserflugzeug - die einzige Möglichkeit der An- und Abreise, sofern man sich nicht auf einen langen, beschwerlichen Fußmarsch einlassen will - wieder abgeholt. Kaum haben sie ihr Lager aufgeschlagen, verschwinden über Nacht auf mysteriöse Weise ihre Stiefel. Ohne festes Schuhwerk (lediglich D.J. hat ein Paar als Ersatz eingepackt) fallen viele der geplanten Aktivitäten natürlich ins Wasser, und so macht sich der verärgerte D.J. auf den Weg Richtung eines nicht allzu weit entfernten Staudammes, um dort Hilfe anzufordern. Die ist auch dringend nötig, denn Irgendjemand treibt ein perfides Katz- und Maus-Spiel mit dem verbliebenen Quartett. So finden die Ärzte morgens einen aufgespießten Hirschkopf neben ihren Zelten, und wenig später wird ihnen gar ein Bienenkorb vor die Füße geworfen. Ein erstes Todesopfer ist zu beklagen.

    Daß Stadtmenschen in der rauhen Natur ihr blaues Wunder erleben können, hat einige Jahre zuvor bereits John Boorman mit Deliverance (Beim Sterben ist jeder der Erste, 1972) auf beeindruckende Art und Weise vorexerziert. Der von Ian Sutherland geschriebene und von Peter Carter inszenierte Rituals schlägt mit Wucht in eine ähnliche Kerbe, und er ist auch ähnlich gut gelungen. In Rituals müssen sich unsere Helden nicht nur mit der gewaltigen, ungezähmten Natur herumschlagen, sie bekommen es darüber hinaus mit einem in der Wildnis lebenden Kriegsveteranen zu tun, der ihnen außerordentlich feindlich gesonnen ist. Neben den fiesen Attacken des Unbekannten, die manchmal wie aus heiterem Himmel über sie hereinbrechen, ist es vor allem die Ungewißheit, die unaufhörlich an ihnen nagt und die so lange an ihren Nerven zerrt, bis diese blank liegen. Wieso hat es jemand auf sie abgesehen? Wer zum Teufel ist dieser jemand überhaupt? Und wann schlägt er wieder zu? Daß es der Unbekannte ernst meint, ist relativ schnell offensichtlich. Spätestens als sich die Ärzte inmitten eines wütenden Bienenschwarms wiederfinden, sollte selbst dem größten Optimisten klar sein, daß dies kein Spiel mehr ist und daß es von nun an ums nackte Überleben geht. Doch der Gegner bietet keine Angriffsfläche, er bleibt geschickt im Schatten. Seine Angriffe sind gut durchdacht und zielen dahin, wo es weh tut.

    In einer klassischen Suspense-Sequenz, die Alfred Hitchcock kaum besser hinbekommen hätte, durchqueren die Ärzte an einem gespannten Seil einen breiten Fluß. Entschlossen kämpfen sie sich Schritt für Schritt voran, stemmen sich gegen die starke Strömung. Sie ahnen nicht, daß entlang des Weges, irgendwo vor ihnen, am Grund des Flusses eine aufgespannte Bärenfalle platziert wurde. Im Gegensatz zu den Protagonisten wissen die Zuschauer Bescheid, was dazu führt, daß man bei jedem Schritt der Männer, Schlimmes befürchtend, unwillkürlich zusammenzuckt. Eine wahrhaft teuflische und atemberaubende Szene. Verstärkend kommt hinzu, daß es Peter Carter gelingt, nach dem recht lockeren Auftakt eine dichte, grimmige, unangenehme Stimmung der allgegenwärtigen Bedrohung und des ausweglosen Grauens zu etablieren, welcher die Ärzte ausgeliefert sind. Die immensen Strapazen, welche die Männer durchmachen müssen, das sich konsequent steigernde Gefühl der Hilflosigkeit, einhergehend mit dem fast völligen Kontrollverlust, das alles wird nahezu ungefiltert auf das Publikum übertragen, sodaß man es fast körperlich zu spüren meint. In dieser Hinsicht übertrifft Rituals sogar ähnlich gelagerte doch ebenso großartige Filme wie Just Before Dawn oder Southern Comfort (beide 1981). Und auch wenn in Rituals nur wenig Blut fließt... der Schrecken prasselt wuchtig, kompromißlos und erstaunlich grausam auf die Urlauber hernieder.

    Dieser leider wenig bekannte Mix aus Slasher-Horror und Survival-Thriller entstand von Juni bis August 1976 in Ontario, Kanada, wobei Carter und sein DoP René Verzier (Rabid) fast den kompletten Streifen kontinuierlich abdrehten. Doch nicht nur diese eher selten angewandte Arbeitsweise erhöht den Realismus beträchtlich; es sind auch die zahlreichen authentischen Details (das mühevolle Waten durch den Sumpf, der abgetrennte Hirschkopf, die aufgeschreckten Bienen, etc.) die dafür sorgen, daß sich Rituals schmerzhaft echt anfühlt. Das tolle Ensemble (allesamt recht kernige Typen) trägt ihr Scherflein zum Gelingen ebenso bei. Hal Holbrook und Lawrence Dane sind schlichtweg famos und absolut glaubwürdig in ihren jeweiligen Rollen und liefern sich so manchen ungestümen Schlagabtausch, wenn die Maske der Zivilisation langsam zu bröckeln beginnt. Denn je länger das Martyrium dauert, desto egoistischer, sturer und rücksichtsloser agieren die Männer. Ihre animalischen Instinkte übernehmen, während moralische Aspekte zunehmend in den Hintergrund rücken. Und die imposante Naturkulisse scheint die seelische Verfassung der Protagonisten widerzuspiegeln. Das idyllische Plätzchen zu Beginn weicht schon bald dichten, düsteren Wäldern, danach dem reißenden Fluß, und schließlich einer kargen, steinigen Hügellandschaft, wo kaum mehr Leben möglich scheint. Zu guter Letzt gipfelt Rituals in ein beinhartes, intensives, alptraumhaftes Finale, welches all dem vorangegangenen Schrecken noch die Krone aufsetzt. Und aus dem niemand unbeschadet hervorgehen wird.

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  15. #390
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    Frankenfish
    USA 2004 - Directed by Mark A.Z. Dippé



    Eine grausig entstellte Leiche in den Sümpfen Louisianas stellt den zuständigen Leichenbeschauer vor ein Rätsel. Der Mediziner Sam Rivers (Tory Kittles) und die Biologin Mary Callahan (China Chow) gehen dem mysteriösen Vorfall auf den Grund und stellen bald fest, daß sowohl Alligatoren als auch Haie als Verursacher ausscheiden. Es scheint, als hätte sich eine neue, gefährliche Spezies in den Sümpfen breitgemacht, die sich in Nullkommanichts an die Spitze der Nahrungskette gefressen hat. Langsam wird klar, womit sie es hier zu tun haben. Drei genetisch modifizierte Exemplare des chinesischen Schlangenkopffisches - wesentlich größer, gefährlicher und gerissener als die herkömmliche Spezies - sind aus ihren Gefängnissen entkommen und machen die idyllische Lagune zur Todesfalle. Gezüchtet wurden die Biester von einem so ehrgeizigen wie skrupellosen Jäger, der mit seinen Mannen auch prompt auf der Bildfläche erscheint, um sich seine Trophäen zu holen. Doch bevor es zum finalen Schlagabtausch kommt, attackieren die hungrigen Killerfische die bewohnten Hausboote, um sich ihre Bäuche vollzuschlagen.

    Der zweite Film des Kabel-TV-Senders SyFy (ehemals The Sci-Fi Channel) um die ungewöhnlichen Kreaturen ist auch der beste. Frankenfish hängt den knapp zuvor entstandenen Snakehead Terror um eine halbe Flossenbreite ab und ist ein kurzweiliges, leicht verdauliches Tierhorror-Häppchen für zwischendurch, welches einerseits für prächtige, wenn auch anspruchslose Unterhaltung sorgt, anderseits aber auch rasch wieder vergessen ist. Regisseur Mark A.Z. Dippé (Spawn) leistet solide Arbeit und drückt von Beginn weg aufs Tempo, um nur ja keine Langeweile aufkommen zu lassen. Tatsächlich bringt er den Streifen ohne große Durchhänger über die (kurze) Runde, wobei das Drehbuch die eine oder andere kleine (aber fiese) Überraschung bereithält. Als originell kann man das alles zwar nicht bezeichnen, aber Dippé bereitet die Fischsuppe so schmackhaft auf, daß sie beinahe frisch erscheint und recht gut mundet. Im Gegensatz zu ähnlich gelagerten Creature Features hat man sich hier auch mit den Figuren etwas mehr Mühe gegeben. Die sind, trotz klischeehafter Charakterisierung, doch ein klein wenig mehr als bloß potentielles Fischfutter auf zwei Beinen, wobei der plötzliche und unerwartete Tod einer Figur mich bei Erstsichtung ziemlich kalt erwischt hat. Die diversen Fischattacken sind ordentlich in Szene gesetzt und geizen nicht mit vergossenem Lebenssaft. So wird einer Frau der Unterleib abgebissen, während ein unvorsichtiger Fischer seinen Kopf verliert.

    Inwieweit das Erscheinungsbild der Snakeheads realitätsgetreu ist (der Look der Viecher variiert ja von Film zu Film recht stark), weiß ich nicht, aber sie sehen zumindest bedrohlich aus und sind ansprechend getrickst. Der überwiegende Teil der Fischszenen stammt aus dem Computer, doch hin und wieder kommen auch animatronische Puppen zum Einsatz. Für einen Fernsehfilm ist das diesbezüglich Gebotene jedenfalls mehr als akzeptabel. Die idyllischen Schauplätze weit abseits der Zivilisation sorgen für eine angenehme Dosis Lokalkolorit, wobei die abergläubische Mentalität der Sumpfbewohner (Voodoo!) bzw. deren eigenbrötlerische Exzentrik für ein zusätzliches Louisiana-Hinterwäldler-Flair sorgen. Die schauspielerischen Darbietungen sind gehobenes Mittelmaß, die musikalische Untermalung ist okay, und auch an der Kameraarbeit gibt es nichts auszusetzen. Leider kommt es trotz der kurzen Laufzeit aufgrund der episodenhaften Struktur zu keinem richtigen dramaturgischen Fluß; das mindert zwar die Qualität des Filmes, nicht aber den beachtlichen Unterhaltungswert. Der grundsätzlich ernste Ton wird durch die eine oder andere humorvolle Note aufgelockert, was dem Streifen einen leicht augenzwinkernden, nicht unsympathischen Charme verleiht. Unterm Strich ist Frankenfish somit ein flottes, blutiges, knackiges, bisweilen sogar spannendes B-Movie, das den geneigten Genrefan trotz des formelhaften Plots und der unrunden Dramaturgie sehr gut bedient.

    Geändert von Randolph Carter (18.03.17 um 11:57 Uhr)
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  16. #391
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    Punk Vacation
    (Deadly Vacation)

    USA 1990 - Directed by Stanley Lewis



    "Wir sind hier, um unseren Freunden die letzte Ehre zu erweisen. Sie haben mutig gegen die Parasiten der militaristisch-industriellen Welt gekämpft. Wir alle schulden diesen mutigen Kriegern eine Gegenleistung. Wir werden Billy befreien und diese elende Stadt vernichten."

    Als Ramrod (Roxanne Rogers), die Anführerin der Punks, obige Ansprache hält, ist bereits viel Wasser den Bach runtergelaufen. Die Fronten sind längst verhärtet, eine friedliche Lösung ist außer Sicht. Und die Hauptschuld am ganzen Schlamassel trägt ein heimtückischer Dr. Pepper-Automat. Der verweigert Billy (Rob Garrison), einem der Punks, nämlich nicht nur das gewählte Erfrischungsgetränk, er besitzt auch noch die Frechheit, die eingeworfenen Münzen nicht zu retournieren. Kein Wunder, daß Billy da komplett ausrastet und sich erst beruhigt, als er in den Lauf einer Schrotflinte starrt, welche ihm der Besitzer der Tankstelle (Raymond Fusci) vor die Fresse hält. Billy zieht den Schwanz ein und haut ab, aber er ist nachtragend. Zusammen mit seinen Gefährten (ein knappes Dutzend Männer bzw. Frauen stark) kehrt er zurück und mischt den Laden auf. Die Bilanz: Ein Toter (der Tankstellenbesitzer), ein traumatisierter Teenager (seine Tochter (Karen Renee)), sowie ein Verletzter (Billy, der bei seiner überstürzten Flucht mit dem Wagen von Deputy Steve Reed (Stephen Fiachi) kollidiert ist). Den Rest kann man sich in etwa denken. Ramrod und ihre Gang wollen Billy befreien, Lisa (Sandra Bogan), die ältere Tochter des Ermordeten, will Rache, und als nichts davon gelingt, stürzen sich auch noch die Vertreter von Recht und Ordnung des kalifornischen Kaffs, in dem sich das Drama abspielt, mit blindem Eifer ins Gefecht.

    Was in geschriebener Form recht launig klingen mag, entpuppt sich in der Realität leider als lahmes Ärgernis. Regisseur Stanley Lewis schien keinen blassen Schimmer zu haben, was sein Film eigentlich sein sollte. Thriller? Drama? Exploitation? Komödie? In Punk Vacation finden sich Elemente all dieser Genrerichtungen, und sie stoßen einander ab wie gleichpolige Magnete. Man stelle sich eine vierköpfige Boygroup vor, in der jeder sein eigenes Ding durchzieht, ohne Rücksicht auf die anderen. Das Ergebnis mag im besten Falle unterhaltsam sein, aber gut ist es ganz bestimmt nicht. Hinzu kommt, daß das von Lance Smith und Harvey Richelson verfaßte Skript völlig wirr ist. Der Plot mäandert unfokussiert durch die Botanik und steuert einem antiklimaktischen Ende entgegen, das wirkt, als hätten alle Beteiligte bereits lange vorher die Lust am Projekt verloren. Es hat schon seinen Grund, weshalb Punk Vacation Stanley Lewis' einzige Regiearbeit geblieben ist. Lewis hat nicht nur kein Gespür für Atmosphäre, für Spannung, für Action und für Dramaturgie; er scheint mit diesen Begriffen regelrecht auf Kriegsfuß zu stehen. Punk Vacation fühlt sich an, als hätte jemand unbedingt einen Film machen wollen, dem jegliches Talent dafür fehlt. Und als er diesen Umstand endlich bemerkt hat (oder es ihm von anderer Seite zugeflüstert wurde), hat er das Interesse verloren und den Film lustlos und mehr schlecht als recht beendet.

    Einen gewissen Unterhaltungswert will ich diesem zurecht kaum bekannten Streifen nicht absprechen, obwohl er überwiegend eine äußerst zähe und langweilige Angelegenheit ist. Für ein paar Lacher ist der 1987 entstandene aber erst 1990 veröffentlichte Punk Vacation allerdings zweifellos gut, auch wenn diese mitunter von der schadenfrohen Sorte sind. Man nehme nur mal die Antagonisten. Rein äußerlich kann man die bunte Meute mit ihren schrillen Frisuren, ihrer extravaganten Schminke und ihren schicken Klamotten noch als Punks durchgehen lassen, aber innen drin sind sie ganz gewöhnliche, spießbürgerliche Normalos, die jede Menge alberne Dinge tun (Blumen pflücken, Mundharmonika spielen, mit Holzstäben fechten, um eine Gefangene herumtanzen, etc.), um die Zeit totzuschlagen. Die "Helden" stehen dem in Nichts nach, wobei Lisa ein Fall für sich ist. Die hat bestimmt einen unsichtbaren Zwilling neben sich stehen, weil eine alleine kann unmöglich so blöd sein. Ganz graziös ist übrigens ihre Schußtechnik. Wenn sie abdrückt, ruckt sie mit ihrer Hand nach vorne, wahrscheinlich, um die den Pistolenlauf verlassende Kugel noch weiter zu beschleunigen. Das ganze Dilemma des Streifens offenbart sich dann in einer Sequenz, in der drei Männer mit Gewehren einen kleinen Graben auf einem Rohr zu überqueren versuchen. Ein ebenfalls bewaffneter Punk sieht ihnen eine Weile geduldig von der anderen Seite aus zu und stellt sich ihnen dann schließlich in den Weg.

    Anstatt jedoch zu schießen, stupst der Punk den ersten der Männer mit dem Gewehrlauf so lange an, bis er das Gleichgewicht verliert. Seine Kumpel machen es ihm nach, rudern wild mit den Armen und stürzen in den Graben. Was für ein Spaß! Aber es wird noch "besser". Die Beine des Anführers gleiten rechts und links vom Rohr, woraufhin seine für die Fortpflanzung relevanten Teile schmerzhafte Bekanntschaft mit dem harten Rohr schließen. Danach kippt er zur Seite und fällt zu Boden. Diese Szene zählt zum "Lustigsten", was der Film zu bieten hat. Tragisch ist nur, daß dieser spontane Humoreinschub überhaupt nicht ins Gesamtbild dieser Sequenz paßt und daß er beide Parteien einmal mehr zu geistig minderbemittelten Witzfiguren degradiert. Diese schizophrene Tonart durchzieht einen großen Teil des Filmes. Immer wenn man denkt, jetzt könnte es spannend werden oder jetzt kommt der Flick endlich in die Gänge, wird man im Nu auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Daß die Schauspieler allesamt nicht die hellsten Sterne am Firmament sind, daß es den wenigen Actionmomenten komplett an Druck und Dynamik fehlt, und daß es auch im technischen Bereich einiges zu bemängeln gibt (der unmotivierte Schnitt wurde offenbar von einem Amateur oder einem Betrunkenen gesetzt), spielt da schon kaum eine Rolle mehr. Nein, Punk Vacation ist leider Murks. Langweiliger, uninteressanter Murks.

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  17. #392
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    Sorority Babes in the Slimeball Bowl-O-Rama
    (Beast You! / The Imp)

    USA 1988 - Directed by David DeCoteau



    Und wieder mal geht eine dieser mir überaus suspekten Initiationsriten, welche bei allen Studentenverbindungen an den amerikanischen Universitäten Usus zu sein scheinen, mit Karacho in die Hose. Diesmal müssen Taffy (Brinke Stevens) und Lisa (Michelle Bauer) nachts in eine Bowlingarena einbrechen und zum Beweis eine Trophäe daraus entwenden, aber erst, nachdem ihnen von der gestrengen Leiterin Babs (Robin Stille, The Slumber Party Massacre) gehörig der Arsch versohlt wurde. Ihnen zur Seite stehen mit Calvin (Andras Jones, A Nightmare on Elm Street 4: The Dream Master), Keith (John Stuart Wildman, Terror Night) und Jimmie (Hal Havins, Night of the Demons) drei dusselige Nerds, die eben beim flotten Spannen erwischt wurden. In der Bowlinghalle stolpert das fidele Quintett als erstes über Punk-Chick Spider (Linnea Quigley), die gerade dabei ist, den Laden auszuräumen und bei ihren kriminellen Tätigkeiten gefälligst in Ruhe gelassen werden will. Und dann kommt es auch schon zum fatalen Mißgeschick. Der eingesackte Pokal fällt unglücklich zu Boden, bricht auf... und heraus schlüpft ein potthäßlicher Imp (Stimme: Michael Sonye)! Erst ist die verunglückte Mischung aus Kobold und Dschinn noch nett und erfüllt fröhlich Wünsche, doch dann zeigt das Biest sein wahres Gesicht, riegelt das Gebäude ab und verwandelt Babs' Freundinnen Rhonda (Kathi O'Brecht) und Frankie (Carla Baron) - die sich mit ihrer Chefin ebenfalls in die Arena geschlichen haben - in Dämonen. Der Kampf ums Überleben beginnt.

    Wie die Titel Sorority Babes in the Slimeball Bowl-O-Rama bzw. Beast You! schon andeuten, sollte man diesen von David DeCoteau inszenierten Streifen auf keinen Fall ernst nehmen. Sorority Babes ist ein preisgünstig produziertes Fun-Horror-Flick, mit klarer Betonung auf Fun. Der Horroranteil ist ausgesprochen harmlos, Brutalitäten werden bestenfalls dezent angedeutet, und blutiges Gekröse wird sowieso zur Gänze ausgeblendet und findet verstohlen im Off bzw. im Dunkeln statt. Dafür hagelt es launige Dialoge, dumme Aktionen und lausige Spezialeffekte am laufenden Band. In der populären Kategorie "selbstzweckhafte Nuditäten" punkten einmal mehr Brinke Stevens (The Slumber Party Massacre) und Michelle Bauer (The Tomb); lediglich die ansonsten verläßliche Linnea Quigley (The Return of the Living Dead) enttäuscht in dieser Hinsicht und bleibt bis zum Ende zugeknöpft (was nichts daran ändert, daß sie auch hier wieder mal eine coole Socke ist). Durch die teils verspielte, teils alberne Lockerheit, mit welcher der bescheuerte Plot (der natürlich hanebüchener Quatsch zum Quadrat ist) umgesetzt wurde, entsteht ein gewisser unbekümmerter Camp-Charme, der dem Film gut zu Gesicht steht. Es gibt unzählige B-Movies, die nach diesem anspruchslosen Muster heruntergekurbelt wurden, aber so richtig funktionierte das Ganze nur in den 1980er-Jahren. Selbst Regisseuren wie David DeCoteau (Creepozoids, Nightmare Sisters, Dr. Alien) und Jim Wynorski (The Lost Empire, Deathstalker II, Not of This Earth), die diese Technik perfekt beherrschten, kam bereits im Folgejahrzehnt der spitzbübische Charme und die sympathische Unbefangenheit nach und nach abhanden, sodaß ihren späteren Werken einfach das gewisse Etwas fehlt.

    Dieses gewisse Etwas ist in Sorority Babes jedenfalls in Hülle und Fülle vorhanden. Kein Zweifel, der etwa neunzigtausend Dollar billige Streifen ist grober Unfug von der ersten bis zur letzten Minute, allerdings ist er flott und abwechslungsreich genug inszeniert, um Fans von trashigen Schlockern auf angenehme und kurzweilige Art und Weise die (überflüssige) Zeit zu vertreiben. Dazu tragen auch die schrägen Einfälle bei, mit denen Sergei Hasenecz' Skript gespickt ist. Mit dem schwerhörigen Hausmeister (George 'Buck' Flower, They Live) gibt es witzige Verständigungsprobleme, der Imp läßt dermaßen lahme Sprüche vom Stapel, daß die Augen reflexartig nach oben rollen, ein abgetrennter Kopf wird als Bowlingkugel zweckentfremdet, eine aufdringliche Domina wird mal eben abgefackelt, und eine der Dämoninnen sieht aus wie eine Teilnehmerin am Bride-of-Frankenstein-Amateur-Lookalike-Contest. Sehr schön ist auch die "tragische" Hintergrundgeschichte des armen Tropfs, der doch nur seine Bowlingkünste mit Hilfe schwarzer Magie verbessern wollte, welche der Hausmeister zum Besten gibt, ohne die Miene zu verziehen. Die wenigen Spezialeffekte gehen auf das Konto von Craig Caton (The Return of the Living Dead), der in weiterer Folge u. a. im Team um Stan Winston bei Jurassic Park mitarbeiten durfte. Seine ziemlich unbeweglich geratene Imp-Puppe kann zwar zu keiner Zeit überzeugen, fügt sich somit jedoch auch nahtlos in die amüsant-trashige Grundstimmung ein. Und mal ehrlich: Wer bei einem Filmtitel wie Sorority Babes in the Slimeball Bowl-O-Rama mehr erwartet als amüsanten Trash, dem ist eh nicht mehr zu helfen.

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  18. #393
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    The Death Train
    (Der Geisterzug von Clematis / Death Train)

    Australien 1978 - Directed by Igor Auzins



    Clematis. Was ist das bloß für ein seltsames Städtchen? Bereits weit vor der Ortsgrenze macht der Linienbus halt, setzt der Chauffeur seinen Fahrgast Ted Morrow (Hugh Keays-Byrne) quasi mitten im Nirgendwo auf die staubige Straße. Die fünf Meilen bis zu seinem Ziel muß der Versicherungsdetektiv wohl oder übel zu Fuß zurücklegen. Da hält plötzlich eine große Kombi-Limousine (mit der Aufschrift "Sandman") neben ihm, und Vera (Ingrid Mason), die junge, hübsche, quirlige, hippieske Frau am Steuer, bietet ihm an, ihn mitzunehmen. Ted steigt ein, muß sich im folgenden jedoch Veras recht aufdringlichen Avancen erwehren, die einfach nicht verstehen kann, wieso er nicht mir ihr rummachen will. In Clematis wendet sich Ted an einen alten, bärtigen, auf einer Bank sitzenden Mann, um ihn nach dem Weg zu fragen, der dann - als er einen Moment lang abgelenkt ist - ohne eine Spur zu hinterlassen verschwunden ist. Auch die Kinder, die eben noch heftig gelärmt haben, sind weg, wie vom Erdboden verschluckt. Teds nächster Versuch, an die gewünschte Auskunft zu kommen, scheitert an einer Kellnerin, die sich strikt weigert, ihn zu bedienen, weil er an der geschlossenen Seite der Theke steht. Selbst der Polizist (Ken Goodlet), der im Schneckentempo mit dem altbewährten Zwei-Finger-Such-System auf einer Schreibmaschine herumtippt, ist ihm nicht gerade freundlich gesonnen. Nein, diese Kleinstadt ist äußerst ungewöhnlich. Insofern ist es nur zu verständlich, wenn Ted im Gespräch mit Vera seiner Verwunderung wie folgt Luft macht.

    Ted: "I've been here five and a half hours and I can't believe I'm here. I can't believe there's a town called Clematis."
    Vera: "Is that good or bad?"
    Ted: "I think it's bad. I think it's terrible. I think it's depressing. I think it's a horror show."


    Ted ist nicht ohne Grund in diesem merkwürdigen, hinterwäldlerischen Nest. Er soll Licht ins Dunkel eines mysteriösen Todesfalls bringen, damit die Auszahlung der Versicherungssumme angewiesen bzw. abgelehnt werden kann. Dr. Rogers (Ron Haddrick), der hiesige Arzt, schildert die zahlreichen Verletzungen der Leiche mit sichtlicher Begeisterung, so detailliert wie anschaulich, anhand eines Plastikskeletts: "The skull was bashed in here. One half of the face... gone. Just a hole from here... to here. Brains, mess, soft stuff... exposed! [...] Such clean amputation, just beautiful." Ja, Herbert Cook (Colin Taylor), der Verblichene, sieht aus, als wäre er von einem dahinbrausenden Zug erfaßt und überrollt worden. Nur daß in dieser Gegend schon seit vielen Jahrzehnten kein Zug mehr fährt, sieht man mal vom ominösen Geisterzug ab, der hier herumspuken soll. Igor Auzins' The Death Train lebt sowohl von seiner befremdlich-drolligen Stimmung, als auch von seinen liebenswert-schrulligen Figuren, allen voran dem Hauptprotagonisten Ted Morrow, kongenial zum Leben erweckt vom großartigen Hugh Keays-Byrne. Nicht nur äußerlich fällt der schnauzbärtige Detektiv mit seinen vornehmen Klamotten (Anzug, Krawatte, Hut) in dieser Stadt völlig aus dem Rahmen, auch sein Benehmen ist verblüffend unorthodox und wunderbar kauzig. Und dennoch ist der Mann sehr sympathisch, er ist gewitzt und charmant... eine richtig coole Type halt.

    Irgendwie erinnert mich Ted an den von Peter Falk verkörperten Lieutenant Columbo, nur daß er keine entwaffnende Schusseligkeit vorschiebt, um den oder die potentiellen Täter aufs Glatteis zu führen, sondern sich voll und ganz auf seinen Einfallsreichtum, seine Wortgewandtheit, sein Gespür und seinen Charme verläßt. Hat er erstmal eine Ungereimtheit gefunden, dann verbeißt er sich regelrecht darin und läßt nicht mehr locker, selbst auf die Gefahr hin, sich völlig zum Affen zu machen. Wobei hier natürlich auch noch die übernatürliche Möglichkeit ins Spiel kommt, daß wirklich ein Geisterzug sein Unwesen treibt. Schließlich nehmen nahezu alle Bewohner von Clematis das mysteriöse Gefährt als gegeben hin, und außerdem sind manchmal diese charakteristischen Geräusche zu hören, die eine schnaubende, ratternde Dampflok nun mal verursacht, inklusive der schrillen Pfeifsignale des Lokführers. Und wurde der arme Herbert in der famosen Eröffnungsszene nach einer Autopanne nicht tatsächlich von einem Zug erwischt? The Death Train ist ein ungemein kurzweiliger und angenehm versponnener Mystery-Krimi, der dermaßen blendend unterhält, daß man es äußerst schade findet, daß es nicht weitere Filme mit dem so cleveren wie hartnäckigen Versicherungsdetektiv gibt. Hugh Keays-Byrne geht in der exzentrischen Hauptfigur völlig auf und ist in jeder Sekunde so hinreißend, daß man gerne mehr von ihm sehen würde.

    Da es sich bei The Death Train um einen schmalbudgetierten australischen Fernsehfilm handelt, muß man in gewissen Bereichen natürlich Abstriche in Kauf nehmen. Wer sich zum Beispiel den einen oder anderen Spezialeffekt erhofft, wird am Ende wohl bitter enttäuscht auf der Couch hocken. Auf spektakuläre Schauwerte muß man ebenso verzichten wie auf aufwändige Actionszenen. Das ist, wie ich meine, jedoch kein Defizit, da der Streifen anderweitig genug zu bieten hat. Das Drehbuch von José Luis Bayonas ist trotz seiner etwas episodenhaften Struktur interessant und originell, Richard Wallace' recht dynamische Kamera ist weit über durchschnittlichem 70s-TV-Movie-Niveau, die musikalische Untermalung (mal jazzig angehauchter Groove, mal unheimliche Theremin-Klänge) ist klasse, und sämtliche Figuren haben zumindest einen schrägen Tick, was immer wieder für humorige Momente, manchmal sogar mit leicht surrealem Einschlag, sorgt. Das Zusammenspiel zwischen Keays-Byrne (falls es bei dem Namen nicht klingeln will: im darauffolgenden Jahr machte er als Toecutter einem gewissen Mad Max das Leben zur Hölle) und Ingrid Mason (Picnic at Hanging Rock), welches fast schon Running Gag-Charakter hat, ist toll, die fiese Alptraum-Sequenz ist nicht von schlechten Eltern und eine willkommene Abwechslung zum übrigen Geschehen, und auch über Igor Auzins' (The Night Nurse) Regie gibt es nichts wirklich Negatives zu berichten. Das doppelbödige Ende rundet diese sehenswerte Obskurität schließlich auch noch perfekt ab.

    In Clematis mag The Death Train für Angst und Schrecken sorgen. Beim Zuschauer sorgt er vor allem für eines: Für viel Vergnügen.

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  19. #394
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    Homicycle
    Kanada 2014 - Directed by Brett Kelly



    Den Trailer zu Brett Kellys My Fair Zombie (2013) habe ich bestimmt schon zehn Mal gesehen (der ist bei jeder zweiten Trailershow von Camp Motion Pictures mit dabei), und mit jedem Mal Ansehen gefällt er mir besser, sodaß es mich in den Fingern juckt, dieses skurrile Zombie-Musical endlich mal in den Warenkorb zu klicken, obwohl ich den wandelnden Toten längst überdrüssig geworden bin und sich meine Begeisterung für Musicals in Grenzen hält. Gekauft habe ich mir stattdessen spontan Homicycle, einen anderen Film von Mr. Kelly, einfach aufgrund des coolen Titels und des geilen Covers. Homicycle rattert auf dem Retro-Train dahin, welchen Quentin Tarantino und Robert Rodriguez mit ihrem Grindhouse-Projekt 2007 ins Rollen gebracht haben. Der billig produzierte Film, dessen Look künstlich auf alt getrimmt wurde (inkl. Kratzern, Schmutz und Laufstreifen; an einer Stelle brennt das Zelluloid sogar durch), ist eine Hommage an die Direct-to-Video-Rache-Action-Streifen der 1980er-Jahre. Erzählt wird die Geschichte der Polizistin Julia (Candice Lidstone), deren Ehemann Eddie (Mac Dale), ebenfalls ein fähiger Polizist, vom lokalen Gangsterboß Brock (Peter Whittaker) ermordet wurde. Julia sinnt auf Rache und will Brock auf eigene Faust zur Strecke bringen, da ihre Vorgesetzten den Fall mangels Beweisen ("He's greasier than an eel!") erstmal ad acta gelegt haben. Da taucht plötzlich ein mysteriöser, schwarzgewandeter Motorradfahrer auf, der Jagd auf Brocks Leute macht und sie einen nach dem anderen auf einfallsreiche Weise ins Jenseits befördert.

    Der am 29. Oktober 1972 geborene Kanadier Brett Kelly scheint ein glühender Genrefan zu sein, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat und seit 2002 unermüdlich einen Film nach dem anderen herunterkurbelt (einige davon, wie Iron Soldier, Avenging Force: The Scarab, Thunderstorm: The Return of Thor, Jurassic Shark oder Agent Beetle haben es sogar nach Deutschland geschafft). Aktuell spuckt die Internet Movie Database (inklusive seiner Kurzfilme) einunddreißig Regiearbeiten aus. Damit nicht genug, mischt er (manchmal) auch in anderen Bereichen des Filmemachens fröhlich mit. Er ist Schauspieler, Drehbuchautor, Produzent, Sound Mixer, Sänger, Kampfchoreograph, Cutter und Kameramann, macht Spezial- und Make-Up-Effekte sowie Animationen und führt sogar Castings durch. Ein echter Hansdampf-in-allen-Gassen also. Das, was dann am Ende dabei herauskommt, trifft jedoch eher selten auf Gegenliebe. Das Gros seiner Filme dümpelt bei den Publikumsbewertungen zwischen äußerst mageren zwei und nicht sonderlich berauschenden vier Punkten dahin, wobei es sein Jurassic Shark sogar in die "Bottom 100" der IMDb geschafft hat (er belegt derzeit den eindrucksvollen Platz # 22). Sind Kellys Filme also alle für die Tonne, sind sie sämtlich für die Katz'? Da ich von ihm bis dato nur Homicycle kenne, kann ich diese Frage natürlich nicht beantworten. Gehe ich aber von dem eben Gesehenen aus, dann fällt das Resümee in der Tat leider ziemlich zwiespältig aus.

    Daß Homicycle kein guter Film ist, sollte nicht überraschen. Das war von den Machern ja auch so beabsichtigt, als Verbeugung vor den billigen Videotheken-Flicks der Achtziger mit Rachethematik, wobei besonders die Parallelen zu The Nail Gun Massacre (1985) ins Auge fallen. Und das kriegt Kelly auch erstaunlich gut hin. In seinen besten Momenten wirkt Homicycle glatt, als wäre er Mitte der 1980er-Jahre entstanden. Die Kamera, die Ausleuchtung, der Szenenaufbau, der schrille Schurke, die Dialoge, das alles in Kombination mit der herrlichen Synthesizer-Musik, da kommt bisweilen ein sehr stimmiges 80er-Flair auf. Leider wird diese nette Stimmung durch die ironische Herangehensweise von Kelly & Co getrübt. Im Gegensatz zu den (meisten) Vorbildern nimmt sich Homicycle nämlich nicht ernst, das Augenzwinkern ist stets präsent. Dazu kommen die vielen Schwächen (sowohl technischer und schauspielerischer als auch inhaltlicher Natur), die so eine niedrig budgetierte Produktion mit sich bringt. Immerhin begeht Kelly nicht den Fehler, die Geduld der Zuschauerschaft überzustrapazieren. Homicycle schafft es mit Ach und Krach auf siebzig Minuten Laufzeit; zieht man den Vorspann, den Abspann sowie die Intermission (*) ab, kommt man nur auf achtundfünfzig Minuten Film. Aber selbst über diese kurze Strecke entwickelt der Streifen keinen richtigen Fluß, da die Geschichte nicht viel hergibt und weil zwei, drei Szenen (wie der Auftritt einer Rockgruppe oder ein Bikini-Contest) bloßes Füllmaterial sind, um das Movie annähernd auf Spielfilmlänge zu strecken.

    So sind es die einzelnen Set-Pieces, die weit mehr zu überzeugen wissen als der Film als gesamtes. Wie der coole erste Auftritt des Bikers bei Nacht, Nebel und Gegenlicht, oder der bleihaltige Shootout im Gangsterhauptquartier. Ebenfalls erwähnenswert sind die kreativen Methoden, mit welchen der Rächer sein blutiges Handwerk erledigt. Einen von Brocks Handlangern schlägt er die Faust durch den Leib, einem anderen schnetzelt er die Pfote am rotierenden Vorderrad seines Bikes ab, einem dritten reißt er das Bein aus und prügelt damit eine weitere Schurkin zu Tode. Ein Gangster wird mit Nägeln aus einer Nagelpistole perforiert, und ein Übeltäter schließt unangenehme Bekanntschaft mit einem Klopömpel, den unser Antiheld mal eben zweckentfremdet. Die überwiegend praktischen Spezialeffekte sind überaus cheesy und überzeugen kein bißchen, wobei CGI-Blut nur bei einigen Schußwunden zum Einsatz kommt. Ein paar Worte möchte ich noch über die dürftig bis gar nicht charakterisierten Hauptfiguren verlieren. Brock ist ein völlig lächerlicher Bösewicht und wirkt in seinem Piraten-Outfit wie eine häßliche Hafentranse, Julia ist dumm wie Brot, beeindruckt aber mit ihrem dick aufgetragenen blauen Lidschatten, und der mordende Biker spricht kein Wort und scheint unverwundbar zu sein. Wenn man keine Berührungsängste mit spottbilligen B-Movies hat und einem die sogenannten Grindhouse-Filme noch nicht zum Halse raushängen, dann kann man Homicycle also trotz aller Schwächen gut goutieren, sofern man die Ansprüche ein Stück weit nach unten schraubt.

    (*) Nach dem hübsch gestalteten "Filmriß" laufen plötzlich einige Werbespots (für Popcorn, Würstel, Kaffee, Eiscreme) und Benimmregeln (Herummachen in der Öffentlichkeit verboten) ab, wie sie üblicherweise in Drive-Ins zu sehen waren. Diese Idee mag zwar nett sein, ist aber hier ausgesprochen fehl am Platze. Die Werbefilmchen (geil: das animierte Hot Dog-Würstchen) machen auf mich einen sehr authentischen Eindruck, weshalb ich denke, daß es sich dabei um echte, zeitgenössische Spots handelt und nicht um neu gedrehte Fakes.

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  20. #395
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    Gut-Pile
    (Gut Pile)

    USA 1997 - Written & Directed by Jerry O'Sullivan



    Wenn ein Film auf den deliziösen Titel Gut-Pile hört, stehen die Chancen nicht schlecht, daß es sich hierbei weder um einen verschollenen Thriller von Alfred Hitchcock, noch um ein vor kurzem wiederentdecktes skandinavisches Drama von Ingmar Bergman handelt. Eine beschwingte romantische Komödie mit Jennifer Aniston kann man wohl ebenso ausschließen wie ein neues Superheldenspektakel der Marvel Studios oder den aktuellen Weihnachtsfilm aus dem Hause Walt Disney Pictures. Nein, Gut-Pile ist, wie ihr bestimmt erraten habt, ein Horror-Movie weit abseits von Hollywood, in welchem es nicht gerade zimperlich zugeht. Gut-Pile ist das Baby von Jerry O'Sullivan (seine einzige Regiearbeit), der das Ding nicht nur inszenierte, sondern auch das Drehbuch schrieb, am Schnitt mitwirkte und sogar einen stimmlichen Cameo-Auftritt (als Sheriff) absolvierte. Unterstützt wurde O'Sullivan von Ron Bonk (das "Mastermind" hinter Filmen wie City of the Vampires, Strawberry Estates und Ms. Cannibal Holocaust), der den Streifen produzierte, beim Schnitt mithalf und auch eine der Hauptrollen übernahm.

    Der (hauchdünne) Plot dreht sich um Dan (Jeffrey Forsyth), einen Jäger, der im Wald geduldig auf seine Beute lauert. Als es in der Nähe vielversprechend raschelt, visiert er mit seinem Gewehr kurz an und schickt die Kugel sogleich auf die Reise. Wenig später staunt er nicht schlecht. Er hat mit dem bleiernen Geschoß keinen stattlichen Hirschen, sondern einen anderen Jäger (Bob Licata) erlegt, der gerade durchs Dickicht geschlichen ist. Was tun? Da niemand, abgesehen von einer einsam und verlassen mitten auf einem angrenzenden Feld stehenden Vogelscheuche, den dummen Unfall beobachtet hat, entschließt sich Dan kurzerhand, die Leiche im Wald zu verbuddeln. Ein Jahr später. Mit seinen beiden Freunden Mike (Ron Bonk) und Bob (Edward Mastin) kehrt Dan an den Ort des Unglücks zurück. In einer nahegelegenen Holzhütte quartiert sich das Trio für ein entspanntes, feuchtfröhliches Wochenende ein, nicht ahnend, daß eine unheimliche Macht nach Rache dürstet und es mit der Schuldfrage nicht sonderlich genau nimmt.

    Gut-Pile ist ein amerikanischer Wald-und-Wiesen-Splatterfilm, mit viel Wald und Wiesen, aber eher wenig Splatter. Das Besondere dabei ist, daß Jerry O'Sullivan und sein Director of Photography Whit Blanc versuchten, den Stil von Sam Raimis Kultklassiker The Evil Dead (Tanz der Teufel, 1981) zu imitieren. Und, Ehre wem Ehre gebührt, das ist ihnen durchaus beachtlich gelungen! Da wirbelt die Kamera schwindelerregend durch den Wald, saust rasant zwischen den Bäumen auf die Holzhütte zu, oder schwebt, ausgehend von der Vogelperspektive, vor Dan sanft zu Boden. Ein gekonnter 360-Grad-Kameraschwenk darf ebenso wenig fehlen wie zahlreiche extreme Close-Ups sowie ein paar ungewöhnliche Kamerapositionen (z. B. aus einem Plumpsklo heraus). Keine Frage, Blanc versteht sein Handwerk. Leider nimmt dieses penetrante Nachahmen von Raimis dynamischen Regiestil dermaßen überhand, daß es nicht mehr als bloße Hommage durchgeht, sondern wie die dreiste Kopie eines Fanboys erscheint, der seinem großen Vorbild nacheifert.

    Und das ist eines der vielen Probleme von Gut-Pile. Eine gewisse Eigenständigkeit wird schmerzlich vermißt, es mangelt dem Film an eigenen Ideen, was bleibt ist ein billiges, unoriginelles, mitunter immerhin recht launiges Rip-Off. Abgesehen von der Kameraarbeit bewegt sich der SOV-Streifen überwiegend auf gehobenem Amateur-Movie-Niveau. Die schauspielerischen Darbietungen, der Schnitt, die Dramaturgie, die Musik, die Continuity, die Spezialeffekte... das alles ist für eine Zero-Budget-Amateur-Produktion mehr als akzeptabel, für einen "richtigen" Film ist es dennoch nicht genügend. Ein wenig verwunderlich ist es außerdem, daß man in Punkto Gore nicht mehr auf den Putz gehauen hat, zumal die paar Effekte recht ansehnlich geraten sind und man gerne mehr davon gesehen hätte. Gut-Pile läuft nur gute fünfzig Minuten, fühlt sich jedoch deutlich länger an. Das liegt daran, daß sich der Kamera-Gimmick rasch abnutzt und daß die Story mit einigen unnötigen Füllszenen gestreckt wurde. Schade, daß O'Sullivan um all die Kameraspielereien herum keinen vernünftigen Plot gebastelt hat. Dann wäre aus Gut-Pile womöglich ein kleiner geiler Kracher geworden.

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  21. #396
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    Swarm of the Snakehead
    USA 2006 - Directed by Frank Lama & Joel Denning



    William Emerson (Joel Denning) kehrt nach seiner Scheidung - seine nunmehrige Ex war wohl nicht sehr erfreut, daß er den Nebenbuhler mit einer lebenden Katze verprügelt hat! - mit seinen drei Töchtern in sein idyllisches Heimatstädtchen Barrow Springs im Osten Marylands zurück. Dort sind in letzter Zeit fast sämtliche Haustiere spurlos verschwunden, was jedoch die Bürgermeisterin Janice Appleyard (Lisa Burdette) nicht sonderlich zu beunruhigen scheint. Sogar als Menschen verschwinden und sie selbst während einer Autofahrt von einem ungewöhnlichen Fisch attackiert wird, schweigt sie und kehrt die ungute Angelegenheit lieber unter den Teppich, schließlich dürfen die bevorstehenden Festivitäten wie das große, jährliche Anglerfest nicht gefährdet werden. Währenddessen freundet sich der süße Backfisch Ashley ("Miss Maryland Teen USA 2006" Jamie Linck O'Brien), Williams älteste Tochter, mit dem coolen Teenager Jake (Timothy Stultz) an, und das nächtliche Rendezvous findet prompt am menschenleeren Strand statt. Aber nicht nur dort blasen die fiesen Fische - übrigens das Ergebnis eines lange zurückliegenden militärischen Experiments - zum Halali auf die ahnungslosen Stadtbewohner.

    Man nehme ein paar sympathische Normalos, die in tödliche Gefahr geraten, ein paar schrille Figuren, die dämliche Dinge tun, sowie zahlreiche ulkige Monster, die sich in der Nahrungskette am Menschen vorbei nach oben fressen, und fertig ist die fischige Sause, welche die Herren Frank Lama und Joel Denning in Maryland von 2002 bis 2005 auf 16mm-Film gebannt haben. Swarm of the Snakehead ist eine herrlich bescheuerte Horrorkomödie, die mich anderthalb Stunden köstlich unterhalten hat. Zwar sitzt nicht jeder der phasenweise haarsträubend blöden Gags, aber da die Macher das Herz am rechten Fleck haben, Seth Hurwitz' Drehbuch kein Klischee ausläßt und die Schauspieler ausgesprochen gut drauf sind, sieht man über etwaige Blindgänger großzügig hinweg. Lisa Burdette sorgt zum Beispiel als korrupte Bürgermeisterin ebenso für Lacher wie der von Frank Lama gespielte "manly fisherman" Darrel Delhey, eine Art Ash (The Evil Dead), nur wesentlich schräger, debiler und feiger. "Leatherface" Gunnar Hansen (1947 – 2015) hat ein tolles, an Quints legendären Auftritt in Jaws erinnerndes Cameo, und der kultige George Stover (Nightbeast) schaut auch kurz vorbei. Die Dialoge sind oft von der hirnerweichenden Sorte (Er: "Would you like to come in for a cup of coffee?" - Sie: "I don't drink coffee!" - Er: "Good. Because I don't have any!"), machen aber ziemlich Laune. Realistisch ist die trashige Chose in etwa so sehr wie sie gruselig ist, nämlich gar nicht. Dafür ist der mit zahlreichen (Rock-)Songs von lokalen Künstlern (u. a. Glen Nevous, Kip Winger, Ravyns, Dagmar and the Seductones und Bootcamp) unterlegte Film witzig, sympathisch und angenehm schräg.

    So richtig irre wird der billige, zu Beginn noch etwas unfokussiert durch die Gegend taumelnde Streifen aber erst durch die Schlangenkopffische. Diese eigentlich in Afrika und Asien beheimatete Spezies benimmt sich nämlich gar nicht so, wie man es von Fischen gewohnt ist. Zwar können die Tiere tatsächlich unter gewissen Umständen mehrere Tage an Land leben, aber in Swarm of the Snakehead agieren sie eher wasserscheu und scheinen sich bevorzugt an Land zu tummeln. Wie sich die Viecher langsam und behäbig über einen Steg schlängeln, ist ein Bild für Götter. Darüber hinaus benehmen sich die Fische, als ob sie in der Witzkiste geschlafen und einen Clown gefrühstückt hätten. Die sind total überdreht, geben komische Laute von sich, krächzen, kreischen und fauchen gerne, und hin und wieder kichern sie sogar boshaft. Falls jetzt jemand an die populären Gremlins denken sollte, dann wäre das ein Bingo. Verstärkt wird der Spaß noch dadurch, daß man die Kreaturen überwiegend auf praktische Weise zum Leben erweckt hat. Es handelt sich also um drollige Puppen, die nach ihren Opfern schnappen, sich in Kehlen verbeißen oder Säure in Gesichter spucken und so für ein kleines Massaker sorgen. Das große Finale verläuft etwas enttäuschend, da der grobe Unfug, mit dem man zuvor laufend konfrontiert wurde, leider nicht mehr getoppt wird. Die Szene kurz vor Schluß (ein geiler Gag, der auch Wednesday Addams gut zu Gesicht stehen würde) entschädigt jedoch gleich wieder für den nicht wirklich aufregenden Showdown. Am Ende bleibt die Tür für ein Sequel offen, welches nie entstanden ist. Das ist vielleicht auch gut so, bleibt Swarm of the Snakehead damit doch ein liebenswert-schräges Unikat des Flossenhorror-Subgenres.

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  22. #397
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    Beyond the Door III
    (Amok Train - Fahrt ins Nichts / Amok Train / Death Train / Evil Train)

    Italien/Jugoslawien/Niederlande/USA 1989 - Directed by Jeff Kwitny



    In den 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren hatte der am 18. Januar 1943 in Alexandria, Ägypten, geborene Ovidio G. Assonitis bei so manchem Genrefilm seine geschäftstüchtigen Finger mit im Spiel. Er war an der Produktion von Filmen wie Chi l'ha vista morire? (The Child - Die Stadt wird zum Alptraum, 1972), Il paese del sesso selvaggio (Mondo Cannibale, 1972), Superuomini, superdonne, superbotte (Sie hauen alle in die Pfanne, 1974), Tentacoli (Der Polyp - Die Bestie mit den Todesarmen, 1977), Stridulum (Die Außerirdischen, 1979), There Was a Little Girl (Party des Schreckens, 1981), Piranha Part Two: The Spawning (Fliegende Killer - Piranha II, 1981), The Curse (1987), Curse II: The Bite (The Bite, 1989), American Ninja 4: The Annihilation (American Fighter 4 - Die Vernichtung, 1990) und American Ninja 5 (American Fighter 5, 1993) beteiligt, und er schrieb an den Drehbüchern von Chi sei? (Wer bist Du?, 1974), Laure (Laura, 1976) und Choke Canyon (Der einsame Kämpfer, 1986) mit. Außerdem nahm er bei Chi sei?, Tentacoli, Desperate Moves (Rollerboy, 1981), There Was a Little Girl, Piranha Part Two: The Spawning und Out of Control (Durchgebrannt, 1992) höchstselbst das Regiezepter in die Hand (manchmal erst, nachdem er es den ursprünglichen Regisseuren unsanft entwunden hatte). Seine wohl extravaganteste Duftmarke setzt er jedoch mit dem 1989 entstandenen Beyond the Door III (Amok Train - Fahrt ins Nichts), welchen er als ausführender Produzent betreute.

    Müßte man dieses herrlich abstruse Werk mit einem Wort beschreiben, meine Wahl fiele ohne langes Zaudern auf "Okkultkatastrophenslasher". Es geht um eine kleine Gruppe amerikanischer Studenten, welche zu Studienzwecken nach Jugoslawien reist, um einer geheimnisvollen, etwa zweitausend Jahre alten Zeremonie beizuwohnen. Eine der Studentinnen ist Beverly Putnic (Mary Kohnert), eine junge, blonde, introvertierte Frau serbischer Abstammung mit einem großen Muttermal in Form eines Zeichens auf dem Bauch. Die Begrüßung in Belgrad durch den Anthropologieprofessor Andromolek (Bo Svenson, Walking Tall Part II und Final Chapter: Walking Tall) ist freundlich, obwohl den älteren Herren eine mysteriöse und ziemlich sinistere Aura umgibt. Die weitere Reise in den ländlichen Teil des Landes ähnelt einer Reise zurück in der Zeit. Das primitive Dorf, in dem sie die Nacht verbringen, hat ein seltsames, mittelalterliches Flair, als ob sich das Rad der Zeit dort schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr weitergedreht hätte. Und auch die Bewohner, allen voran die Dorfälteste Vesna, benehmen sich äußerst merkwürdig, unnahbar und feindselig. Welch grausige Absichten sie hegen bekommen die jungen, nicht sonderlich sympathischen Leute in der Nacht zu spüren, als ihre Betten plötzlich in Flammen aufgehen und die Türen verbarrikadiert sind. Die panische Flucht führt sie zu einem Bahngleis, worauf gerade ein alter, dampfbetriebener Zug dahintuckert. Die Studenten klettern an Bord, doch damit beginnt der Horror erst so richtig.

    Da der Lokführer und der Heizer gleich mal ohne viel Federlesens entsorgt werden, rattert der Zug mehr oder weniger führerlos dahin. Mehr, weil er von keinem Menschen gesteuert wird, weniger, weil nun eine übernatürliche Macht das Kommando über die Lokomotive übernommen hat. Und da im Grunde nur eine einzige Person wichtig ist, kommt es von nun an zu zahlreichen bizarren "Unfällen", von denen einige frappant an die Todesfälle der The Omen-Filmreihe erinnern. Da wird ein Unglücklicher beim Hantieren zwischen den Waggons entzweigerissen, eine Frau wird vom Zug erfaßt und enthauptet, und einer der Studenten wird glatt von einem Schranken durchbohrt. Aber das Böse beweist auch Kreativität und beschränkt sich nicht nur auf "Unfälle", wie die coole Haut-vom-Gesicht-reiß-Szene beweist. Diese spektakulären Set-Pieces sind recht ansprechend und bisweilen sehr gorig umgesetzt, wobei die Spezialeffekte von Angelo Mattei, Mario Ciccarella, Srba Kabadajic und ihren Assistenten nicht wirklich überzeugen können. Diesen Umstand teilen sie mit den Actionszenen, denn wenn der Amok Train dahindonnert, kann ihn nichts und niemand mehr stoppen. Kein entgegenkommender Personenzug, und schon gar keine auf den Gleisen geparkte Trucks. Diese Crashs wurden, wie einige andere Sequenzen auch, mit Miniaturmodellen umgesetzt, was schon einigermaßen stark ins Auge fällt. Nichtsdestotrotz sorgt gerade dieses Unperfekte für eine Extraportion Charme.

    Wenn man sich die Zeit nimmt, um über das Gesehene zu sinnieren, wird man nicht umhinkommen festzustellen, daß die Handlung im Grunde völlig sinnlos ist. Die Dorfbewohner hätten sich Beverly (ja, bei ihr handelt es sich - man erinnere sich an ihr Geburtsmal - um die Auserwählte, die bei der Zeremonie nicht nur zusehen, sondern aktiv mitmischen soll) in der Nacht im Dorf mühelos krallen und anschließend zum Ort des Rituals schleppen können, anstatt sie erst zu verschrecken und sie dann per Zug zum Bestimmungsort kutschieren zu lassen. Mit Logik kann Beyond the Door III (*) also wirklich nicht punkten, und auch der Realismus wird konsequent ausgehebelt, was aber kein Problem darstellt, da der Streifen einfach jenseits aller Naturgesetze prächtig funktioniert. Man nehme nur mal die zischende, fauchende, qualmende Lok, die auch schon mal spontan die Gleise verläßt und quer durch die Botanik pflügt, um sich ein abtrünniges Pärchen zu schnappen. Fast erscheint die von dämonischen Mächten besessene Lokomotive als ein lebendiges, kaum zu bändigendes Monstrum, das seine Opfer am liebsten mit Haut und Haaren verschlingen möchte. Diese Szenen - oft vom Boden aus gefilmt, was die Lok noch mächtiger wirken läßt - sind wirklich toll umgesetzt. Darüber hinaus arbeitet die Nebelmaschine auf Hochtouren (Adolfo Bartoli gelingen da einige schöne Gegenlicht-Aufnahmen), was der sehr eigenwilligen, alptraumhaften, fast schon märchenhaften Atmosphäre mehr als nur zuträglich ist.

    Hauptinspiration für dieses bewundernswert absurde Werk war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Andrey Konchalovskiys herausragender Actionthriller Runaway Train (1985), in welchem Jon Voight, Eric Roberts und Rebecca De Mornay an Bord eines führerlosen Zuges um ihr Leben kämpfen. Aber auch anderweitige Einflüsse sind spürbar; so mußten als weitere Ideenlieferanten so unterschiedlichen Filme wie The Wicker Man (1973), The Evil Dead (1981) und - wie bereits erwähnt - The Omen (1976) herhalten. Vesna, die Dorfälteste, zum Beispiel, benimmt sich in einigen Momenten genauso wie die Besessenen in Sam Raimis Teufelstanzklassiker. Aber gut geklaut ist nun mal besser als schlecht neu ausgedacht, wie eines der Mottos von italienischen Horror- und Exploitationfilmproduzenten lautet. Und wenn altbekannte und erfolgserprobte Ideen so enthusiastisch in einen solch hirnrissigen Plot wie bei Beyond the Door III integriert werden, kann man als Genrefan den Verantwortlichen sowieso nicht wirklich böse sein. Geschrieben wurde dieser grobe Unfug von einer gewissen Sheila Goldberg, und die recht gelungene, Keyboard-lastige Musikuntermalung steuerte Carlo Maria Cordio bei. In einer Nebenrolle als Beverlys Mutter ist Victoria Zinny (Keoma) zu sehen. Über Regisseur Jeff Kwitny gibt es nicht viel zu berichten; er hat nur eine Handvoll Filme gedreht, darunter den "coolen" Slasher Iced (Iced - Der Tod auf Skiern, 1988).


    (*) Eine Beyond the Door-Filmreihe existiert de facto nicht. Das italienische The Exorcist-Rip-Off Chi sei? lief in Amerika unter dem Titel Beyond the Door. Aus Mario Bavas Shock (1977) machte man dann, weil Chi sei? die Kassen ordentlich klingeln ließ, in Großbritannien und in den Staaten Beyond the Door II. Und irgendjemand, vermutlich die amerikanischen Geldgeber, hielt es deshalb für eine gute Idee, Jeff Kwitnys "Okkultkatastrophenslasher" unter dem Titel Beyond the Door III zu veröffentlichen.

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    The Eternal Evil of Asia
    (Nan yang shi da xie shu / Lam yeung sap dai che sui / Erotic Black Magic)

    Hongkong 1995 - Written & Directed by Cash Chin Man-Kei



    Gegen AIDS sind die vergnügungssüchtigen Thailand-Urlauber Kong (Elvis Tsui Kam-Kong), Nam (Bobby Au-Yeung Tsan-Wah), Kent (Ng Shui-Ting) und Bon (Chan Kwok-Bong) gewappnet, wie ihre gewaltigen Kondomvorräte beweisen. Den schwarzmagischen Aktivitäten, die alsbald auf sie einprasseln, sind die vier Männer jedoch hilflos ausgeliefert. Dabei sind sie mehr oder weniger unschuldig in die garstige Suppe geschlittert, die sie jetzt auslöffeln müssen. Während des feuchtfröhlichen Urlaubs haben sie nach einem mißglückten Bordellbesuch nämlich die Bekanntschaft des mächtigen Magiers Laimi (Ben Ng Ngai-Cheung) gemacht, dessen einsame Schwester Shui Mei (Chin Gwan) sich in den feschen Bon verliebt, der allerdings kurz vor der Hochzeit mit der attraktiven, zu Hause auf ihn wartenden Friseurin May (Ellen Chan Nga-Lun) steht.

    Um Bon rumzukriegen bittet Shui Mei ihren Bruder, mit einem Liebeszauber etwas nachzuhelfen, was leider gründlich danebengeht, da anstelle von Bon seine drei Freunde unter den Einfluß des Zaubers geraten und mit der ebenfalls verhexten Shui Mei eine heiße Nacht verbringen. Am folgenden Morgen gibt es erst ein böses Erwachen, dann ein kleines Handgemenge, und danach schließlich eine Tote (= Shui Mei). Die überstürzte Flucht zurück nach Hongkong gelingt zwar, doch einige Wochen später beginnt Laimi damit, erbarmungslos Rache zu üben. Und gegen seine schwarzmagischen Zauber scheint kein Kraut gewachsen. Einer nach dem anderen segnet auf gräßliche Weise das Zeitliche. Wer soll den sadistischen Hexer stoppen, der selbst vor der armen May nicht haltmacht, mit der Absicht, sie für den Rest ihres Lebens als Sexsklavin zu halten?

    Im Hongkong-Horrorkino der 1970er- und 1980er-Jahre waren Filme, in denen es um schwarze Magie, Flüche, Hexerei und dergleichen ging, recht beliebt. Man denke nur an berüchtigte Streifen wie Jiang tou (Black Magic aka Das Omen des Bösen, 1975), Gou hun jiang tou (Black Magic, Part II, 1976), Xie (Hex, 1980), Mo (The Boxer's Omen, 1983) oder Zhong gui (Seeding of a Ghost, 1983). Was lag also näher, als während des lukrativen Category III-Booms in den Neunzigern diese populäre Thematik aufzuwärmen und mit den typischen CAT III-Zutaten wie Sex, Gewalt, Blutrunst und Niedertracht zu vermengen? Das dachte sich wohl auch Cash Chin Man-Kei (Sex & Zen II, Naked Poison), als er Mitte der 1990er The Eternal Evil of Asia schrieb und inszenierte. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und ist ein kleiner Leckerbissen für Freunde des etwas andersgearteten Films.

    The Eternal Evil of Asia ist eine wüste, nicht immer geschmackssichere Melange aus allerlei erfolgsversprechenden Ingredienzien, die Cash Chin Man-Kei gut gelaunt zu einem schmackhaft-würzigen Cocktail mit exotisch-säuerlichem Abgang mixte, welcher unbedarften Gemütern mit ziemlicher Sicherheit schwer im Magen liegen dürfte. Es ist vor allem der sich immer mal wieder in den Vordergrund drängende Humor Hongkong'scher Prägung, der für so manchen absurden, verständnislosen WTF-Moment sorgt. In einer total beknackten Sequenz wird etwa der vorlaute Kong von Laimi bestraft, indem er ihn in einen "Dickhead" verwandelt. Sein Kopf ähnelt nun einer prallen Eichel, was Anlaß für weiteres, albernes Herumgehampel ist. Später wird die Schwester eines Mannes vor dessen Augen vergewaltigt, und was sagt er zum Rapist? "Why don't you wear condom?"

    Dem gegenüber stehen dann heftige Todesszenen, in denen es g'schmackig zur Sache geht. Einer der Männer halluziniert, daß ihn seine verstorbenen Eltern heimsuchen. Mit einem Hackebeil drischt er wie irre auf die vermeintlichen Zombies ein, nicht ahnend, daß er in Wahrheit die Menschen um sich herum attackiert. Ein anderen wird mit Heißhunger behext, sodaß er alles verschlingt, was ihm zwischen die Zähne kommt. Selbst vor seiner eigenen Hand macht er nicht Halt. Und auch in Sachen Sex wird einiges geboten, was man so noch nicht gesehen hat. So wird eine Frau ausgiebig vergewaltigt... von einem Unsichtbaren! Die Einstellungen, in denen er ihre Brüste begrapscht, wurden gar nicht mal so schlecht getrickst. Den Vogel schießt aber die (lange) Szene ab, in der sie zu einem Blowjob genötigt wird. Die Schauspielerin zieht da alle Register, um den unsichtbaren Schwengel zu verwöhnen!

    Man kann The Eternal Evil of Asia vieles vorwerfen, aber bestimmt nicht, daß er langweilig wäre. Das Tempo ist sehr hoch, es ist immer was los, und der Regisseur weiß den groben Unfug sehr kurzweilig und unterhaltsam aufzubereiten, auch wenn das phasenweise hektische Geschehen (irre Kamerafahrten, schneller Schnitt, chaotische Set-Pieces) mitunter ziemlich anstrengend ist. Dank des Fantasy-Elements, des comichaften Untertons und der ausgelassenen Humoreinschübe ist der krude Streifen niemals so unangenehm zynisch wie andere, bekanntere CAT III-Movies (wie z. B. The Untold Story, Daughter of Darkness oder Red to Kill), vermutlich auch deshalb, weil man ihn nicht wirklich ernst nehmen kann. Das stellt schon die augenzwinkernde Eröffnungsszene klar, welche den richtigen Umgang mit Geistern thematisiert. Und daran ändern auch das furiose Finale ("I want to screw you to death!") sowie die fiese Schlußpointe nichts.

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    Children Shouldn't Play with Dead Things
    (Cemetery of the Dead / Cemetery of the Living Dead / Der Friedhof der lebenden Toten / Revenge of the Living Dead / Things from the Dead / Things from the Grave / Zombie Graveyard)

    USA 1972 - Directed by Bob Clark



    Mit toten Dingen spielt man nicht, das wird einem von den fürsorglichen Eltern schon von frühester Kindheit an eingebläut. Außer natürlich, man wächst im Hause der Addams auf, wo Gomez und Morticia nichts dagegen haben, wenn Pugsley und Wednesday wieder einmal voller Begeisterung "Weckt die Toten" spielen. An "Weckt die Toten" versuchen sich auch Jeff (Jeff Gillen), Paul (Paul Cronin), Val (Valerie Mamches), Terry (Jane Daly) und Anya (Anya Ormsby), die Mitglieder einer Hippie-Theatergruppe in Florida, die vom so exzentrischen wie manipulativen Anführer Alan (Alan Ormsby) nachts via Boot auf eine kleine Insel mit einem alten, ungepflegten, nebelverhangenen Friedhof gelotst werden. Erst treibt man fröhlich Schabernack, unter anderem mit einer ausgebuddelten Leiche, die zu Lebzeiten Orville (Seth Sklarey) hieß. Die geschmacklosen Aktivitäten nehmen jedoch immer blasphemischere und respektlosere Ausmaße an, und um Mitternacht ruft man sogar Satan an und rezitiert aus einem alten Grimoire eine finstere Beschwörungsformel. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, denn die Toten erwachen tatsächlich zu unseligem Leben, und wie man spätestens seit Night of the Living Dead weiß, stehen lebende Menschen auf ihrer Speisekarte ganz oben.

    Children Shouldn't Play with Dead Things, geschrieben von Bob Clark (Black Christmas) und Alan Ormsby (Deranged) und inszeniert von Bob Clark, ist ein Film, der wächst. Als ich den Streifen vor vielen Jahren das erste Mal sah, war ich ob des Dargebotenen ziemlich irritiert und befremdet. Das theatralische (und zum Teil überaus unsympathische) Spiel der Darsteller, die mitunter gestelzt vorgetragenen Mono- und Dialoge, die extrem lange Anlaufphase, der makabre, sich in allerlei derben Geschmacklosigkeiten suhlende Humor, das seltsame, nicht immer nachvollziehbare Verhalten der Charaktere, ja, mit alldem muß man erst mal warmwerden bzw. klarkommen. Bei der Erstsichtung, wo man keinen blassen Schimmer hat, was da genau auf einen zukommt, macht es einem dieser Streifen also wirklich nicht leicht. Aber mit jedem neuen Ansehen wächst der Film, und er wächst rasch. Ist man bei der ersten Begegnung eventuell noch wie vor den Kopf gestoßen, so lernt man schon beim ersten Wiedersehen viele der Dinge zu schätzen, die einem zuvor noch befremdlich erschienen. Nicht nur, weil einem der unerhört eigenwillige Ton, der pechschwarze, bitterböse Humor und die ausgesprochen merkwürdige Stimmung des Filmes ans Herz wachsen, sondern auch, weil man den (intendierten?) Subtext des Streifens mit etwas Abstand besser versteht. Children Shouldn't Play with Dead Things ist ein schmerzhaft-nihilistischer Abgesang auf die Hippiebewegung, die hier mitsamt ihren ach-so-schönen Credos mit Tamtam und Bohei zu Grabe getragen wird. Die stellvertretend für die Hippiekultur stehende Theatergruppe lebt in einer eigenen, verzerrten Welt, die mit der Realität nicht (mehr) kompatibel ist. Darüber hinaus benehmen sie sich derart daneben, daß man sich nicht wundern darf, wenn sich die Erde auftut und ihre Sendboten ausspuckt, um dem perversen Treiben ein Ende zu setzen.

    Die Hippies in dieser ganz und gar nicht liebreizenden Geschichte stören nicht nur die Totenruhe, sie lassen auch jeden Respekt vor den Verblichenen vermissen (manche machen freilich nur aus Angst vor dem selbstherrlichen Theaterleiter gute Miene zum bösen Spiel). Sie graben eine Leiche aus, schleppen sie ins Haus, spielen mit ihr, verhöhnen sie. Sie gehen über Leichen, wenn man so will, und das nicht nur sprichwörtlich. In einer ganz famosen Szene - vielleicht die beste ihrer Art - schubst eine Figur eine andere mitten in die herannahende Zombiemeute, um sich Zeit für die Flucht zu verschaffen. Ob dieser perfiden Ungeheuerlichkeit hält sogar der Film für fünf, sechs Sekunden inne, um die Reaktionen einzufangen. Während das hilflose Opfer seinen Mörder voll blankem Entsetzen anstarrt und dieser blöd zurückglotzt, drehen die Untoten ungläubig ihre vermoderten Köpfe in seine Richtung, sichtlich verwirrt, überrascht und angewidert von dieser heimtückischen Schandtat. Die Zombies folgen ihren grausigen Instinkten, stillen ihre widerwärtigen Bedürfnisse; eine solche niederträchtige Teufelei käme ihnen jedoch niemals in den Sinn. Die über die Gruppe hereinbrechende Zombieapokalypse im letzten Viertel des Filmes ist eine Wucht. Zu einer kakophonischen Geräuschkulisse schälen sich die lebenden Toten aus ihren Gräbern, torkeln durch Nacht und Nebel, gierig nach Menschenfleisch. Die Attacke der (billig aber effektiv geschminkten) Zombies gipfelt schließlich in eine klassische Belagerungssituation, in der sich die "Kinder" der Geister, die sie aus Jux und Tollerei gerufen haben, erwehren müssen. Dieses furiose Finale ist nicht nur ungemein stimmungsvoll und immens befriedigend, es begeistert auch mit seiner rohen Kraft und seinen veritablen Alptraumqualitäten. Und gegen Ende gelingt Children Shouldn't Play with Dead Things sogar noch das Kunststück einer bravurösen Punktlandung, wenn exakt das eintritt, was man so lange herbeigesehnt hat.



    Forever Evil
    USA 1987 - Directed by Roger Evans



    Ist es nicht voll ätzend, wenn so etwas passiert? Da erfährt Marc (Red Mitchell) vor kurzem, daß im Bauch seiner Freundin Holly (Diane Johnson) die Frucht seiner Lenden heranwächst, und bevor er sich überhaupt entschieden hat, ob er Vater sein will oder nicht, liegt Holly hingemeuchelt und geöffnet in der Dusche, sans bébé. Da kann einem schon mal ein fassungsloses "Where is the goddamned baby?" rausrutschen. Wenig später hat die in dieser Gegend ihr Unwesen treibende böse Macht auch seine vier Freunde in den Zustand des Nicht-Lebens befördert, und Marc landet verletzt im Krankenhaus, nachdem er bei seiner überstürzten Flucht von einem Auto angefahren worden ist. Dort trifft er die Photographin Reggie (Tracey Huffman), die einzige Überlebende eines ähnlichen Massakers, und zusammen mit dem hartgesottenen Cop Leo (Charles L. Trotter) versuchen sie, dem unheimlichen Mörder auf die Spur zu kommen.

    Hut ab vor der Chuzpe von Drehbuchautor Freeman Williams und Regisseur Roger Evans. Die machten sich nämlich in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre auf, ohne allzu große Filmerfahrung, ohne professionelle Schauspieler und ohne ein brauchbares Budget in Texas ein ambitioniertes, visionäres, fast zweistündiges Horrorepos auf Zelluloid zu bannen. Herausgekommen ist dabei Forever Evil, ein Film für Genrefans, welche mit Gold nicht aufzuwiegende Tugenden wie Leidenschaft, Kreativität oder Herzblut den Vorzug gegenüber State-of-the-Art-Tricks, spektakulären Schauwerten oder überbezahlten Stars geben. So richtig originell ist Forever Evil zwar nicht, aber die Art und Weise, wie altbekannte Versatzstücke in den nahezu epischen Plot eingewoben wurden, macht schon Staunen. Zu Beginn (junge Leute in einem abgelegenen Häuschen vs. finstere unsichtbare Mächte) wähnt man sich noch in einem mäßigen The Evil Dead-Rip-Off, doch nach und nach verdichtet sich das durchaus komplexe Handlungsgerüst zu einem klassischen Gut-gegen-Böse-Gefecht mit Anleihen bei niemand Geringerem als Howard Phillips Lovecraft. Eine boshafte Gottheit namens Yog Kothag (wahrscheinlich ein Cousin zweiten Grades des furchtbaren Yog-Sothoth) lauert wartend im Dunkeln, und die nach einem bizarren Schema verübten Morde sollen dem uralten Wesen den Weg zurück auf die Erde ebnen, wo es seine kosmische Schreckensherrschaft zu errichten gedenkt. Ob unsere Helden wider Willen das wohl verhindern können?

    Das große Problem des Filmes ist die gemächliche, langatmige Erzählweise. Forever Evil beginnt mit einem recht stimmungsvollen Prolog, der als Appetizer für das folgende Geschehen gut funktioniert, aber anstatt irgendwann mal einen Gang höher zu schalten, dümpelt die Handlung die ganzen einhundertzehn Minuten mit dem anfangs eingeschlagenen Tempo dahin. Und doch, oh Wunder, wird das Ganze so sympathisch präsentiert, daß man gerne dranbleibt. Daß man nicht einmal daran denkt abzuschalten. Man spürt, daß den Machern Großes vorschwebte, daß es mit den vorhandenen Mitteln aber nicht gelungen ist, dieses Große auch entsprechend zu realisieren. Forever Evil ist weder groß noch ist er gut, aber er berührt auf eine sehr eigentümliche Weise. Man freundet sich mit dem gemächlichen Erzähltempo an, beginnt die Protagonisten zu mögen, wird langsam in die Geschichte hineingesogen und folgt mehr oder weniger gebannt den mysteriösen Geschehnissen. Und das, obwohl der Plot Löcher hat, viele Fragen offenbleiben und nette Ideen ins Leere laufen. Die sich unbeholfen entwickelnde Love-Story ist irgendwie rührend, ein gelungener Spannungsaufbau ist ebenso wenig existent wie ein dramaturgischer Fluß, die technische Seite des Filmes (Kamera, Schnitt, Musik) ist bestenfalls zufriedenstellend, und die spärlich gesäten Spezialeffekte (darunter eine krasse Alptraumszene mit Fötusbeteiligung) sind drollig und charmant. Nein, Forever Evil ist gewiß keine Perle. Er ist eher eine Glasmurmel, die davon träumt, eine Perle zu sein. Und genau dafür mag und bewundere ich ihn.

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    Manhattan Baby
    (Amulett des Bösen / L'occhio del male / Il malocchio / Possessed / Eye of the Evil Dead / Evil Eye)

    Italien 1982 - Directed by Lucio Fulci



    Bei Ausgrabungsarbeiten in Ägypten wird der Archäologe George Hacker (Christopher Connelly) in einer eben entdeckten Grabkammer von zwei grellen blauen Lichtstrahlen, die aus der Wand direkt in seine Augen schießen, geblendet. Fast zur selben Zeit bekommt seine kleine Tochter Susie (Brigitta Boccoli), welche den beruflichen Ägypten-Aufenthalt des Archäologen ebenso wie dessen Frau Emily (Laura Lenzi) als Urlaub genießt, von einer mysteriösen blinden Frau ein geheimnisvolles Amulett in die Hand gedrückt, mit den kryptischen Worten "tombs are for the dead". Zurück in New York teilt ein Arzt dem Professor mit, daß die Erblindung glücklicherweise nur temporärer Natur ist; Georges Sehkraft sollte also bald wieder zurückkehren. Doch noch bevor es soweit ist, ereignen sich in der Wohnung der Familie seltsame Dinge. Susie und ihr Bruder Tommy (Giovanni Frezza) verschwinden oftmals spurlos, tauchen aber wenig später ebenso plötzlich wieder auf. Der Boden eines Zimmers ist unerklärlicherweise mit Wüstensand bedeckt, und gefährliche Tiere wie Schlangen und Skorpione bedrohen die verdutzten Bewohner, darunter auch das Kindermädchen Jamie Lee (Cinzia de Ponti). Während sich die Ereignisse langsam aber dramatisch zuspitzen und schließlich sogar Menschenleben fordern, verschlechtert sich der Gesundheitszustand der kleinen Susie rapide.

    Nachdem Lucio Fulci (17.06.1927 – 13.03.1996) mit Zombi 2 (Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies, 1979) in mehrfacher Hinsicht einen Volltreffer gelandet hatte, konnte er sich in den folgenden Jahren über mangelnde Arbeit wahrlich nicht beklagen. Und nicht nur das! Fulci lief, unterstützt von einer talentierten Crew, mit der er trotz persönlicher Differenzen perfekt harmonierte, zu absoluter Höchstform auf und haute - beinahe - einen Kracher nach dem anderen heraus. Kaum dachte man, seine Karten lägen alle auf dem Tisch, zog er grinsend ein neues As aus dem Ärmel. Luca il contrabbandiere (Das Syndikat des Grauens, 1980). Paura nella città dei morti viventi (Ein Zombie hing am Glockenseil, 1980). Black Cat (The Black Cat, 1981). ...E tu vivrai nel terrore! L'aldilà (Über dem Jenseits aka Die Geisterstadt der Zombies, 1981). Quella villa accanto al cimitero (Das Haus an der Friedhofmauer, 1981). Lo squartatore di New York (Der New York Ripper, 1982). Alles Werke, die zahllosen Genrefans viel Freude bereiteten und - mehr als fünfunddreißig Jahre später - immer noch bereiten. Manhattan Baby (Amulett des Bösen, 1982) läutete, wenn man so will, die Wende ein; der richtige Sinkflug begann dann mit Conquest (1983). Manhattan Baby hat im Prinzip alles, was auch die Vorgänger haben, mit einer kleinen aber entscheidenden Ausnahme. Fulci verzichtet hier auf exzessiv ausgewalzte Splatter-Set-Pieces.

    Sieht man von einer recht heftigen Szene gegen Ende des Filmes ab, ist Manhattan Baby in Punkto Gewaltdarstellungen erstaunlich - um nicht zu sagen: erschreckend - zurückhaltend. Während in den kurz zuvor entstandenen Fulci-Klassikern Augen perforiert, Gedärme hochgewürgt und Leiber aufgeschlitzt wurden, muß man sich hier mit blutenden Wänden, schmerzhaften Schlangenbissen und blutigen Händen begnügen. Ansonsten gibt es jedoch keine sonderlich großen Unterschiede zu den populären Vorgängern, den ungewöhnlichen Plot natürlich außer Acht gelassen. Guglielmo Mancoris Cinemascope-Bildgestaltung ist exzellent (besonders hervorzuheben sind die Eröffnungsszene, die fabelhafte Sequenz mit Susie in der Gewitternacht, sowie die "Snakecam"), Vincenzo Tomassis Schnitt sitzt, Massimo Lentinis Produktionsdesign ist stimmig, Fabio Frizzis (zum Teil recycelter) Score rockt wie gewohnt, und auch an Maurizio Tranis (Zombi Holocaust) Spezialeffekten gibt es wenig auszusetzen. Die Produktion übernahm einmal mehr Fabrizio De Angelis (es sollte seine letzte Zusammenarbeit mit Fulci sein), und das Drehbuch stammte von Elisa Briganti und Dardano Sacchetti. Ihr Skript ist ziemlich wirr, ergibt wenig Sinn und scheint recht plump aus allerlei vielversprechenden Versatzstücken zusammengebastelt worden zu sein, welche sie bekannten Klassikern wie The Exorcist, The Awakening oder Poltergeist entlehnt haben.

    Aber das sollte an und für sich kein Problem darstellen, zeichnete sich doch bereits Fulcis "Zombie-Trilogie" mit einer ähnlich episodenhaften, der gemeinen Logik immer mal wieder ein Schnippchen schlagenden Struktur aus, und dort funktionierte es doch prächtig. Der Unterschied ist vielleicht, daß dieses Driften zwischen real und surreal anmutenden Momenten bei Manhattan Baby auf die Spitze getrieben wurde, ohne dafür auch nur irgendeine Erklärung anzubieten. Ja, ein uralter ägyptischer Dämon scheint hinter den Geschehnissen zu stecken. Aber wieso er so ziel- bzw. planlos vorgeht, steht in den Sternen. Die Stimmung ist bei weitem nicht so dicht, unheimlich und bedrohlich wie bei den Vorgängern, aber sie ist immer noch angenehm diffus und ominös. Leider fällt es etwas schwer, sich mit der Familie Hacker anzufreunden. Ihr seltsam distanziertes Verhalten untereinander - daß ihre Kinder hin und wieder verschwinden, scheint die Eltern z. B. überhaupt nicht zu beunruhigen - überträgt sich auf das Publikum, obwohl die Schauspieler ihre Sachen nicht schlecht erledigen. Giovanni Frezza überzeugt einmal mehr als nervtötende Plage, eine Rolle, die er bereits in Quella villa accanto al cimitero und in I Nuovi barbari perfekt zum Besten gab. Und "Miss Italien 1979" Cinzia de Ponti (Shark: Rosso nell'oceano) sorgt für ein klein wenig zusätzliches Eye Candy.

    Und doch kann Manhattan Baby als Gesamtkunstwerk nicht so überzeugen wie artverwandte Alptraumphantasmagorien à la ...E tu vivrai nel terrore! L'aldilà (von Dario Argentos Suspiria und Inferno ganz zu schweigen). Wie bereits erwähnt unterscheidet sich Manhattan Baby gegenüber seinen unmittelbaren Vorgängern nicht nur durch den fast völligen Verzicht auf graphische Gewaltdarstellungen, sondern auch durch die etwas anders geartete Grundstimmung. Die Atmosphäre verlagert sich weg von Horror in Richtung Fantasy, ist somit weniger düster und beängstigend. Die Bedrohung hat diesmal auch kein grauenerregendes "Gesicht"; kein Dr. Freudstein, keine verfaulenden Zombies weit und breit. Davon abgesehen variieren Fulci, Briganti und Sacchetti einige Ideen, die schon in Fulcis "Zombie-Trilogie" eingeflossen sind. Wie Kinder, die durch übernatürliche Ereignisse in Gefahr geraten (bzw. von denen selbst eine Gefahr ausgehen könnte), oder die Einflechtung von Tierhorror ins Szenario, hier in Form von Schlangen, Skorpionen und Vögeln. An den charakteristischen Zooms ins Gesicht der Protagonisten, mit zahlreichen extremen Close-Ups der Augenpartien, herrscht ebenfalls kein Mangel. Aber leider wirkt die Regie ein wenig lustlos, als wäre Fulci nicht ganz bei der Sache gewesen. Vielleicht war er in Gedanken schon bei seinem nächsten Projekt Conquest, von dem sich nicht nur Fulci viel erhoffte.

    Der langen Schreibe kurzer Sinn: Bei Manhattan Baby fehlt das mysteriöse, außerweltliche Flair, das einen so geschickt einlullt, es fehlt der suggestive Sog, der einen mit Haut und Haaren in den Film reinzieht. Und ja, es mangelt auch an der alptraumhaft-morbiden Stimmung sowie an den spektakulär-eindringlichen Schockmomenten, mit denen Lucio Fulci die Fans in seinen Spät-Siebziger- und Früh-Achtziger-Jahre-Werken so reichlich verwöhnt hatte. Das mag im ersten Moment für eine große Enttäuschung sorgen, vorwerfen sollte man das dem Film jedoch nicht, das wäre einfach nicht fair. Denn abgesehen davon liefert Manhattan Baby wie gewohnt ab und ist wohl der letzte Film des italienischen Horrormaestros auf qualitativem Top-Level.

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